FÜR KIRCHE UND STAAT: Schläge im Namen des Herrn
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Noch heute gibt es in der Bundesrepublik Deutschland
offiziell 13 geschlossene Heime für Jungen und Mädchen. Gesamt umfasst die Zahl von geschlossenen Heimplätzen 188, davon sitzen rund 77 Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren ein. Die katholische Kirche kam bereits durch ihre Erziehungsheime in den 60er und 70er Jahren nicht aus den Schlagzeilen. Noch heute betreibt die katholische Kirche (Caritas) auch in Österreich Erziehungsheime. Spiegel Journalist Peter Wensierski hat mit seinem Buch einen Tabubruch gewagt. |
Sie erteilen Schläge statt Segen: Die „Unbarmherzigen Schwestern“. Vor drei Jahren kam ein Film in die Kinos, der von Drill und Misshandlung in einem katholischen Mädchenheim erzählt. Er spielt im Irland der 60er Jahre.
Eine Tragödie vom äußersten Rande Europas? Ganz weit weg? Nein. Für einige war es ein quälender Blick – in die eigene Kindheit. In Deutschland.
Regina Eppert, ehemaliges Heimkind: "Das ist jetzt ein Spielfilm, aber der ist so wirklichkeitsnah gewesen."
Elke Meister, ehemaliges Heimkind: "Ich kann die Sachen, die gezeigt wurden, voll bestätigen, ich kann sogar sagen, dass es noch harmlos war."
Harmlos? Ein abgeschottetes Heim, in dem pure Willkür und Gewalt herrscht? Alles unter Aufsicht von Kirche und Staat? Unvorstellbar! Der Spiegel-Redakteur Peter Wensierski fängt an zu recherchieren. Eine Reaktion auf den Film. Er sucht und findet ehemalige Heimkinder, spricht mit ihnen. Was er für sein Buch „Schläge im Namen des Herrn“ zusammenträgt, erschreckt ihn selbst:
Peter Wensierski: "Demütigungen, Misshandlungen, Missbrauch, dass Menschen ihrer Lebenschancen beraubt werden, da dachten viele: Das hat es nur in der DDR gegeben. Das hat es hier bei uns in Westdeutschland gegeben in 3000 Kinderheimen. In ganz vielen hatten die Kinder keine Menschenrechte, wurden Menschenrechtsverletzungen begangen. Die Kinder wurden zum Teil folterähnlich gequält über Jahre, waren sadistischen Erziehern ausgeliefert. Und dass das übersehen wurde, das habe ich auch bei der Recherche lange Zeit nicht begreifen wollen."
Schwer zu begreifen ist auch das Ausmaß des Leidens. Mehr als eine halbe Millionen Kinder und Jugendliche, recherchiert Wensierski, kamen nach dem Krieg ins Heim. Viele waren keine Waisen, sondern Verlierer in einer Gesellschaft, in der Kinder kaum Rechte hatten. So wie die Schwestern Regina und Elke. Die Kinder einer Flüchtlingsfamilie kommen als Teenager ins Dortmunder Vinzenzheim. Warum? Das wird ihnen nie gesagt. Sie vermuten, dass Nachbarn sie beim Jugendamt angeschwärzt haben. In den prüden 50er Jahren geraten junge Frauen schnell in Verdacht:
Elke Meister: "Menschen, die das nicht miterlebt haben, können sich das vielleicht gar nicht vorstellen, dass man wegen nichts, einfach weil man ein ganz normales junges Mädchen war, das sich gerne feingemacht hat damals, Petticoat angezogen oder Nietenhosen, oder mal mit einem Jungen mit dem Motorrad mitgefahren, Kreidler damals, solche Mopeds, dass aus diesem Grund in den Augen der Behörden die Gefahr bestand, dass man verwahrlost."
In den Heimen sollen die Mädchen auf Linie gebracht werden. Auch hier im ehemaligen Mädchenheim Fuldatal in Guxhagen bei Kassel. Sie werden eingesperrt wie im Gefängnis, ständig überwacht. Durch Arbeit von morgens bis abends soll der eigene Wille gebrochen werden. Die Kinder leiden unter den Misshandlungen von Nonnen und Erziehern.
Regina Eppert: "Die Beschimpfungen waren immer: Du bist nichts wert, du taugst nichts! Und: Ihr werdet schon sehen, wo ihr wieder landet: In der Gosse!"
Tägliche Demütigungen, Reden ist verboten, Weinen ist verboten. Und es gibt ein ganzes Arsenal an Strafen. Die „Besinnungszelle“ etwa. Wegen Nichtigkeiten sperren die Nonnen die Kinder dort ein. Wer etwa bei der Arbeit lacht, muss dort tagelang bleiben. In kompletter Isolation.
Elke Meister: "Sie können den ganzen Tag nichts tun als das Einmaleins aufsagen, als irgendwelche Lieder singen – nichts anderes. Sie haben nichts zu lesen, gar nichts! Und das macht Sie bald wahnsinnig. Das macht Sie klein, das macht Sie ganz winzig klein."
Schon in den 60er Jahren hatte eine Journalistin die erschütternden Zustände aufgedeckt: Ulrike Meinhof. Für den Hessischen Rundfunk berichtet die spätere Terroristin über das Mädchenheim Fuldatal. Der Bericht von Ulrike Meinhof bricht ein Tabu. Zum ersten Mal wird über die Welt hinter den Mauern gesprochen. Eine Gruppe um die späteren RAF-Anführer Gudrun Ensslin und Andreas Baader geht noch weiter: Von Frankfurt aus reisen sie zu den Heimen, verhelfen Teenagern zur Flucht, konfrontieren die Verantwortlichen. Die uneingeschränkte Willkürherrschaft ist damit in den meisten Heimen beendet. Doch das, was damals hinter den Mauern passiert ist, wird dennoch weiter totgeschwiegen. Über 30 Jahre lang. Auch viele Opfer beginnen jetzt erst zu sprechen.
Elke Meister: "Wir haben ständig mit Angst gelebt. Und ich kann ihnen was verraten: Ich träume heute noch, dass die Schwester Vinzentine kommt und sagt: du musst das und das machen. Und ich sperr dich ein, wenn das nicht so läuft. Das ist so tief drin."
Ein düsteres Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Für die Opfer wird es nie vorbei sein.
Bericht: Birte Marquardt
Informationen zum Buch:
Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn
ISBN: 342105892X
EUR 19,90
Dva
Februar 2006
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