Partnerschaft und Familie

Partnerschaft und Familie reichmann Mi., 26.05.2010 - 20:47

Hier werden Inhalte zu allen Fragen rund um die Familie, politische Einflüsse von Außen und medialer Panikmache erörtert.

Selbstverständlich berichten wir hier auch über positive Wege in eine "familiäre" Zukunft.

Genderforschung: Schlecht, schlechter, Geschlecht

Genderforschung: Schlecht, schlechter, Geschlecht reichmann So., 09.06.2013 - 12:51

GenderwahnDie Genderforschung behauptet, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau kulturell konstruiert sind. Wie weit die Umerziehung bereits fortgeschritten ist und welche Auswege es noch gibt.

Als ich mich auf diese Geschichte vorbereitete, lag ich an einem See in Brandenburg und wollte in aller Gemütlichkeit die Einführung in die Gender Studies von Franziska Schößler lesen. Zufällig war Herrentag, so heißt in Brandenburg der Vatertag. Außer mir waren ein Dutzend junger Männer da, Zwanzigjährige. Sie tranken Bier. Sie brüllten, ununterbrochen. Sie warfen sich gegenseitig ins Wasser. Sie ließen die Motoren ihrer Autos aufheulen. Das fanden sie toll. Ich klappte das Buch wieder zu. Warum sind junge Männer manchmal so? Warum sind junge Frauen meistens anders?

Die meisten Leute, die nicht im Universitätsbetrieb stecken, können sich unter den Wörtern "Gender", "Gender Mainstreaming" und "Gender Studies" nicht viel vorstellen. Letzteres ist wahrscheinlich der am schnellsten wachsende Wissenschaftszweig in Deutschland. 2011 gab es 173 Genderprofessuren an deutschen Unis und Fachhochschulen, die fast ausschließlich mit Frauen besetzt werden. Die Förderung dieses Faches gehört zu den erklärten bildungspolitischen Zielen der Bundesregierung, SPD und Grüne sind auch dafür. Die Slawisten zum Beispiel, mit etwa 100 Professoren, sind von den Genderstudies bereits locker überholt worden. Die Paläontologie, die für die Klimaforschung und die Erdölindustrie recht nützlich ist, hat seit 1997 bei uns 21 Lehrstühle verloren. In der gleichen Zeit wurden 30 neue Genderprofessuren eingerichtet.

"Gender Mainstreaming" bedeutet, dass alle Geschlechter in sämtlichen Bereichen gleichgestellt werden, Männer, Frauen, auch Gruppen wie Homosexuelle oder Intersexuelle. Das ist ein gutes und richtiges Ziel. Manchmal wird über dieses Ziel allerdings hinausgeschossen: Bei dem Versuch, Gender Mainstreaming im Nationalpark Eifel durchzusetzen, gelangten Genderforscherinnen zu der Forderung, Fotos von der Hirschbrunft müssten aus der Werbebroschüre des Naturparks entfernt werden. Die Bilder der Hirsche würden stereotype Geschlechterrollen fördern. Das führte zu Erheiterung in der Presse und war natürlich Wasser auf die Mühlen der Sexisten. Die Naturschützer fanden es auch nicht gut.

Das Wort "Gender" könnte man vielleicht mit "soziales Geschlecht" übersetzen. Das biologische Geschlecht heißt "Sex". Genderforscher glauben, dass "Männer" und "Frauen" nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag. Klar, einige Leute haben einen Penis, andere spazieren mit einer Vagina durchs Leben. Das lässt sich wohl nicht wegdiskutieren. Aber abgesehen davon sind wir gleich, besser gesagt, wir könnten gleich sein, wenn die Gesellschaft uns ließe. Bei Franziska Schößler, deren Buch 2008 erschienen ist, liest sich das so: "Es sind vor allem kulturelle Akte, die einen Mann zum Mann machen."

Das ist eine mutige These. Spielen nicht auch das Hormon Testosteron und die Evolution bei der Mannwerdung eine ziemlich große Rolle? Man hört so etwas oft, wenn man mit Wissenschaftlern redet, die keine Genderforscher sind. In den folgenden Tagen habe ich dann noch zwei weitere Einführungen in die Genderforschung gelesen. Irritierenderweise tauchte das Wort "Hormon" nur zwei- oder dreimal am Rande auf, das Wort "Evolution" überhaupt nicht. Mehr noch, sogar hinter die Existenz des Penis – in diesem Punkt bin ich mir bis dahin völlig sicher gewesen – muss im Licht der Genderforschung zumindest ein Fragezeichen gesetzt werden. "Anatomie ist ein soziales Konstrukt", sagt Judith Butler, eine der Ahnfrauen der Genderforschung. Es sei Willkür, wenn Menschen nach ihren Geschlechtsteilen sortiert werden, genauso gut könne man die Größe nehmen oder die Haarfarbe. Die seien genauso wichtig oder unwichtig.

Das Feindbild der meisten Genderforscherinnen sind die Naturwissenschaften. Da ähneln sie den Kreationisten, die Darwin für einen Agenten des Satans und die Bibel für ein historisches Nachschlagewerk halten. "Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen." – "Naturwissenschaften konstruieren Wissen, das den gesellschaftlichen Systemen zuarbeitet." – "Der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft ist ein verdeckter männlicher Habitus." – "Naturwissenschaft und Medizin haben eine ähnliche Funktion, wie die Theologie sie einst hatte". Von solchen Sätzen wimmelt es in den Einführungen. Irgendwie scheint Genderforschung eine Antiwissenschaft zu sein, eine Wissenschaft, die nichts herausfinden, sondern mit aller Kraft etwas widerlegen will. Aber wenn Wissenschaft immer interessengeleitet ist, was vermutlich stimmt, dann gilt dies wohl auch für die Genderforschung.

Ich fahre zu Hannelore Faulstich-Wieland, Genderforscherin, Pädagogin und Gleichstellungsbeauftragte an der Hamburger Uni. In einem Interview hat sie mal gesagt, dass es gesellschaftliche Gründe habe, wenn Männer im Marathonlauf schneller sind als Frauen. Sie ist sehr nett. Und sie hat zwei Söhne. Menschen mit Kindern tendieren meist zu der Ansicht, dass es natürliche Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt. Aber sie tickt nicht so. Eines ihrer Forschungsgebiete: "Männer und Grundschule".

In der Schule läuft es für die Mädchen meist besser als für die Jungen. Es gibt mehr männliche Schulabbrecher, mehr Sitzenbleiber, weniger Abiturienten. Entwicklungsstörungen aller Art, ADS, Asperger, das sind typische Probleme von Jungs. Seit Mädchen den gleichen Zugang zu Bildung haben, merkt man, wie schwach die Jungen sind, im Durchschnitt. Wegen ihrer besseren Noten dominieren inzwischen junge Frauen das Medizinstudium.

Viele meinen, dass es mehr männliche Lehrer an der Grundschule geben sollte, weil Männer ein Rollenmodell sein und mit der Aggressivität schwieriger Jungs besser umgehen könnten. Faulstich-Wieland hält Erzieher dagegen für gefährlich. Die Gefahr bestehe darin, dass "Jungen auf ein Stereotyp von Männlichkeit programmiert werden". Das gleiche Argument, das schon gegen die röhrenden Hirsche in der Eifel sprach! Außerdem enthalte der Ruf nach mehr Lehrern die Unterstellung, Lehrerinnen leisteten keine gute Arbeit. Dies sei eine Abwertung von Frauen.

Das aggressivere Verhalten der Jungs sei anerzogen. Folglich müsse es aberzogen werden. Jungs hätten eine negative Einstellung zum Lernen, was damit zusammenhänge, dass sie schon früh auf eine männliche Rolle festgelegt würden. Schon Babys würden ja verschieden behandelt, daher komme die Verschiedenheit von Mädchen und Jungs.

Ist das alles wirklich nur Ideologie?

Wer mit Genderforscherinnen ins Gespräch kommen will, darf sich nicht daran stören, dass das Wort "männlich" durchgängig negativ besetzt ist. Muss man die Jungs einfach dazu bringen, sich wie Mädchen zu verhalten – ist das die Lösung? Und kann es wirklich sein, dass viele Mütter ihren Söhnen schon als Babys beibringen, schwierige Raufbolde zu werden? Was ist denn mit den Müttern los? Als ich versuche, ein paar wissenschaftliche Studien über Jungs aus meinem Gedächtnis hervorzukramen, sagt Hannelore Faulstich-Wieland: "Naturwissenschaft ist eine Konstruktion."

Erst als wir uns schon getrennt haben, fällt mir ein, dass es ja eigentlich eine Abwertung der Männer darstellt, wenn es heißt, mehr Frauen sollten Professorinnen werden. Leisten Professoren keine gute Arbeit? Jedenfalls ist der Fachbereich Pädagogik fest in weiblicher Hand, im Studentencafé sitzen fast nur Frauen, alle in Gruppen, plaudernd. Die beiden einzigen Studenten hocken allein in der Ecke und befassen sich mit ihrem Laptop.

Wenn diese beiden Studenten Ingenieur oder Informatiker werden wollten, wäre die Lage umgekehrt. Sie hätten fast nur männliche Kommilitonen und beinahe ausschließlich männliche Professoren. Die Universitäten suchen händeringend Männer, die Grund- und Hauptschullehrer werden möchten. Gleichzeitig versuchen sie, mehr Frauen in die Naturwissenschaften zu locken. Bei den Ingenieuren sind in Deutschland nur 9 Prozent der Professoren weiblich, in den Geisteswissenschaften sind es 30.

Robert Plomin hat das Aufwachsen von 3000 zweieiigen Zwillingen beobachtet, Jungen und Mädchen, die in derselben Familie aufwuchsen. Im Alter von zwei Jahren war der Wortschatz der Mädchen bereits deutlich größer. Die Neurowissenschaftlerin Doreen Kimura hat einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel, Berufswahl und räumlichem Vorstellungsvermögen nachgewiesen – bei Männern und Frauen. Den höchsten Testosteronspiegel haben übrigens Schauspieler, Bauarbeiter und Langzeitarbeitslose, den niedrigsten haben Geistliche. Der Osloer Kinderpsychiater und Verhaltensforscher Trond Diseth hat neun Monate alten Babys in einem nur von Kameras überwachten Raum Spielzeug zur Auswahl angeboten, Jungs krochen auf Autos zu, Mädchen auf Puppen. Der Evolutionsbiologe Simon Baron-Cohen, ein Vetter des Filmemachers Sascha Baron-Cohen, hat die Reaktionen von Neugeborenen erforscht, da kann die Gesellschaft noch nichts angerichtet haben: Mädchen reagieren stärker auf Gesichter, Jungen auf mechanische Geräte. Richard Lippa hat 200.000 Menschen in 53 Ländern nach ihren Traumberufen gefragt, Männer nannten häufiger "Ingenieur", Frauen häufiger soziale Berufe. Die Ergebnisse waren in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, den USA und Saudi-Arabien erstaunlich ähnlich. Wenn es wirklich einen starken kulturellen Einfluss auf die Berufswahl gäbe, sagt Lippa, dann müssten die Ergebnisse je nach kulturellem Kontext schwanken.

Der Hirnforscher Turhan Canli, ein Amerikaner, hat festgestellt, dass Frauen emotionale Ereignisse meist in beiden Hirnhälften speichern, Männer nur in einer. An einen Ehestreit oder den ersten Kuss können sich Männer deshalb im Durchschnitt nicht so gut erinnern wie Frauen. Wenn auf Fotos Gesichter zu sehen sind, traurige oder fröhliche, dann entschlüsseln Männer die Emotionen der abgebildeten Personen im Durchschnitt schlechter. Mein Lieblingsexperiment hat Anne Campbell an der Universität Durham veranstaltet: Männer und Frauen wurden zu einem Test eingeladen. Dann teilte man ihnen mit, dass sie schmerzhafte Elektroschocks erdulden müssten. Es dauere noch ein paar Minuten. Die Frauen warteten gemeinsam, in Gruppen. Die Männer warteten lieber alleine.

Die Wissenschaft ist sich einig: Geschlechterunterschiede sind zum Teil sicher anerzogen. Vieles hängt aber auch mit der Evolution und mit den Hormonen zusammen. Ist das alles wirklich nur Ideologie? Gibt es eine Art Weltverschwörung, gegen die Genderforschung? Und wenn ja: Wo bleiben eigentlich die Gegenstudien? Genderprofessorinnen gibt es doch reichlich.

Im Grunde ist die Genderdebatte nur eine Variante der uralten Diskussion über das, was ein Individuum zu einem Individuum macht, die Umwelt oder das Erbe. Was ist genetisch determiniert, was ist von den Eltern anerzogen, was geht auf den Einfluss der Gesellschaft zurück?

An der Berliner Charité wird medizinische Genderforschung betrieben, zur Frage, warum Frauen und Männer für Krankheiten unterschiedlich anfällig sind. Im Regelfall aber ist diese Wissenschaft eher theoretischer Natur. Das hängt stark mit John Money zusammen, einem amerikanischen Sexualforscher, der die Gendertheorie in den fünfziger Jahren miterfunden hat. Um seine These zu beweisen – Geschlecht ist nur erlernt –, hat Money den zweijährigen Bruce Reimer 1966 von seinem männlichen Genital befreit und als Mädchen aufwachsen lassen. Der Penis des Kindes war bei der Beschneidung verletzt worden, deshalb ließen sich die Kastration und die Herstellung von Schamlippen wohl als eine Art "Therapie" darstellen. Eine Ethikkommission wurde offenbar nicht konsultiert. Alice Schwarzer hat dieses nicht sehr menschenfreundliche Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis gewürdigt, die "nicht manipulieren", sondern "aufklären". Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und erschoss sich. Seitdem muss die Theorie ohne Beweisversuche auskommen. Geschadet hat das ihrer Verbreitung nicht wirklich.

Uta Brandes ist Professorin für Gender und Design in Köln, seit 1995. Eine ihrer früheren Studentinnen heißt Gesche Joost und gehört jetzt zum "Kompetenzteam" des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. In den neunziger Jahren hat die SPD-Ministerin Anke Brunn jeder Hochschule in Nordrhein-Westfalen eine neue Professorenstelle versprochen, vorausgesetzt, es handelte sich um eine Genderprofessur. Das führte zu einem Boom.

Wir reden über Stehlampen. Uta Brandes hat einmal erklärt: "Alles, was aufrecht steht, ist eher männlich." Sie sagt, dass sie auch Kirchtürme zu phallisch findet, so ein Kirchturm penetriere das Dorf geradezu. Ich sage, dass man die Kirchenuhr im Dorf halt schlecht sehen kann, wenn man sie in einer Höhle unterbringt. Sie lacht. 1960 wurde ja auch die erste nicht phallische Stehlampe entworfen, die bogenförmige Arco von Castiglioni. Es geht also. Ein Kirchbogen statt eines Kirchturms, warum nicht.

Uta Brandes hat unter anderem das Verhalten an Fahrkartenautomaten erforscht, sie ist also keine Theoretikerin. Männer haben an Automaten weniger Angst vor Misserfolgen, Methode "Trial and Error". Frauen überlegen länger, bevor sie einen Knopf drücken. Die Ergebnisse lassen einen irgendwie an Peer Steinbrück und Angela Merkel denken. Brandes befasst sich auch damit, wie man ein alltagstaugliches Statussymbol für mächtige Frauen gestalten könnte. Eine große, höhlenartige Handtasche wäre eine Möglichkeit. Sie hat außerdem vorgeschlagen, dass die englischen Wörter teacher und professor, die für Männer und Frauen gelten, eine weibliche Form bekommen, teacheress und professoress. "Frauen müssen in der Sprache sichtbar sein", sagt sie. Aber die Engländer lassen sich in ihre Sprache natürlich ungern von einer deutschen Professorin hineinreden. In Deutschland könnte man es durchsetzen, denke ich. Die Inder haben ja auch ein eigenes Englisch. Zum Abschied sage ich: "Na, zur Fortpflanzung wird man die Männer und dieses ganze phallische Zeugs jedenfalls weiterhin brauchen." Uta Brandes lacht und sagt: "Wer weiß, wie lange noch."

Mit den Auswirkungen des Teufelszeugs Testosteron hat sich besonders intensiv die kanadische Psychologin Susan Pinker befasst, ihr Buch Das Geschlechter-Paradox wurde in viele Sprachen übersetzt. Testosteron macht Menschen risikofreudiger und kräftiger, Männer haben meistens mehr davon. Leider macht es auch kurzlebiger, weil es das Immunsystem schwächt. Postoperative Infektionen verlaufen bei 70 Prozent der Männer tödlich, aber nur bei 26 Prozent der Frauen, daran sind weder die Ärzte schuld noch die Gesellschaft. Warum haben relativ viele Jungs Probleme in der Schule? Oft hängt es – das verdammte Testosteron! – mit mangelnder Disziplin zusammen. Mädchen halten sich, im Durchschnitt, eher an die Regeln. Andererseits könnte man eine lange Liste von spektakulären Schulversagern zusammenstellen, die später sehr hübsche Karrieren zustande gebracht haben, darunter Charles Darwin. Ab einem gewissen Punkt der Biografie ist das Testosteron wieder nützlich, bei manchen zumindest.

In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter

Frauen und Männer haben im Durchschnitt den gleichen Intelligenzquotienten. Aber am oberen und am unteren Ende der Skala finden sich mehr Männer, sie sind extremer, oder, wie Pinker einen Kollegen zitiert: "Bei den Männern gibt es mehr Genies und mehr Idioten." Noch schöner hat es die Kulturhistorikerin Camille Paglia gesagt: "Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt." Extremes Verhalten und obsessive Fixierung auf eine bestimmte Sache – so was ist eher ein Männerding. Der Typ, der Amok läuft, um sich für eine Kränkung zu rächen: fast immer ein Mann. Der Mensch, der eine 90-Stunden-Woche nach der anderen herunterschrubbt, weil er Chef werden will, und am Ziel tot umfällt: wahrscheinlich ein Mann. Ein extremer Einzelgänger und Hypochonder, der Klavier spielt und sonst fast nichts tut: Glenn Gould. Ein Mensch, der in jeder freien Minute Wörterlisten auswendig lernt, nur weil er, völlig sinnlos, Scrabble-Weltmeister werden will: Joel Wapnick. Wer sich einen Sonderling oder einen Eigenbrötler mal genauer anschaut, entdeckt fast immer einen Penis.

Das Geschlechter-Paradox besteht darin, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale oder kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. Sie werden, ohne Druck, im Durchschnitt lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Statikerin, Ingenieurin, Schachprofi oder Patentanwältin. Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik-Nobelpreisträgerinnen. Wer aber glaubt, dass wir alle dem gleichen Normgeschlecht angehören und deshalb überall in der Gesellschaft ein Verhältnis von 50 zu 50 herrschen muss, der kann dies, laut Susan Pinker, nur mit staatlichen Zwangsmaßnahmen erreichen. Weder Hannelore Faulstich-Wieland noch Uta Brandes kannten ihre Kollegin Susan Pinker.

Ich bin dann, um von der Theorie in die Praxis zu wechseln, nach Braunschweig gefahren. Maybritt Hugo, Jahrgang 1960, arbeitet dort seit 1992 als städtische Gleichstellungsbeauftragte. Vorher hat sie Politik und Germanistik studiert und war Fraktionsgeschäftsführerin bei den Grünen. In Behörden und Kommunen gibt es inzwischen etwa 1900 Gleichstellungs- oder Frauenbeauftragte. Der Posten muss weiblich besetzt werden, dazu existiert ein Gerichtsurteil. Die Beauftragte ist nur dem Oberbürgermeister unterstellt, sonst niemandem, sie hat Zutritt zu fast allen Gremien, darf ohne Genehmigung der Betroffenen alle Personalakten einsehen, ohne Rücksprache die Presse kontaktieren, bei jeder Einstellung mitreden. Eine ihrer Aufgaben ist es, den Anteil der Frauen im Personal – vor allem im Führungspersonal – zu steigern und die sich selbst rekrutierenden Männerlobbys aufzubrechen.

Maybritt Hugo hat bei der Braunschweiger Feuerwehr etwas Wichtiges erreicht. Beim Eignungstest sind die Bewerberinnen fast immer durchgefallen. Das lag unter anderem an den Klimmzügen. Frauen fallen Klimmzüge schwerer als Männern. Außerdem wurde von allen Bewerbern eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung verlangt. Inzwischen dürfen Bewerber, um ihre Kraft unter Beweis zu stellen, einen schweren Kanister eine Treppe hochtragen, und die Feuerwehr akzeptiert auch eine Ausbildung im Gesundheitswesen. Seitdem steigt die Zahl der Feuerwehrfrauen.

Ich frage, wie eine Gleichstellungsbeauftragte mit Bereichen umgeht, in denen die Männer benachteiligt sind. Obdachlosigkeit zum Beispiel. 70 bis 80 Prozent der Obdachlosen sind Männer. Maybritt Hugo antwortet sehr freundlich, dass die Statistik ein falsches Bild ergebe. Frauen seien genauso von Obdachlosigkeit betroffen. Sie würden dann eben bei Freundinnen oder Verwandten unterschlüpfen. Obwohl sie es nicht ausspricht, es klingt schon ein bisschen so, als seien obdachlose Männer selber schuld. Warum sind Männer nicht einfach ein bisschen kommunikativer, sozialer – weiblicher eben? Dann frage ich, ob es schon einen Fall sexueller Belästigung eines Mannes durch eine Frau gegeben hat, in Braunschweig. Tatsächlich, so etwas gab es. Ein Mann hat sich beschwert. Er wurde nicht angegrapscht, aber, nach seiner Darstellung, von einer Chefin immer wieder verbal angemacht und auch herabgesetzt. Und, wie ging der Fall aus? Sie weiß es nicht genau. "Ich glaube, er hat seinen Job einfach weitergemacht." Das war bei Frauen früher auch üblich, heute wehren sich zum Glück viele und gehen zur Gleichstellungsbeauftragten.

Inzwischen habe auch ich, wie die Genderforschung, eine Theorie. Ich glaube, ich weiß, warum selbst bestens belegbare Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung von vielen Genderfrauen abgelehnt oder gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden. "Natur" war, jahrtausendelang, ein Totschlagargument der Männer. Frauen konnten angeblich dieses nicht und jenes nicht, sie galten als eitel, dumm, schwach, hysterisch, zänkisch, schwatzhaft und charakterlich fragwürdig. Das alles kam im Gewande der wissenschaftlichen Erkenntnis daher. So wie man auch für wissenschaftlich belegt hielt, dass man Mörder an ihren Augenbrauen und Vergewaltiger an ihren Ohrläppchen erkennen könne. Immer hingen die angeblichen Defizite der Frauen mit ihrer angeblichen Biologie zusammen, und meistens ging es dabei darum, die Macht der Männer ideologisch zu begründen. Wenn früher von Unterschieden zwischen Männern und Frauen die Rede war, dann lief es immer darauf hinaus, dass Frauen die Schlechteren sind und Männer die Besseren. Die Genderfrauen ziehen daraus den Schluss, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf. Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.

In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln? Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines "besser" als das andere. Wenn ein Mann und eine Frau zusammen in Urlaub fahren wollen, wird in 80 Prozent der Fälle sie noch schnell das Gespräch mit einem schwierigen Handwerker führen, während er den Kofferraum belädt. Das ist nicht sexistisch, das ist klug.

die Zeit

Gender Mainstreaming – größtes Umerziehungsprogramm der Menschheit

Gender Mainstreaming – größtes Umerziehungsprogramm der Menschheit reichmann Sa., 12.06.2010 - 18:25

Genderwahn»Irre! Sächsische Linke wollen ›echte Männer‹ abschaffen!« So übertitelte die »Bild-Zeitung« in dieser Woche einen Artikel, der scheinbar harmlos das widerspiegelte, was sich derzeit als die größte, alles umwälzende Umerziehungsmaßnahme des Menschen immer noch fast unbemerkt, jedoch zielgenau, auf der ganzen Welt verankert. Ginge es nach Linke- Fraktionschef André Hahn, erfuhr der erstaunte Leser in Bild, gebe es demnächst ein »Sächsisches Kompetenzzentrum für Gender Mainstreaming«.

Gender was? Sage niemand, er kenne Gender Mainstreaming nicht. Nicht einmal die Windows-Rechtschreibhilfe muckt auf, wenn der Name richtig, also mit Großbuchstaben am Anfang, in den PC getippt wird, denn Windows hat von Gender schon länger Kenntnis! Doch Gender ist kein Pappenstiel. Und nicht einmal fünf Prozent der Bundesbürger wissen in Wirklichkeit über den komplizierten Begriff Bescheid, vor allem jedoch über seine weitreichenden Folgen. Die Antwort, warum kaum jemand im Lande und auch außerhalb Deutschlands je etwas über dieses Welt verändernde Programm gehört hat, gibt der luxemburgische und EU-Allround-Politiker  Jean-Claude Juncker, er ließ bereits vor über zehn Jahren (1999) einer der vielen Katzen aus dem Sack. Wörtlich sagte Juncker:

»Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.«

Ist vielleicht den sächsischen Bild-Reportern entgangen, dass Gender Mainstreaming längst bittere Wirklichkeit in deutschen, europäischen, in zahlreichen weltweiten Amtsstuben und dass jede Aufregung darüber schon beinahe zwecklos geworden ist? Dass die Folgen der auf sämtlichen Ebenen der Bundesministerien fest verpflichtenden Programme überall bereits nachhaltig zu spüren sind und Stück für Stück, zielorientiert, umgesetzt werden?  Und dass in die Gleichstellungs- und Gender-Programme derzeit Milliarden an Steuergeldern fließen? Was steckt denn nun eigentlich hinter Gender Mainstreaming?

Um diese tatsächlich »irre« Idee in die gesellschaftlichen Strukturen auf nahezu der ganzen Welt zu etablieren, wurde jene Maßnahme im Jahre 1995 auf der UNO-Weltfrauenkonferenz in Peking als Folge eines weitreichenden Weltfeminismus beschlossen und durch den Amsterdamer Vertrag, der am 1. Mai 1999 in Kraft trat, rechtlich verankert. Grundlage und Forderung der Vereinten Nationen und der Europäischen Union: Die Gleichstellung der Geschlechter von Mann und Frau. Hintergrund: Durch Gender-Maßnahmen in allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen, die per Gesetz seit Jahren festgeschrieben worden sind, soll die zunehmende Einsicht eines jeden Bürgers auf der ganzen Welt nachhaltig manifestiert werden, dass es das klassische Geschlecht von Mann und Frau in Wirklichkeit gar nicht gibt und es auch noch nie gegeben hat. Deswegen müssen die scheinbar gar nicht existierenden Geschlechter jetzt abgeschafft werden! Alles ist gleich! Alles ist eins. Unique ist schick! Erstaunlich nur, dass dies noch niemandem in den vergangenen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte aufgefallen war.

Jeder Mensch ist also – nach der Gender-Definition der Europäischen Union und der Vereinten Nationen – bei seiner Geburt geschlechtsneutral, es gibt, wie bisher angenommen, DAS Mädchen oder DEN Jungen in Wirklichkeit gar nicht. Typische Männlichkeit und typische Weiblichkeit werden nach Gender Mainstreaming nur durch die Erziehung und das soziale Umfeld »künstlich« entwickelt, hauptsächlich von den Eltern, den Großeltern, Kindergarten,  Schule usw., dem sozialen Umfeld eben. Typische Männlichkeit und typische Weiblichkeit sind dementsprechend nun sexistisch! Hier einige Beispiele, wie Gender Mainstreaming derzeit umgesetzt wird:

Gender mann frau– Die EU berät ein Gesetz, nachdem in der Fernsehwerbung keine Frauen mehr am Herd und an der Waschmaschine gezeigt werden dürfen, der Grund: Dies ist für die Frauen diskriminierend und entwertend, Sexismus pur! Wer allerdings diese Rolle stattdessen künftig einnehmen könnte, ist auch schon beschlossen: der Mann. Denn er soll durch EU- Gesetzesänderungen und mediale Unterstützung vermehrt durch Hausarbeit und Familienmanagement aus dem Beruf ins Haus verbannt werden, während die Frau (die es ja eigentlich nicht gibt) der Erwerbstätigkeit in jedem Fall den Vorrang vor der Familie geben soll.

– Der deutsche Hausfrauenbund nannte sich vor Kurzem um, denn der Begriff Hausfrau ist in diesem Zusammenhang nach über 90 Jahren nicht mehr modern. Er heißt künftig »DHB – Netzwerk Haushalt, Berufsverband der Haushaltsführenden«. Grund hierfür sind die angeblich veränderten Familienstrukturen sowie die stärkere Einbindung von Vätern in Kindererziehung und Hausarbeit, heißt es. »Die drei Schlagworte Kinder, Kirche, Küche, welche mit unserem Verband seit Jahren in Verbindung gebracht wurden, sind für uns schon lange nicht mehr zeitgemäß«, betonte DHB-Präsidentin Angelika Grözinger.

– Die 2006 erschienene Neuübersetzung der Bibel in gerechter Sprache ist das erste deutschsprachige Projekt, das die in der Zweiten Frauenbewegung erhobene Forderung nach geschlechtergerechter Sprache konsequent umsetzt. In die Neuübersetzung gingen Forschungsergebnisse feministischer-theologischer Bibelwissenschaft und historischer Geschlechterforschung ein, heißt es beim Zentrum für gender studies und feministische Zukunftsforschung auf der Homepage der Phillips-Universität, Marburg.

– Beim Überfahren der Grenze Deutschland–Österreich, am Grenzübergang Kiefersfelden, lockt ein feministischer Gruß in großen Lettern in das Alpenland: »Grüß Göttin!«

Gender Mainstreaming ist inzwischen in allen Einrichtungen der öffentlichen Hand, in allen Bundes- und Landesministerien, in den Kommunen, Kirchen, Schulen, Universitäten, Behörden, öffentlich-rechtlichen Sendern, Unternehmen usw. verpflichtend zur rechtlichen Grundlage geworden.  Wer also noch von sich behaupten will, zum alten Schlage zu gehören und ein echter Mann zu sein, der muss sich heute den politisch korrekten Vorwurf gefallen lassen, er sei sexistisch! Damit Mann künftig nicht mehr behaupten kann, nur Mann zu sein, wurde Gender Mainstreaming entwickelt. Auch das typische Weibliche gibt es nicht mehr, Frau kann und soll (!) ebenso Fußball spielen, Flugzeugingenieur oder Bundeskanzler werden. Beispiele dafür gibt es inzwischen genügend.

Was über tausende Jahre geschlechtsspezifisch aufgeteilt war in typisch männliches und weibliches, ist passé. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die Bedeutung und die Wahrnehmung von Mann und Frau durch das feministische Gender-Programm nachhaltig verändert. Auf nahezu dem gesamten Globus wurden seit den vergangenen 15 bis 20 Jahren die Grundforderungen des Gender Mainstreaming, es wird auch als Gleichstellung der Geschlechter bezeichnet, in die Regierungsprogramme fest verbindlich eingeschrieben. Gleichstellung heißt in diesem Zusammenhang jedoch in erster Linie Gleichmacherei!

Die rechtlichen und politischen Voraussetzungen und Vorgaben des Amsterdamer Vertrages lauten nach der aktuellen Webseite des Bundesfamilienministeriums unter anderem folgendermaßen:

»Auf EU-Ebene wurde der Gender-Mainstreaming-Ansatz zum ersten Mal im Amsterdamer Vertrag, der am 1. Mai 1999 in Kraft trat, rechtlich verbindlich festgeschrieben. Art. 2 und Art. 3 Absatz 2 dieses EG-Vertrags verpflichten die Mitgliedstaaten zu einer aktiven Gleichstellungspolitik im Sinne des Gender Mainstreaming.«

Art. 2 des Amsterdamer Vertrages: »Aufgabe der Gemeinschaft ist es, durch die Errichtung eines Gemeinsamen Marktes und einer Wirtschafts- und Währungsunion sowie durch die Durchführung der in den Artikeln 3 und 4 genannten gemeinsamen Politiken und Maßnahmen in der ganzen Gemeinschaft (...) die Gleichstellung von Männern und Frauen (...) zu fördern.«

Art. 3 des Amsterdamer Vertrages: »Bei allen in diesem Artikel genannten Tätigkeiten wirkt die Gemeinschaft darauf hin, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern.«

Grundgesetz

Auch aus dem deutschen Verfassungsrecht ergibt sich eine Verpflichtung des Staates für eine aktive und wirkungsvolle Gleichstellungspolitik. Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz (GG) bestimmt nach der Änderung von 1994 nicht nur: »Männer und Frauen sind gleichberechtigt« (Art. 3 Abs. 2 S. 1 GG), sondern nimmt den Staat nunmehr ausdrücklich in die Pflicht,»die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern« zu fördern und »auf die Beseitigung bestehender Nachteile« hinzuwirken (Art. 3 Abs. 2 S. 2 GG).

Bundesgesetze

Daneben findet sich die Verpflichtung zur Umsetzung und Beachtung von Gleichstellung im Sinne des Gender Mainstreaming auch in Bundesgesetzen wie dem Sozialgesetzbuch VIII

– § 9 Nr. 3 SGB VIII – Kinder- und Jugendhilfe: Bei der Aufgabenerfüllung im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe müssen die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen berücksichtigt, Benachteiligungen abgebaut und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen gefördert werden – und dem Gleichstellungsdurchsetzungsgesetz für die Bundesverwaltung

– § 2 BGleiG: Alle Beschäftigten in der Bundesverwaltung, insbesondere Führungskräfte, müssen die Gleichstellung von Frauen und Männern fördern; diese Aufgabe ist durchgängiges Leitprinzip in allen Aufgabenbereichen.

Auch mit der Änderung des SGB III durch das sog. Job-AQTIV-Gesetz ist durch § 1 Abs. 1 S. 3 klargestellt, dass in der Arbeitsförderung die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Prinzip zu verfolgen ist. Hinzuwirken ist auf die Überwindung des geschlechtsspezifischen Ausbildungs- und Arbeitsmarktes, um die Chancen beider Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern (§ 8 Abs. 1).

Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien

Die Novellierung der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien durch Kabinettbeschluss vom 26. Juli 2000 ist ein weiterer Schritt zur Verankerung von Gender Mainstreaming. Der neue § 2 GGO stellt alle Ressorts der Bundesregierung vor die Aufgabe, den Gender-Mainstreaming-Ansatz bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung zu berücksichtigen.

Diese europarechtlichen und nationalen Regelungen bedeuten, dass Gleichstellungspolitik und Gender Mainstreaming rechtlich – und nicht nur politisch! – geboten sind. Das heißt, sie verlieren auch bei einem Wechsel an der Spitze von Verwaltung und Politik nicht ihre Gültigkeit.

Politische Vorgaben

Mit dem Kabinettbeschluss der Bundesregierung vom 23. Juni 1999 wurde eine wichtige politische Voraussetzung für die Einführung von Gender Mainstreaming geschaffen. In dem Beschluss erkennt das Bundeskabinett die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung an und bestimmt, diese Aufgabe mittels der Strategie des Gender Mainstreaming zu fördern.

Auch in verschiedenen Bundesländern wurden Kabinettbeschlüsse zur konsequenten Umsetzung von Gender Mainstreaming in Landespolitik und -verwaltung getroffen, so z.B. in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg.«

Soweit das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Wer sich jetzt noch wundert, aus welchen Gründen die Erwerbstätigkeit der Frau zum Hohelied der Moderne geworden ist, wer immer noch nicht verstanden hat, warum DDR-Kinderkrippen, die in den 1980er-Jahren von den Wessies kopfschüttelnd und mitleidig belächelt wurden, seit Anfang 2000 wie ein plötzlich entfachter Flächenbrand im ganzen Lande wüten und nun plötzlich die Sehnsuchtserfüllung der Karrierefrau 750-tausendfach darzustellen scheinen, der schaue sich den Beginn dieser Horrorentwicklung etwas genauer an.

Die ehemalige Feministin Simone de Beauvoir wird dieser ganze Prozess nämlich posthum freuen. So legte sie einst als eine der wichtigsten Vorzeige-Feministinnen Europas das Fundament für diese »irre« (Bild) Idee und formulierte 1951 in ihrem feministischen Werk Das andere Geschlecht die Sache gendermäßig doch schon auf den Punkt: »Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht!« Die deutsche Feministin Alice Schwarzer klemmte sich in den 1970er-Jahren begeistert in den öffentlichen Windschatten der Beauvoir-Ikone, kupferte etliches aus dem »anderen Geschlecht« in ihr eigenes Manifest Der kleine Unterschied und seine großen Folgen hinüber und trat mit dieser Idee von der Gleichheit von Mann und Frau ebenso in die deutschsprachige Öffentlichkeit, um auch hier schon mal klarzumachen, wo der Hammer hängt – oder eben auch nicht!

Männer und Frauen sind gleich, und wenn sie es immer noch nicht sind, müssen sie weiterhin so lange gleich gemacht werden, bis es auch der letzte Depp verstanden hat. Dies war das Fundament, auf dem auch die sich in den 68ern formierende Frauenbewegung, der heutige Feminismus, mit all seinen Facetten, baute. Denn die neu verkündete Gleichheit wischte alle Thesen von der Tafel, die Psychologen und Analytiker in der Tradition Sigmund Freuds über die Natur des Weiblichen aufgestellt hatten – über diese hatte sich Alice Schwarzer dann auch noch nachträglich in ihrem o.g. Buch beklagt: »Anstatt die Instrumente, die ihnen zur Verfügung stehen, zu nutzen, um aufzuzeigen, wie Menschen zu Männern und Frauen deformiert werden, machten sie sich zu Handlangern des Patriarchats. Sie wurden der Männergesellschaft liebster Einpeitscher beim Drill zur Weiblichkeit.«

Die grausige Ideologie der Gleichheit von Mann und Frau nahm in den 1960er-, 1970er-Jahren ihren ersten, erschütternden Höhepunkt. Zwar gab es noch nicht das rechtlich verankerte Gender Mainstreaming, weltweite Einigkeit der Feministinnen bestand jedoch allemal. Nun fehlte nur noch ein wissenschaftlicher Beweis, der die Austauschbarkeit männlicher und weiblicher Verhaltensmuster belegte. In diesem aufgeheizten Klima wurde ein bestürzendes, ein tragisches Experiment mit einem Menschen bekannt, das auf Betreiben eines gewissenlosen Arztes stattfand, der jedoch gleichzeitig der erste Anhänger und Forscher über Geschlechteridentitäten und Geschlechterrollen war. Der US-Professor für medizinische Psychologie, John Money, vom John-Hopkins-Hospital in Baltimore, war ein Pionier der gender studies, er war einer der ersten Ärzte, die wissenschaftlich zu beweisen versuchten, dass Geschlecht nur erlernt sei. Da kam ihm eine geeignete Gelegenheit zuhilfe:

Ein kanadisches Zwillingspaar, zwei Jungen namens Bruce und Brian Reimers, wurden 1966  geboren, zwei Jungen. Als die Babys gut sieben Monate alte waren, geschah während einer Beschneidungsoperation das Unglück: Der Penis von Bruce wurde von einem Laser so stark verletzt, dass er irreparabel war. Man kann sich die Verzweiflung der Eltern vorstellen.

Sie schrieben damals dem anerkannten Psychologen und Sexualforscher John Money, der sofort Kontakt aufnahm. Money war ein glühender Anhänger eben jener Theorie, nach welcher allein die Erziehung in den frühen Lebensjahren für die Ausprägung einer sexuellen und geschlechtsspezifischen Identität eine Rolle spielt, dem heutigen  Gender Mainstreaming. Deshalb riet er den Eltern zu einer Geschlechtsumwandlung. Und so wurde aus dem kleinen Bruce kurzerhand Brenda. Das Kind wurde kastriert, mit weiblichen Hormonen behandelt, in Kleider gesteckt und als Mädchen erzogen. Es sollte niemand erfahren, dass es eigentlich gar kein Mädchen war.

GenderwahnDie deutsche Feministin Alice Schwarzer übrigens feierte diese Geschlechtsumwandlung als Beweis ihrer These, dass die Gebärfähigkeit die einzige spezifisch weibliche Eigenschaft sei. »Alles andere«, triumphierte sie, »ist künstlich aufgesetzt, ist eine Frage der geformten seelischen Identität.«

Bruce/Brenda kam in die Pubertät, wurde mit immer stärkeren Hormongaben gefüttert und hatte deshalb bereits einen Busen. Doch als die Ärzte ihm auch noch eine Kunstscheide einsetzen wollten, wehrte er sich. Mit zunehmendem Alter und erwachendem Bewusstsein hatte er gespürt, dass etwas nicht stimmte. Er riss sich seine Röcke vom Leibe, urinierte im Stehen und prügelte sich mit Jungen. Zunehmend lehnte er seinen Körper ab, ohne zu wissen, warum. Ständig war er in psychiatrischer Behandlung.

Die Familie war verunsichert, doch sie wollte alles richtig machen und vertraute dem Professor. So wurden die Eltern auf verheerende Weise fehlgeleitet und sagten dem verstörten Jungen nicht die Wahrheit. Aber weder zahlreiche Hormonbehandlungen noch Kleider machten aus Bruce ein Mädchen. Brenda wurde von Money übrigens in dieser Zeit als »normales, glückliches Mädchen« beschrieben. Brenda selbst sowie die Familie und Freunde jedoch beschrieben sie als ein zutiefst unglückliches Kind mit großen sozialen Problemen.

Die Schwierigkeiten wurden immer heftiger. Schließlich wusste man sich nicht anders zu helfen und eröffnete dem verzweifelten Jungen, was geschehen war. Zu diesem Zeitpunkt war er 14 Jahre alt. Der Schock saß tief! Als erstes zündete Bruce seinen Kleiderschrank an. Fortan lebte er als Junge und nannte sich David.

Der Horror war damit nicht zu Ende. In qualvollen Operationen ließ David die Brüste entfernen und bestand auf einem Kunstpenis, um wieder »ein ganzer Mann zu sein«. Doch das Experiment hatte ihn tief traumatisiert. Zusammen mit dem Autor John Colapinto dokumentierte er seinen tragischen Fall in dem aufsehenerregenden Buch Der Junge, der als Mädchen aufwuchs.

Die Theorie, Geschlechterrollen seien lediglich erlernt, eine Behauptung, die weltweit von der Frauenbewegung begeistert aufgenommen worden war, hatte sich durch dieses Beispiel zwar als haltlos erwiesen, doch wen interessierte das schon? Wer ahnte, welcher Plan hinter dieser tragischen Geschichte steckte?

Mit 23 Jahren heiratete David übrigens eine Frau, mit 38 Jahren erschoss er sich. Die erlittenen seelischen und körperlichen Qualen hatten ihn zerstört. Er sei jahrelang psychisch terrorisiert worden wie bei einer Gehirnwäsche, lautete eine seiner Aussagen. Auch für seinen Zwillingsbruder Brian endete der eitle Ehrgeiz der Mediziner und Psychologen in einer Katastrophe: Schon zwei Jahre vor seinem Bruder wählte er den Freitod, weil er Davids Leben nicht mehr ertrug. Dr. John Money und weitere Anhänger seiner Theorien wie Alice Schwarzer lehnten auch angesichts des Selbstmordes von Bruce Reimer eine Korrektur ihrer Überlegungen weiterhin ab. Schwarzer nimmt – im Gegenteil – noch einmal Stellung in ihrem 2008 erschienen Buch Die Antwort, in dem sie beharrlich erklärt, dass die ersten 17 Lebensmonate des Menschen (woher immer sie auch diese Zahl haben mag) als wesentlich für die soziale Geschlechtsrollenausprägung verantwortlich seien und dass Bruce einen großen Teil dieser Zeit, nämlich bis zum siebten Monat seines Lebens, als Junge sozialisiert worden sei. Ansonsten: Schweigen zu dem Freitod.

Der Psychiater John Money hat übrigens einer unbekannten Anzahl weiterer Kinder mit fehlgebildeten Genitalien ein Geschlecht »zugewiesen«. Er errichtete als Leiter der Psychologie am John-Hopkins-Krankenhaus eine darauf spezialisierte Klinik, die von seinem Nachfolger 1979 allerdings geschlossen wurde. Viele seiner ehemaligen Patienten gründeten Selbsthilfegruppen.

John Money wurde 2002 von der Deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, für die er arbeitete, mit der Magnus-Hirschfeld-Medaille ausgezeichnet!

Das traurige Beispiel von Bruce Reimer sowie etliche andere menschliche Dramen ändern nichts an dem derzeitigen Siegeszug von Gender Mainstreaming. Wer heute weiterhin noch von einer typisch weiblichen oder typisch männlichen Verhaltensweise spricht, befindet sich bereits auf wackeligem Terrain. Denn solche Äußerungen sind »sexistisch« und sorgen für unzulässige »sexistische Stereotypen«. 

GenderwahnZu Gender gehören jedoch noch weitere Auswüchse, die einem normal denkenden Menschen unvorstellbar erscheinen. Denn nach dieser Ideologie existiert nicht nur kein spezifisches Geschlecht, sondern jeder ist heutzutage in der Wahl seines Geschlechtes frei, und da gibt es eine große Auswahl: männlich, weiblich, bisexuell, transsexuell, homosexuell und mehr. An der Universität Wien wurde ein Wettbewerb ausgelobt, wer die ungewöhnlichsten Geschlechtervorschläge machen könne. Derzeit sollen acht unterschiedliche Entwürfe vorliegen. Und wer sich heute männlich fühlt, morgen bisexuell und übermorgen homosexuell, liegt absolut im Trend. Wer damit allerdings nicht klarkommt, sollte mit etwaigen missbilligenden Äußerungen vorsichtig sein, denn er unterliegt damit dem Straftatbestand der »Homophobie«. Homophobie bezeichnet eine soziale, gegen Lesben und Schwule gerichtete Aversion bzw. Feindseligkeit oder die »irrationale, weil sachlich durch nichts zu begründende Angst vor homosexuellen Menschen und ihren Lebensweisen …« Hohe Geldstrafen, Gefängnis und Umerziehungslager stehen auf der Vergeltungsliste von Homophobie.

Und damit Gender Mainstreaming früh genug erlernt werden kann und die Kinder später nicht müheselig umerzogen werden müssen, bekommen die Kleinen, die ohnehin früh in die Krippe gegeben werden sollten, damit ihre Mutter so schnell wie möglich in die Erwerbstätigkeit zurückkehren kann, auch hier schon Aufklärungsunterricht. Das besorgt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Die Abteilung für Sexualaufklärung untersteht dem Familienministerium, alles übrige dem Gesundheitsministerium. Die BZgA verteilte bis 2007 ihre Schriften kostenlos an Eltern, Lehrer, Erzieher, an Schulen und Schüler. Jeder konnte sie über die Internetseite bestellen und dort auch einsehen, bis die BzgA diese Broschüren wegen entrüsteter Proteste und mutiger Veröffentlichungen der Autorin und Soziologin Gabriele Kuby vom Markt nehmen musste.

Hier einige Beispiele aus ihrer Kritik: Der Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualerziehung vom 1. bis zum 3. Lebensjahr fordert Mütter und Väter dazu auf, »das Notwendige mit dem Angenehmen zu verbinden, indem das Kind beim Saubermachen gekitzelt, gestreichelt, liebkost, an den verschiedensten Stellen geküsst wird«. »Scheide und vor allem Klitoris erfahren kaum Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührung (weder seitens des Vaters noch der Mutter) und erschweren es damit für das Mädchen, Stolz auf seine Geschlechtlichkeit zu entwickeln.« Kindliche Erkundungen der Genitalien Erwachsener können »manchmal Erregungsgefühle bei den Erwachsenen auslösen«. »Es ist ein Zeichen der gesunden Entwicklung Ihres Kindes, wenn es die Möglichkeit, sich selbst Lust und Befriedigung zu verschaffen, ausgiebig nutzt.« Wenn Mädchen (ein bis drei Jahre!) »dabei eher Gegenstände zur Hilfe nehmen«, dann soll man das nicht »als Vorwand benutzen, um die Masturbation zu verhindern«. Der Ratgeber fände es »erfreulich, wenn auch Väter, Großmütter, Onkel oder Kinderfrauen einen Blick in diese Informationsschrift werfen würden und sich anregen ließen – fühlen Sie sich bitte alle angesprochen!«

Weiter geht’s im Kindergarten. Mit dem Lieder- und Notenheft Nase, Bauch und Po singen Kinder Lieder wie diese: »Wenn ich meinen Körper anschau’ und berühr’, entdeck’ ich immer mal, was alles an mir eigen ist … wir haben eine Scheide, denn wir sind ja Mädchen. Sie ist hier unterm Bauch, zwischen meinen Beinen. Sie ist nicht nur zum Pullern da, und wenn ich sie berühr’, ja ja, dann kribbelt sie ganz fein. ›Nein‹ kannst du sagen, ›Ja‹ kannst du sagen, ›Halt‹ kannst du sagen, oder ›Noch mal genauso‹, ›Das mag ich nicht‹, ›Das gefällt mir gut‹, ›Oho, mach weiter so.‹«

In der Broschüre Mädchen-Sache(n) wird Mädchen beigebracht, dass gleichgeschlechtliche Liebe völlig normal ist: »So wie die meisten Menschen beim Thema Sex neugierig sind, fragen sich viele auch, was lesbische Frauen im Bett (oder sonstwo …) machen. Bei Mädchen, die mit Mädchen zusammen sind, ist es nicht anders als bei anderen Paaren auch: Sie machen alles, worauf sie Lust haben. Das kann Küssen oder Streicheln sein, mit dem Mund, der Zunge oder den Fingern.

Wie beim Sex zwischen Mann und Frau hängt es von der Fantasie, den Erfahrungen und dem gegenseitigen Vertrauen ab, wie weit beide gehen möchten. ›Wenigstens haben Lesben keine Probleme mit Aids‹, mögen manche denken. Klar, sie müssen, wenn sie nur mit Frauen zusammen sind, nicht an Schwangerschaftsverhütung denken.«

Ab zehn Jahren setzen in den Schulen die Werbe- und Schulungsmaßnahmen zur Homosexualität (genauer: lesbisch, schwul, bi und trans) ein, noch nicht überall so krass wie in Berlin, Hamburg und München, aber mit einheitlicher Tendenz. Eine 198-seitige Handreichung für weiterführende Schulen des Senats von Berlin zum Thema »Lesbische und schwule Lebensweisen« bietet eine ausgefeilte Anleitung zur Homosexualisierung der Schüler, auszuführen in »Biologie, Deutsch, Englisch, Ethik, Geschichte/Sozialkunde, Latein, Psychologie«.

Dies sind nur Kostproben. Alle Schriften der BZgA für alle Altersgruppen propagierten und propagieren die Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen ab einem (!) Jahr. Sie unterminieren die elterliche Autorität. Sie verführen Kinder und Jugendliche zu einer auf Lustbefriedigung reduzierten Sexualität ohne eheliche Bindung.

Wer nun aber glaubt, dass die Gender-Liste nun beendet wird, sollte noch einen wichtigen Punkt mitnehmen: Gender fördert alleine nur Frauen. An keiner einzigen Stelle aller weltweiten Programme ist die Förderung von Männern vorgesehen. In den Programmen von Gender Mainstreaming ist man der der einhelligen Ansicht, dass Männer lange genug die Nase vorn hatten, und dass aus diesem Grunde die Gleichstellung der Geschlechter »durchaus auch einmal ungerecht gegen Männer ausfallen könnte«!

Es ist also kein Wunder, wenn sich sowohl eine ehemalige Bundesfamilienministerin, die Mutter von sieben Kindern ist, ebenso wie auch eine EKD-Vorsitzende und Bischöfin, Mutter vierer Kinder, aus für den Bürger unverständlichen Gründen FÜR die Erwerbstätigkeit der Frau ausspricht, und FÜR die ganztägige Fremdbetreuung möglichst aller Kinder. Denn dies ist Gender in Reinform: Wer das natürliche Geschlecht abschaffen will, muss als erstes die Familie zerschlagen und den Mann in seine Grenzen weisen!

Wer für Gender ist, muss auch gegen Kinder sein, gegen den Mann, gegen die Ehe, gegen die Familie! Gender Mainstreaming ist Hauptbestandteil der »Familienpolitik« eines Staates, der von der demographischen Krise in seiner Existenz massiv bedroht ist. Doch wen stört es schon? Diese Familienpolitik ist keine Politik für Familien, sondern zerstört sie vorsätzlich. Der Mann, der »echte« Mann, spielt dabei schon längst keine Rolle mehr, außer zunehmend jene des Gender- Hausmuttchens.

Das sollten auch die entrüsteten Bild-Redakteure aus Sachsen wissen, wenn sie wieder einmal auf den Begriff Gender Mainstreaming stoßen und darüber jaulen, dass die echten Männer abgeschafft werden sollen. Politisch sind sie es längst!

Gender in der Kita! Wie Kleinkinder umprogrammiert werden

Gender in der Kita! Wie Kleinkinder umprogrammiert werden reichmann Mi., 26.05.2010 - 20:56

GenderwahnDie Sexualisierung bei Kindern treibt seit einigen Jahren aufgrund des Gender Mainstreaming grausige, eine ganze Gesellschaft verändernde Blüten. Kindern werden inzwischen an zahlreichen Schulen im »Gender«-Unterricht – ein neues Fach – die verschiedenen Möglichkeiten der Geschlechterausübung nahegebracht. Sie sollen von dem bisher herrschenden »stereotypen« Bild des Mannes und der Frau weggelenkt werden, vielmehr lernen sie nun, dass es weder ein festes männliches, noch ein festes weibliches Geschlecht gibt, sondern dass dazwischen noch viele Möglichkeiten wie Bi-, Homo- oder Transsexualität herrschen, die durchaus normal seien. Auch dass die jeweiligen Neigungen wechseln können, lernen die Schüler im Unterricht, und dass dies alles ebenso ganz normal sei.

Inzwischen schreckt man nicht mehr davor zurück, die Geschlechterabschaffung bereits in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen umzusetzen, frei nach dem sozialistischen Kampfkonzept: Je früher das Gehirn gewaschen wird, desto leichter funktioniert auch später das Umerziehungsprogramm! Ein bereits früh gegendertes Kind wird wie selbstverständlich einmal davon ausgehen, dass es Mann und Frau nicht gibt! Sondern dass die Angebotspalette bunt und viel größer ist!

Die Vermittlung der Freizügigkeit in der Geschlechterwahl gilt derzeit für deutsche wie europäische Kindergärten. Im Online-Handbuch für Kindergarten-Pädagogik heißt es unter anderem:

»Im Kindergarten müssen wir sowohl unsere eigene Geschlechtssozialisation bedenken als auch überlegen, welche Bedürfnisse Jungen und Mädchen äußern (auch nonverbal!) und dann auf diese Bedürfnisse eingehen. Dies beginnt mit der Reflexion über die eigene Sozialisation, macht sich an Personen fest, die hier mit Jungen und Mädchen arbeiten, und hört nicht zuletzt bei der Raumgestaltung auf, die darauf hin abgestimmt werden muss, welche Bedürfnisse Jungen und Mädchen in Bezug auf Spielräume haben. Der klassische Kindergarten mit Bauecke und Puppenecke in jedem Gruppenraum sollte überprüft werden. Funktionsräume sind für die individuellen Bedürfnisse von Kindern besser geeignet, vor allem auch in Bezug auf die Gender-Thematik. Dort hat man festgestellt, dass Jungen und Mädchen Räume nicht geschlechtsspezifisch, sondern interessenbezogen nutzen.«

Was heißt das im Klartext? Ganz einfach: Dass es das typische Verhalten eines Mädchens oder eines Jungen eben auch nicht mehr geben soll. Dass Mädchen lieber mit Puppen und Jungs bevorzugt mit Autos spielen, scheint heute grundsätzlich nicht mehr ohne weiteres geduldet zu werden, wenn man auf Gender in der Kinderbetreuung Wert legt. Und das geschieht zunehmend häufiger. So heißt es ausdrücklich auf der Website des »fun&care-Kindergarten« in Wien, der nach neuesten Gender-Richtlinien verfährt: »Kinder lernen von Geburt an, ihrer Geschlechterrolle zu entsprechen. Daher sind wir bestrebt, bei Buben und Mädchen zu beobachten, inwiefern sie bereits in Hinblick auf gesellschaftliche Rollenvorstellungen sozialisiert sind.« Ein Mädchen soll nun Verhaltensweisen des Jungen übernehmen und umgekehrt, um die »Handlungsspielräume der Mädchen und Buben erweitern und dadurch wirkliche Chancengleichheit schaffen (in Hinblick auf Fähigkeiten und Fertigkeiten, Berufswahl, PartnerInnenschaft, Kindererziehung …). Wenn Kinder bestimmte geschlechtsuntypische Vorkenntnisse nicht schon früh spielerisch sammeln, ist es für sie als Erwachsene oft schwierig, Alternativen zu einer vorgegebenen Rolle zu finden, selbst, wenn sie dies wollen. (…) Dies bedeutet vor allem, dass wir versuchen Einschränkungen des Denkens oder des Handelns, die rein das Geschlecht des Kindes betreffen, zu vermeiden.«

Auch das Kindergarten-Personal agiert nach klaren Gender-Regeln: »Wichtig ist auch, dass Kinder erleben, dass auch Männer für Kindererziehung und hauswirtschaftliche Tätigkeiten gerne zuständig sind und so positive Vorbilder in diesen Bereichen sein können.« Hier wird früh eingeleitet, was eine Wahrnehmung formen soll, die mit derzeitigen Gendergesetzen kompatibel ineinander wirkt: Nach EU-Plänen zum Beispiel sollen Frauen in der TV-Werbung nicht mehr vor dem Herd oder der Waschmaschine gezeigt werden, dies sei sexistisch und diskriminiere die Frauen. Stattdessen soll der weibliche Mann in den heimischen Fokus gerückt werden.

Die Geschlechter von Junge und Mädchen werden in den Kitas zunehmend und  systematisch aufgeweicht, um schließlich gänzlich abgeschafft zu werden. Die kleinen Mädchen werden im Gender-Kindergarten aufgefordert, »Fußball zu spielen, sich zu wehren, sie erhalten besondere Förderung in den Bereichen Technik, Werken, Computer. Buben hingegen sollen eine positive Körperwahrnehmung erlernen, dazu gehören: Massage, Kosmetikkorb, den eigenen Körper pflegen und achten, schön sein, Anbieten von männlichem und weiblichem Verkleidungsmaterial – in andere Rollen schlüpfen, fürsorgliche und behutsame Interaktion mit anderen Kindern aufnehmen, positive Besetzung von Schlüpfen in ›weibliche‹ Rollen (Prinzessinnenkleid, Nägel lackieren …), Erlernen von Umgang mit Puppen (positiver Begriff: Puppenvater), Erlernen von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten (positiver Begriff: Hausmann).«

Die Jungs lernen hier ebenso früh, sich nicht mehr wie Jungs aufzuführen, sondern weicher, weiblicher zu werden. So heißt es bei dem Lernprogramm der Buben, dass diese Frustrationen ertragen lernen müssten: »Verlieren, beim Warten und Zurückstecken eigener Bedürfnisse, Hilfsbedürftigkeit zugeben können, Umgehen damit, dass Mädchen Paroli bieten!«

In einer umfassenden Dissertationsarbeit der Uni Tübingen heißt es zu Gender- maßnahmen in Kitas unter anderem: »Bei der Genderperspektive muss daher der Blick von der geschlechtstypischen Betrachtung weg zur Vielfalt der Ausprägungen von Begabungen, Interessen und eigenen Selbstverständnissen gelenkt werden, um das eigene Verständnis seines Selbst und seiner Selbste zu ermöglichen. Geschlechtliche Identität kann deshalb nur in einer Pluralität und einem sich wandelbarem Verständnis von ›Gender‹ gesehen werden.« – »Individuum, Identität, das Verhältnis von Leib/Körper und Person oder Seele, die neuere Ineinssetzung von Psychischem und Gehirn, all das steht zur Debatte, es kann nicht weiter so gedacht werden wie bisher.«

Das Geschlecht ist auch hiernach mit der Geburt eines Menschen nicht längst festgelegt, sondern angeblich jederzeit veränderbar, was bereits in der Kleinkinder-Beeinflussungsstätte klargemacht und umgesetzt werden soll. Und zwar mit allen Mitteln. So heißt es weiter: »Wenn von der Identität eines Menschen die Rede ist, so handelt es sich in der Regel um die Beschreibung eines Erwachsenen. Kinder, die sich noch in der Entwicklung befinden, befinden sich auch noch in einer Entwicklungsphase der Identität. Aber auch Erwachsene müssen die eigene Identität immer wieder hinterfragen und werden durch verschiedene Lebensumstände gefordert, sie zu verändern. So ist Identität immer etwas Fließendes, etwas Veränderbares.«

Identität ist etwas Fließendes, etwas Veränderbares? Genau! Wer sich heute noch als Mann fühlt, darf morgen Frau sein. Wer glaubt, heterosexuell zu sein, kann morgen schon sagen: Ein bisschen bi schadet nie! Das ist, nach Gender, nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich gewollt! Aufwachen, Leute! Gender in der Kita bedeutet Alarmstufe Rot!

Wer zudem die derzeitigen politischen Bemühungen beobachtet, dass nämlich Kinderrechte von fast allen übrigen Parteien partout und unbedingt in der Verfassung  festgeschrieben werden sollen, damit u.a. das Recht eines Kindes auf »frühkindliche Bildung« gewährleistet wird, muss erkennen, dass in Wahrheit damit nur ein einziges Ziel verfolgt und somit auch erreicht wäre: Der gesetzlich vorgeschriebene Krippenaufenthalt! Krippenpflicht! Und das bedeutet Zwangs-Genderisierung für ALLE Kleinkinder! Kinderrechte sind durch die Menschenrechte automatisch und längst im Grundgesetz verankert! Allerdings nur unter dem Aspekt, dass man Kinder auch als Menschen betrachtet!

Eva Herman

Gruppenzwang schon im Vorschulalter

Gruppenzwang schon im Vorschulalter reichmann Fr., 18.11.2011 - 22:06

Kinder StudieErwachsene und Jugendliche richten ihr Verhalten und ihre Meinung oft entgegen besseren Wissens an ihrer jeweiligen Bezugsgruppe aus. Gilt dies auch schon für Vorschulkinder? Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und für Psycholinguistik in Nijmegen, Niederlande, haben dieses Phänomen bei Vierjährigen untersucht und herausgefunden, dass auch diese bereits einem Gruppenzwang unterliegen. Die Kinder orientierten sich in ihren öffentlichen Äußerungen an der Mehrheitsmeinung Gleichaltriger. (Child Development, 25. Oktober 2011)

Menschen passen nicht nur ihr Äußeres an verschiedene, oberflächliche Modeerscheinungen an, sondern orientieren ihre Meinung oft an der Mehrheitsmeinung, selbst wenn diese nicht ihrer eigenen entspricht. Diese Anpassungsfähigkeit spielt eine wichtige Rolle beim Erwerb kulturspezifischen Verhaltens. Wir erwerben dieses, indem wir uns am Verhalten anderer Gruppenmitglieder orientieren. Werden wir dabei von Anderen mit Informationen konfrontiert, die im Widerspruch zu unseren eigenen Ansichten stehen, übernehmen wir im Zweifelsfalle die Meinung der Mehrheit.

Wie Kleinkinder mit Informationen umgehen, die sie von Gleichaltrigen erhalten, haben jetzt Daniel Haun, der sowohl am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik forscht, und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht. An ihrer Studie nahmen 96 vierjährige Mädchen und Jungen aus 24 verschiedenen Kindergartengruppen teil. „Uns interessierte, inwiefern bereits Kleinkinder ihre öffentliche Meinung an der Mehrheitsmeinung ausrichten, auch wenn sich diese ganz offensichtlich nicht mit ihrer eigenen deckt“, sagt Daniel Haun.

Am ersten Teil der Studie nahmen pro Durchgang vier Kinder teil. Sie erhielten scheinbar identische Bücher mit jeweils 30 Doppelseiten, auf denen Tierfamilien dargestellt waren. Links waren Mutter, Vater und Kind zusammen, rechts nur jeweils ein Familienmitglied. Die Kinder sollten nun bestimmen, um welches Familienmitglied es sich handelte. Aber nur drei der Bücher waren tatsächlich identisch, beim vierten war manchmal auf der rechten Seite ein anderes Bild zu sehen. Die Kinder dachten jedoch, dass sie alle die gleichen Bücher vor sich hatten. „Das Kind, welches das abweichende Buch erhalten hatte, wurde mit der aus seiner Sicht völlig falschen Einschätzung dreier Gleichaltriger konfrontiert“, erklärt Haun. „Von 24 Kindern passten sich 18 Kinder in einem oder mehreren Fällen dieser mehrheitlichen Einschätzung an, obwohl sie es eigentlich besser wussten“.

Aus welchen Gründen sich bereits Vorschulkinder der Mehrheit anpassen, untersuchten die Forscher im zweiten Teil der Studie. Abhängig davon, ob eine Lampe leuchtete oder nicht, sollten die Kinder nun die richtige Lösung entweder laut aussprechen oder still auf das entsprechende Tier zeigen, sodass nur der Studienleiter, nicht aber die anderen Kinder die Antwort sehen konnten. Von 18 Kindern, die nicht der Mehrheit angehörten, übernahmen 12 in einem oder mehreren Fällen deren Einschätzung, wenn sie ihre Antwort laut aussprechen mussten. Sollten sie hingegen still auf die richtige Antwort zeigen, übernahmen nur 8 von 18 Kindern die Mehrheitsmeinung. Die Kinder passten also in der Regel ihre öffentliche nicht aber ihre private Antwort an die Mehrheit an. Das deutet darauf hin, dass die Anpassung soziale Gründe hat, wie zum Beispiel  die Akzeptanz innerhalb der Gruppe. „Bereits vierjährige Kinder unterliegen einem gewissen Gruppenzwang  und beugen sich diesem zum Teil aus sozialen Beweggründen“, so Daniel Haun.

[SJ/BA]

Ist Deutschlands Geschichte schuld an der Abschaffung der Männlichkeit?

Ist Deutschlands Geschichte schuld an der Abschaffung der Männlichkeit? reichmann Sa., 12.05.2012 - 01:33

WeicheierWie männlich ist der heutige Mann noch? Was ist übrig geblieben vom einstigen Helden, der nicht nur seinem Land einst Treue geschworen und der stets gekämpft hatte für wahre Liebe und echte Leidenschaft? Der sogar dafür in den Tod ging? Nichts ist übrig davon, stellt der Journalist Michael Klonovsky fest, der den Abgesang auf den männlichen Helden angestimmt hat in seinem Buch Der Held – ein Nachruf, das an dieser Stelle bereits besprochen wurde. Während über die Gründe für das fehlende Fundament zwischen Mann und Frau umfassend berichtet wurde, blieb ein interessanter Gedanke des Autors bislang noch unerwähnt: Deutschlands Geschichte und seine geopolitische Lage als Erklärung für die verlorenen männlichen Helden von heute.

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Früher als gefährliches, kriegslüsternes Wolfsvolk bekannt, dem inzwischen allerdings Zähne und Klauen gezogen wurden, seien die Deutschen heute wie ehedem durch ihre europäische Mittellage in Gefahr. Was jedoch niemand aussprechen dürfe, seit der »Staatsdenker der Republik«, Jürgen Habermas, die Geopolitik 1987 als »Tamtam« erklärt habe. Mittellage bedeutete nach Klonovsky jedoch jahrhundertlang, »keinerlei durch Meere geschützte Grenzen, sondern überall potenziell feindliche Nachbarn zu haben, die sich verbünden konnten, wie es exemplarisch in beiden Weltkriegen geschah, aber auch Preußen im Siebenjährigen Krieg widerfuhr, das 1761 vor dem Untergang stand«.

Auch Deutschlands »Urkatastrophe«, der Dreißigjährige Krieg, ohne den der Aufstieg des preußischen Militärs zur staatsbeherrschenden Kaste schwerlich verstehbar sei, war mit allen Konsequenzen Ausdruck der fatalen Mittellage, die die Deutschen nach 1945 sich entschlossen, sukzessive aufzuheben, indem sie am besten nur noch Freunde kennen wollten, so Klonovsky. Und damit diese neue Freunde das auch akzeptierten, verzichteten die Geschlagenen dauerhaft auf alles, was eine Macht auszeichnet: große Teile des Staatsgebietes, Souveränität, Atomwaffen, taugliches Militär, Nationalstolz, positive Geschichtsmythen, eine weltweit anerkannte Währung: alles in allem eine einzige Bitte um Pardon! Frei nach dem Motto: Entschuldigen Sie bitte, dass ich lebe!

Der deutsche Mann, nicht nur von feministischen Strömungen, von Politik und Medien entmannt, sondern vor allem auch aufgrund der verheerenden Geschichte und der geopolitischen Lage seines Heimatlandes, das er jetzt nicht mehr lieben darf? Ein interessanter Gedanke, der durchaus einen Sinn ergibt. Und allein diese Erkenntnis könnte nicht nur Männern schwere Herzschmerzen bereiten. Klonovsky resümiert zu Recht: Als politisch selbstständige »männliche« Macht existiert Deutschland nicht mehr.

»Da die Deutschen überaus harte Arbeiter und tapfere Kämpfer waren, vollbrachten sie in beiden Weltkriegen gegen jeweils hoch überlegene Feindkoalitionen enorme Leistungen, wirtschaftlich wie kriegerisch.« Doch nach dem gravierenden Zusammenbruch, nach der millionenfachen Vergewaltigung deutscher Frauen durch vor allem russische Besatzer, nach Millionen toter Landsleute, nach Millionen Flüchtlingen war es in Deutschland schließlich vorbei: vorbei mit Heldengedenken und Nibelungentreue. »Künftig wollten die Deutschen nur noch eines: Gut leben und das harmloseste Volk der Welt werden.«

Der Autor legt den Finger direkt in die nach wie vor heftig blutende deutsche Wunde: »Erst ganz Europa unterwerfen, dann am liebsten von der politischen Landkarte verschwinden und vor sich selbst geschützt werden wollen: Die Radikalität dieser Umkehr hat das Ausland immer wieder irritiert. Ein Volk, dessen Kanzler einst stolz verkündet hatte: ›Wir fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!‹ und das zwei Menschenalter später den Begriff ›German Angst‹ zum geflügelten Wort machte, blieb unberechenbar.«

Und so würden die Deutschen mit bemerkenswerter Konsequenz von der Furcht vor irgendetwas geplagt und gebeutelt, wobei die Auslöser immer wieder andere seien: »Es kann die Gentechnik sein, die Hühnergrippe, das Atom samt seiner fidelen Strahlung, die erste Strophe der Nationalhymne, aber auch die Überfremdung – oder die Furcht vor denen, die sich vor der Überfremdung fürchten.«

Wofür ist Deutschland unter einer Kanzler-Frau heute eigentlich noch gut? Als Zahlmeister der EU? Allerhöchstens. Doch auch das hat seine Klinken. Denn Deutschland darf zahlen, aber keine Forderungen mehr stellen. Erst vergangene Woche hatte die britische Boulevardzeitung Daily Mail Deutschland mit dem Dritten bzw. Vierten Reich in Verbindung gebracht. In einer Kritik an der Euro-Krisenstrategie der Bundesregierung hieß es, »Deutschland sei dabei, Europa mit wirtschaftlichen und finanziellen Mitteln zu erobern«.

Wörtlich schrieb der Autor Simon Heffer in seiner Kolumne: »Wo Hitler mit seinen militärischen Mitteln versagte, sind die modernen Deutschen erfolgreich, durch Handel und Finanzdisziplin. Willkommen im Vierten Reich.« Zuvor hatte es geheißen, dass den Staaten der Eurozone nichts anderes übrig bleibe, als sich am deutschen Vorbild zu orientieren. Euro-Staaten wie Irland oder Griechenland bleibe kaum etwas anderes übrig, als die finanziellen Hilfen und damit die »praktische Kolonialisierung« durch Deutschland hinzunehmen, berichtete der Focus.

Die Furcht vor einer Übermacht Deutschlands drückt sich auch in dem Zitat desselben Kommentars aus, in dem es wörtlich heißt: »Damit keine Zweifel aufkommen, was eine Finanzunion bedeuten würde: eine Wirtschaftspolitik, ein Steuersystem, ein System der sozialen Sicherheit, eine Verschuldung, eine Volkswirtschaft, ein Finanzminister. Und alles ist deutsch.«

Tja, so sieht es derzeit aus in Deutschland und der Welt. Unsere Geschichte schlägt uns heute ins Genick auf subversive, nicht geahnte Weise. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der radikale Ausrutscher der Daily Mail hierzulande nicht einmal mehr für mediale Zuckungen sorgte: Kaum jemand berichtete darüber.

Der Autor Michael Klonovsky schreibt: »Das spezifisch Deutsche an unserem Thema (Der verlorengegangene Held) hängt also selbstredend mit den Niederlagen in zwei Weltkriegen zusammen. Da die Deutschen überaus harte Arbeiter und tapfere Kämpfer waren, vollbrachten sie in beiden Kriegen gegen jeweils hoch überlegene Feindkoalitionen enorme Leistungen, wirtschaftlich wie kriegerisch … Wer bis zuletzt dermaßen heroisch, pflichtbewusst und mörderisch, also auf allerhöchstem Niveau kämpft wie das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg, dem droht im Gegenzug auch eine Niederlage auf allerhöchstem beziehungsweise allertiefstem Niveau, und tatsächlich hat sich in der neueren Geschichte nichts ereignet, was sich der Höllenfahrt des Dritten Reiches zur Seite stellen ließ.«

Ein Volk, das innerhalb eines Jahrhunderts zwei Weltkriege verlor, das sich anschließend für Jahrzehnte durch eine Mauer teilen ließ, das seine eigene stabile Währung aufgab und sich einem »gemeinsamen« Europa als Zahlmeister beugte, dessen eigentliches Ziel jedoch eher der Abschaffung der Glühlampe und einem normierten Maß für Salatgurken und Zuchtäpfel dient, scheint nicht mehr viel erwarten zu dürfen. Gendermainstreaming, Feminismus und Gleichstellungsgesetze geben uns den Rest.

Mit dem Männlichen ist es hier aus! Mit dem Weiblichen auch, denn viele Frauen haben heute schon mehr Testosteron im Blut als ihre männlichen Mitstreiter. Mitstreiter? Pardon: Dieser Ausdruck wäre doch wohl viel zu hart gewählt.

Kopp Verlag | Eva Herman

 

Jugendliche: Koma-Trinken macht das Hirn "alt"

Jugendliche: Koma-Trinken macht das Hirn "alt" reichmann Mo., 06.02.2012 - 16:44

KomasaufenBei jedem schweren Rausch werden Gehirnzellen zerstört. Ungesunde Ernährung verhindert zudem den Zellschutz.

Ungünstiger Einfluss

"Alkohol greift im Körper auf mehreren Ebenen ungünstig ein", sagt Univ.-Prof. Henriette Walter, Uni-Klinik für Psychiatrie Wien. Neben der Gefahr, dadurch in eine Suchterkrankung zu rutschen, steigt auch das Risiko für organische Schäden. Oder, wie jüngste Forschungsergebnisse zeigen: Exzessiver Alkoholkonsum in der Jugend könnte vorzeitige Demenz-Erkrankungen begünstigen.

Univ.-Prof. Michael Musalek, Leiter der Suchtklinik Anton-Proksch-Institut in Wien betont, dass es zwar derzeit noch keine gesicherten Daten über einen Zusammenhang zwischen Koma-Saufen und Demenzerkrankungen gibt. Aber: "Jeder schwere Rauschzustand verursacht natürlich ein Absterben von Nervenzellen. Wenn das häufig auftritt, schädigt das mit der Zeit das Gehirn. Und ein bereits vorgeschädigtes Gehirn kann mit den Jahren auch anfälliger sein für Demenzerkrankungen."

Vitamin-B-Mangel

Schon jetzt gelten Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen oder Diabetes als Risikofaktoren für Demenzerkrankungen. "Daneben spielt der Mangel an Vitamin B eine große Rolle. Dieser entsteht vor allem durch unausgewogene Ernährung", betont Henriette Walter. Der Vitamin-B-Komplex umfasst mehrere Vitamine (B1 bis B6 und B12), die stark an Stoffwechselvorgängen beteiligt sind. "In den Nervenzellen des Gehirns sorgen die B-Vitamine zum Beispiel für den Zellschutz."

Durch die Kombination mit Alkohol entstehe gerade bei Jugendlichen, die sich heutzutage häufig von Fast Food ernähren, eine fatale Kombination. "Alkohol greift die Nervenzellen im Gehirn an, durch das fehlende Vitamin B sind sie aber nicht davor geschützt." Doch wie kann man die Jugendlichen für ein Thema sensibilisieren, das sie erst in Jahrzehnten betreffen könnte? Michael Musalek: "Es geht darum, ein Problembewusstsein für exzessiven Alkoholkonsum zu vermitteln und um die Vorbildwirkung. Dass es bei einem schweren Rausch zu Funktionsstörungen des Gehirns kommt, erlebt ja jeder Betroffene selbst am Tag danach. Es geht also nur auf den ersten Blick um etwas, das vielleicht erst in 40 Jahren passieren wird."

KURIER | Ingrid Teufl

Mythen und Fakten zur häuslichen Gewalt

Mythen und Fakten zur häuslichen Gewalt reichmann So., 30.08.2009 - 20:19

Frau schlaegt Mann

„Die ganze Debatte strotzt nur so von Vorurteilen. Was als Bestandteil autoritären Denkens angeprangert wird, wenn es gegenüber Farbigen, Behinderten, Arbeitslosen, religiösen Minderheiten, Homosexuellen in Erscheinung tritt, ist dann legitim, wenn es sich gegen Männer richtet. Regelmäßige Medienereignisse über vergewaltigte Mädchen sowie voll besetzte Frauenhäuser scheinen zu bestätigen, was inzwischen zum Grundtheorem einer fundamental-feministischen Politik geworden ist, die in Deutschland heute auch Regierungspolitik ist. Männer sollen sich wegen ihres Geschlechts gefälligst schämen.“

Geschlechtergewalt: Mythen, Tabus und Ideologie

Wenn Medien und Politik sich der Gewalt im privaten Raum widmen, stehen Opfer und Täter meist von vorne herein fest: in heterosexuellen Beziehungen geht Gewalt demnach grundsätzlich vom Mann aus, denn Gewalttätigkeit ist ganz offensichtlich naturgegeben eine männliche Eigenschaft. Opfer sind folglich in den meisten Fällen die Frauen. Körperlich unterlegen, wehrlos, hilflos. Weil dem so ist, müssen Frauenhäuser her, in denen geprügelte Frauen Schutz vor ihren Peinigern finden.
Diese Forderung war von Anfang an ein zentrales Anliegen der modernen Frauenbewegung, als diese sich in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts formierte. Politik und Medien wurden für das Thema häusliche Gewalt gegen Frauen sensibilisiert, 1976 wurde in Berlin das erste deutsche Frauenhaus gegründet; inzwischen gibt es davon fast 400.

Es scheint also offenkundig so zu sein, dass Männern häufiger die Hand ausrutscht als Frauen. Und somit reichen die vielen Frauenhäuser längst nicht aus. Seit 1. Januar 2002 gilt in der Bundesrepublik das „Gewaltschutzgesetz“, das es der Polizei vor Ort ermöglicht, den gewalttätig Gewordenen für gewisse Zeit aus der gemeinsamen Wohnung zu verweisen. In ihren Verlautbarungen und Statistiken zu diesem Gesetz lassen Politiker und Polizeibehörden keinen Zweifel daran aufkommen, dass das Gesetz vor allem zum Schutz von Frauen (und Kindern) dient und dass demnach in aller Regel Männer der Wohnung verwiesen werden. Alles klar also? Wozu dann noch diskutieren?

Frauen schlagen so häufig zu wie Männer

Weil nach allem, was eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema aussagt, das gängige Bild von der weitgehend alleinigen männlichen Täterschaft im Bereich heterosexueller Beziehungen nicht der Wirklichkeit entspricht. Frauen schlagen ihre Männer mindestens genauso häufig wie Männer ihre Frauen: Das belegen insgesamt 246 wissenschaftliche Forschungsberichte (187 empirische Studien und 59 vergleichende Analysen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit über 240.000 untersuchten Personen; Stand: September 2008). Länderübergreifend zeigen diese Untersuchungen auf, dass in Beziehungen die Gewalt entweder überwiegend von Frauen oder zu gleichen Teilen von beiden Partnern ausging.

Die Studien stimmen in ihren Erkenntnissen derart deutlich überein, dass in der Fachwelt nicht mehr der geringste Zweifel existiert: Häusliche Gewalt hat kein bestimmtes Geschlecht. Eine kommentierte, regelmäßig aktualisierte Bibliographie sämtlicher dieser Forschungsberichte, Studien und Analysen findet sich auf der Internetseite www.csulb.edu/~mfiebert/assault.htm.
Ähnliche Erkenntnisse liegen auch für Deutschland vor. Eine Studie des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) kam schon 1992 zu dem Ergebnis, dass 1991 in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt ca. 1,59 Mio. Frauen im Alter zwischen 20 und 59 Jahren mindestens einmal Opfer physischer Gewalt in engen sozialen Beziehungen wurden. Für Männer beträgt die entsprechende Anzahl 1,49 Millionen. 246.000 Frauen und 214.000 Männer dieser Altersgruppe waren im Untersuchungszeitraum von schwerer häuslicher Gewalt betroffen.

Das Bundesfamilienministerium veröffentlichte 2004 eine Pilotstudie „Gewalt gegen Männer“, in der u.a. auf Gewalt in Lebensgemeinschaften eingegangen wird. Dort heißt es unter anderem: „Jedem vierten der befragten rund 200 Männer widerfuhr einmal oder mehrmals mindestens ein Akt körperlicher Gewalt durch die aktuelle oder letzte Partnerin, wobei hier auch leichtere Akte enthalten sind, bei denen nicht eindeutig von Gewalt zu sprechen ist. (…) Ungefähr fünf Prozent der Befragten haben im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt mindestens einmal eine Verletzung davongetragen. Der gleiche Anteil von Männern hat bei einer oder mehreren dieser Situationen schon einmal Angst gehabt, ernsthaft oder lebensgefährlich verletzt zu werden.“

2005 räumte das Bundesfamilienministerium denn auch ein: „Von körperlicher Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen scheinen Männer zunächst - rein quantitativ - in annähernd gleichem Ausmaß wie Frauen betroffen zu sein. Werden aber der Schweregrad, die Bedrohlichkeit und die Häufigkeit erlebter Gewaltsituationen einbezogen, dann zeigt sich, dass Frauen häufiger von schwerer und in hoher Frequenz auftretender Gewalt in Paarbeziehungen betroffen sind.“
(http://www.bmfsfj.de/Publikationen/genderreport/10-gewalthandlungen-und-gewaltbetroffenheit-von-frauen-und-maennern.html) Die genannten Unterschiede in Schweregrad, Bedrohlichkeit und Häufigkeit von Gewalt sind in der Forschung indes umstritten. Der US-amerikanische Forscher Murray Straus fand bereits 1980 heraus, dass Frauen ihre geringere körperliche Stärke durch den Einsatz von Gewaltmitteln ausgleichen, „die gefährlich sind oder auf Distanz einsetzbar sind.“

Die Ergebnisse aus einer Übersicht von Studien zu schwerer Gewalt verdeutlichen, „dass von 23 Studien, die hierzu Angaben machen, der Großteil diese ‚Equalizerthese‘ zu bestätigen scheint. Frauen benutzen bei Gewalthandlungen zwischen Intimpartnern häufiger Waffen als Männer.“ 57,5 Prozent aller Gewalttaten unter Waffeneinfluss werden demnach von Frauen ausgeübt, Männer sind sogar zu 65,5 Prozent Opfer dieser Taten (zitiert nach: Bastian Schwithal, Weibliche Gewalt in Partnerschaften, Dissertation 2004, S. 136).

"Blinde Flecken" in der Wahrnehmung

Ungefähr jeder vierte damals befragte Mann berichtet also über Gewalthandlungen seiner Partnerin. Das ist in etwa die gleiche Größenordnung wie bei Frauen. Denn laut der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland – eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland“ vom Bundes-Frauenministerium aus dem Jahr 2007 wurde mindestens jede vierte Frau in Deutschland zwischen 16 und 85 Jahren im Laufe ihrer Partnerschaft von ihrem Mann geschlagen oder musste sexuelle Übergriffe über sich ergehen lassen. Bei den älteren Frauen sind in diese Statistik natürlich auch die besonderen Gewalterfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit mit eingeflossen. In einem späteren Abschnitt heißt es dann: „Es handelt sich allerdings um ein breites Spektrum unterschiedlich schwerwiegender Gewalthandlungen, die innerhalb der Paarbeziehungen verschieden ausgeprägt und kontextuell eingebettet waren.“ Demnach treten auch hier, wie bei den Männern, sowohl leichtere als auch schwerere Formen von Gewalt auf, wobei auch verbale Bedrohungen und „wütendes Wegschubsen“ als häusliche Gewalt gezählt wurden (http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/gewalt-paarbeziehung-langfassung,property=pdf,bereich=bmfsfj,rwb=true.pdf).

Angesichts dieser deutlichen Parallelen muss es verwundern, dass die Gefährdung von Frauen durch Männergewalt so überaus häufig thematisiert wird, während die in vergleichbarem Umfang vorkommende Gewalt von Frauen an Männern offensichtlich einem gesellschaftlichen Schweigegelübde unterliegt. Die Verfasser des Buches „Gewalt gegen Männer“ (erschienen 2007 im Verlag Barbara Budrich) merken hierzu an: „Auch wenn die Partnergewalt gegen Frauen insgesamt häufiger und folgenreicher ist (beziehungsweise sein sollte), so sind die Opferzahlen bei Männern doch eindeutig zu hoch, um sie zu ignorieren. Wenn beispielsweise auf vier misshandelte oder geschlagene Frauen ‚nur‘ ein misshandelter oder geschlagener Mann kommen würde, so ergibt dies immer noch eine erschreckend große Zahl von Männern, für die es bisher so gut wie keine Hilfsangebote gibt.“

Es ist der Frauenbewegung ohne Zweifel gelungen, die Diskussion über häusliche Gewalt auf die Perspektive „der Mann ist grundsätzlich Täter, die Frau Opfer“ zu verengen. Dabei geraten auch schon einmal die Maßstäbe durcheinander. So haben geprügelte Frauen inzwischen sogar einen eigenen Gedenktag. 1999 eingeführt von der Vollversammlung der Vereinten Nationen, wird der 25. November landauf, landab als „Tag gegen Gewalt an Frauen“ begangen. Historischer Hintergrund ist die Verschleppung und Ermordung von drei(!) Frauen (und ihrer Ehemänner, was indes verschwiegen wird) in der Dominikanischen Republik durch Soldaten des damaligen Diktators Trujillo, da sie sich gegen das Regime zur Wehr gesetzt hatten. Zweifellos eine menschliche Tragödie, allerdings völlig ohne Bezug zur häuslichen Gewalt und auch keine Gewalt gegen Frauen im eigentlichen Sinne, sondern Gewalt gegen Andersdenkende. Doch wieviele Männer während dieser Diktatur ums Leben kamen, erfährt man nicht. Auch der Umstand, dass Jungen und Männer in kriegerischen Konflikten, während Diktaturen und politischen Unruhen weit häufiger ihr Leben lassen müssen als Frauen, hat die UN bislang nicht dazu bewogen, einen Gedenktag gegen Gewalt an Männer einzuführen. Anbieten würde sich hier beispielsweise der 7. Juli. An diesem Tag im Jahr 1995 wurden rund 8.000 Jungen und Männer in Srebrenica von serbischen Soldaten allein auf Grund ihres Geschlechtes gefoltert und hingerichtet, während Frauen und Mädchen zwar die Stadt verlassen mussten, aber wenigstens am Leben blieben.

Die Wahrheit hat es schwer

In der Öffentlichkeit sind solche Einwände, Bedenken und Fakten, die sich gegen den „Gewalt an Frauen“-Hype stellen, nur selten zu lesen. Politik, Medien, Polizei, Justiz und Wohlfahrtsverbände verbreiten mehr oder weniger einheitlich die feministische Sicht der Dinge. So verwundert es nicht, dass diese von der Mehrheit der Bevölkerung ungefragt übernommen wird. Das Erstaunen derjenigen, die erfahren, wie es sich wirklich verhält, ist daher oft groß.

Die Situation männlicher Opfer häuslicher Gewalt ist mit derjenigen der Frauen Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre vergleichbar. Auch sie stießen seinerzeit auf Unglauben, Ignoranz und öffentliches Desinteresse. So wie das Schicksal verprügelter Frauen seinerzeit im Mittelpunkt der Aktivitäten der Frauenbewegung stand, so kämpft die Männerbewegung heute darum, dass häusliche Gewalt gegen Männer kein Tabuthema bleibt, sondern verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.

Im Internet finden sich mittlerweile viele Seiten, auf denen über Gewalt gegen Männer im privaten Umfeld informiert wird und auf denen Ehrenamtliche ihre Hilfe anbieten. Auch Presse, Rundfunk und Fernsehen berichten inzwischen gelegentlich über Hintergründe und Einzelfälle. Nur die Politik ist, wie allgemein bei Männerthemen, noch nicht so weit. Häusliche Gewalt wird auf Internetseiten, in Pressemitteilungen und Broschüren wie eh und je als Phänomen männlicher Täter und weiblicher Opfer dargestellt. Bis zu dem Tag, wo männliche Betroffene dieselbe Unterstützung erhalten wie weibliche, scheint es noch ein weiter Weg zu sein. Langfristig wird sich dies sicherlich ändern, da der Bewusstseinswandel irgendwann auch vor den politisch Handelnden nicht halt machen wird. Wünschenswert wäre es, wenn beim einzelnen Opfer privater Gewalt dereinst nicht mManipulationen, Halbwahrheiten, Verdrehungen: Die gängigsten Irrtümer über häusliche Gewalt und deren Widerlegung ehr dessen Geschlecht im Vordergrund stünde, sondern sein persönliches Schicksal und sein Bedürfnis nach Hilfe. Bis dahin ist noch viel zu tun.

Manipulationen, Halbwahrheiten, Verdrehungen: Die gängigsten Irrtümer über häusliche Gewalt und deren Widerlegung

Wer sich eingehend mit der Berichterstattung über häusliche Gewalt gegen Frauen beschäftigt, wird dabei immer wieder auf bestimmte Aussagen, Thesen und statistische Daten stoßen, die dazu dienen sollen, das Problem und seine Ausmaße zu beziffern und zu veranschaulichen.
Mit einigen dieser Darlegungen möchten wir uns in den folgenden Abschnitten näher beschäftigen, um deutlich zu machen, dass es sich bei ihnen größtenteils um manipulative Falschaussagen, Halbwahrheiten, Tatsachenverdrehungen und kreative Auslegungen von Statistiken handelt.
Klicken Sie einfach auf einen der Punkte in der folgenden Aufstellung, um zu der Behauptung und deren Widerlegung bzw. Kommentierung zu gelangen.

Systematische Familienentrechtung: Politische Manipulation und Propaganda!

Systematische Familienentrechtung: Politische Manipulation und Propaganda! reichmann Mi., 26.05.2010 - 21:59

GenderwahnDie Politik unternimmt einiges, um den Bürgern ihre nicht selten unliebsamen Programme ungefragt aufzubrummen. Damit dies ohne nennenswerte Gegenreaktionen vonstatten gehen kann, benutzt man nur allzu gerne die altbewährten Hebel von Manipulation und Propaganda. Auch heute noch, im deutschen, demokratischen Bundesstaate. Wie funktionieren diese Mechanismen?

Einige Beispiele: Das Spiel geht heute genauso wie zu allen Zeiten, man bedient sich unter anderem der wichtigen Triebmotoren wie etwa der Veröffentlichung und Verbreitung von Scheintatsachen, die ständig solange wiederholt werden, bis sie sitzen: Seit Rita Süßmuth in den 1980er-Jahren CDU-Familienministerin war, kursiert in der bundesdeutschen, politischen Gesprächskultur der Begriff: »Frauen wollen arbeiten«. Zum Teil stimmt das auch, doch bleibt dabei gänzlich unbeachtet, dass alle seriösen Umfragen bis heute eindeutig belegen, dass über 80 Prozent der Mütter in den ersten Jahren lieber bei ihren Kindern zu Hause blieben, wenn sie es sich finanziell leisten könnten, nämlich nach einer dreijährigen Erziehungszeit ohne gleichzeitige Erwerbsarbeit (IPSOS-Umfrage 2007).

Das gelingt den Frauen jedoch immer seltener, denn die Gesetze werden seit Jahren ohne Ausnahme dahingehend geändert, dass alleine die erwerbstätige Frau finanziell unterstützt wird, die Mutter zuhause jedoch gänzlich leer ausgeht, dabei nicht selten als faul und bequem diskriminiert wird. Das neue Unterhaltsrecht ist dafür das beste Beispiel. Nachdem die bundesdeutschen Bürger also jahrelang durch Politik und Medien vernehmen mussten, dass »jede Frau arbeiten will«, glauben es inzwischen auch fast alle Leute im Land, auch jene Frauen, die eigentlich lieber daheim bleiben würden. Denn schließlich: Wenn es alle sagen, wenn es ständig im Fernsehen und in der Zeitung verlautbart wird, und wenn es die Familienministerinnen aller Parteien, ob von SPD oder CDU, dies heute, gestern und vorgestern gebetsmühlenartig soufflieren, dann muss ja was dran sein.

Wer sich einmal den Spaß macht und dieses Thema in eine illustre Gesprächsrunde im privaten Kreis wirft, wird sein blaues Wunder erleben. Denn manche, meist Frauen, verteidigen dieses Programm »Jede Frau will arbeiten« inzwischen mit Zähnen und Klauen, sie sprechen in dem Zusammenhang dabei nicht selten ernsthaft von Begriffen wie Freiheit und Emanzipation.

Eine weitere Manipulationsmethode ist das vorsätzliche Verdrehen feststehender Begriffe. Während man zum Beispiel jahrzehntelang den Begriff »frühkindliche Bindung« benutzte – er wurde u.a. von dem Pionier der Bindungsforscher, John Bowlby, in den 1950er-Jahren geprägt,  um die wichtige Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Bindung auszudrücken – , ist diese Wortkombination von den Politikern kurzerhand zur »frühkindlichen Bildung« umfunktioniert worden. Damit sind ernsthaft Kindertagesstätten gemeint, die sogenannten »Bildungsstätten«, wo Kleinkinder heutzutage jedoch nicht selten aufgrund mangelnden und schlecht ausgebildeten Erziehungspersonals eher aufbewahrt als gefördert, und schon gar nicht gebildet werden. Denn Kleinkinder brauchen Bindung und keine Bildung, außer, es handelt sich um Herzensbildung. Die Demonstrationen zehntausender, hoffnungslos überforderter Erzieherinnen im vergangenen Sommer sprechen ihre eigene Sprache über diese »frühkindlichen Bildungsstätten«!

Ein weiteres Manipulationswerkzeug ist die Umdeutung der Sprache, bzw. die Vernichtung feststehender und völlig natürlicher Begriffe wie »Mutter«. Dank Gender Mainstreaming, nach dem das Wort »Mutter« sexistisch ist, heißt es seit Kurzem in der politischen Sprache »Primäre Bezugsperson«.

Auch die Schaffung von Scheintatsachen gehört zum politischen Propaganda- Katalog: Nachdem man jahrelang den Müttern einredete, sie sollten arbeiten gehen, weil schließlich »jede Frau arbeiten will«, wird ihnen nun suggeriert, dass Fachleute ihre Kinder weitaus besser erziehen könnten als sie selbst, nach dem Motto: »Frühkindliche Bildung gibt es nur in Kitas, qualifiziertes Fachpersonal sorgt für einen hohen Bildungsstandard. Das können die Mütter heutzutage nicht mehr leisten.« Und schließlich sollte doch jedes Kind ein Recht auf »frühkindliche Bildung« haben, oder? Ob die Mutter, pardon, die primäre Bezugsperson es nun verstehen mag oder nicht.

Dass die familienpolitischen Ziele inzwischen noch viel weiter gediehen sind, um dem Staat die Erziehung der Kinder möglichst lückenlos zu überlassen und die Eltern fortwährend weiter aus Erziehung und Familienthemen ausbooten, ist auch schon beschlossene Sache: Denn nicht erst einmal schlitterten die bundesdeutschen Familien an einem festen Vorhaben der ehemals schwarz-roten Koalition vorbei, die das Recht eines jeden Kindes auf »frühkindliche Bildung« im Grundgesetz festschreiben wollte, was unter den wohlklingenden Titel »Kinderrechte in die Verfassung« gepackt wurde. Und dafür sind schließlich doch viele, oder? Aber Achtung: Ungeachtet dessen, dass Kinderrechte zu Menschenrechten zählen und diese natürlich längst festgeschrieben sind, bedeutet dies in Wahrheit nichts anderes als die Tatsache: Wenn es eines Tages zu den geforderten Kinderrechten in der Verfassung kommt – allzu lange wird es nicht mehr dauern – bedeutet dies unter anderem eine vom Gesetz vorgeschriebene Kitapflicht, vergleichbar der Schulpflicht! Verheerende Aussichten, die jedoch immer wieder unter Begriffen wie Freiheit und Gerechtigkeit, vor allem aber »Bildung« gepriesen werden.

Auch das Erzeugen von Angst gehört zum politischen Manipulationshandwerk. Im Zusammenhang mit der Behauptung, Kinder würden ohne »frühkindliche Bildung«, also ohne professionelle Erziehung in ihrer Entwicklung zurückbleiben, wird dies verdeutlicht an folgendem, einfachen Beispiel, welches stellvertretend für zahlreiche weitere steht: Der Arbeitskreis »Neue Erziehung« verteilt kostenlos einen Elternbrief zur Geburt eines Kindes. Dort wird jungen Familien nahe gebracht, dass es das Beste sei, sein Kind maximal ein Jahr lang selber zu betreuen und es dann in eine Krippe oder Kindergarten zu geben. Wörtlich heißt es: »Aber zwei oder drei Jahre zu Hause bleiben, ohne Kollegen, Abwechslung durch den Beruf, selbst verdientes Geld?«  Wer traute sich hier noch, den Wunsch zu äußern, zu Hause bleiben zu wollen, um das Kind selber zu erziehen?

Dass auch die Verunglimpfung Andersdenkender zum Plan gehört, versteht sich von selbst: Wer heutzutage über Begriffe wie »natürliche Familie« oder »Mutter« spricht, läuft nicht selten Gefahr, in die rechte Ecke geschoben zu werden. Unterstützung erhalten die politischen Parteien, von denen keine einzige sich mehr für die genannten Begriffe starkmacht, aus dem linksfeministischen Lager, deren Vertreter nicht selten an den Machthebeln in den öffentlichen Medien zu finden sind. Störende Gruppierungen, Organisationen und auch Einzelpersonen werden auf diese Weise blitzschnell diskreditiert und aus der Öffentlichkeit entfernt.

Mit den genannten Methoden wurde der Gesellschaft in den letzten Jahren der Glaube aufgezwungen, dass:

  • Frauen arbeiten wollen;
  • Frauen beides wollen: Beruf und Familie, sie sehnen sich geradezu nach Vereinbarkeit;
  • Frauenerwerbstätigkeit und Krippenausbau die Geburtenrate erhöhe;
  • Frauenerwerbstätigkeit vor Kinderarmut schütze;
  • Kinder frühe Bildung bräuchten;
  • Familienförderung nicht bei den Kindern ankomme;
  • Elternhäuser keine adäquate Bildung für ihre Kinder bieten könnten;
  • Mütter, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, Schmarotzer dieser Nation seien;
  • Frauenerwerbstätigkeit den Fachkräftemangel beseitigen könne.

Alle genannten Punkte jedoch sind nachweislich falsch! Inzwischen musste das Bundesfamilienministerium einräumen, dass der Ausbau der Krippenplätze auf 750.000 bis 2013 nicht mehr als Faktor für die Erhöhung der Geburtenrate gesehen werden könne. Man sei unsicher, wie der demografischen Krise wirklich effektiv begegnet werden könne, musste der Soziologe Prof. Dr. Hans Bertram vor wenigen Monaten vor der Presse einräumen, der das Bundesfamilienministerium seit Jahren berät. Nach seiner Ansicht könne man frühestens im Jahr 2015 verbindlich sagen, ob der Krippenausbau sich positiv auf die Geburtenrate auswirke.

Wie viele Unwahrheiten ungeprüft durch Parteien und einzelne Politiker in die Öffentlichkeit dröhnen, zeigt das beeindruckende Beispiel der ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, die in der ARD-Fernsehsendung Ich stelle mich! 2007 Publikumsfragen vor laufenden Kameras beantwortet hatte. Ihre Aussagen wurden später von Experten durch einen Faktencheck auf den Wahrheitsgehalt geprüft. Dazu gehörten die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Lieselotte Ahnert, der Richter am hessischen Familiengericht Darmstadt, Dr. Jürgen Borchert, und der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Familienverbandes, Siegfried Stresing. Das beeindruckende Ergebnis: Von zehn Antworten waren zehn falsch!

Eva Herman

Frühe Kindheit in der DDR

Frühe Kindheit in der DDR

Vorbemerkung

Der überwiegende Teil dieses Textes entstand 1990 in einer Atmosphäre des Umbruchs, als erster Versuch, mit den anderen Deutschen jenseits der Grenze über Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachzudenken. Im Nachdenken und Materialsammeln für diese Arbeit fühle ich mich bis heute von den Umständen und vom Gegenstand her in einer schwierigen Position, da ich in der DDR aufwuchs, arbeitete und die längste Zeit meines Lebens in dieser Gesellschaft lebte. Meine Perspektive wird also nicht objektiv sein, wenngleich sie mehr erfassen will als die unmittelbare Betroffenheit. Ich kann kein Bild liefern, "wie es wirklich gewesen ist in der DDR". Es lässt sich nur eine Sicht der Dinge mitteilen, die zweifach gebrochen wird durch meine innere Welt und die des Lesers. Und Letzterer muss seine "Wahrheit" selbst finden.

Ebenso ist bei der Behandlung des Gegenstandes "Frühe Kindheit" Zurückhaltung nötig, denn noch so viele soziologische Daten, Untersuchungen, Theorien könnten uns nicht die Frage beantworten, warum dieses Kind gerade diese Entwicklung genommen hat. Es kann sich hier also nur um die Bündelung von Phänomenen und Tendenzen handeln. Bei der Beschreibung der Sozialisationsbedingungen und der Psychopathologie stütze ich mich auf die spärlich veröffentlichten soziologischen Daten in der DDR, die biografischen Anamnesen von ca. 500 Kindern und Jugendlichen aus Leipzig und Berlin, die ich während meiner über 15-jährigen Tätigkeit in der Kinderpsychiatrie behandelt habe, sowie auf meine Alltagserfahrungen. Wenn wir aus heutiger Sicht über die frühe Kindheit in der DDR nachdenken, verlangt das besonders, zum einen die Bedeutung einer Frühtrennung von Mutter und Vater, und zum anderen die Qualität der öffentlichen Früherziehung zu untersuchen. Ebenso bedeutsam ist die Frage, wie viel gute Erfahrungen das Kind bis zum Zeitpunkt der Frühtrennung in sich assimilieren, wie viel von der äußeren Elternfigur es in ein inneres Objekt einbauen konnte, das ihm hilft, sowohl die Schmerzen, die aus der Frustration der Getrenntheit entstehen als auch die neue Welt und die Ersatzfiguren anzunehmen. Die Antwort erfordert eine individuelle Analyse der Biografien, die dieser Beitrag nicht liefern kann.

Die Lebenswelt der DDR - Gesellschaft und Erziehung in den ersten Jahrzehnten

Die Nachkriegszeit in Deutschland wurde anfangs dominiert von Verleugnung ("Wir sind es nicht gewesen") und durch "manische Selbstreparation". Aber innerhalb weniger Jahre entwickelten sich zwischen dem demokratischen Teil und der Diktatur der Arbeiter- und Bauernmacht wesentliche Unterschiede, die das Selbstverständnis und Befinden der Deutschen im geteilten Land prägten. Aus der DDR rollte ein großer Teil des Aufbauwerkes gen Osten in die Sowjetunion, um die Kriegsschuld abzutragen. Moralisch gesehen, waren damit "wir in der DDR die besseren Deutschen". Ein scheinheiliger Schluss, der ein inneres Umdenken blockierte. Jede Hand wurde gebraucht, und es war immer noch nicht genug. Deshalb räumte man Frauen und Müttern in der DDR von Anfang an eine neue Position ein, indem man sie den Männern „gleichstellte" und beide Geschlechter als "werktätige Bevölkerung" neutralisierte. Die Mehrfachbelastungen der Frauen durch Familie, Berufsleben sowie gesellschaftliche Verpflichtungen galten als "Befreiung". Diese "Emanzipation", importiert aus der Sowjetunion, wurde von außen über die Frauen gestülpt und hatte wenig mit innerer Freiheit zu tun. Ebenso wurde propagiert, dass ein von der "Ausbeutung befreiter Mensch" nun auch seelisch frei und unbeschwert sei, als gäbe es kein unbewusstes Fortwirken von Diktatur und Rassismus, Schuld und Leid. Wir würden heute von einer verleugneten transgenerationalen Transmission sprechen. Andersdenkende wurden hart bestraft und verfolgt. Gegenüber Intellektuellen herrschte ein tiefes Misstrauen.

"Tod den Imperialisten; Nieder mit dem Klassenfeind; Alle Kraft für den Aufbau des Sozialismus; Alle Macht der Partei!" - so lauteten die totalitären militanten Parolen, verkündet von Politikern und Funktionären, die, selbst unter repressiven Verhältnissen aufgewachsen, nicht spürten, dass sie mit ihrer Radikalität gerade das fortsetzten, was sie eigentlich zu verlassen glaubten.

Diese Parolen, so hohl sie sich anhören mögen, realisierten sich ganz konkret in den Entwicklungsbedingungen und im Erziehungsstil. Die kurze Blütezeit der Psychoanalyse und ihre Auswirkung auf die Pädagogik in Kindergärten der nachrevolutionären Sowjetunion war schon 1929 vorüber, wie der Psychoanalytiker und Kommunist Wilhelm Reich an Ort und Stelle in Moskau feststellen musste (Boadella, 1981). (Der Reichianer David Boadella entwickelte die Biosynthese-Therapie. Er hielt bereits in 1980er Jahren inoffizielle Fortbildungsworkshops in der DDR) Hier sei auf die Arbeiten von Sabina Spielrein und Vera Schmidt über die psychoanalytische Erziehung in Sowjetrussland verwiesen. Die Vermutung liegt nahe, dass nicht nur die Respektierung der kindlichen Sexualität, sondern auch die Anerkennung des Unbewussten, Unkontrollierbaren, die Praxis der wertfreien Beobachtung von Kindern, die Anerkennung einer individuellen inneren Welt keinen Platz in einer Diktatur hatten.

"Sowjetpädagogen sprachen unumwunden vom Programm menschliche Persönlichkeit, von deren Projektierung, die sich in entwicklungslenkenden Anforderungssystemen niederschlug", so Hans-Dieter Schmidt (1997, S. 20). Kaum bekannt ist, dass der jüdische Schriftsteller Arnold Zweig, 1948 aus Israel in die DDR zurückgekehrt, plante, psychoanalytische Pädagogik und Therapie in Ostdeutschland wieder zu etablieren. Er versprach Anna Freud in einem Brief "eine Umorientierung unserer Leute in Sachen S. Freud und seines Lebenswerkes, die zum 100. Geburtstag Freuds schon für die DDR geschafft sein sollte ... Den Umschwung in der Öffentlichkeit gedenke ich selber herbeizuführen, denn die Bedeutung von Pawlowschen Arbeiten und die Sigmund Freuds unterstützen einander, anstatt einander zu hemmen" (Zweig, 1968, S.350). Voller Illusionen über die Vereinbarkeit der Psychoanalyse mit dem ostdeutschem Sozialismus- und Demokratieverständnis täuschte er sich in der Beurteilung der politischen Verhältnisse. Nach der nationalsozialistischen Diktatur traf er, wie viele Exilanten, auf eine politische Führung, die selbst die Kriterien bestimmte, nach denen das kulturelle Erbe, Kunst und Literatur zu messen seien. Er wollte bereits 1942, dass nach einem Friedensschluss ein System von Kindergärten, über ganz Deutschland verstreut, sich mittels psychoanalytischer Schulung und Pädagogik an das "Friedenswerk" machen sollte. Er wollte eine Kindergartenpflicht einführen, die sich mit Beobachtung und Erziehung der Kleinkinder befasste. Zweig, obwohl mit hohen Ämtern in der Kulturpolitik der DDR betraut, fand dafür in Ostdeutschland keine Unterstützung.

Kinder wurden bis Ende der 1950er Jahre überwiegend in der Großfamilie oder in Wocheneinrichtungen aufgezogen. Die Anzahl der sogenannten Wochenkrippen oder Säuglingsheime bzw. Wochen-Kindereinrichtungen war verhältnismäßig hoch und ihre Dienstleistung wurde von den Familien auch gerne angenommen. Die Härte, die Mütter oft gegenüber der Trennung von ihren wenige Wochen alten Kindern aufbrachten, wird verständlicher, wenn man hinter den realen kargen Lebensumständen den fortwirkenden Einfluss der "hartmachenden" Erziehungsideologie der Nazizeit anerkennt. Eine Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Mitglied der SED, verdeutlichte mir in einem Gespräch die damalige Haltung der Mütter: "Wir waren überzeugt, unseren Kindern geht es gut dort. Im Säuglingsheim hatten sie es sauber und warm und bekamen reichlich zu essen. Und am Wochenende haben wir sie oft nach Hause geholt. Wir sahen unsere Aufgabe in der Gesellschaft." Ein wenig Bedauern schwang in ihrer Schlussfolgerung mit: "Heute würde ich es wahrscheinlich anders machen." Zu weiterem Nachdenken war sie allerdings nicht bereit.

Einer der führenden Psychiater der DDR beschreibt 1956 in einer Fachzeitschrift die damalige Vorstellung über kindliche Entwicklung: "...Der Mensch wächst von Anbeginn an in ständig sich erweiternde gesellschaftliche Beziehungen hinein ... Von deren Organisation hängt es in erster Linie ab, ob wir entwicklungsgestörte und heilbedürftige oder organisch und moralisch gesunde Kinder vor uns haben. Wo Kinder künstlich von allen zwischenmenschlichen Beziehungen isoliert gehalten werden, entstehen die Kaspar-Hauser-Typen ... Es handelt sich um Wachstumsprozesse, in denen sich die Gesetzmäßigkeiten des dialektischen Materialismus mit aller Deutlichkeit manifestieren" (Müller-Hegemann, 1956, S. 46).

Mitte der 1960er Jahre begann der Ausbau eines Tagesversorgungsnetzes für Kleinkinder, das bis zur Wende in seinem Umfang einmalig für ganz Europa blieb. Bereits ab der 6. Lebenswoche standen ganzjährig öffentliche Kinderkrippen zur Verfügung, die von Montag bis Freitag zwischen 6.00 und 18.00 Uhr, in Ausnahmefällen auch bis 20.00 Uhr, Kinderbetreuung anboten. Nahtlos wurden die Krippenkinder ab dem 3. Lebensjahr in den Kindergarten übernommen. Und im Schulalter konnten Kinder bis zum 10. Lebensjahr nachmittags den Schulhort bis 16.00 Uhr besuchen. In den Ferien gab es die Ferienspiele sowie betriebseigene Ferienlager. So konnte ein Kind für einen minimalen Unkostenbeitrag quasi von der 6. Lebenswoche an in gesellschaftlichen Institutionen aufwachsen und eine öffentliche Erziehung erhalten. Ca. 85 Prozent der null- bis dreijährigen und ca. 90 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder besuchten Tageseinrichtungen.

Lediglich in der Tschechoslowakei wurde ein ähnliches Krippen-Versorgungsnetz aufgebaut. Zwischen den 50er und 70er Jahren entwickelte sich dort das in Europa dichteste Netz an Säuglingsheimen und Kinderkrippen. Man beforschte die Auswirkungen frühkindlicher Kollektiverziehung, allerdings ohne näher auf die Qualität der Früherziehung einzugehen. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass psychische Deprivation sowie die Übertragung der psychischen Deprivation von einer Generation auf die nächste als Folge von Frühtrennungen und kollektiver Früherziehung auftraten, wurden diese Ergebnisse offen und relativ ideologiefrei diskutiert und in der Sozialpolitik umgesetzt. Man reduzierte Anfang der 70er Jahre die Plätze auf ein Angebot für 25 Prozent aller Null- bis Zweieinhalb-Jährigen (Matejcek 1968, 1988 S. 98-111).

Fast gegenläufig verlief die Entwicklung in der DDR. Dort bestand quasi ein Zwang, das Kind so früh wie möglich in eine Einrichtung zu geben, flankiert vom gesetzlich erlaubten Schwangerschaftsabbruch, der kostenfreien Anti-Baby-Pille und einem monatlichen Haushaltstag für Mütter. Wer dies nicht tat, scherte aus der gesellschaftlich geforderten Bürger- und Elternpflicht aus, was immerhin über 10 Prozent der Eltern taten. Eva Schmidt-Kolmer, federführende Verfasserin der Erziehungspläne für Krippen, (Professor Schmidt-Kolmer leitete die Zentralstelle für Hygiene des Kindes- und Jugendalters in Berlin und entwickelte Erziehungsprogramme für Kinderkrippen) vertritt in der Arbeit "Die Rolle der zwischenmenschlichen Beziehungen für die Gesundheit des Kindes" 1961 eine wissenschaftliche Auffassung, die sich völlig mit dem staatlichen Erziehungssystem und der Praxis der Frühtrennung deckt:

Ganz im Gegensatz zu den Behauptungen der Psychoanalytiker wie Spitz, Bowlby usw., dass die Mutter-Kind-Beziehung in der frühesten Kindheit die entscheidendsten und ausschlaggebenden zwischenmenschlichen Beziehungen sind, konnten Untersuchungen von Damborska, Pease und Gardener sowie unsere Untersuchungen der Auswirkungen des Umweltwechsels bzw. der Trennung von der Mutter in den ersten Lebenswochen und -monaten zeigen, dass der junge Säugling diese Trennung kaum oder gar nicht bemerkt, wenn seine Bedürfnisse in adäquater Weise gestillt werden ... Das Fremdeln ist nicht, wie die Psychoanalytiker behaupten, der Ausdruck einer depressiven Phase, sondern ein Ergebnis des fortschreitenden Unterscheidungsvermögens des Kindes. Kommen Kinder in Wochenkrippen und Dauerheimen nur selten in unmittelbaren Nahkontakt mit dem Erwachsenen, dann bleiben sie in ihrer körperlichen wie psychischen Entwicklung zurück, weil ihre höhere Nerventätigkeit nicht genügend trainiert wird und sie häufig Hemmungszustände zeigen (...) Der Anteil der verhaltensgestörten Vorschul- und Schulkinder ist bei uns wesentlich niedriger als in Westdeutschland (...) Die Pflege und Erziehung der kommenden Generation wird eine Gemeinschaftsarbeit zwischen der Familie und den gesellschaftlichen Kindereinrichtungen sein. (Schmidt-Kolmer 1961)

Im universitären Bereich entstanden Gegenströmungen. Der Entwicklungspsychologe Hans-Dieter Schmidt weicht in verschiedenen Arbeiten wie "Bild des Kindes", "Kompetenz des Säuglings und Kleinkindes", "Entwicklungswunder Mensch" die offizielle Sicht vom Einheitsmenschen auf und distanziert sich von der "Sozialisationshypothese" (Schmidt, 1977). (Hans-Dieter Schmidt, Professor an der Humboldt Universität, wurde für seine mutige Arbeit "Bild des Kindes" mit einem Reiseverbot ins westliche Ausland belegt). Seine Sicht wurde in der Öffentlichkeit gar nicht und in der Fachwelt kaum diskutiert. Dennoch blieb sie nicht ohne Auswirkungen. Ab 1974 wurde die Freistellung der Mutter zur Betreuung ihres Babys verlängert und 1976 sogar das "Mütterjahr", eine Freistellung von der Berufstätigkeit über 12 Monate bei 70 Prozent des Grundgehalts ab dem zweiten Kind, eingeführt. Allerdings entschlossen sich nicht wenige Eltern, ihre Kinder dennoch schon vorzeitig in die Krippe zu geben. Ab 1986 lag dann der Zeitpunkt der Aufnahme eher um das 1. Lebensjahr, und später wurde sie auch mit einer stundenweise Eingewöhnungszeit verbunden.

Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer skizzierte der westdeutsche Kleinkindpädagoge Hans Joachim Laewen die Situation in der DDR. Seiner Ansicht nach besteht das Grundrecht eines jeden Kindes "(...) in seinen Äußerungen, Absichten und individuellen Entwicklungsentwürfen beachtet und ernst genommen zu werden, ein Recht, das sowohl durch unwissende oder egozentrische Eltern als auch durch ein in Kindertagesstätten oder Familien exekutiertes rigides Erziehungsprogramm ernsthaft gefährdet sein kann." Es sprach für ihn vieles dafür,

(...) dass in den Krippen und Kindergärten der DDR dieses (...) Kinderrecht systematisch missachtet wurde, was nicht heißen muss, dass dies in jedem Einzelfall geschehen ist. Die Ursachen dafür liegen offenkundig nicht in diesen Einrichtungen der Tagesbetreuung selbst, sondern in dem Missverhältnis zwischen individueller Freiheit einerseits und Kontroll- und Lenkungsansprüchen von Staat und Partei andererseits, das das öffentliche Leben der DDR insgesamt charakterisierte. Mein Eindruck ist, dass sich das Prinzip der führenden Rolle der Partei der Arbeiterklasse durch alle gesellschaftlichen Bereiche der DDR hindurch bis eben auch hin zu dem Prinzip der führenden Rolle der Erzieherin gegenüber dem Kind durchsetzte. Es ist dieser Geist eines umfassenden Kontrollanspruchs gegenüber dem Individuum, der in der Pädagogik der DDR und damit auch im "Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen" zu finden ist, den ich als niederschmetternd erlebte. (Laewen, Andres, Herdervari 1992, S. 45)

Die Situation in den Kinderkrippen

Seine Sicht deckt sich weitestgehend mit meinen Erfahrungen. Das Leben vollzog sich in dieser Zeit von frühester Kindheit bis in das Erwachsenenalter überwiegend in hierarchisch strukturierten Klein- und Großgruppen nach dem Modell: Führer - Geführter, Rede ohne Gegenrede. Der Wert des Einzelnen war den Normen der Gruppe total untergeordnet. Dass das multilaterale Leben in Gruppen einen gewaltigen Entwicklungsanreiz bieten kann, soll damit nicht in Frage gestellt werden.

Die Primärgruppe Familie hilft, Basisfunktionen wie Vertrauen, Bindungsfähigkeit, Interesse an der Welt auszubilden. Wir sprechen von einer notwendigen förderlichen Umwelt. Voraussetzung ist ein stabiles Eltern-System, das ausreichend Energie und Zeit besitzt, die Selbstregulationsfähigkeit des Kindes zu stützen. Das geschieht in erster Linie durch ausgeglichene Anwesenheit der Eltern und deren Fähigkeit, eigenes Befinden, eigene Bedürfnisse als getrennt von denen des Kindes zu erleben, um somit auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen zu können. Gleichzeitig werden durch die familiäre Primärsozialisation indirekt Werte, Normen und Ziele der Gesellschaft vermittelt, da die Eltern meist unbewusst und unreflektiert wertende Akzente durch bestimmte Gefühlsgeladenheiten setzen. Da der Übergang in die sekundäre Bezugsgruppe der Kinderkrippe sehr früh erfolgte, anfangs ab der 6. Lebenswoche, nach 1974 ab der 12. Lebenswoche und nach 1976 ab dem 12. Lebensmonat und betraf 85 Prozent aller Kinder betraf, blieb nur wenig Lebenszeit für die Einübung eines Dialogs zwischen Mutter/Eltern und Kind und für den Aufbau innerer Primärobjekte und Arbeitsmodelle.

Ist die alleinige Tatsache einer zu frühen Trennung vom Elternhaus automatisch gleichzusetzen mit einem psychischen Trauma? Höchstwahrscheinlich müssen wir dies dann bejahen, wenn nicht ein verstehend-haltgebender Anderer, der sich auf die Individualität des Babys einlässt, die äußere Leerstelle von Mutter oder Vater einnimmt.

Obwohl Bowlbys Attachment- Forschung und die Objektbeziehungstheorie in den strukturbestimmenden Kreisen, wie zum Beispiel im Institut für Hygiene des Kindes- und Jugendalters der DDR, nicht unbekannt waren, wurden die Risiken zu früher Trennung, wie bereits oben zitiert, verleugnet. Selbst viele Psychotherapeuten fanden Bedenken wegen zu großer Gruppen gleichaltriger Babys und Kleinkinder, häufigen Betreuerwechsels, wegen zu langer täglicher Trennungen von neun bis zehn Stunden, wegen des repressiv-reglementierenden Erziehungsstils mit ideologischer Früherziehung und Hinweise auf den abendlichen Stress mit überlasteten, müden Eltern lächerlich und übertrieben.

Die staatlich erwünschte und geförderte Erziehungspraxis besaß ein doppeltes Gesicht: Einerseits boten die zahlreichen Institutionen von Geburt an Eltern und Kindern einen stabilen Rahmen für den Tagesablauf im Wochen- und Jahresrhythmus und preisgünstige, zuverlässige, gruppenbezogene Strukturen, auf die man jederzeit zurückgreifen konnte. Kein Kind war ohne Aufsicht. Andererseits entwickelten sich formale und inhaltliche Kontrollmöglichkeiten bis in die Familie hinein, was dazu führte, dass Eltern ihre Erziehungsverantwortung abgeben konnten, ja fast abgeben mussten und sich ein individuelles Entwicklungsprofil und Selbstempfinden des Kindes nur schwer entwickeln konnten.

Wenn ein kleines Kind um das 1. Lebensjahr allmählich beginnt die Welt zu erkunden, den Schritt im wahrsten Sinne des Wortes in die Welt zu tun, so geschieht das im Schutz vorhandener vertrauter Personen oder deren innerer Bilder. Die Erweiterung des Lebensraumes vollzieht sich in einem gewaltigen Tempo, aber sie ist gebunden an den verstehenden Anderen. So trafen die Kinder in den Erziehungseinrichtungen oft auf Umstände, die man durchaus als traumatisierend bezeichnen könnte.

Die Kleingruppen betreuten in der Regel zwei Erzieherinnen, die sich im 2-Schicht-System zwischen 6 und 20 Uhr ablösten. Vorgegeben waren Gruppengrößen von acht bis zehn Kindern, de facto kamen aber 20 und mehr gleichaltrige Kleinstkinder zusammen.

Der Tagesablauf verlief nach Plan straff strukturiert, mit festen Fütterungszeiten, gleichzeitigem "Töpfen", Gruppenspaziergängen, Zeiten für angeleitetes und freies Spiel, Sportübungen und später auch Beschäftigungszeiten.

Den geistigen Hintergrund bildete laut Erziehungsplan die Erziehbarkeit und Erziehungsbedürftigkeit des Menschen vom 1. Lebenstag an (s. "Pädagogische Aufgaben und Arbeitsweise der Krippen"). Das Kind sollte mittels Bildung und Erziehung allmählich "gefüllt" werden. Die Vorstellung, man könne aus jedem Kind alles machen, wenn es nur recht erzogen werde, bestimmte das Handeln.

Die Zeitstruktur gaben Erwachsene vor. Der Erziehungsplan stand vor einer Beziehungsgestaltung. Vor individueller Hinwendung sogenannter "Extravaganzen" wurde gewarnt. Und selbst wenn Krippenerzieherinnen diese Auffassung nicht teilten, war es ihnen praktisch kaum möglich, als emotionaler Bezugspunkt zu wirken, weil viel zu viele Kleinstkinder mit gleichgerichteten Bedürfnissen gleichzeitig zu versorgen waren. Nur wenige Krippenerzieherinnen sind heute bereit, über ihre damalige Arbeit zu sprechen: "Ich darf gar nicht daran denken, wie wir die Kinder getrieben und kommandiert haben. Schon damals dachte ich, das kann nicht gut sein." Eine andere Erzieherin erinnert sich. "Wir mussten den Brei regelrecht reinstopfen, denn alle hatten gleichzeitig Hunger." Im Zentrum der Erziehung stand die Einordnung ins Kinderkollektiv.

Die Bezeichnung "Kinderkollektiv" für Kindergruppen zwischen dem 1. und 3. Lebensjahr unterstützt dieses Missverständnis. "Ein Kollektiv als bestentwickelte Form der Gruppe besteht aus sozialistischen Persönlichkeiten, (...) ist auf optimale Entwicklung seiner Mitglieder orientiert (...) die im gemeinsamen Handeln Aufgaben gewissenhaft erfüllen und sich gegenseitig zu erwünschtem Verhalten erziehen", so lautete die Definition im psychologischem Wörterbuch der DDR. Dazu sind Kleinstkinder nicht in der Lage. Laewen kritisiert diesbezüglich das "Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen", in welchem "(...) die Ordnungsprinzipien der DDR nicht schwer zu erkennen sind. Sie finden ihren für mich deutlichsten Ausdruck in der unablässigen Verwendung von Lenkungsvokabeln wie "Die Erzieherin beachtet, nutzt, führt, lenkt, richtet, hilft, fordert, weckt, sichert, sorgt, hält, organisiert, präzisiert, motiviert, informiert (...)" und schließlich "sie befähigt". Alle Aktivität wird der Erzieherin aufgenötigt, das Kind wird zum Objekt von "Befähigungsbemühungen", deren Erfolg überprüft wurde" (Laewen et al, 1991, S. 45f). Vermutlich war es deshalb verbreitet, dem Kind schon im Alter von einem Jahr willentliches Verhalten zuzuschreiben: "Es will bloß nicht, es bockt, es war schon im ersten Lebensjahr böswillig, es hat etwas gegen mich." Diese vorzeitige Zuschreibung von Willensfunktionen, die in diesem Umfang eigentlich erst zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr zu erwarten sind, verdeutlicht wiederum, dass zu wenig emotionaler Kontakt zur Bedürfnislage der Kinder bestand bzw. dass die Eltern und Erzieherinnen ihre emotionale Überforderung in das Kind projizierten.

Übergangsobjekte, die die Trennung von den primären Beziehungspersonen hätten erleichtern können, wurden nur ungern geduldet wegen Infektionsgefahr durch Verschmutzung, Neid der anderen Kinder, Zerstörungsgefahr; nicht erwähnt wurde die Skepsis gegenüber jeglicher Individualität.

Die Sauberkeitserziehung ist die erste eigentliche soziale Krise des Kindes in unserem Kulturkreis. Sie eröffnet die Chance, eine "ich will - ich will nicht"-Autonomie zu entwickeln, körperlich Hergeben oder Behalten zu spüren, sich psychisch im Trennen zu üben, Stolz zu erleben, aber auch die Gefahr, erstmals gebrochen, beschämt zu werden. Gegen Ende des 2. Lebensjahres klärt sich, welche Gefühle im Kind überwiegen: Schuld und Scham oder Stolz und Bewusstheit, dabei spielt die Erziehung zur Sauberkeit eine zentrale Rolle (Erickson, 1950). Dressur, Zwang, Vorwürfe, Strafen, Beschämung vor anderen Kindern und Eltern, z. B. mit der Windel ins Gesicht geschlagen werden, war leider keine Seltenheit. Dies wurde vermutlich nicht wegen der Pflegeerschwernis so praktiziert, sondern weil Sauberkeit einen hohen Symbolwert für Eltern und Erzieherinnen hatte. Sie galt als Ausdruck von Gehorsam, Erziehungstüchtigkeit, Leistungsfähigkeit.

Die sogenannte Trotzphase fällt in der Regel mit dem Höhepunkt der "Sauberkeitskrise" um das 4. Lebensjahr zusammen, indem das Kind auch schon über differenzierte sprachliche Mittel verfügt. Es war verblüffend, wie viele Kinder, die uns wegen aggressiver Durchbrüche oder Anpassungsstörungen im Schulalter überwiesen wurden, nach den Angaben ihrer Eltern nie getrotzt oder aufbegehrt hatten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begannen sich die Erziehungsziele von Institution und Familien bezüglich Ordnung, Disziplin, Sauberkeit, Einordnung zu decken. Wenn die Eltern uns die frühen Jahre schilderten, berichteten sie kaum von gemeinsamem Spiel und Spaß mit den Kindern in dieser Zeit, sondern von gemeinsamer Pflichterfüllung, auch dass sie sich beschämt fühlten, wenn ihr Kind bis zum 3. Lebensjahr noch nicht sauber gewesen sei, und peinlichen Szenen beim Abholen aus der Krippe, auf deren Wohlwollen sie sich angewiesen fühlten.

Unsicher gebundene und sehr früh getrennte Kinder reagierten scheinbar kaum auf die Trennung und den Wechsel in die Kinderkrippe, was Mütter als Ergebnis ihrer konsequenten Erziehung ansahen und mit viel Stolz erzählten. Diese "pflegeleichten" Kinder waren deshalb relativ beliebt, wenngleich ihr Entwicklungstempo oft langsamer verlief. Häufig erkrankten Kinder im ersten Vierteljahr an Infekten insbesondere spastische Bronchitiden, die man auch als stecken gebliebenes Weinen oder Schreien auffassen könnte. In Kinderkliniken wurden spezielle Stationen eingerichtet, die Kinder mit solcherart Erkrankungen, die man als Adaptionssyndrom bezeichnete, aufnahmen. Kinderärzte waren angehalten, das Kind frühzeitig wieder in das "Kinderkollektiv" zurückzuführen bzw. stationär einzuweisen. Dass es sich um die Somatisierung einer psychischen Überforderung handeln könnte, wurde dabei nicht bedacht. Das Adaptionssyndrom wurde mit einer gewissen Brutalität von Seiten der Eltern und Erzieher und von Kinderärzten bekämpft. "Da muss man durch. Das ist eben so. Das wird schon wieder." Andere Kinder reagierten nach anfänglich heftigem Protest mit psychischen Auffälligkeiten wie Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Ängstlichkeit, Spielunlust.

Weinende und schreiende Kinder gehörten so sehr zum Krippenalltag, dass die individuelle Not gar nicht auffiel. "Selbst wachsame Eltern, die die Veränderungen ihres Kindes durchaus wahrnehmen, griffen eher zu Süßigkeiten, Spielzeug, Medikamenten entsprechend eigener oraler Bewältigungsmuster", bemerkte eine kritische Pädiaterin in den 1970er Jahren (Kühn, 1986).

Vermutlich wirkten die Veränderungen wie ein Riss und waren nicht integrierbar, weil einerseits die Trennung von den primären Bezugspersonen zu plötzlich und zu lange eintrat, nämlich täglich neun bis zehn Stunden, und andererseits in der Sekundärgruppe zu wenig stützende Kräfte bestanden i.S. eines Erwachsenen, der sich empathisch und ausreichend engagierte. Meist wurde das Kind in seinem Schmerz oder Rückzug allein gelassen. Statt es zu umwerben, statt individueller Bestätigung und Verständnis im Dialog wurde das Kind sich selbst überlassen oder ausgeschimpft.

Noch Anfang der 1990er Jahre begegnete ich in einer Kindertagesstätte, die mit ehemaligen DDR-Erziehrinnen arbeitete, dieser Einstellung: Ein Kleinstkind, dass die ersten Tage alleine in der Krippe verbrachte, lag während meines einstündigen Besuchs ununterbrochen schreiend unter einer Bank, ohne dass sich eine der drei Erzieherinnen, die durchaus Vakanzen hatten, regte. Meine Frage, welche pädagogische Absicht damit verbunden sei, wurde mit Erstaunen aufgenommen. Man dürfe das Kind nicht verwöhnen, war die einhellige Meinung. Das erscheint uns im Nachhinein besonders schmerzlich, da Trennungsängste durchaus abgemildert werden können, wenn ein Erwachsener einfühlend darauf eingeht (Robertson & Robertson, 1967). Nicht die Entwicklungspsychologie oder Soziologie, sondern die Neurobiologen konfrontieren uns mittlerweile mit der Erkenntnis, dass nichts ein Baby so stresst und ängstigt wie die frühe Trennung von seiner Mutter (Hüther, 2002).

Ein Kind wuchs also in den ersten Lebensjahren in einem stabilen äußeren Rahmen auf, der es wie ein Korsett oder Exoskelett umhüllte, während es nur wenig Gelegenheiten gab für die differenzierte innere Entwicklung seiner psychischer Struktur i.S. einer Selbstregulation oder eines emotionalen Endoskeletts (Bion, 1962). Und gleichzeitig musste es sich aufgrund der überfüllten Gruppen schlicht seiner Haut wehren und durch lautes Verhalten bemerkbar machen. Aktuelle neurobiologische Erkenntnisse zeigen, dass anhaltender Stress bei kleinen Kindern die primitiven neuronalen Regelkreise stabilisiert, während differenzierte cortical-subcorticale Verschaltungen sogar inhibiert werden können, so dass ein Lernen aus Erfahrung kaum stattfindet (Hüther, 2002) und das Erleben auf somatischer Ebene fixiert, kaum von Gedanken begleitet oder mentalisiert werden kann. Dann gelingt es auch wenig, sich differenziert in den Anderen hineinzuversetzen (Fonagy, 2005), was fatale Folgen für das Zusammenleben hat. Ein Kind kann die Sekundärgruppe durchaus bereichernd erleben, denn man kann eine multilaterale Identifikation mit anderen Erwachsenen der Sekundärgruppe erwarten, wenn sich diese als Bezugspartner, als Identifikationsfiguren, anbieten.

Vermutlich führte die Verschränkung von zu früher Aufnahme in zu große Kindergruppen mit autoritärer Organisation sowie rigiden Erziehungsprogrammen und die mangelnde Verfügbarkeit der Primärgruppe und der unzureichende Aufbau eines stabilen, guten inneren mütterlichen Objekts zu einer verfrühten Ich-Bildung mit hoher Selbstkontrolle sowie Selbsthilfeversuchen (Abwehren) im Sinne von Schutzverhalten wie Verschlossenheit, Aggressivität und zu einer gestörten Über-Ich-Bildung, da sich die Verinnerlichung der äußeren Realität nicht über wachsende Identifikation, sondern vorwiegend über Anpassung vollzog. Vielleicht bewirkte diese verfrühte Ich-Bildung eine "zu frühe Unterordnung individueller Wünsche und Interessen unter kollektive Vorstellungen" (Leuzinger-Bohleber, Garlichs 1993 S. 220).

Vielleicht konnte ein Kind auf der anderen Seite aus den Momenten des Verstehens und individueller Zuwendung, die es ja auch gab, ausreichend Nutzen ziehen und einen eigenständigen Kern entwickeln, der seine Entwicklung fortan stärkte.

Der Kindergarten

"Sauberkeit" war in diesem System eine Bedingung zur Übernahme in die nächste Institution, den Kindergarten, den ca. 90 Prozent der 3- bis 6-jährigen Kinder besuchten. Die Kindergärten unterstanden dem Ministerium für Volksbildung. Die Erziehung erfolgte nach einem verbindlichen Bildungs- und Erziehungsplan, mit durchstrukturiertem Tagesablauf, in Gruppen von ca. 20 Kindern ("Programm für Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten"). Lediglich die wenigen konfessionellen Kindergärten konnten freier arbeiten.

Der Plan bot viele Anregungen für musische, körperliche, sprachliche und lebenspraktische Betätigung, aber wieder in vereinheitlichender Form: Zum Beispiel erhielten, als man in den 1980er Jahren das Spiel mit Puppen im Rahmen des Rollenspiels einführte, alle Jungen die gleiche Jungenpuppe und alle Mädchen die gleiche Mädchenpuppe, und das jeweilige Puppengeschlecht trug einen Einheitsnamen. Der Plan ließ wenig Spielraum für das individuelle Entwicklungstempo. Statt den Weg zum Ziel zu erklären, wurde eine prozess- und wachstumsfeindliche Haltung praktiziert als müßte erwünschtes Verhalten sofort und total eintreten. Ein wertfreies "noch nicht" scheint es nicht zu geben.

Unwissenheit der Verantwortlichen können wir nicht annehmen, denn eine unveröffentlichte Studie durch das Institut für Hygiene des Kindes- und Jugendalters Berlin wies nach, dass zu diesem Zeitpunkt durchgeführte, zeitlich sehr aufwendige Trainingsprogramme für entwicklungsrückständige Kindergartenkinder versagten, wenn nicht eine gute, d.h. freundlich geduldige Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern bestand, wenn nicht das Kind den Erwachsenen gern hatte.

Im Kindergarten wird der Umgang mit der Gleichaltrigengruppe zum Bedürfnis, anfangs eher im Paarkontakt, später in kleineren Gruppen. Eine interessante Welt tut sich auf: Freundschaften, Rollenspiele, Kooperationsversuche, Entdecken der genitalen Geschlechtlichkeit, Konkurrenz, Leistenwollen. Die Erzieherin könnte in dieser Zeit allmählich in den Hintergrund treten, die Gruppe selbst an Bedeutung gewinnen, und die Kinder könnten ihre Alltagskonflikte immer mehr untereinander aushandeln. Viele Kindergärtnerinnen beklagten aber gerade im Vorschulalter, dass sie wegen aggressiver Ausbrüche, Neid, Streit, Unruhe, mangelnder Kooperationsbereitschaft gegenüber Gleichaltrigen viel zu häufig regulierend eingreifen mussten, als ob die Kinder sich damit die persönliche Zuwendung erzwängen.

Dieses hohe Maß an Zuwendungsbedürftigkeit und Geborgenheitswünschen war augenfällig im wahrsten Sinne des Wortes. Typisch waren blasse Kinder mit starrem Brustkorb und schmale Lippen, oft mit verkniffenem Mund und ungeschickten, wenig ausgreifenden Bewegungen, die Arme eng am Körper gehalten. Kinder, die nicht selten zu distanzloser Kontaktaufnahme neigten. Dieses Erscheinungsbild erinnert an eine frühe Abwehr, die man schon im Säuglingsalter beobachten kann. Wenn die Angst zu groß wird und keiner da ist, der die Angst aufnimmt, kann sich das Baby nach innen zurückziehen: die Haut wird weniger durchblutet, der Blick leer, es erstarrt oder es wird zur "Puppe", die sich der Umwelt überlässt.

Vorschulzeit und ideologische Früherziehung

In der Vorschulzeit trat die ideologische Erziehung deutlicher in den Vordergrund. Die Kinder erhielten Belehrungen zum Thema Weltfrieden, Solidarität, Waffenbrüderschaft, Klassenfeind, Volksarmee, Sozialismus und lernten entsprechende Lieder, Verse und Rollenspiele. Oft wird heute in Diskussionen die ideologische Früherziehung als besonders schädigend angeführt. Es wäre zu überlegen, wie tief die Parolen, Kampflieder und politischen Rituale die Kleinkinder wirklich erreichten. Eine Verankerung des Freund-Feind-Schemas lässt sich dann vermuten, wenn die gängige Erziehungspraxis die ideologischen Inhalte bestätigte, z.B.: wenn Du nicht gehorchst, bist Du der Feind, wodurch existenzielle Ängste aktiviert werden können. Ich denke, dass diese sprachgebundenen Angebote zwar der Erinnerung leichter zugänglich sind, aber weitaus weniger Einfluss auf die Entwicklung des Selbst hatten als die Ängste im Verlassensein oder der mangelnde Dialog.

Risikofaktoren für ein Aufwachsen in der Diktatur

Im Folgenden wird versucht, soziale und psychodynamische Aspekte zusammenzubringen, um die "Kultur" der Diktatur und ihre Auswirkung auf den Einzelnen verständlich zu machen. Wobei die allgemeinen äußeren Umstände der Diktatur nicht zwangsläufig direkten Einfluß auf die innere Welt des Kindes nehmen. Erst wenn sich Verhalten, Eigenschaften und (un)bewusste Einstellungen der primären Beziehungspersonen mit den der Diktatur (Großgruppe) decken, kann man von einem tiefergreifenden Einfluss ausgehen.

Als allgemeine Risikofaktoren kann man anführen:

  • Paranoide Mechanismen in den öffentlichen Strukturen wie Beobachtung, Kontrolle, Verfolgung – die Bekämpfung von Privatem und Intimem.
  • Projektive Abwehr und Spaltung, die mittels Freund-Feind-Schemata im Umgang mit konflikthaftem Material (z.B. Gewalttätigkeit) vorherrschen und dazu dienen, nicht über sich selbst und eigene problematische Anteile nachdenken zu müssen.
  • Zentralismus der Macht und Entscheidungen mit Verbot der Meinungsvielfalt, einer persönlichen, abweichenden Meinung vom „meinungsgebenden Zentralorgan". Differenz wird als Verrat verstanden.
  • Familiale Gesellschaftsstrukturen, meist von patriachalischer Prägung: Der „Vater" Staat versteht sich als Versorger und Richter und behandelt seine Bürger als "Kinder".
  • Vermassung. Massenideologie und Massenbewegung verstehen sich als Repräsentanten der Psyche der Bürger, so dass letztlich dyadische Konstellationen vorherrschen. Der Einzelne geht unter und findet seine Stabilität in Großgruppenidentitäten (Volkan, 1997).
  • primitives Welterklärungsmodell, das auf infantilisierende Weise Sicherheit verleiht. "Es gibt keine offenen Fragen, sondern nur Antworten." Ideologie besetzt die Stelle, an der nicht mehr (individuell) gefühlt werden darf.
  • Verarmung der individuellen Sprache und Ausdrucksfähigkeit und Überwiegen von Symbolik, Symbolen, Formeln und horizontaler Ansprache. Bereits Viktor Klemperer beschrieb in LTI (Lingua Tertia Imperia) die Sprache der Diktatur der Nazis, wie die Verdinglichung von Menschen und deren Erleben: z.B. Gedankengut, Menschenmaterial. Auf diese teilobjekthafte Sicht traf man ebenfalls in der offiziellen Sprache der DDR.
  • Verarmung der Selbstdefinition anhand eigenen Erlebens und eigener Wirkmächtigkeit.

Risikofaktoren für den Aufbau der frühen Objektbeziehungen, die sich an Schnittstellen zwischen Gesellschaft und (unbewussten) Einstellungen der primären Beziehungspersonen ergeben, sind insbesondere:

  • fehlende Empfindlichkeit der Eltern für Trennung und Verlust, für körperlichen und seelischen Schmerz.
  • geringe Empfindlichkeit der Beziehungspersonen für basale Bedürfnisse des Kleinkindes/Kindes. Das betrifft besonders die Basisbedürfnisse nach Halt, Zuwendung, Bindung, Engagement.
  • fehlende Bereitschaft der Eltern, die Individualität des Kindes anzuerkennen, dafür die Tendenz, es im Sinne eines Selbstobjekts zu nutzen.
  • starke eigene Tendenzen zur projektiven Abwehr, zur Spaltung und damit verbundene mangelnde Ambivalenzfähigkeit.
  • repressive und traditionsgeleitete Erziehungsvorstellungen, die keine Abweichung und Veränderungen dulden. Dann bestimmen Ja oder Nein, Sofort oder Nie die Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern.

Hinzu kommen Risikofaktoren, die sich aus der gesellschaftlichen Struktur der Kleinkind- und Kinderbetreuung ergeben:

  • Frühseparation des Kindes von der Mutter oder primären Beziehungspersonen mit mangelnden oder fehlenden Ersatzbeziehungen und damit verbundener mangelnder Empathie für die aufkommenden Trennungsängste, Ohnmachtgefühle und deren Abwehr. Das betrifft besonders die aggressive Abwehr, Kämpfen und Aufbegehren der Kinder. Das betrifft aber auch mangelndes Verständnis für die individuellen Lösungsversuche des Kindes (Israel, 1990).Die Früheseparation kann sich dann als traumatisierende Frühtrennung auswirken, wenn das zeitliche Vorstellungsvermögen des Kindes überschritten wird, so dass die inneren Objekte / Vorstellungen, Bilder, Arbeitsmodelle noch nicht ausreichend die Zustände der Verlassenheit überbrücken können.
  • Minderung und Abwertung der mütterlichen Feinfühligkeit und der individuellen Verständigungen, des individuellen Dialogs zwischen Mutter und Kind nach dem Motto: "Da muss das Kind durch. Nur nicht verwöhnen. Ordnung, Disziplin und Sauberkeit können nicht früh genug beginnen. Das hat noch niemandem geschadet."
  • Repressive Erziehungspraxis seitens der Betreuerinnen und Erzieherinnen in Erziehungseinrichtungen
  • Vorherrschen von Gruppeninteressen und Gruppenzwängen in den Erziehungs-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, die Anpassung und Solidarität erzwingen und eine aktive Aneignung von Regeln und Mitgefühl behindern. Wenn die Gruppe vorrangiger Lebensort und Erfahrungsquelle ist, dann muss sich das einzelne Kind, um seelisch zu überleben, in die Gruppe integrieren.

Abschließende Überlegungen

Der Beitrag versuchte eine Brücke zwischen äußeren Bedingungen und innerem Erleben, also zwischen Außen- und Innräumen zu schlagen. In Diktaturen bündelt sich das (öffentliche) Leben im Wesentlichen in der Dynamik Verfolgung(Kontrolle) – Verfolgt-Werden(Rache) – erneute Verfolgung (verstärkte Kontrolle), ähnlich der inneren Dynamik, die in der paranoid- schizoiden Position vorherrscht (Klein, 1928). Das erschwert die individuelle Entwicklung.

 

Die frühe Kindheit wurde meines Erachtens in den letzten Jahrzehnten der DDR durch fünf wesentliche Umstände beeinflusst:1. Frühseparation von den Eltern vor dem ersten Lebensjahr mit täglich (zu) langen Trennungszeiten;2. unzureichende Beziehungsangebote in den öffentlichen Erziehungseinrichtungen wegen zu großer Kindergruppen und Vernachlässigung der Beziehungspflege;3. Mangelnde Wahrnehmung oder Respektierung basaler Bedürfnisse nach Halt, Verstehen, Kreativität und individueller Zuwendung;4. Infantilisierte Eltern, die sich (deshalb) von kindlichen Bedürfnissen bedroht fühlen und zu projektiven Tendenzen neigen;5. strukturelle Gewalt der Institutionen durch eine rigide Lenkungspädagogik, die weitestgehend auf den Dialog verzichtet.Selbstverständlich enthält eine solche Überschau Vergröberungen und kann nur die allgemeinen Tendenzen wiedergeben. Natürlich gab es unter den Eltern und all denen, die in ihrem Beruf mit der Pflege, Erziehung und Behandlung von Kindern zu tun hatten, Menschen, die einen Schutzraum für individuelle Entwicklung einrichteten, sich gegen den mainstream stellten, nicht selten verbunden mit Angriffen oder Verzicht auf materielle und berufliche Sicherheiten. Wenn dieser Beitrag besonders die Schwierigkeiten des Heranwachsens beleuchtete, so geschah das nicht, um die DDR als ein Jammertal darzustellen, in dem weder gelacht, geliebt noch gedacht werden durfte, sondern in der Hoffnung, dass wir diese Erfahrungen verwenden, um genauer auf das zu schauen, was wir heute zu verantworten haben.

Literatur:

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September 2008

* Autorin: Agathe Israel, Dr.med., Fachärztin f. Psychotherapeuthische Medizin, Neurologie und Psychiatrie sowie f. Kinder- u. Jugendpsychiatrie. Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Leiterin des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Berlin-Friedrichshain

 

reichmann Mo., 03.11.2014 - 23:51
Bereich
Entwicklung

Zicken, Zorn und Zoff – Kinder werden erwachsen

Zicken, Zorn und Zoff – Kinder werden erwachsen reichmann Do., 27.01.2011 - 19:40

Mädchen PubertätMit Beginn der Pubertät beginnt das Chaos. Im Körper der Jugendlichen tobt nicht nur ein Sturm der Hormone. Auch das Gehirn wird umgebaut. Die Jugend rebelliert. Sie bricht mit elterlichen Konventionen – und grenzt sich damit von den Erwachsenen ab. Konflikte sind programmiert.

Keine Lebensphase ist so aufregend wie die Pubertät: Erster Kuss und erster Liebeskummer. Nicht selten fährt die Seele Achterbahn. Für die Eltern sind die Jugendlichen indes oft auch Stein des Anstoßes: Streit über Ausgehen, Alkohol und Outfit. Bei der Gratwanderung zwischen Loslassen und Festhalten stoßen die Erwachsenen oft an ihre Grenzen.

Die Antwort der Forscher auf die Frage, warum die Pubertät derart vertrackt ist, fällt beruhigend und beunruhigend zugleich aus, wie in dieser Woche die 13. Europäische Konferenz zur Entwicklungspsychologie in Jena zeigte. Zum einen: Grenzgänge in der Jugend sind vollkommen normal. Die Suche nach ständigem Nervenkitzel rührt vor allem von massiven Veränderungen im Gehirn.

Dennoch ist auch die Pubertät dem Wandel der Zeit unterworfen. Für die heutige Jugend ist es schwerer denn je, sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Auch aus diesem Grund greifen die Heranwachsenden zu immer extremeren Mitteln. Noch dazu gelangen Kinder früher in die Pubertät als noch vor hundert Jahren. Insbesondere für Mädchen ist die frühe Fruchtbarkeit in vielen Fällen eine Bürde für das Leben.

Meist zeigt sich die Pubertät bei völlig nebensächlichen Ereignissen: Die elfjährige Amelie etwa trägt seit Neuestem die künstlichen Nägel ihrer Freundin. Ihre Tante ist skeptisch: „Da kann ich gar nicht hinsehen, so furchtbar sieht das aus.“

Amelie steht am Beginn der Pubertät, ihr Aussehen ist ihr wichtiger denn je. Ihr Körper verändert sich rasch. Unter den Achseln, im Schambereich und an den Beinen wachsen feine Härchen. Die Brüste beginnen sich zu wölben. Hüfte, Oberschenkel und Po legen mit jedem Monat an Umfang zu. Bald wird die erste Monatsblutung einsetzen. Jungen und Mädchen wachsen während der Pubertät einen halben Kopf im Jahr. Ihm sprießt ein Flaum, die Muskeln nehmen zu und ebenso die Körperbehaarung. Schließlich tauscht er die Knabenstimme gegen einen Männertenor ein. Mit 16 bis 17 Jahren ist der Wandel vom Bub zum Mann meist vollzogen.

Kinder werden früher erwachsen

Das war nicht immer so. 1840 begann die Pubertät in diesem Alter gerade erst. „Die körperliche Reifung hat sich massiv nach vorne verlagert. Erst in den letzten 20 Jahren ist dieser Trend in den USA und in Europa zum Stillstand gekommen“, sagt Karina Weichold, Entwicklungspsychologin der Universität Jena.

Dass Jungen und Mädchen in den Industrienationen heute wesentlich früher aus ihrem Kinderkörper herauswachsen, liegt vor allem an der üppigen Ernährung. Daneben auch an der besseren Hygiene und der modernen Medizin.

Der Eiweißstoff Leptin aus den Fettzellen leitet maßgeblich den Beginn der Pubertät ein. Über das Blut wird der Botenstoff ins Gehirn gespült und regt dort die Bildung der Hormone im Hypothalamus an. Je mehr Fettdepots im Körper sitzen, desto höher klettert der Leptinspiegel im Blut. Daher ist es nicht verwunderlich, dass dicke Mädchen im Schnitt früher als andere ihre Menstruation bekommen.

Umgekehrt verharren sehr magere Jugendliche länger in der Gestalt eines Kindes. Rutscht der Anteil der Energiereserven am Gewicht unter 17 Prozent, so blockiert das Gehirn das Erwachsenwerden aus purem Eigennutz: Ein derart ausgezehrter Mensch hat zu wenig Kraft für Nachwuchs. „Das Gehirn ist die oberste Instanz, die über die körperliche Reife wacht, sie beschleunigt oder verzögert“, sagt Weichold.

Während sich das Erscheinungsbild der Jugendlichen wandelt, finden allerdings auch im Gehirn gewaltige Umstrukturierungen statt. Viele Verbindungen zwischen den Nervenzellen, den Synapsen, werden gekappt. Jede Sekunde verschwinden 30.000 dieser Verknüpfungen. „Das klingt dramatisch, ist aber ein ganz normaler Vorgang“, so die Entwicklungspsychologin.

Die Tabula rasa im Kopf ermöglicht es sogar erst, dass die Jugendlichen zunehmend komplexe Entscheidungen treffen und Meinungen analysieren können. Erwachsene bemerken diesen Wandel im Denken zunächst im Alltag: Wenn Amalie etwa ihrer Tante trotzig entgegnet: „Ist mir egal, wenn dir meine Nägel nicht gefallen. Meine Freundinnen haben alle welche.“Dann stellt sie deren Position infrage. Indem sie mehr und mehr geistige Eigenständigkeit erlangt, schwindet automatisch der Einfluss der Erwachsenen.

„Mit ihrem Aufstand fordern die Jugendlichen die Akzeptanz ihrer Autonomie, nicht die Aufkündigung der emotionalen Beziehung. Sie brauchen ihre Eltern genauso wie in ihrer Kindheit“, warnt der Entwicklungspsychologe Rainer Silbereisen aus Jena.

Die Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen ist ein normaler Weg. Allerdings ist es heute für die Jugendlichen steiniger denn je, ist Françoise Alsaker von Universität Bern überzeugt: „Die Erwachsenen stehlen den Jugendlichen vieles, was ursprünglich alleine den Teenies vorbehalten war.“

Piercings, Tattoos, zerschlissene Jeans, Punk-Frisuren und Rastazöpfe waren einst die Insignien der Heranwachsenden. Heute versteckt sich unter dem Blazer manches Mittfünfzigers ein Nabel-Piercing, und der Supermarktverkäufer sieht aus wie Tokio-Hotel-Sänger Bill, nur könnte er sein Opa sein.

Ähnliche eindrucksvolle Beweisfotos für den Jugendkult der Erwachsenen haben die Pubertätsforscher um Rainer Silbereisen in einer Ausstellung im Stadtmuseum Jena zusammengetragen. „Es gibt eigentlich nur ein Symbol, das man der Jugend gelassen hat – das sind diese tief hängenden, übergroßen Hosen“, sagt Françoise Alsaker.

„Jugendliche brauchten aber eine eigene Kultur. Jugendliche brauchen Dinge, die ihnen niemand wegschnappt, um eine eigene, starke Persönlichkeit zu entwickeln“, glaubt die Entwicklungspsychologin. Sie betrachtet es als Folge der geklauten Jungendbilder und -idole, dass Heranwachsende gegenwärtig immer extremere Erfahrungen suchen.

Das Hirn stumpft ab

Sind also Teenies im Vollrausch ein Opfer der nie erwachsen werdenden Erwachsenen? Jein, sagt Françoise Alsakers. In der Tat betrinken sich immer mehr Jugendliche bis zur Besinnungslosigkeit. Das mag allerdings zu einem Teil durchaus am Erlebnishunger nach extremen Erfahrungen liegen, sagt die Schweizer Forscherin.

Andererseits sieht sie die Verantwortung wiederum bei den Erwachsenen, etwa jenen, die Flatrate-Partys anbieten und schamlos Profit auf Kosten der Gesundheit junger Menschen machen. Das Angebot der Erwachsenen und die Nachfrage der Jugendlichen – beide, da ist sich die Forscherin sicher, tragen einen Teil der Schuld an den jungen Alkoholleichen in den Ausnüchterungszellen.

Ein anderer Grund für den Hunger der Jugend auf Nervenkitzel sitzt wiederum im Kopf der Teenies. Während der Pubertät sinkt die Erregbarkeit des Gefühlszentrum, des Limbischen Systems. Das Glückshormon Serotonin wird nur noch sparsam freigesetzt. Ein Teil des Hirns stumpft ab. Zugleich wird das Belohnungssystem im präfrontalen Cortex gedrosselt. In dieser Hirnregion werden alle äußeren Eindrücke gesammelt und bewertet.

Eine Folge dieser neuen Coolness im Kopf ist die Lust am Nervenkitzel und an neuen Erfahrungen. Jugendliche lechzen nach Risiko: Sie rasen schon mal mit dem Mofa ohne Helm über die Straßen, schlagen sich die Nächte am Computer um die Ohren oder trinken, bis der Arzt kommt.

Die amerikanische Pubertätsforscherin Linda Patia Spear von der State University of New York vermutet sogar, dass Jugendliche höhere Dosen Alkohol benötigen, damit ihr Belohnungssystem im Gehirn anspricht. Das abgestumpfte Gehirn erklärt auch, weshalb es manchen Teenies schwerfällt, sich für die Schule zu motivieren. Der Mangel an Lob aus dem eigenen Hirn verdirbt die Laune.

Zu Tode betrübt, dann wieder himmelhoch jauchzend schwankt die Stimmung der Heranwachsenden mit ihren Erlebnissen. Während Amalie sich noch als Achtjährige über einen Eisbecher ihrer Tante freute, ärgert sie sich heute über das Angebot, weil sie sich von ihr bevormundet fühlt: „Ich sag schon selbst, wenn ich ein Eis will. Das nervt!“ Nicht weiter schlimm, beruhigt Lorah Dorn von der Penn State University und Cincinnati Children’s Hospital: „Mit 18 ist das abgeschlossen, und alles ist wieder gut.“

Trotz der Berg-und-Tal-Fahrt in jungen Jahren steht für die Forscher unisono fest: Das Bild vom pöbelnden, unerträglichen Jugendlichen verfehlt die Wirklichkeit. „Nur ein kleiner Teil von fünf bis zehn Prozent überschreitet die Grenzen und wird straffällig“, erklärt Alsaker das Ergebnis einer Studie an 7500 Jugendlichen. Zur Überraschung der Forscher verstanden sich 85 Prozent der Befragten sehr gut mit den Eltern.

Natürlich gibt es mehr Konflikte etwa über die Ausgehzeiten, aber nur selten bestehen grundlegende Auseinandersetzungen, die die Beziehung dauerhaft beschädigen“, so Alsaker. Das Bild der Jugendlichen in der Gesellschaft ist zu negativ, findet sie. Wenngleich sie die auffälligen Jugendlichen nicht wegreden will.

Vor allem Jungen schlagen als Teenies über die Stränge. Gefährdet sind jene Knaben, die früh in die Pubertät kommen und viel Testosteron im Blut haben. Das Hormon erhöht die Aggressivität. Die Familie und das soziale Umfeld können allerdings Entgleisungen durchaus verhindern. In Kontakt bleiben, Freiräume zugestehen und Grenzen setzen, lautet das abstrakte Patentrezept der Psychologen.

Mädchen haben es schwerer

Sie vertreten jedoch die Einschätzung, dass es Mädchen in der Pubertät schwerer haben, da sie sensibler auf Umwelteinflüsse reagieren. Streiten die Eltern häufig oder verlässt der Vater die Familie, so reifen die Töchter besonders rasch. Die zerrütteten Verhältnisse begünstigen eine frühe Mutterschaft. Die Wissenschaftler sind sich noch nicht im Klaren, worauf dieser Effekt beruht. Stresshormone könnten möglicherweise die Pubertät beschleunigen, so eine Vermutung.

Mädchen, die ihre Kindheit besonders schnell hinter sich lassen, haben es im Leben nicht besonders leicht: Meist fühlen sie sich zu älteren Jungen hingezogen und übernehmen dann deren Verhaltensweisen. Sie trinken Alkohol und rauchen.

„Frühreife Mädchen zeigten mit 24 Jahren viel häufiger Verhaltensstörungen und neigten zum Drogenmissbrauch“, sagt die Psychologin Julia Graber von der University of Florida in Gainesville. Probleme aus der Jugend würden oft bis ins Erwachsenenalter mitgeschleppt.

Weichold ergänzt diesen Befund um eigene Ergebnisse einer Langzeitstudie: „Frühreife Mädchen ticken auch mit Anfang 20 noch anders als ihre Altersgenossinnen. Im Streit mit der Mutter lehnen sie sich häufiger auf und sind seltener kompromissbereit.“

Dennoch hat sie auch eine gute Nachricht: Die Damen können sich trotz harter Zeiten bis zum 40. Lebensjahr zu starken Persönlichkeiten entwickeln, wie eine andere Studie belegt. „Es besteht immer die Chance, dass sich Negatives aus der Jugendzeit später zum Positiven entwickelt.“

welt.de | Susanne Donner