Der Schrei nach der Mutter

Gespeichert von reichmann am Mi, 25.08.2010 - 22:19:32

Eine Provokation, ein literarisches Ereignis: Peter Wawerzineks Roman »Rabenliebe«.

Der Bachmannpreisträger Peter Wawerzinek:

Es versteht sich nicht von selbst, dass Mütter ihre Kinder lieben. Unter Tieren ist die Brutpflege eine Regel, die Ausnahmen kennt. Bei Primaten wurde der Infantizid beobachtet, die Tötung des Nachwuchses. Manche Naturvölker lassen Gebärende von kundigen Frauen begleiten – nicht allein, um ihnen die Niederkunft zu erleichtern, sondern auch, um sie daran zu hindern, das Neugeborene umzubringen. Die Mutterliebe, Gegenstand zahlloser Mythen und heroischer Erzählungen, ist kein Naturgesetz, sondern ein zivilisatorischer Standard, der verletzt werden kann. Die Nachricht von misshandelten, verhungerten, ermordeten Kindern ereilt uns in regelmäßigen Abständen. Wir neigen dazu, derlei als beklagenswerte Abweichung vom Normalfall zu betrachten. Doch selten ist die Perversion keineswegs.