Direkt zum Inhalt

Erziehung: Mutter verzweifelt, Fachleute bei Problemen ratlos

Gespeichert von Reichmann am/um 4 August, 2010 - 16:43

Brutale JugendAlleinerziehende Mutter verzweifelt: Weder Jugendamt noch Psychologen können helfen. Ein beispielgebender Fall, dass jahrelang gepredigte Erziehungsansätze der Pseude-Fachleute fehlgegangen sind. Viel zu lange wurde weggesehen, es gibt kaum Forschung, jetzt kommen ungeahnte Probleme auf die Familien zu.

Eine Mutter verzweifelt: Ihr Sohn prügelt, stiehlt, trinkt. Vielleicht nimmt er sogar Drogen – sie weiß es nicht genau. Neulich war er wieder einmal tagelang nicht zu Hause. Dabei ist er gerade einmal 13 Jahre alt. Die Mutter hat eine wahre Odyssee hinter sich, war bei Psychologen, Sozialpädagogen, Beratungsstellen, beim Jugendamt. „Dort sind wir Stammkunden“, sagt sie über das Amt in Schweinfurt. Doch alle Mühen sind bislang ohne Wirkung geblieben. Immer wieder beklagen sich andere Eltern bei ihr, dass ihr Sohn ihre Kinder verprügelt hat. „Ich bin fertig“, sagt sie.

Wie oft er sie schon bestohlen hat, hat sie nicht gezählt. Ihr Schlafzimmer und das Wohnzimmer sind stets abgeschlossen, weil der Kleine sie sonst beklaut. „Er vertickt alles, was nicht niet- und nagelfest ist“, sagt die Alleinerziehende, „ich stehe permanent unter Stress.“ Vor kurzem hat sie ihm den Hausschlüssel abgenommen. „Er kann kommen, wenn ich zu Hause bin, ansonsten muss er draußen bleiben.“

In der vergangenen Woche ist der 13-Jährige draußen geblieben. Wieder einmal hat er sich tagelang nicht blicken lassen. Übernachtet hat er diesmal offensichtlich bei seiner Großmutter. Doch auch die meldete sich verärgert bei der Mutter mit der Ansage, der Bub brauche sich bei ihr nicht mehr blicken zu lassen. „Wahrscheinlich hat er auch sie bestohlen“, vermutet die 43-Jährige.

Schon im Kindergarten auffällig

Schon mit drei Jahren hat er im Kindergarten andere Kinder verhauen. Entschuldigt hat er sich nie. „Er hat nie eingesehen, dass er etwas falsch gemacht hat“, erzählt die Mutter. Hat sie nicht konsequent genug auf die Eskapaden ihres Sohnes reagiert? „Das ist nicht der Punkt“, sagt sie. Sie habe nie etwas durchgehen lassen, habe Computer- und Fernsehverbot erteilt. Er hat die Strafen beachtet, genutzt haben sie aber nichts. Der Junge prügelte weiter, stahl, fälschte Unterschriften. Es folgten Anzeigen wegen Körperverletzung und Diebstahl. Doch das Problem ist, dass er nicht bestraft werden kann. Er ist mit 13 noch strafunmündig, sagt Michael Zimmer, Pressesprecher der Polizei. Aber auch bei unter 14-Jährigen sei man nicht untätig, betont er. Gemeinsam mit anderen Behörden unternehme die Polizei „alle Anstrengungen, um den Jugendlichen und seine Eltern auf dem Weg in ein straffreies Leben zu unterstützen“.

Die Mutter hat vieles versucht, saß mit ihrem Sorgenkind schon beim Psychologen, als es noch im Grundschulalter war. Kürzlich erst war er erneut bei einer Psychologin. „Er ist ein hervorragender Schauspieler“, sagt die Mutter. Er habe „ein paar Tränchen rausgedrückt“ und der Psychologin versprochen, was sie hören wollte. „Vor der Tür meinte er dann nur, ,die kann mich mal'.“

Er bekam Ritalin, weil ADHS diagnostiziert wurde. Dadurch habe sich die Situation etwas gebessert, sagt die Mutter. Mittlerweile hat ihr Sohn das Medikament aber wieder abgesetzt. „Er nimmt es einfach nicht mehr“ – und alles ist wieder beim Alten. Auch Besuche bei Schulpsychologen, Sozialpädagogen, in Tagesstätten und Beratungsstellen hätten an der Situation nichts geändert. Der Junge hält sich weiter an keine Regel und macht selbst vor seiner Mutter nicht Halt. „Er hat mich schon mit dem Messer bedroht“, sagt die gelernte Krankenschwester. Außerdem habe er einmal versucht, in seinem Zimmer die Matratze anzuzünden.

Angst vor dem völligen Absturz

„Ich brauche Hilfe für mein Kind“, sagt die verzweifelte Mutter. Sie hat Angst, dass ihr Sohn komplett abrutscht. Warten, bis er mit 14 strafmündig ist und durch Jugendarrest möglicherweise zur Vernunft kommt, will sie nicht. Beim Jugendamt, sagt sie, habe man ihr allerdings genau dazu geraten.

Ein Betreuungshelfer könnte vielleicht helfen, sagt die 43-Jährige. Jemand, der über den Sport einen Zugang zu dem Jungen findet, denn der ist sehr sportlich. Doch das Jugendamt will nur einen Betreuungshelfer genehmigen mit der Zustimmung des Sohnes – und die hat er natürlich nicht gegeben.

Über konkrete Fälle darf er keine Auskunft geben, sagt Jugendreferent Jürgen Mainka, in dessen Verantwortung das Jugendamt fällt. Er könne nur allgemein über Hilfsangebote für Jugendliche und Eltern sprechen, angefangen bei der Erziehungsberatungsstelle über die sozialpädagogische Familienhilfe bis zur Unterbringung in einem Heim. Derzeit sei für 43 Jugendliche in Schweinfurt eine solche Unterbringung angeordnet. Dies sei allerdings das „letzte Mittel“, das erst in Frage komme, wenn alle anderen Erziehungsmaßnahmen gescheitert sind. Rauchen, trinken oder kleinere Diebstahlsdelikte jedenfalls rechtfertigten die Heimunterbringung nicht.

So wird die Mutter weiter warten müssen – bis ihr Sohn 14 ist, er auf wundersame Weise von sich aus zur Vernunft kommt oder das Jugendamt doch noch eingreift. Im Herbst wird er 14. Was er dann anstellt, beschäftigt umgehend den Jugendrichter – und kann schnell auch zum mehrwöchigen Arrest in einer Justizvollzugsanstalt führen.

Ankündigung

Zur Mahnung

Zweifle nie daran,
dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen
die Welt verändern kann.
Tatsächlich sind das die einzigen,
die das je getan haben.

Margaret Mead

Termine

M D M D F S S
 
 
1
 
2
 
3
 
4
 
5
 
6
 
7
 
8
 
9
 
10
 
11
 
12
 
13
 
14
 
15
 
16
 
17
 
18
 
19
 
20
 
21
 
22
 
23
 
24
 
25
 
26
 
27
 
28
 
29