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Heim-Missbrauch: Zeugen wurden jahrelang ignoriert

Gespeichert von Reichmann am/um 15 Juni, 2010 - 20:35

August Aichhorn Haus Hitzing
Behörden nahmen Anzeigen nicht ernst.
Jugendamt Wien arbeitete mit Aichhorn-Haus nach Sex-Prozess weiter.
Opposition fordert Aufklärung und Kontrolle aller Heime.

Wien. Die nun anlaufenden Untersuchungen rund um das August Aichhorn Haus (AAH) hätten schon viel früher erfolgen können: Jener Ex-Lehrer, der den Fall bereits vor acht Jahren ins Rollen brachte, lieferte den Behörden laufend Informationen und Anzeigen zum Fall – aber nichts geschah. Erst als die "Wiener Zeitung" Mitte März die Polizei mit neuerlichen Aussagen ehemaliger Heim-Zöglinge konfrontierte, wurden diese neuerlich einvernommen. Einen tatsächlichen Ermittlungsauftrag durch die Staatsanwaltschaft hat das Landeskriminalamt (LKA) laut Staatsanwalts-Sprecher Thomas Vecsey aber erst seit Ende April. Zeit genug für potenzielle Täter, ihre Spuren zu verwischen.

Die Vorwürfe gegen das AAH betreffen nicht nur den bereits vor acht Jahren "mangels Beweisen" eingestellten Strafprozess gegen einen Hietzinger Reinigungsunternehmer, der im Verdacht steht, einen professionellen Kindersex-Lieferdienst mit Heimzöglingen aufgebaut zu haben. Jene Opfer, die heute über ihre Qualen offen sprechen können, versichern unisono, dass Heimleiter Rudolf S. und ein Teil der Erzieher von den Übergriffen gewusst und teils auch aktiv teilgenommen hätten. Möglicherweise gab es auch finanzielle Motive dafür.

Politisch gehen mittlerweile die Wellen hoch: Die Wiener ÖVP bereitet eine Anfrage im Gemeinderat vor, in der es vor allem um die Frage geht, warum die Stadt Wien den Vertrag mit dem AAH auflöste und auf Basis welcher Rechtsgrundlage sie weiter Kinder dorthin schickt. "Verträge werden aufgelöst, weil irgendetwas nicht stimmt – und das ist normalerweise auch das Ende der Kooperation und speziell in einer so sensiblen Materie kein Grund, weiter mit einem solchen Verein zu kooperieren", argumentiert Landtagsabgeordnete Ingrid Korosec.

Intransparente Finanzen

Wie die "Wiener Zeitung" recherchierte, wurde der Fördervertrag zwischen Mag Elf (Jugendamt) und AAH nicht nach dem spektakulären Missbrauchsprozess 2001/02 (bei dem der als Einziger angeklagte Reinigungsunternehmer freigesprochen wurde), sondern erst 2005 aufgelöst. Laut Jugendstadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) sei man damals auf "Unregelmäßigkeiten der Finanzgebarung" und "intransparente Mittelverwendung" gestoßen.

Seitens der FPÖ fordert man eine lückenlose Kontrolle aller Wiener Jugendheime. Generalsekretär Herbert Kickl kritisiert, dass "ein Lehrer, der das damals aufgezeigt hat, entlassen wurde und die Verantwortlichen, so lange es möglich war, jegliche Aufklärung vertuscht haben".

Aufklärungsbedürftig sei nicht zuletzt die "wochen- und monatelange Schulfreistellung der angeblich missbrauchten Kinder. Warum wurde kein gesetzlich vorgeschriebener Leistungsnachweis über den häuslichen Unterricht erbracht?"

Auch die "Wiener Zeitung" stellte diese Fragen bereits an den Wiener Stadtschulrat und geriet – so wie seinerzeit der ehemalige Stadtschulratspräsident Kurt Scholz – an eine "Mauer des Schweigens". Der damals wie heute zuständige Bezirksschulinspektor Richard Felsleitner meint dazu nur: "Die Erlaubnis zum Fernbleiben vom Unterricht für erlebnispädagogische Projekte wurde aus sozialpädagogischen Gründen jeweils auf Ansuchen seitens der pädagogischen Leitung des August-Aichhorn-Hauses erteilt. Meist handelte es sich dabei meines Wissens um Projekte im Bereich der Outdoor-Pädagogik". Details könne er aber "aus Gründen des Datenschutzes nicht weitergeben".

Die Forderung der FPÖ nach eine Untersuchungskommission scheint Oxonitsch umsetzen zu wollen: Er kündigte am Donnerstag die Installierung einer solchen Kommission an, nachdem beim von der Stadt Wien kürzlich eingerichteten Opfer-Notruf (01/707-7000 begin_of_the_skype_highlighting              01/707-7000      end_of_the_skype_highlighting) bereits 20 Hinweise auf gewalttätige und sexuelle Übergriffe in diversen Wiener Kinderheimen eingegangen sind.

www.wienerzeitung.at | Werner Grotte

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