Sexueller Missbrauch

Sexueller Missbrauch reichmann So., 31.07.2011 - 21:38

Hier finden Sie wissendswertes über sexuellen Missbrauch.

Was ist wahr, was ist Panikmache diverser "Fachleute, die mit dem sexuellen Missbrauch unmengen von Geld verdienen

Die missbrauchte Republik – Wie die 68er Deutschland systematisch zerstören (Teil I)

Die missbrauchte Republik – Wie die 68er Deutschland systematisch zerstören (Teil I) reichmann Mo., 31.01.2011 - 21:20

Die Missbrauchte RepublikDeutschland ist geschockt: Nie wurden so viele Fälle von Kindesmissbrauch bekannt wie im Jahr 2010. Wo liegen die Ursachen für den dramatischen, rasant voranschreitenden Werteverfall? Wo bleiben Empathie und Mitgefühl der Täter gegenüber Hunderttausenden missbrauchten Kindern, deren Leben durch sexuellen Missbrauch für immer zerstört wurde? Zerfallen Tugenden wie Verantwortung und Respekt vor dem Leben anderer Menschen gänzlich?

In dem soeben erschienenen Buch Die missbrauchte Republik – Aufklärung über die Aufklärer erhält der Leser endlich Antworten auf die Fragen nach den Ursachen des zusammengebrochenen Wertesystems. Sorgfältig, gleichzeitig aufrüttelnd beleuchten renommierte Autoren wie die bekannte Kinder-und Jugendpsychiaterin Christa Meves, die Soziologin Gabriele Kuby oder der Journalist Jürgen Liminski die Gründe dieses erschütternden Phänomens. Sie stoßen dabei schnell auf eine kleine, aber erstaunlich einflussreiche Lobby, die über dreißig Jahre lang hartnäckig sexuelle Aktivitäten von Erwachsenen mit Kindern weitgehend straflos stellen wollte und will: die 68er.

Seit Jahrzehnten üben sie einen gigantischen Einfluss auf die Gesellschaft aus, bauen diese Schritt für Schritt radikal um. Es ist der sexuellen Revolution geschuldet, dass kulturelle und traditionelle Grundwerte, die unsere Gesellschaft Jahrtausende fest zusammenhielten, nahezu gänzlich vernichtet wurden. Männer und Frauen wurden systematisch umerzogen, sie wurden »befreit«, sollten plötzlich Dinge tun dürfen, von denen man bis dato nur verschämt zu träumen wagte, im Irrglauben, andere täten es auch. Kinder wurden verführt, manipuliert und pervertiert. Alfred C. Kinseys Lügen über das angebliche Sexualverhalten von Männern und Frauen »sei Dank«. Auch der »Aufklärer der Nation«, Oswalt Kolle, trug seinen Teil dazu bei, aus einer einst werteorientierten Gesellschaft mit den Jahren eine »enthemmte Nation« zu machen. Doch wer meint, es seien nur einzelne »Weltverbesserer« gewesen, der irrt. Die Lobby der Linken, der Roten, der Grünen, sie waren es vor allem, die ihre wachsende politische Macht schamlos ausnutzten, die Welt umzubauen. Von den angeblichen Erkenntnissen ausgehend, Sexualität frei leben zu müssen, war es nur noch ein kleiner, fast zeitgleicher Schritt, auch Jugendlichen einzureden, es gebe nichts, was man nicht tun dürfe. Die Autoren des Buches beschreiben, wie tiefgreifend im Gefolge der 68er, durch eine Flut von sexualpädagogischen Schriften und Beiträgen in Zeitschriften wie etwa der Bravo ebenso ein beachtlicher Teil der Jugend umerzogen wurde, sich im Trieb treiben zu lassen und bislang Verbotenes nun frei auszuleben. Gewissen und Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen der Schöpfung wurden dabei Stück für Stück abgetötet. Jede Perversion sollte nun normal, alles musste durchsexualisiert werden: Der Mensch wurde als sexuelles Wesen definiert.

Immer jünger sollten die Menschen werden, um sexuell befreit zu werden nach dem Motto: »Was Hänschen nicht lernt…« Die letzte Stufe war der Schritt zu den Kindern. Wie aber sollte das tiefverwurzelte Tabu des Kindesmissbrauchs gebrochen werden? Wie schaffte man es, Minderjährige dem Markt der sexuellen (Un-) Möglichkeiten zuzuführen? Zunächst musste alles, was traumatisierend wirken konnte, beseitigt werden. »Gewaltfrei« sollte diese Form der Sexualisierung sein und »einvernehmlich«, gerade so, als könne ein Kind die Tragweite dieses Geschehens erfassen. Dass die tiefgreifendsten Traumata allerdings psychischer Natur sind und erst mit den Jahren, teilweise Jahrzehnte später ans Licht kommen und den einzelnen Menschen und sein gesamtes Lebensumfeld dabei stark beeinträchtigen und nicht selten systematisch zerstören, wurde ausgeblendet. Das Verbrechen am Kind wurde zum angeblichen Recht des Kindes auf Sexualität, zu dem die lieben Pädosexuellen vorgeblich uneigennützig verhelfen wollten.

Die zerstörerischen Spuren, die die 68er mit ihren irren Wahnvorstellungen über freie Sexualität, vor allem mit Kindern, hinterlassen haben, werden jetzt offenbar. Verkrustete Oberflächen brechen allmählich auf, durch schockierende Erlebnisberichte der Opfer, die nichts anderes als jahrelanges Martyrium und Höllenqualen offenbaren. Sie zeigen uns nur die Spitze eines gewaltigen Eisberges, der uns zu Tode frieren lässt. Die missbrauchte Republik ist es im wahrsten Sinne des Wortes: Ob in kirchlichen Einrichtungen, an Schulen, in Internaten, im familiären Raum, überall begegnen uns zerschmetterte Biografien, zerstörte Lebenslinien, tief traumatisierte Menschen, die ihr Leben lang zu vergessen suchen, was ihnen an Schande und Schmerz zugeführt wurde, verschuldet von egoistischen, hochgezüchteten Triebtätern der 68er-Generation. Es geht nicht um Einzelfälle, sondern, und das wird bei der Lektüre des Buches schmerzlich überdeutlich, es wurde vielmehr die Mentalität eines ganzen Volkes verändert: Körperliche »Liebe« vertrieb Menschenliebe.

Das Volk wird nunmehr seit Jahrzehnten von Institutionen und Medien, die sich übrigens bis zum heutigen Tage willfährig vor den Karren spannen lassen, mit pädophiler »Aufklärungsliteratur« zugeschüttet. Schon zu Beginn wurde deutlich gemacht, dass es keine Privatintimität zu geben habe. Kinder waren fortan schamlos, sexuell interessiert. Sie waren es, die die Erwachsenen verführten. Ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie gefährlich die Triebe das Gehirn sogenannter politischer Weltverbesserer wie beispielsweise das des Europapolitikers der Grünen, Daniel Cohn-Bendt, vernebelten, zeigen dessen Aussagen in seinem inzwischen gänzlich vom Markt genommenem Buch Der Basar, indem Cohn-Bendit genussvoll darüber referiert, wie kleine Mädchen ihm die Hose öffnen und ihn streicheln. Sehr wohl im Internet immer noch erhältlich seine Ausführungen in einer französischen TV-Talkshow des damaligen Senders Antenne 2, dem heutigen France 2.

Wörtlich sagte Cohn-Bendit hier unter anderem: »Wissen Sie, wenn ein kleines fünf-, fünfeinhalbjähriges Mädchen sie auszuziehen beginnt, ist das fantastisch. Es ist fantastisch, weil es ein Spiel ist, ein wahnsinnig erotisches Spiel.« Daniel Cohn-Bendit, der die linke Spontiszene in Frankfurt in der 68er-Bewegung mit anführte, gehört vor allem zu jenen Grünen-Politikern, die in den 1980er-Jahren mit neuen Gesetzesvorschlägen und -vorhaben für jene pädophilen Erwachsenen Straffreiheit forderten, die sexuelle Kontakte mit Minderjährigen haben. Diese Pläne sind übrigens nicht etwa vergessen und in der Schublade verschwunden, vielmehr gären sie in einschlägigen Kreisen gefährlich weiter und warten auf ihre finale Umsetzung. Programme wie Gender Mainstreaming dienen als ideale Hintertüren, um endlich ans lange angepeilte Ziel zu gelangen. Wer heute die Grünen aus Umweltschutzgründen wählt, der sollte sich vorsichtshalber einmal ihr Gesamtprogramm näher anschauen.

Mit erstaunlicher Ausdauer seit Mitte der 1980er-Jahre setzen sich die Grünen dafür ein, dass die Gesetze zum Schutz Minderjähriger §§ 175 und §§ 182 StGB abgeschafft werden sollen. Damit wollten die Grünen schon vor 25 Jahren die Tabus sexueller Kontakte mit Jugendlichen ein für allemal brechen, was ihnen bis heute zu einem beträchtlichen Teil gelungen ist. In einem Gesetzesentwurf behaupteten sie zum Beispiel, diese Paragrafen »bedrohen einvernehmliche sexuelle Kontakte mit Strafe und dienen damit nicht dem Schutz der sexuellen Selbstbestimmung. Sie behindern die freie Entfaltung der Persönlichkeit …«. Über diese dramatischen, leider wegweisenden Fehlschritte kann man sich an dieser Stelle umfangreich informieren.

Der vor allem in links-grünen Kreisen glorifizierte deutsche Sozialpädagoge Helmut Kentler, der sein Leben lang unentwegt an der Sexualisierung von Kindern und Jugendlichen arbeitete, schrieb im Vorwort des längst verbotenen, als »hart pornografisch« eingeordneten Buches Zeig mal! des in Deutschland lebenden US-amerikanischen Fotografen Will McBride:

»Kinder müssen, soweit das entsprechend ihrem Alter nur immer möglich ist, von den Erwachsenen als gleichberechtigte Partner ernst genommen werden, und sie brauchen einen Raum zunehmender Unabhängigkeit und Selbstständigkeit, in dem sie in gegenseitiger Rücksicht und Achtung ihre sexuellen Bedürfnisse selbst regeln können. Die auch heute noch herrschende Sexualfeindschaft und eine mit Kinderschutzforderungen sich tarnende Kinderfeindlichkeit mögen noch eine Zeitlang als Denkhemmung, erst recht als Widerstand gegen die Realisierung solcher Überlegungen wirken. Es genügt aber, die Reformen des Sexualstrafrechts bei uns und in anderen europäischen Ländern zu beobachten, und man wird erkennen: Entscheidende Weichenstellungen, die zu einer sexualfreundlichen Kultur und freundlicheren Einstellung gegenüber der ›Kindersexualität‹ führen könnten, sind bereits vollzogen.«

In der Humanistischen Union, die Kentler als Beiratsmitglied über viele Jahre mit prägte und beeinflusste, sind bekannte Politiker wie die Grünen-Politikerinnen Renate Künast und Claudia Roth, die ehemalige SPD-Bundesministerin Heide Wieczorek-Zeul, die FDP-Politiker Burkhardt Hirsch, die ehemalige SPD-Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin und die amtierende FDP-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger u. v. m. seit Jahren versammelt. Sie vertreten damit diese zerstörerischen Thesen persönlich und politisch, und es stellt sich in diesem Zusammenhang die dringende Frage nach ihrer Verantwortung. Vor allem mutet es seltsam an, dass die Bundesjustizministerin sich von Amts wegen einerseits für das ganze Land um Themen wie Kinderpornografie im Internet kümmert, gleichzeitig jedoch in der Humanistischen Union Kentlers, der im Übrigen auch der Reformpädagoge Hartmut von Hentig angehört, Thesen vertritt. Im Nachruf der Humanistischen Union auf Kentler 2008 wird erschreckend deutlich, wie verharmlosend die Humanistische Union den umstrittenen Kindersexbefürworter erhebt. Darin heißt es unter anderem:

»Ein Leuchtturm unseres Beirats ist erloschen. Wie kein zweiter verkörperte Helmut Kentler die humanistische Aufgabe einer aufklärerischen Sexualerziehung, und zudem war er ein Vorbild für öffentliche Wissenschaft. […] In späteren Jahren musste Kentler harsche Kritik hinnehmen. Er hatte sich gegen die neu formulierte Sexualmoral gestellt – oder auch bloß auf seiner ursprünglichen Position beharrt. Neuerdings werden hier bekanntlich nicht mehr Liberalisierung und Individualisierung verkündet, sondern Kommunitarismus, Opferleiden und Prävention in den Vordergrund gestellt. […] Was mag eine »aufklärerische Sexualerziehung« als Ziel verfolgen? Es ging um Tatsachen, vermeintliche Gefahren und falsche Autoritäten – wie sie um 1970 gesehen wurden. Eine Sittlichkeitsgeneration später kämpft die Sexualpädagogik immer noch um ihren Platz im Curriculum der allgemeinbildenden Schulen und des Lehrerstudiums; und »Aufklärung« steht nicht mehr hoch im Kurs. Jedoch hat Kentler es erlebt, dass seine ursprünglichen Ziele voll verwirklicht wurden:

  • Das Sexualreglement betont die individuellen Bedürfnisse (statt vorgegebener Grenzen religiös-moralischer Provenienz);
  • Erwachsene dürfen miteinander tun, worüber sie sich einigen;
  • Der Beginn geschlechtlicher Aktivität von Jugendlichen wurde weit vorverlegt (in Lebensjahren: von 20 auf 15).

All dies galt fortan als unschädlich und nützlich. Der zugrunde liegende Wert hieß: Freiheit. Heutzutage wird hingegen der Wert Sicherheit betont. Man warnt und beschützt die Jugendlichen vor Infektionen, vor Missbrauch, vor Prostitution usw. Diese Neupositionierung der Sexualethik ist von Kentler nicht mehr kommentiert worden – denn auch ein Menschenleben hat seine Zeit.«

Lesen Sie mehr über die gefährlichen Kindersexthesen des Helmut Kentler, anderer »Reformpädagogen« und unser linksgrünen Politiker in Teil II.

Eva Herman

Deutschlands Triebtäter: Wie die 68er seit Jahrzehnten politisch korrekt unsere Kinder missbrauchen (Teil II)

Deutschlands Triebtäter: Wie die 68er seit Jahrzehnten politisch korrekt unsere Kinder missbrauchen (Teil II) reichmann Sa., 05.02.2011 - 00:43

Missbrauchte RepublikEin neues Buch erschüttert das Land: Die missbrauchte Republik. Bekannte Autoren wie Christa Meves, Jürgen Liminski und Gabriele Kuby dokumentieren, wie weit es zahlreichen Weggenossen der 68er bereits gelungen ist, die Gesellschaft umzubauen und zu zerstören. Werte wurden abgeschafft und durch hochgezüchtete Triebe ersetzt. Eine übertriebene Darstellung? Mitnichten. Tausende Missbrauchsfälle, letztes Jahr bekanntgeworden, sind nur die Spitze eines Riesen-eisberges. Über die Strategien jener bekannten führenden Pädagogen wie Hartmut von Hentig und Helmut Kentler wurde schon einiges berichtet. In diesem Buch werden die Gräueltaten dieser gefährlichen Leute gründlich ausgeleuchtet.

Helmut Kentler hatte in seinen »Lehrbüchern« über die Sexualisierung von Kindern offen ausgesprochen, was Pädophile und deren Unterstützer aus links-grünen Kreisen immer gerne ins Feld führen, was dem natürlichen Empfinden eines einigermaßen normal veranlagten Menschen allerdings schwerste Schmerzen verursacht: Sex mit Kindern sei kein Missbrauch, sondern ein Kinderrecht. Perfide ist dabei die Behauptung, Kinderschutz sei in Wirklichkeit Kinderfeindlichkeit. In dem vorliegenden Buch Die missbrauchte Republik wird klargestellt, wie ekelhaft die Wortverdrehungen sind, die aus Wahrheit Lüge machen und die Lüge dann zur »Wahrheit« erheben. Das ist alles nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass die Gewährsmänner Kentlers selbst in der Pädoszene unterwegs bzw. als bekennende Pädosexuelle in Holland sogar politisch aktiv gewesen sind. So beruft sich Hartmut Kentler auch auf den niederländischen Senator Edward Brongersma (1911-1998), wenn er schreibt: »Werden solche (pädophile) Beziehungen von der Umwelt nicht diskriminiert, dann sind um so eher positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten, je mehr sich der Ältere für den Jüngeren verantwortlich fühlt.«

Selbstverständlich kennen Kinder dieses »Recht« auf Sex mit Erwachsenen nicht, noch fordern sie es ein. Denn ihre natürliche Entwicklung sieht wahrlich anderes vor. Also mussten die Kinder von den durch ihre Triebe gelenkten »Aufklärern« erst einmal auf den Geschmack ihrer »natürlichen Bedürfnisse« gebracht werden. Um die Frühsexualisierung der Kinder zu erreichen, wurden Bücher und »Aufklärungsschriften« mit entsprechend anregendem Inhalt gedruckt und in die Gesellschaft gebracht. In anderen Schriften empfahl Kentler dringend den angeblich »präzisierenden Gebrauch von Gossensprache für alles, was mit Sexualität zu tun hat«. Gleichzeitig plädierte er für eine schamfreie Erziehung, weil sie angeblich Vertrauen wecke. Kentler konnte Zeit seines Lebens trotz all dieser Ungeheuerlichkeiten, obwohl er unzählige Male, viele Jahre lang, in Wort und Schrift zum sexuellen Missbrauch anregte, in Freiheit und Ruhe leben. Eltern, die aus Glaubensgründern ihre Kinder nicht zum schulischen Sexualkundeunterricht schicken, kommen dafür heute allerdings ins Gefängnis. Man könnte an diesem »Rechtsstaat« verzweifeln.

In Die missbrauchte Republik wird der Weg zu einer heute sichtbar gewordenen enthemmten Gesellschaft sorgfältig nachgezeichnet. Dort heißt es weiter: »Doch mit der Aberziehung der Scham und der Einführung der Gossensprache nicht genug. Nein, pädagogisch verbrämt sollte der Missbrauch als Erziehung getarnt werden, so wie das auch eine Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in praktischen Anleitungen machte: ›Mütter geben dem Penis oft verschiedene und manchmal auch liebevolle Namen und drücken damit unbewusst Anerkennung aus. Demgegenüber erfahren Scheide und vor allem Klitoris kaum Beachtung durch Benennung und zärtliche Berührung (weder seitens des Vaters noch der Mutter) und erschweren es damit für das Mädchen, Stolz auf seine Geschlechtsteile zu entwickeln.‹ Millionen Deutsche mussten als Steuerzahler die Verbreitung dieses – pardon – Drecks auch noch finanzieren«.

In der von Pro Familia NRW herausgegebenen Broschüre Lieben, kuscheln, schmusen werden Kindergartenerzieherinnen direkt aufgefordert, im Rahmen der Sexualerziehung befremdliche Spielchen zu spielen und die Kinder dabei nackt zu fotografieren. An Erzieher in Kindergärten wird appelliert, alle Kinder nackt auszuziehen, in einer Reihe gebückt aufzustellen und die Oberkörper und Köpfe der Kinder abzudecken. Nun wird das Spiel »Der Po gehört zu ...« gespielt. Das Kind darf nun die Po-Ausstellung abschreiten und raten, zu wem der Po gehört. Das Spiel kann variiert werden, welcher Pimmel gehört zu wem? Beim Spiel »Hm, riechst du lecker! Du stinkst« werden den Kindern verschiedene Körperstellen genannt (z. B. Finger, Handinnenfläche, Armbeuge, Haare, Zehen, Scheide, Penis etc.). Die Kinder sollen versuchen, jeweils dort ihren eigenen Körpergeruch wahrzunehmen.

Zwar mussten diverse Lektüren dieser Art aufgrund heftigen Protestes wirklicher Kinderfreunde und alarmierter Psychologen vom Markt genommen werden, doch tauchen immer wieder neue Fürchterlichkeiten auf, sodass allen Eltern nur dringend geraten werden kann, Augen und Ohren fortwährend skeptisch offenzuhalten. Denn die Geister, die einst gerufen wurden, haben sich inzwischen zu riesigen Ungeheuren herausgebildet, die von zahlreichen Menschen energisch Besitz ergriffen haben.

Interessant ein weiterer Aspekt, der im besprochenen Buch Die missbrauchte Republik ebenso ausgeleuchtet wird: Neben denen aus vorgeblicher Kinderliebe handelnden Personen wie Helmut Kentler, desgleichen dem berühmten Erziehungs-bzw. Reformpädagogen Hartmut von Hentig, werden die im 68er-Umfeld handelnden politisch motivierten Gesinnungstäter ebenso genau beschrieben. Aus dem Schülerladen »Rote Freiheit« sind erschütternde Einblicke erhalten geblieben, die einem die kalte Wut ins Herz pumpen: »Beinahe täglich gab es Pfänderspiele, in denen die Schüler sich auszogen, dazu gemeinsame Lektüre von Pornoheften und pantomimische Darstellung des Geschlechtsverkehrs ...« Wie sich herausstellte, war die »Rote Freiheit« eine Einrichtung, hinter der das psychologische Institut der Freien Universität Berlin steckte. Es stellte auch die »Erzieher«. Ein Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses führte eine Ortsbegehung durch. Im Keller stießen die Abgeordneten auf »zwei Räume, die durch eine große, nur von einer Seite durchsichtigen Glasscheibe getrennt waren. In einem Raum lag eine Matratze, an der Wand hing ein Waschbecken, daneben eine Reihe bunter Waschläppchen. Auf Nachfrage erklärte ein Institutsmitarbeiter, der Keller habe als ›Beobachtungsstation‹ gedient, um das kindliche Sexualverhalten zu erforschen.«

Vor allem Kentlers Definitionen über Päderasten und Pädophile lassen ahnen, wie gefährlich dieser Mann für unsere Gesellschaft gewesen ist und welchen Schaden er und seine Weggefährten für immer angerichtet haben. In Kentlers Taschenlexikon heißt es unter dem Stichwort »Päderastie«, also dem Phänomen, von Männern, die sich zu »Jungen in der Pubertät und danach bis zum Beginn des Erwachsenenalters« hingezogen fühlen, unter anderem: »Päderasten gibt es in allen Gesellschaftsschichten. Unter ihnen sind zahlreiche pädagogische Naturtalente. Allerdings sind pädagogisch wertvolle päderastische Beziehungen wegen der Strafandrohung des § 175 StGB nur im Verborgenen möglich, denn die Kriminalisierung der P. bedeutet für den Päderasten eine ständige Bedrohung […] Schädlich wirken sich freiwillig eingegangene päderastische Beziehungen, auch langdauernde, auf Jungen nicht aus.«

Ebenso grotesk Kentlers Sichtweise auf Pädophile. Hier schrieb er: »Immer noch glauben viele Erwachsene an die ›sexuelle Unschuld‹ der Kinder, obwohl allenthalben bekannt sein sollte, dass Kinder sexuelle Bedürfnisse haben und sie auch zu befriedigen verstehen. Über sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen und Kindern und deren Folgen bestehen meist völlig falsche Vorstellungen. […] Sexualforscher und erfahrene Gerichtsgutachter geben übereinstimmend an, dass durch pädophile Beziehungen bei den betroffenen Kindern keine Schäden entstehen. Negativ wirken sich jedoch Vorwürfe der Eltern und Verhöre bei der Polizei und bei den Gerichtsterminen aus.«

Die Täter sind für Kentler und seine Gesinnungsgenossen also nicht die Bösen, sondern schuld ist die verständnislose Umwelt. Das Bedürfnis nach Geborgenheit und Zärtlichkeit von Kindern wird umgedeutet zu angeblicher Kindersexualität, zu angeblichen sexuellen Bedürfnissen. Kentler und seine triebgesteuerten Weggefährten drehen die Wahrheit einfach um: Aus dem zutiefst sündhaften Wunsch nach Sex mit Kindern wurde die Befriedigung kindlicher Bedürfnisse und die Gewährung kindlicher Rechte.

Die Berichterstattung der Mainstreammedien über Kindesmissbrauch hat so gut wie nie nach der Rolle der selbsternannten Aufklärer der 68er-Bewegung gefragt. Hinter der angeblich aufklärerischen Fassade verbergen sich mitunter Strukturen, die an organisierte Kriminalität erinnern. Fatal deutlich muss der Leser erkennen: Die sogenannten Aufklärer schweigen sich in Wirklichkeit gut organisiert aus. Die Vernetzung von Politik, Medien, der pädagogischen Fachwelt und Organisationen wie der Humanistischen Union funktioniert wie geschmiert. Was nicht ans Licht der Wahrheit kommen soll, wird verschwiegen und unter den Teppich gekehrt.

Zehn renommierte Autoren setzen sich sachkundig mit der gesellschaftspolitischen Schwerstkrankheit des sexuellen Missbrauchs auseinander: Prof. Dr. Menno Aden, Gabriele Kuby, Prof. Dr. Andreas Laun, Jürgen Liminski, Christa Meves und Prof. Dr. Harald Seubert öffnen dem Leser die Augen über lange verheimlichte Fakten des sexuellen Missbrauchs.

Das Buch ist Pflichtlektüre. Es ist eine erschütternde Anklage an alle Verantwortungsträger unserer Gesellschaft.

Eva Herman

Weiterführende Artikel:

 

 

Heinrich Kupffer, Kindesmissbrauch: Aufklärung oder Hexenjagd?

Heinrich Kupffer, Kindesmissbrauch: Aufklärung oder Hexenjagd? reichmann Fr., 19.08.2011 - 22:44

Der Titel des Referats drückt aus, daß es nicht um Einzelheiten des sexuellen Mißbrauchs selbst geht. Ich behandle aber weder die Häufigkeit des Vorkommens noch die Methoden des Nachweises; weder die Kompetenz der Experten noch die möglichen Handlungsstrategien. Vielmehr frage ich: Was bedeutet der Umgang mit dem sexuellen Mißbrauch unter gesellschaftlichem Aspekt? Wie funktionieren dabei die Mechanismen sozialen Verhaltens? Welche Mentalität kommt in der Jagd auf Sündenböcke zum Ausdruck?

Prof. Dr. Heinrich Kupffer, Berlin,
Eine Pathologie der Abwehrmechanismen
Referat Bad Boll 28. Mai 1995: "

Meine These lautet: Die stark emotionalisierte militante Abwehrhaltung schon beim bloßen Verdacht auf sexuellen Mißbrauch gehört zu den heute verbreiteten Reaktionsformen gegen globale Gefährdungen unserer Sicherheit. In unserer diffusen Angst vor Katastrophen aller Art haben wir uns daran gewöhnt, einen potentiellen Opferstatus zu reklamieren. Wir wappnen uns zur Eliminierung eines Virus, der unsere Welt auffrißt und schleichend vergiftet. Diese fundamentalistisch aufgehetzte Empörung kann im Einklang mit der öffentlichen Macht stehen, wie bei der hier thematisierten Hexenjagd. Sie kann aber auch unter denen Platz greifen, die sich gegen vermeintliche Bedrohungen zum sogenannten Widerstand in Großgruppen zusammenschließen.

So gesehen, ist sexueller Mißbrauch ein beispielhaftes Thema auch für andere Vorgänge, die mit Sex nichts zu tun haben. Sexueller Mißbrauch wird verwendet als Metapher, die einen weiteren Zusammenhang erschließt und sachliche, psychische und gesellschaftliche Verhaltensformen befördert. Als Metapher hat der sexuelle Mißbrauch eine erhebliche Ausstrahlung, so daß unterschiedliche Interessen und Tendenzen dadurch bedient werden können. Er ist ein sensibles Thema, nicht so umfassend wie Gewalt schlechthin, sondern auf einen Sektor begrenzt. Dieses Thema ist spezialisierbar, enthält aber zugleich eine solche Sprengkraft, daß ganze Bündel von Emotionen freigesetzt werden.

Diese zeige ich an zehn Stichworten, die logisch aufeinander bezogen sind.

1. Gehorsam

Ihn gibt es nicht nur bei uns Deutschen, sondern auch anderswo, gerade auch im demokratischen Amerika. Man ordnet sich ein, unterwirft sich einem herrschenden Trend, bezieht Position auf der vorgeschriebenen Seite. Die Forderung nach "political correctness" stimuliert offenbar in den USA gerade auf sexuellem Gebiet die Angst, sich unkorrekt zu verhalten.

Ein Beispiel: "Man erinnert sich an die keineswegs satirischen Forderungen der Studentinnen (eines college), flirtende Paare sollten sich über jede Station auf dem Weg in die Waagrechte durch ein schriftliches Übereinkommen des gegenseitigen Einverständnisses versichern." (U. Schiller, Die Zeit, 27.1.1995)

Oder erwähnen wir die radikalen Gruppen von Leuten, die auf Abtreibungsgegner schießen. Diese Vorgänge wurden in unserer Presse als "moralischer Rigorismus" kommentiert. Das ist zwar nicht falsch, aber bei aller Ablehnung schwingt da doch noch ein gewisses Verständnis mit: Dies sei kein einfaches Verbrechen, sondern habe einen ethischen Hintergrund. Als ob es in einer offenen Gesellschaft eine fundamentalistische Moral geben könnte.

Die Richtung des jeweils als korrekt verordneten Trends spielt nur eine Nebenrolle. Als sexuelle Freizügigkeit angesagt war, wie bei uns noch vor 20 Jahren, da betrieb man das bis zur Absurdität, auch schon mit kleinen Kindern. Ist dagegen, wie heute, Jagd auf Mißbraucher angesagt, so tut man dies mit der gleichen fanatisierten Ausschließlichkeit. Worauf es faktisch ankommt, ist nicht die rationale Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich relevanten Thema, sondern der blinde Gehorsam gegen die Anweisungen der jeweils stärkeren Bataillone.

Wichtig ist stets, im richtigen Lager zu stehen, der Generallinie zu folgen, Abweichler zu stigmatisieren. Man will nichts falsch machen und sich kein Versäumnis vorwerfen lassen. Dieser Gehorsam wird befördert durch die Medien. Sie beherrschen die Szene, beeinflussen oder bilden überhaupt erst die Meinung, fungieren als Sprachrohr mächtiger Gruppen, die Medienmacht aufbieten können. Darauf wird Rücksicht genommen, auch vor Gericht, wenn die Urteilsfindung die möglich Reaktion in der Öffentlichkeit einkalkuliert.

2. Hexenjagd

Das Gehorsamsprinzip bedeutet auch: immer im Kampf sein, einer Bewegung angehören, nicht zur Ruhe kommen, sich selbst behaupten durch die Behauptung, man kämpfe und werde gebraucht. Der Feind, gegen den es geht, ist auswechselbar. Das ist ein Kennzeichen totalitärer Strömungen, die sich in der Öffentlichkeit Gehör verschaffen.

Dieses Prinzip zieht sich durch die Geschichte. Es wirkte in der Hexenverfolgung des späten Mittelalters, wobei es nicht um Gerechtigkeit oder Gefahrenabwehr im Einzelfall ging, sondern um Stabilisierung des gesamten Systems. Heute sehen wir, daß die Bereitschaft zur Verfolgung auch in einer offenen Gesellschaft wirksam sein kann. Weil diese Gesellschaft so, wie sie ist, nicht ertragen wird, soll sie umstrukturiert und vereinfacht werden. Ausgleich und Kompromiß werden als zu subtil empfunden.

So etabliert sich ein neues Freund-Feind-Verhältnis, das vor allem durch den auch bei den Sexualtätern beliebten Begriff "Parteilichkeit" ausgedrückt wird. Was heißt Parteilichkeit? Wenn Parteilichkeit bedeutet, daß man sich in pädagogischen und sozialen Berufen für seine Klientel einsetzt, dann ist das eine Selbstverständlichkeit, die nicht eigens erwähnt zu werden braucht. Soll Parteilichkeit dagegen ein spezifisches Engagement und ein stets wachsames Mißtrauen signalisieren, dann vereinnahmt sie die Vernunft und befestigt Vorurteile.

Hier stieße ein Besucher von einem anderen Stern, der von sexuellem Mißbrauch gar nichts weiß, auf reiches Anschauungsmaterial darüber, wie bei uns gegnerische Personen oder Gruppen miteinander umspringen, wie eine Parteinahme sich ideologisch versteift, wie schnell demokratisch erzogene Bürger bereit sind, auf Argumente zu verzichten und sich in das Schema dumpfer Schützengraben-Mentalität pressen zu lassen.

Als Objekte der Hexenjagd sind verschiedene Populationen denkbar. Die Jagd auf Ausländer ist nicht mehr opportun, da es doch in der Bevölkerung immer wieder zu kräftigen Solidarisierungsschüben kommen kann. Die Jagd auf politische Gegner ist nicht sonderlich spannend., denn sie findet als gewohnter Schlagabtausch ohnehin immer statt. Die Jagd auf Sexualtäter lohnt sich deswegen psychisch und sozial durchaus. Hier ist keine gegnerische Solidarisierung der Bevölkerung zu befürchten. Hier kann man damit rechnen, daß man moralisch gewinnt, wenn man sich den Jägern anschließt.

Diese Fahndung nach Bösewichten etabliert auch ein neues Expertentum. Sie schafft Arbeitsplätze, einflußreiche Positionen und damit gesellschaftliche Legitimation. So entsteht ein breiter Markt, der von den Anbietern clever bedient wird. So machen sich bei der Gründung immer neuer Initiativen die Tatsache zunutze, daß es keinen sicheren Weg gibt, um Scharlatane zu entlarven und auszuschließen.

3. Zur Wahrheit erweckt

Die Verfolger in dieser Hexenjagd fühlen sich als Erweckte, die auf einmal einen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit gefunden haben. Indem ihre Motivation über den sozialen und pädagogischen Bereich weit hinausführt, ähneln sie in ihrem Gebaren den fanatisierten Anhängern religionsähnlicher Sekten.

Sektierer sind Menschen, die das gesamte Wohl und Wehe der Menschheit von einem einzigen Punkt aus zu begreifen meinen. Sie haben eine eingeschränkte Perspektive und konzentrieren sich ausschließlich auf bestimmte Übel, die beispielhaft den Untergang des Abendlandes vollenden. Andere Phänomene als diese werden nicht wahrgenommen.

Darin drückt sich eine bornierte Grundhaltung, eine tiefe antidemokratische Sehnsucht aus: Nicht Interessen abwägen, nicht verhandeln oder abstimmen, keine Kompromisse schließen, sondern die Wahrheit durchsetzen; dort stehen, wo es gar keine Abstimmung mehr gibt und keine Verhandlung mehr nötig ist.

Die fundamentalistische Einstellung ist Sache des Glaubens, nicht des Wissens. Man ignoriert, daß bei diesen Fragen in allen Fällen, in denen nichts Bestimmtes greifbar wird, nach Ermessen entschieden werden muß. Der Fundamentalist leugnet den Ermessensspielraum, denn für ihn sind die Fronten klar. Selbst ein Verdacht, der widerlegt wurde, bleibt bestehen, weil die sonst übliche Logik, wonach ein Unrecht nachgewiesen werden muß, außer Kraft gesetzt ist.

Die Erweckten kommen in doppeltem Sinne auf ihre Kosten. Einmal befriedigen sie ihren Hang, geheimdienstlich tätig zu sein, Böses aufzudecken, Gefahren abzuwenden, wichtig für das Wohlergehen des Ganzen zu sein, das Persönliche dem höheren Zweck unterzuordnen, Mitmenschen zu denunzieren und mit allen diesen Aktivitäten eine höhere Sinnstufe zu erklimmen. Zum anderen nehmen sie teil an der Allmacht, über Lebensschicksale bestimmen zu dürfen, ein Ganzes beurteilen zu können und mehr zu wissen als alle übrigen. Dies erlaubt massive Eingriffe in das Leben von Kindern und Familien-, obwohl sich bei nüchterner Prüfung herausstellen würde, daß Mitarbeiter in den Institutionen oder Funktionäre der Ämter über Erkenntnisse, die so tiefgreifend sind, daß sie solchen Eingriff rechtfertigen könnten, gar nicht verfügen.

4. Voraufklärerisches Denken

Dieser Trend ist ein Angriff auf eine offene und freie Gesellschaft. Offenheit bedeutet natürlich nicht, sexuellen Mißbrauch da, wo er wirklich stattfindet, zu tolerieren oder zu verharmlosen. Offen sein heißt: bereit sein zur Auseinandersetzung, zur Aufklärung, zur Reflexion des Themas; also aus den Schützengräben herauszukriechen und eine übergeordnete Plattform zu finden, wo das Problem des sexuellen Mißbrauchs in seiner Komplexität verhandelt werden kann.

Davon sind wir weit entfernt. Vielmehr spüren wir generell einen antimodernen, voraufklärerischen, demokratiefeindlichen Zug. Es ist der Zug zurück in eine geschlossene Gesellschaft, in der alles eindeutig und klar ist, wo man sich auf kontroverse Interpretationen schwieriger Sachverhalte nicht einlassen muß.

Die Verfolgung des sexuellen Mißbrauchs bei auch nur geringfügigem Verdacht ist heute konsensfällig und kann mit einer breiten Volksfront zur Ablehnung des vermeintlichen Täters rechnen. Dies gilt auch für die Formel, sexueller Mißbrauch komme in allen Schichten vor. Ob das wirklich stimmt, sei einmal dahingestellt; aber daß es gesagt werden kann, zeugt von einer schichtübergreifenden Einigkeit.

Das voraufklärerische Denken in der Behandlung des Mißbrauchsproblems gehört in eine breite Strömung. Diese überspült auch andere Gebiete, die mit dem sexuellen Mißbrauch nichts zu tun haben. Zum einen beobachten wir allenthalben den Rückfall in gruppenspezifisches völkisches, nationalistisches Gebaren. Sollte sich dieser Stil auch bei uns durchsetzen, dann sind wir politisch und gesellschaftlich nicht klüger als die ethnischen und quasi-religiösen Gruppen in anderen Ländern.

Zum anderen befinden wir uns unversehens auf dem Wege zu einem Staat, der als "Schutzstaat" alle Gefahren abwehren und unser persönliches Wohlergehen gewährleisten soll. Hierzu sagt treffend Hans Albrecht Hesse (Universitas 3/95, S. 234 f.): "Der Kern der Schutzstaatidee macht die Sorge des Staates für die 'ihm anvertrauten' Menschen aus ... Dieser Schutzstaat, der alternativenvernichtend in die private Lebensführung einzugreifen sich anschickt, ist im Ansatz totalitär." Die Eingriffe der Behörden zur Abwehr potentiellen Mißbrauchs erfüllen genau diese Merkmale des Schutzstaates, der eine Karikatur des auf Sicherheit von jeglichem Übel bedachten Wohlfahrtsstaates darstellt.

Der Trend zum Schutzstaat ist gerade für Kinder- und Jugendschützer ein Phänomen, das genau beobachtet und kritisch reflektiert werden sollte. Denn sie sind es ja, die sich mit der beliebten Frage "Wie sicher sind unsere Kinder'?" intensiv auseinandersetzen. Daß Kinder, so weit es irgend geht, vor Gefahren des Straßenverkehrs, der Umweltvergiftung und des sexuellen Mißbrauchs geschützt werden müssen, wird von niemandem bestritten. Aber Schutz ist immer eine gezielte, nicht fremdbestimmte, sondern selbstgestaltete Aktion, die niemals zur totalen Absicherung gegen das Böse führen kann. Die Antwort auf die Frage "Wie sicher sind unsere Kinder?" kann also nur lauten: Sie sind so sicher, wie alle Beteiligten einschließlich der Kinder selbst von Tag zu Tag auf diese Sicherheit achten!

5. Moralische Kompetenz

Wo klare Fronten herrschen, gibt es keine Zwischentöne mehr. So ist sexueller Mißbrauch das, was nicht mehr diskutiert werden kann. Andere Straftäter mögen noch so gefährlich und skrupellos sein, aber sie sind noch immer irgendwie begreiflich. Bei der Sexualität hört dagegen der Spaß auf, denn hier geht es ums Ganze.

Wer das Ganze in Frage stellt, ist das Schwein. Das Schwein bewegt sich auf einer anderen Ebene als der "normale" Verbrecher, denn das Schwein ist der Feind schlechthin, so wie bei den Nazis der Jude. Die Gesellschaft ist offensichtlich mit dem Appell an eine demokratische Auseinandersetzung überfordert. Sie kann ohne das Schwein nicht auskommen. Sie braucht das Schwein, auf das alles Böse konzentriert werden kann, als Widerpart unserer durchschnittlichen Existenz.

Solche Figuren, die als Schwein herhalten müssen, gab es schon immer. Früher galt als Gesinnungsschwein, wer der falschen politischen Partei angehörte. Für die RAF war der Bulle das Schwein. Und geschlossene radikale Kleingruppen bezeichnen als Schwein den "Verräter". Das Schwein verkörpert die Negation der eigentlichen Gesellschaft, das Anti-Wesen zu dem, was als menschliches Wesen gilt.

Erst die Einstufung des anderen als Schwein verleiht mir scheinbar die Fähigkeit, einen Übeltäter nicht nur als strafwürdigen Verletzer der gesetzlichen Ordnung zu verfolgen, sondern ihn auch moralisch zu verurteilen. In ihm bekämpfe ich das Schwein in mir selbst. Er erlaubt es mir, alle etwa schlimmen Elemente aus mir herauszupressen und nur die guten festzuhalten. So kann ich mir immer wieder selbst bestätigen, daß ich mich noch innerhalb der Grenzen des Erlaubten bewege, während der andere in das Niemandsland jenseits dieser Grenzen gehört. Die Abgrenzung gegen das Schwein dient mir zur Reklamation moralischer Kompetenz.

Besonders disponiert für die Rolle als Schwein ist der Sexualtäter. Er nutzt brutal die Macht des Geschlechts, er denkt nur an seinen eigenen Genuß, er ist derjenige, der Schwache schamlos ausbeutet und vergewaltigt. Alles, was verboten und tabu ist, wird ihm immer schon zugetraut.

Bei der Ausgrenzung des Schweins kann nicht mehr geredet werden. Daher verzichtet man auch gern auf eine Definition des sexuellen Mißbrauchs allgemein wie auf eine Erörterung der Grenze zwischen erlaubter Zärtlichkeit und unerlaubter Befriedigung des Erwachsenen auf Kosten des Kindes im besonderen. Mit der Möglichkeit, daß hier eine breite Grauzone liegt, gibt man sich nicht ab. Man rekurriert auf einfache Strukturen, da sonst das Schwein an Kontur verlieren würde.

6. Sauberer Sex

Sich vom Schwein abzuheben, ist ein elementares Bedürfnis nach physischer, psychischer und moralischer Reinheit. Durch die Eliminierung des Schweinischen, im anderen wie in mir selbst, reinige und läutere ich mich. Insofern gewinne ich umso mehr an moralischer Statur, je unnachsichtiger ich das Schwein verfolge.

Diese Verfahrensweise ist nicht auf das Gebiet der Sexualität beschränkt, wird aber gerade hier mit Vorliebe praktiziert. Die Verfolger können für sich in Anspruch nehmen, den richtigen und moralisch sauberen Sex zu favorisieren. Durch Ausgrenzung aller zweifelhaften Fälle bleibt dann eine sexuelle Elite übrig, die auf diesem Gebiet selbst nichts falsch macht und dadurch für andere als Vorbild wirkt.

Ämter, Behörden und Institutionen, die sich als Wortführer der öffentlichen Meinung gebärden, operieren mit der Propagierung der sauberen Sexualität und der reinen Familie so ähnlich wie die Verkaufsleiter in Warenhäusern mit den Mondpreisen. Der Mondpreis ist der absichtlich überhöhte Preis, der so unerschwinglich ist, daß man ihn dann herabsetzt, um scheinbar dem Publikum entgegenzukommen. In der Einschätzung der Familie und der sexuellen Beziehungen markiert der Mondpreis einen Idealzustand, im Vergleich zu dem jede wirklich ausgeübte Praxis abfällt. Der Unterschied zwischen dem Mondpreis und der Realität steckt das Feld der aufspürenden und kontrollierenden Aktivitäten ab.

Da vor allem in der Sexualität Ordnung herrschen soll, wird der sexuelle Sektor zum beispielhaften Feld, zum Kernbereich für das soziale und individuelle Leben. Sexualität besetzt in einem solchen Menschenbild das Zentrum. Der Mensch sieht sich vom Status eines gesellschaftlichen, freien Wesens auf den Status eines Sexualwesens reduziert. Damit tun die Eiferer eben das, was sie den Sexualtätern vorwerfen.

Wenn aber gerade das Sexuelle in dieser Weise hervorgehoben wird, wenn Sexualität Ausdruck des Ganzen ist, dann heißt das auch, daß das Ganze auf das Sexuelle eingedampft wird. Stimmt es bei einem Menschen an diesem Punkt nicht, dann stimmt - so die scheinbar logische Folgerung - bei ihm überhaupt nichts.

Das Bekenntnis zum " richtigen" Sex gilt als Ausweis für die Richtigkeit der Lebensgestaltung insgesamt. Mit einer etwaigen Hinneigung zum "falschen" Sex macht man sich dagegen selbst zum Außenseiter der anständigen Gesellschaft. In beiden Extremfällen herrscht aber das gleiche magische Denken, das sich der Sexualität als einer Metapher, eines Hilfsarguments, eines Reizbegriffes bedient.

7. Präventivschläge

Ein Vertreter des sauberen Sex kann den Anspruch erheben, sich von einem Vertreter des nicht sauberen Sex radikal zu unterscheiden. Das gilt nicht nur für Großgruppen, sondern auch für Zweierbeziehungen. Daher erweist sich auch im Kampf der Partner der Vorwurf des sexuellen Mißbrauchs als vorzügliche Waffe. Es geht zunächst darum, den anderen sozial zu isolieren. Das gelingt meist ohne große Schwierigkeiten, denn es zeigt sich, daß oft den Beschuldigern mehr geglaubt wird als den Beschuldigten. Die Folge ist, daß der Beschuldigte in die Defensive gedrängt wird. Freunde verlassen ihn, Kollegen ziehen sich von ihm zurück.

Ob tatsächlich ein begründeter Verdacht besteht, spielt keine Rolle. Es geht um die Eignung des Vorwurfs für das Ziel, die Position des Gegenspielers zu schwächen. Was hier realisiert wird, ist das Prinzip des Präventivschlags. Wer zuerst zuschlägt, bringt sich in Vorteil, während der andere sich kaum noch wehren kann; denn ist er einmal in die Verteidigungsstellung geraten, so muß er ja vor allem stets den Angriff parieren, bleibt also auf eine Position festgenagelt, welche die Berechtigung des Vorwurfs als möglich voraussetzt.

Auch hier wirkt der sexuelle Mißbrauch als Metapher. Doch hinter solchem Schlagabtausch verbergen sich schwere Beziehungsprobleme, die nicht in Geduld und Toleranz aufgearbeitet werden. Aus Scheu vor der langen und schweren Auseinandersetzung wählt man den kürzesten Weg. Worum es wirklich geht, läßt sich so erfolgreich ausblenden, daß es auch den Beteiligten selbst nicht bewußt wird. Wie wir aus einschlägigen Gerichtsprozessen erkennen können, vollzieht sich ein gnadenloser Kampf der Geschlechtspartner, die in einer unauflöslichen Freund-Feind-Konstellation befangen sind. Eine höhere Abstraktionsebene der Auseinandersetzung, die einen vermittelnden Diskurs ermöglichen könnte, bleibt auf Grund einer tiefsitzenden Beziehungsunfähigkeit ausgeschlossen. Zwischenmenschliche Probleme werden nicht ausgetragen, sondern jeder Kontrahent besetzt einen eigenen, von dem des Partners unüberbrückbar getrennten Standort.

8. Identität durch Erlebnis (?)

Der metaphorische Gebrauch des sexuellen Mißbrauchs wird auch wirksam bei dem Versuch, durch eigene Kindheitserinnerung und Rekonstruktion früher Erlebnisse Identität zu gewinnen. Daß sexueller Mißbrauch im Kindes- oder Kleinkindstadium eine bleibende Prägung bewirken kann, hat sich inzwischen herumgesprochen. Also greift man darauf zurück und nimmt es für sich in Anspruch.

Schließe ist mich dieser gebräuchlichen Übung an, dann schlage ich scheinbar zwei Fliegen mit einer Klappe. Erstens ist mir das Unheil persönlich widerfahren, so daß ich mir manche Phänomene, Ereignisse und Verhaltensweisen in meinem eigenen Leben jetzt besser erklären kann. Zweitens gewinne ich damit Anschluß an die Gruppe derer, die das gleiche oder ein vergleichbares Schicksal erlitten haben. Damit kann ich mich mit diesen auf einen Sonderstatus berufen.

Sexuell mißbraucht worden zu sein, ist noch etwas anderes als gemeinsame Schicksale einer ganzen Generation, wie etwa Krieg, Nachkriegszeit, Flucht, Vertreibung. Solche generellen Vorgänge geben für den einzelnen zu wenig her, denn man teilt sie ja mit Millionen anderen. Aber auf sexuellem Gebiet beeinträchtigt worden zu sein, hat einen ganz besonderen Stellenwert, denn es löst mich heraus aus konkreten gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen.

Identitätserwerb durch Erlebnis ist zweifellos eine verlockende Perspektive. Mir wird der Weg des geringsten Widerstandes angeboten, auf dem ich angeblich ebenso gut oder sogar noch schneller zum Ziel komme als durch irgendwelche Bemühungen, die meinen Willen und meine Leistungsbereitschaft strapazieren. Aber das ist ein windiges Versprechen, auf das ich nicht hereinfallen sollte, vor allem deswegen nicht, weil mir damit ein reduziertes Menschenbild aufgenötigt wird.

Falls ich überhaupt so etwas wie personale Identität gewinnen kann, dann niemals durch Erlebnisse, auf die in dieser oder einer ähnlichen Gestalt jeder andere ebenso zurückgreifen könnte. Was zeitlich hinter mir liegt, gehört zwar sicherlich zu den Ausgangsbedingungen für meine heutige Existenz. Aber zur Identität dringe ich nur vor durch das, was ich selber vollbringe, durch meine unverwechselbare und gerade nicht typische Lebensleistung. Das Hochstemmen eines vermeintlichen oder auch wirklich geschehenen sexuellen Mißbrauchs taugt daher nicht dafür, daß ein Mensch sich selbst später als Erwachsener besser versteht.

9. Das Wohl des Kindes

Alle Erörterungen zum sexuellen Mißbrauch entzünden sich zwar am Kind, verlieren aber das Kind bald aus dem Auge. Der sexuelle Mißbrauch bietet eine vorzügliche Gelegenheit, das "Wohl des Kindes" ins Spiel zu bringen. Doch auch hier taucht sofort die alte Frage auf, wie das Wohl des Kindes interpretiert werden soll.

Das Jugendamt als Eingriffsinstanz hat sich lange genug sagen lassen müssen, es habe zu zögerlich abgewartet und nichts unternommen. Nunmehr wird die härtere Linie gefahren: Lieber frühzeitig eingreifen und das Risiko des Irrtums in Kauf nehmen, als eine denunzierte Familie einfach ungeschoren lassen. Ein Fehler der Fahnder läßt sich in den seltensten Fällen eindeutig bestimmen. Sie können immer sagen: Zwar ließ sich nichts exakt nachweisen, aber es bleibt ein dringender, auf Indizien gestützter Verdacht.

Je mehr Fälle bekannt werden, desto deutlicher stellt sich heraus, daß die Mitarbeiter der Jugendämter in einem Handlungsraum operieren, wo sie weder Verantwortung tragen noch für die Folgen haftbar gemacht werden können. Dieser Raum ist de facto rechtsfrei. Zwar werden die Gerichte einbezogen und zur Entscheidung genötigt, aber sie entscheiden aus Mangel an Zeit und Fachkenntnis meist so, wie die Jugendämter es empfehlen. Der gesamte Urteilsfindungsprozeß wird, scheinbar korrekt, in einzelne Schritte aufgegliedert: Herausnahme des Kindes - ja oder nein, Entzug des Sorgerechts und des Aufenthaltsbestimmungsrechts - ja oder nein; Gewährung einer Besuchserlaubnis - ja oder nein. So erscheint jeder dieser Einzelschritte als einwandfrei rechtlich abgesichert. Daß es sich dabei um Lebensschicksale von Kindern und Eltern handelt, daß ein mehrjähriges Verfahren den gesamten Lebensweg eines Kindes, vor allem seine psychische und soziale Entwicklung entscheidend beeinflussen kann, bleibt völlig unberücksichtigt.

Dies zeigt sich besonders dort, wo ein anfangs geäußerter Verdacht auf sexuellen Mißbrauch durch Gutachten oder andere Erkenntnisse widerlegt und nicht länger aufrechterhalten wird. Damit ist dann nämlich die Geschichte keineswegs zuende, denn die Jugendämter lassen nicht locker. Sie konzentrieren sich jetzt auf "andere" Probleme, die es in der betroffenen Familie auch noch geben soll. Stellen wir uns einmal folgendes vor: Eine Familie meldet einen kleinen Kellerbrand. Die Feuerwehr rückt an und löscht ihn in wenigen Minuten, zieht aber nach getaner Arbeit nicht wieder ab, sondern erklärt: Wenn wir schon mal im Haus sind, dann suchen wir doch gleich gründlich nach verbotenen Dingen, vielleicht nach Pornos, Kopfläusen oder geschmuggelten Zigaretten.

Wenn Jugendämter so verfahren, sind sie selber der Bazillus, nach welchem sie in den Familien forschen; und falls sie tatsächlich solche "anderen" Probleme finden, z.B. das auffällige Verhalten eines Kindes, dann sind diese durch die Aktivitäten des Jugendamtes meist erst hervorgerufen worden.

Am Umgang mit dem Mißbrauchsvorwurf wird sichtbar, wie sich das Jugendamt auf das KJHG einstellt. Dieses Gesetz ist vielleicht im ganzen zu anspruchsvoll. Die Hilfeverhandlung auf dem offenen sozialen Markt erweist sich als schwierig. Nur wo Gefahr im Verzuge droht, darf weiterhin eingegriffen werden. Da eben dies beim sexuellen Mißbrauch der Fall ist, braucht das Jugendamt den sexuellen Mißbrauch dringend. Nur er bietet die gewünschte Gefahr, um nach alter Weise tätig zu werden und die gesellschaftliche Notwendigkeit der eigenen Institution nachweisen zu können.

Das Jugendamt will natürlich zum Wohl des Kindes handeln und Anwalt des Kindes sein. Das ist aber auf Grund der vorgegebenen Strukturen unmöglich: einmal weil das Jugendamt selber eigene Interessen vertritt; zum anderen, weil es auch selbst Exekutive ist, also nicht zugleich Anwalt des Kindes sein kann.

Das Bestreben, die eigene Macht zu vergrößern, zeigt sich auch darin, daß Jugendämter sich immer mehr selbst als Expertengremien stilisieren. Bisher ist es z.B. üblich, daß frei praktizierende Psychologen von Fall zu Fall ihre Gutachten dem zuständigen Fachdienst zur Entscheidung darüber vorlegen, ob eine Therapie stattfinden soll. Der Fachdienst leitet dann seinen Befund an das Jugendamt weiter. Nun mehren sich die Fälle, in denen das Jugendamt diese Gutachten auf direktem Wege, unter Umgehung des Fachdienstes anfordert, so als sei es selbst für die inhaltliche Beurteilung kompetent.

10. Konzentration auf das Spektakuläre

Der Zugriff auf das Kind wird zum Beispiel vermeintlicher Problemlösung. Dazu ist es nötig, das Problem überhaupt erst handhabbar zu machen. Wenn man sich in sozialer oder pädagogischer Absicht mit einer Gruppe beschäftigen will, dann muß diese Gruppe signifikant sein und sich von anderen durch bestimmte Merkmale abheben. Die bloße Gewalttat ist zu allgemein. Nur das Spezifische verspricht einen spektakulären Zugriff, einen einprägsamen und öffentlich vorzeigbaren "event".

Das widerspricht aber der Realität. Denn in den meisten Fällen, in denen sexueller Mißbrauch tatsächlich vorkommt, ist er in den Familien verbunden mit sonstiger physischer und psychischer Gewalt, Alkohol, enger Wohnung, schwacher sozialer Position. Wenn man hier nachhaltig helfen will, müßte man dafür die gesamte Gesellschaft umkrempeln.

Da das unmöglich ist, konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf einzelne Aspekte, vorzüglich auf den sexuellen Mißbrauch. Als ob das ganze Verfahren ein Fernsehspot wäre, greift man hier und jetzt ein Ereignis heraus, das Emotionen weckt und scheinbar als einzelnes dasteht. Der Kontext bleibt unerwähnt.

Die Konzentration auf das Spektakuläre erfordert eine Spezialisierung des Zugriffs. Doch um einen speziellen Zugriff als notwendig glaubhaft zu machen, muß die zugreifende Institution vor sich selbst wie vor der Öffentlichkeit den Anschein von Allwissenschaft erwecken. Indem vermeintlich genaue Anhaltspunkte dafür vorgewiesen werden, daß im jeweiligen Fall gerade sexueller Mißbrauch vorliegt und nichts anderes, setzt die zugreifende Institution voraus, daß die Gesamtheit der Kinder in dem fraglichen Bereich genau bekannt ist, daß die beobachtenden Erzieher, Lehrer und Kindergärtnerinnen jedes einzelne Kind mit seinem sozialen Hintergrund kennen und beurteilen können, daß die beteiligten Fachkräfte der Ämter einen untrüglichen Maßstab dafür besitzen, was ein normales und was ein abweichendes Verhalten ist. Es wird so getan, als habe man im Prinzip das Heranwachsen und Gedeihen aller Kinder qualitativ wie quantitativ voll im Griff.

Besonders das Jugendamt, das alle vor Ort gewonnenen Informationen sammelt, gibt vor, sämtliche Familien in seinem Umkreis im Blick zu haben und deren pädagogische Potenz beurteilen zu können. Wie wäre es sonst möglich, daß bei Familien, deren Kinder von Dritten mißbraucht worden sein sollen, die "Erziehungsfähigkeit" geprüft wird; daß also Eltern daraufhin ausgeforscht werden, ob sie ihre Kinder auch hinreichend beaufsichtigt und vor dem Bösewicht gewarnt haben - als ob die Erziehungsfähigkeit aller anderen Familien in diesem Stadtviertel unzweifelhaft klar erwiesen wäre. Gerade die Beanspruchung von Kompetenz in jedem Einzelfall setzt einen Überblick über das Ganze voraus, denn der Einzelfall ist ja nur mit Bezug auf ein allgemein gültiges Kriterium daraufhin zu bewerten, ob er diesem genügt oder nicht. Der kontrollierende Eingriff reklamiert also nicht nur die Fähigkeit der Ämter zu totaler Sozialkontrolle, sondern auch deren Legitimität.

Fazit

Die bisher übliche Art, wie die selbsternannten Experten mit diesem Thema umgehen, ist ein Rückfall in eine andere Gesellschaft, die klare Urteile erlaubt, die noch nicht pluralistisch ist, in der ein traditionelles Bewußtsein herrscht.

Unsere heutige Gesellschaft ist aber vielfältig und komplex. Ein Begriff wie das "Wohl des Kindes" ist daher nicht klar zu definieren, sondern kann nur als Tendenzaussage, als Orientierungsmarke gelten. Was das Wohl des Kindes sein könnte, läßt sich nur von Fall zu Fall durch Verhandlung und Konsensbildung unter vielen Beteiligten konzipieren.

Sich in dieser offenen Gesellschaft zu bewegen, ist schwierig. Wer an Fremdbestimmung gewöhnt ist, sich nunmehr aber auf sich selbt gestellt sieht, findet keinen Halt mehr. Zugleich besteht auch eine tiefe Unsicherheit in den persönlichen Beziehungen, denn viele wissen nicht, wie sie mit ihren Partnern zusammenleben sollen. So wird der sexuelle Mißbrauch zum bevorzugten Thema, das eben diesen Rückschritt in eine überwunden geglaubte autoritäre Gesellschaft zu erlauben scheint. Die Sehnsucht danach hat inhaltlich mit dem sexuellen Mißbrauch unmittelbar nichts zu tun. Aber dieses Thema eignet sich vorzüglich als Metapher, deren Anwendung eine breite Ausstrahlung bewirkt.

Der ganze Streit um den sexuellen Mißbrauch entzündet sich am Wohl des Kindes. Aber in seinem Verlauf geht es überhaupt nicht mehr um Kinder, sondern fast ausschließlich um Erwachsene: Sei es, daß Eltern sich gegenseitig beschuldigen, um bei einer bevorstehenden Trennung möglichst viele Pluspunkte und vor allem die Verfügungsgewalt über die Kinder zu ergattern; sei es, daß inkompetente Beobachter sich dazu berufen fühlen, ohne Rücksicht auf Verluste für die saubere Gesellschaft zu streiten; sei es, daß Funktionäre und Helfer es auf einmal als ihr Privileg entdecken, andere zu kontrollieren, ohne selbst kontrolliert zu werden, und sogar ganze Familien zu zerstören; sei es schließlich, daß Pädagogen, die sonst von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt werden, hier eine Möglichkeit wittern, das zu erfüllen, was die Gesellschaft ihnen aufträgt: die unübersichtlich gewordene heutige Welt wieder übersichtlich zu machen und moralisch zu desinfizieren.

Kuck mal, meine Vagina

Kuck mal, meine Vagina reichmann Do., 05.08.2010 - 16:55

Cohn-BenditAuch die Linke hat ihre Missbrauchsgeschichte: Zu den Projekten der 68er gehörte die sexuelle Befreiung der Kinder, der Bruch aller Schamgrenzen wurde bei einem Teil der Bewegung zum Programm. So entstand ein Klima, in dem selbst Pädophilie als fortschrittlich galt.

Im Frühjahr 1970 fand die Berliner CDU-Abgeordnete Ursula Besser vor ihrer Wohnungstür eine fremde Aktentasche. Es passierte in diesen Tagen öfter, dass Leute etwas bei ihr ablegten oder in den Briefschlitz steckten. Manchmal musste die Polizei anrücken, um eine verdächtige Sendung in Augenschein zu nehmen, wofür sich Besser dann bei den Nachbarn entschuldigte.

Die Studenten hatten die Revolution ausgerufen, und die Offizierswitwe Besser gehörte zu den Kräften in der Stadt, die sich entschieden gegen die Zeitenwende stellten. Die CDU hatte die promovierte Philologin in den Bildungsausschuss geschickt, als sie drei Jahre zuvor neu in das Abgeordnetenhaus gekommen war; ihre direkten, angriffslustigen Auftritte hatten sie schnell bekannt gemacht.

Die Tasche enthielt einen Stoß Papier, mit Schreibmaschine getippte Tagesprotokolle über die pädagogische Arbeit in einem Schülerladen am Kreuzberger Oranienplatz, in dem bis zu 15 Kinder im Alter zwischen 8 und 14 Jahren am Nachmittag betreut wurden. Das erste Protokoll trug das Datum vom 13. August 1969, das letzte stammte vom 14. Januar 1970.

Schon bei flüchtiger Durchsicht des Materials zeigte sich, dass die Erziehungsarbeit in dem Schülerladen "Rote Freiheit" unorthodox ausfiel. Die Schüler sollten zu "sozialistischen Persönlichkeiten" geformt werden, der Erziehungsauftrag ging weit über das betreute Spielen hinaus. Auf dem Programm stand neben "Agitprop" über die Situation in Vietnam auch "Straßenkampf", bei dem die Kinder in "Studenten" und "Bullen" eingeteilt wurden.

Ganz besonderen Wert legten die Erzieher ausweislich der Notizen auf die Sexualerziehung. Beinahe täglich gab es Pfänderspiele, in denen die Schüler sich auszogen, dazu gemeinsame Lektüre von Pornoheften und pantomimische Darstellungen des Geschlechtsverkehrs.

Von einer "Sexübung" war am 11. Dezember die Rede, von einer "Fickstunde" am 14. Januar. Am 26. November lautete der Eintrag: "Überhaupt provozierten wir durch unser Daliegen immer wieder offen oder versteckt sexuelle Anspielungen, die dann in Pantomimen zum Ausdruck kamen, die Kurt mit Rita auf dem abgesägten Tisch (als Bühne) vor uns aufführten."

Das Material machte ein breiteres Publikum erstmals mit einem Nebenprodukt der Studentenbewegung bekannt: der sexuellen Befreiung der Kinder. Ursula Besser gab die Protokolle an einen Redakteur des Berliner "Abend" weiter, der sie auszugsweise veröffentlichte. Am 7. April 1970 beschäftigte sich auch das Berliner Abgeordnetenhaus mit dem Schülerladen "Rote Freiheit": Hinter der Einrichtung stand das Psychologische Institut der Freien Universität, wie sich zeigte; der Fachbereich hatte das Projekt ins Leben gerufen und stellte die Erzieher. Besser vermutet, dass es ein besorgter Mitarbeiter war, der bei ihr die Protokolle ablegte.

Einige Tage später besuchte die Abgeordnete das Psychologische Institut in Berlin-Dahlem, "zu einer Ortserkundung", wie sie sagt. Im Keller stieß Besser auf zwei Räume, die durch eine große, nur von einer Seite durchsichtige Glasscheibe getrennt waren. In dem einen Raum lag eine Matratze, an der Wand hing ein Waschbecken, daneben eine Reihe bunter Waschläppchen. Auf Nachfrage erklärte ihr ein Institutsmitarbeiter, der Keller habe als "Beobachtungsstation" gedient, um das kindliche Sexualverhalten zu erforschen.

Es ist in Vergessenheit geraten, aber gerade die 68er und ihre Nachfolger waren von einer seltsamen Obsession ergriffen, was die kindliche Sexualität angeht. Das Kapitel kommt in den Feierstunden der Bewegung nie vor. Die Veteranen scheinen in diesem Punkt von einem akuten Gedächtnisverlust befallen, dabei wäre eine Aufarbeitung auch dieser Umwälzung der Verhältnisse durchaus lohnend.

Zur Wahrheit in der Debatte über den sexuellen Missbrauch gehört, dass die Verwirrung, wo die Grenzen im Umgang mit Kindern liegen, sich nicht auf die katholische Kirche beschränkte. Tatsächlich beginnt gerade in den sogenannten fortschrittlichen Milieus eine Sexualisierung der Kindheit, ein schrittweises Absenken der Tabuschranken, an dessen Ende sogar der Geschlechtsverkehr mit Kindern denkbar ist.

Schon die Vorfälle an der hessischen Odenwaldschule haben gezeigt, dass es eine Verbindung zwischen Reformanspruch und Enthemmung gab. Auch der Fall des ehemaligen "Konkret"-Verlegers Klaus Rainer Röhl ist ohne den Zeitbezug nicht wirklich zu verstehen. Die "Konkret"-Texte, in denen offen der Sex mit Minderjährigen propagiert wurde, sind mindestens so verstörend wie die von Röhl bestrittenen Anschuldigungen der Töchter Anja und Bettina, von ihrem Vater belästigt worden zu sein.

Es stellt sich die Frage, ob sich der Verleger durch Auflage und Anerkennung seines Magazins ermutigt sah. Wer von seiner Umwelt keine Zurechtweisung, sondern Zustimmung erfährt, hat ein geringeres Unrechtsbewusstsein und damit weniger Grund zur Affektkontrolle.

Auch die Linke hat ihre Missbrauchsgeschichte, und sie ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Fragt man Wortführer von einst, erhält man zögerliche oder ausweichende Antworten. "Im Kern der 68er-Bewegung hat es in der Tat an einer Respektierung der nötigen Grenzen zwischen Kindern und Erwachsenen gemangelt. Inwiefern diese Gefährdung zu Missbrauchsfällen geführt hat, ist offen", schreibt der Politologe und Bewegungschronist Wolfgang Kraushaar im Rückblick.

Mangelnder Respekt vor den Grenzen ist eine schöne Formulierung. Man kann auch sagen: Die Grenzen wurden ziemlich gewaltsam eingerissen.

Die Befreiung der Sexualität steht ganz oben auf dem Themenplan der jungen Revolutionäre, die sich ab 1967 daran machen, die Gesellschaft umzukrempeln. Die Kontrolle der Triebe wird als Herrschaftsinstrument verstanden, mit der die bürgerliche Gesellschaft ihre Macht festigt. Alles, was von den Neuerern als falsch und schädlich empfunden wird, hat hier seinen Ursprung: die Aggression des Menschen, seine Gier und sein Besitzstreben, seine Autoritätshörigkeit. Nur wer sich der sexuellen Repression entzieht, kann ein wahrhaft freier Mensch werden.

Es liegt nahe, bei der Befreiung früh anzusetzen. Wenn die Schamgrenzen erst einmal etabliert sind, ist alles, was dann folgt, Herumdoktern am Symptom. Viel besser ist, Scham erst gar nicht entstehen zu lassen. Kaum ein linkes Theoriebuch, das in dieser Zeit nicht die Sexualität in den Blick nimmt.

So heißt es in der 1971 bei Rowohlt erscheinenden Schrift zur "Revolution der Erziehung", die schnell hohe Auflagen erreicht: "Die Entsexualisierung des Zusammenlebens in der Familie, vom Verbot sexueller Betätigungen der Kinder bis zum Inzesttabu, dient der Vorbereitung der totalen Anpassung - als Vorbereitung auf die Lustfeindlichkeit der Schule, auf die freiwillige Unterwerfung unter den entfremdeten Arbeitsprozess."

Wie das geforderte Gegenprogramm in der Praxis aussah, ließ sich im "Kursbuch" Nummer 17 vom Juni 1969 nachlesen. In der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Kulturzeitschrift fand sich ein Bericht der Mitglieder der Kommune 2 in Berlin über "Kindererziehung in der Kommune". Im Sommer 1967 waren drei Frauen und vier Männer in eine Altbauwohnung in der Giesebrechtstraße gezogen, zusammen mit zwei Kleinkindern, der damals dreijährigen Grischa und dem vierjährigen Nessim. Für die Kommunarden war das Wohnexperiment der Versuch, alle bürgerlichen Zwänge zu überwinden, wozu getrennte Kassen und geschlossene Toilettentüren ebenso gehörten wie Treue in der Paarbeziehung und eben die Ausbildung von Schamgefühlen. Die beiden Kinder wurden gemeinschaftlich erzogen, was oft hieß, dass sich niemand wirklich um sie kümmerte. Weil sich die Erwachsenen nicht nur "Duldung, sondern Bejahung der kindlichen Sexualität" zum Ziel gesetzt hatten, beließen sie es hier nicht beim Zusehen.

Auch die Kommunebewohner neigten zum zwanghaften Protokollschreiben, deshalb sind die Vorgänge dort verlässlich überliefert. Am 4. April 1968 beschreibt Eberhard Schultz, wie er mit der kleinen Grischa im Bett liegt und sie ihn zu streicheln beginnt, erst Gesicht, Bauch und auch Po, schließlich den Penis des Mannes, bis er "ganz erregt" ist und sein "Pimmel steif wird". Das Mädchen zieht sich die Strumpfhose herunter und fordert Schultz auf, "ma reinstecken", worauf er antwortet, sein Penis sei dafür "wohl zu groß". Dann streichelt er das Kind an der Vagina.

Dem "Kursbuch" 17 lag ein Bilderbogen bei, der die Größe eines "Bravo"-Posters hatte und unter der Überschrift "Liebesspiele im Kinderzimmer" Nessim und Grischa in einer Fotofolge nackt zeigte, darunter in Großaufnahmen, die man heute in einem Pädophilenblatt vermuten würde, aber nicht in einem Leitmedium der linken Intelligenz. "Grischa geht zum Spiegel", heißt es in der Bildlegende, "beschaut ihren Körper, beugt sich mehrmals vor, wobei ihre Hände ihren Popo umspannen, sagt: ,Kuck mal, meine Vagina.'"

Der ehemalige Kommunarde Ulrich Enzensberger hat später erzählt, dass zumindest Nessim "mit Grausen" an seine Zeit im Kollektiv zurückdenke. Nessim ist jetzt Politologe in Bremen, Grischa lebt in Berlin und arbeitet bei einem Verlag. Seit die zwei selbst über ihr Privatleben entscheiden können, haben sie sich der Öffentlichkeit konsequent entzogen. Über seine Kindheit "und somit intime Themen" rede er nur "mit vertrauten Menschen", antwortet der Politologe auf Anfrage freundlich; ähnlich äußert sich die heute 46-jährige Verlagsangestellte.

Man könnte versucht sein, die "Liebesspiele" in der Wohngemeinschaft als Ausnahme abzutun, als radikalen Überschuss eines revolutionären Projekts, wenn sich nicht viele linke Eltern ausgerechnet die Erziehungsexperimente in der Giesebrechtstraße zum Vorbild genommen hätten. Die Kommune 2 galt diesen Zeitgenossen, was die antiautoritäre Erziehung angeht, als Pilotprojekt, dem in rascher Folge private Kindergärten folgten, in denen die Eltern ihren Nachwuchs nach den neuen Ideen aufzogen, erst in Frankfurt am Main, dann in Berlin, Hamburg, Stuttgart und bald auch in kleineren Städten wie Gießen oder Nürnberg.

Zunächst stehen bei den Eltern ganz praktische Fragen zur Klärung an, zum Beispiel, ob man die Kinder zur Demo mitnehmen solle, aber bald schon drängt auch hier die Sexualerziehung auf die Tagesordnung. Über kein Thema habe man so lange diskutiert wie über Sex im Kinderladen, berichtet Alexander Schuller, einer der Pioniere dieser Bewegung.

Der Soziologe gehörte 1969 zu den Begründern eines Kinderladens in Wilmersdorf. Die anderen Eltern waren wie er Akademiker, viele arbeiteten als Journalisten oder an der Hochschule, ein durch und durch bürgerliches Kollektiv also. Schuller hatte zwei Söhne, damals vier und fünf Jahre alt, die frei aufwachsen sollten, ohne die üblichen Vorschriften und Strafen eines staatlichen Horts.

Doch schon bald bildeten sich unter den Erwachsenen zwei Lager: Die einen waren entschlossen, die Kinder dazu zu animieren, ihre Geschlechtsteile zu zeigen und anzufassen, den anderen war diese Idee unheimlich.

"Es wurde nie so direkt ausgesprochen. Aber es war klar, dass es am Ende auch um Sex mit den beiden Erzieherinnen ging", sagt Schuller. "Mir fiel es wahnsinnig schwer, Position zu beziehen. Ich fand es grundsätzlich richtig, was wir hier vorhatten. Aber an diesem Punkt dachte ich, das ist doch verrückt, das geht doch nicht. Dafür habe ich mich dann wieder geschämt. Ich glaube, so ging es vielen."

Nach einem Jahr zermürbender Diskussion obsiegte in diesem Fall die Fraktion der Prüden: kein Sex im Kinderladen.

Die Stimulation eines kindlichen Geschlechtsorgans durch einen Erwachsenen stellt aus heutiger Sicht eindeutig einen strafbaren sexuellen Übergriff dar. Für die revolutionär gestimmten 68er war es hingegen ein pädagogisches Mittel, das dabei half, "den neuen Menschen zu schaffen", wie es das "Handbuch in positiver Kinderindoktrination" ausführte, das 1971 auf den deutschen Büchertischen landete: "Kinder können Erotik und Beischlaf schätzen lernen, lange bevor sie imstande sind zu begreifen, wie ein Kind entsteht. Für Kinder ist es wertvoll, wenn sie gemeinsam mit Erwachsenen schmusen. Nicht weniger wertvoll ist es, wenn während des Schmusens Geschlechtsverkehr stattfindet."

Der Selbstbetrug der Aufklärer begann da, wo sie ein unverkrampftes Verhältnis zum Sex mit Krampf herstellen wollten. Der Theorie nach ging es darum, die Kinder zum Ausleben ihrer Bedürfnisse zu befähigen. Weil Kinder aber von sich aus wenig Anstalten machen, vor Erwachsenen sexuell aktiv zu werden, mussten sie entsprechend angeregt werden. Auch deshalb wurden laufend Sexwitze erzählt, war ständig von "Pimmel", "Popo" und "Vagina" die Rede. "Eigentlich sind meine Söhne ganz gern in den Kinderladen gegangen", sagt Schuller, "nur das dauernde Gequatsche über Sex fanden sie furchtbar."

Wie qualvoll es für Kinder sein kann, wenn ihre Schamgrenzen missachtet werden, hat Sophie Dannenberg in ihrem Roman "Das bleiche Herz der Revolution" eindrucksvoll beschrieben. Dannenberg, die in den Siebzigern in Gießen von ihren damals noch DKP-bewegten Eltern in einen Kinderladen geschickt wurde, hat die Erzählungen ihrer Mutter und anderer Zeitzeugen zu einer Abrechnung mit der Daueraufklärung verarbeitet.

Zu dem Material, das sie verwendete, gehört der Bericht von einem Elternabend, bei dem eine Mutter erzählte, wie sie sich vor ihrem Sohn nackt auszog, um sich dann von ihm "inspizieren" zu lassen. Dabei spreizte die Frau die Beine und bot ihre Scham zur Erforschung an. Das Spiel endete damit, dass der Sohn einen Bleistift in die Mutter steckte. Lange wurde unter den Eltern auch die Frage behandelt, ob man vor den eigenen Kindern Geschlechtsverkehr haben solle, um ihnen die "Natürlichkeit" des Koitus zu demonstrieren.

Dannenbergs Gesprächspartner erinnern sich an keine körperlichen Annäherungen, aber sehr wohl an "weichere Formen der Übergriffigkeit" wie die penetrante Aufforderung, sich nackt zu zeigen. In dem nach der Recherche entstandenem Roman muss sich die achtjährige Simone vor mehreren Erwachsenen und anderen Kindern entblößen: "Warum willst du dich verstecken", ruft die Mutter, unter dem Gelächter der Umstehenden, als sich das Kind instinktiv ein Kissen vor das Geschlecht hält: "Das ist doch was Schönes, was du da hast! Zeig doch mal!"

Keine Szene des Buchs hat so wütende Reaktionen provoziert wie diese. Sie sei auf Diskussionsveranstaltungen mitunter regelrecht niedergebrüllt worden, wenn die Sprache darauf kam, berichtet Dannenberg. "Lüge, Lüge", riefen Zuschauer, als sie einmal mit Ulrich Enzensberger auf einem Podium saß und ihn an die sexuellen Eskapaden erinnerte.

Es war wohl auch für die Erwachsenen nicht immer ganz einfach, so frei zu sein. Nicht alle wussten damit umzugehen, wenn die Kinder nicht nur sich selbst befummelten, sondern irgendwann auch die Großen.

Bekannt ist die Geschichte von Daniel Cohn-Bendit über seine Zeit als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen. In seinem Erinnerungsbuch "Der große Basar" von 1975 hat der Grünen-Politiker beschrieben, wie die ihm zur Aufsicht Anvertrauten seinen Hosenlatz öffneten und sein Geschlechtsteil zu streicheln begannen. "Meist war ich ziemlich entwaffnet", schreibt er, "ich habe je nach Umständen unterschiedlich reagiert."

Andere hatten erkennbar mehr Mühe, mit der Situation umzugehen. In den Protokollen eines Stuttgarter Kinderladens vom Dezember 1969 findet sich der Bericht einer Mutter, der mehrere Kinder plötzlich unter den Rock fassen. Als einer der Jungen auch noch an den Schamhaaren zieht, weiß die Frau nicht, wie sie reagieren soll: Einerseits will sie nicht als verklemmt erscheinen, andererseits ist ihr die Situation unangenehm. "Das tut mir weh, das finde ich nicht gut", sagt sie schließlich.

Wie schwer es Kinderladen-Eltern irgendwann fällt, zwischen ideologischem Selbstanspruch und Gefühl für das Richtige zu entscheiden, zeigt auch der Erfahrungsbericht der Soziologin Monika Seifert vom "Elternkollektiv der Kinderschule Frankfurt", der erst in der Zeitschrift "Vorgänge" und im Herbst 1970 auszugsweise im SPIEGEL erscheint.

Seifert fragt sich darin selbstkritisch, warum in ihrem Projekt noch "kein Fall von versuchter, direkter, zielgerichteter sexueller Aktivität eines Kindes mit einem Erwachsenen beobachtet wurde". Das gilt wohlgemerkt als Manko, nicht als Erfolg. Die Schlussfolgerung der Mutter: Die "eigenen Hemmungen und Unsicherheiten der Erwachsenen" seien wohl schuld an der Passivität, die Kinder würden "durch das unbewusste Reagieren der Erwachsenen ihre sexuelle Neugierde an diesem Punkt unterdrücken".

Ist es Missbrauch, was in einer Reihe von Kinderläden passierte? Nach den Kriterien, die an katholische Priester angelegt würden, eindeutig ja, meint Alexander Schuller. "Objektiv war es Missbrauch, subjektiv nicht", sagt Sophie Dannenberg. So verquer es im Rückblick wirkt: Die Eltern haben das Wohl des Kindes im Auge, nicht das eigene. Bei den Anhängern der neuen Bewegung dient das Kind nicht als Sexualobjekt, das dem Erwachsenen die Befriedigung seiner Triebe verschafft. Das unterscheidet den politisch motivierten Missbrauch von der Pädophilie.

Aber auch hier verschwimmen die Grenzen. Was soll man davon halten, wenn Cohn-Bendit in seinen Memoiren von "kleinen Mädchen von fünf Jahren" berichtet, die "schon gelernt hatten, mich anzumachen"? Es ist übrigens nicht das einzige Mal, dass der grüne Politiker von seinen Erfahrungen mit Kindern schwärmte. Es gibt einen weitgehend unbeachteten Auftritt im französischen Fernsehen vom 23. April 1982, bei dem sich der heutige Europaabgeordnete wie folgt äußerte:

"Um neun Uhr morgens gehe ich hin zu meinen acht kleinen Knirpsen zwischen 16 Monaten und 2 Jahren. Ich wasche ihnen den Popo ab, ich kitzle sie, sie kitzeln mich, wir schmusen. (...) Wissen Sie, die Sexualität eines Kindes ist etwas Phantastisches. Man muss aufrichtig sein, seriös. Bei den ganz Kleinen ist es etwas anderes, aber bei den Vier- bis Sechsjährigen: Wenn ein kleines fünfjähriges Mädchen beginnt, Sie auszuziehen, es ist großartig, weil es ein Spiel ist. Es ist ein wahnsinnig erotisches Spiel."

Cohn-Bendit hat später angegeben, seine Schilderungen im Buch seien als Provokation gemeint gewesen. Man kann das glauben oder auch nicht, in jedem Fall zeigt der Werdegang der Grünen in den achtziger Jahren, dass das lockere Gerede über den Sex mit Kleinkindern irgendwann auch die echten Pädophilen anzieht.

Im Gefolge der sich formierenden Schwulenbewegung tauchen bald sogenannte Pädo-Gruppen auf, die nach dem Vorbild der Homosexuellen ebenfalls Rechte als Minderheit einklagen. Der bekannteste dieser Zusammenschlüsse ist die "Indianerkommune" aus Nürnberg, ein "alternatives Wohnprojekt" von Erwachsenen und Kindern. Schon auf dem ersten Parteitag der Grünen 1980 in Karlsruhe sind die "Indianer" vertreten, um, buntbemalt und lautstark, für ihr Anliegen, den "freien Sex von Kindern und Erwachsenen", Stimmung zu machen.

Dem Argument, dass die Sexualität von Kindern nicht vom Staat begrenzt werden dürfe, mögen sich die Grünen nicht lange verschließen. Ihr Landesverband in Nordrhein-Westfalen fordert 1985 auf seinem Programmparteitag in Lüdenscheid, "gewaltfreie Sexualität" zwischen Kindern und Erwachsenen generell zu erlauben, ohne jede Altersbeschränkung. "Einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern müssen straffrei sein", steht zeitgleich in einem Entschluss des Arbeitskreises "Kinder und Jugendliche" der Grünen Baden-Württemberg. Der Protest der Öffentlichkeit erzwingt die Rücknahme der Beschlüsse.

Keine Zeitung bietet den Pädophilen in dieser Zeit ein solches Forum wie die linksalternative "Tageszeitung", was zeigt, wie gesellschaftsfähig selbst diese Grenzüberschreitung im linken Milieu nun ist. In Artikelserien ("Ich liebe Jungs") und großen Interviews dürfen Männer schildern, wie schön und befreiend der Sex mit vorpubertären Jungen sei. "Es gab eine große Verunsicherung, wie weit man gehen kann", sagt Gitti Hentschel, Mitbegründerin und von 1979 bis 1985 Redakteurin der "taz". Wer wie Hentschel gegen die Befürwortung der Pädophilie eintrat, galt als "prüde", als jemand, der die Meinungsfreiheit beschränken wolle. "Zensur kommt in der ,taz' nicht vor", hieß es dann.

Einer der wenigen Wortführer der Linken, die sich früh und entschieden gegen die Pädophilen-Bewegung stellten, war der Sozialwissenschaftler Günter Amendt. "Es gibt keine gleichberechtigte Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen", erklärte Amendt zur Empörung der Szene; auch Alice Schwarzer von der "Emma" wandte sich gegen die Verharmlosung von Sex mit Kindern und sagte, was es ist: harter Missbrauch.

Amendt erinnert sich gut, wie er in Flugblättern und Artikeln als reaktionär verunglimpft wurde. "Es gab damals eine regelrechte Kampagne gegen mich und Alice", sagt er. Erst Mitte der Neunziger ist der Spuk vorbei: 1994 haben die Pädos ihren letzten Auftritt in der "taz", dann setzt sich auch hier die Erkenntnis durch, dass der Geschlechtsverkehr mit kleinen Jungs nicht anders zu bewerten ist als der mit kleinen Mädchen, die dank der Frauenbewegung schon länger als schützenswert gelten.

Von einer Aufarbeitung dieses Teils ihrer Geschichte sind die Revolutionäre von einst noch immer weit entfernt. Als im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule Fragen nach der Verantwortung der 68er auftauchten, waren die Apologeten der Bewegung schnell dabei, einen Freibrief auszustellen.

"Hinter solchen Vorwürfen stecken auch Versuche, eine gesellschaftliche Fortschrittsentwicklung zu denunzieren", erklärte der Sexualwissenschaftler und 68er-Veteran Gunter Schmidt in der "Frankfurter Rundschau": "Im Großen und Ganzen haben die sozialen Veränderungen, die man mit der Chiffre 1968 zusammenfasst, eher zu einer Prophylaxe des Missbrauchs geführt."

Das ist ein sehr milder Blick zurück. Er wird mit Sicherheit nicht von allen geteilt, die damals Teilnehmer der linken Erziehungsexperimente waren.

Der Spiegel | Fleischhauer, Jan und Hollersen, Wiebke

Missbrauch: Unfassbarer Dilettantismus bei Gutachtern und Gerichten

Missbrauch: Unfassbarer Dilettantismus bei Gutachtern und Gerichten reichmann Sa., 08.05.2010 - 15:35

MissbrauchUnfassbare Zustände bei Missbrauchsprozessen in Deutschland und auch in Österreich. Bei Verdacht wird sofort eine Armada von Helfern und gleichgeschalteten Organisationen tätig. Rechtsbeugung bei Gericht und Staatsanwaltschaft sind keine Seltenheit. Ein Fallbeispiel zeigt, wie ein offensichtlich Unschuldiger zu 12 Jahren Haft verurteilt worden ist. Staatsanwälte haben wichtige Beweismittel unterschlagen und grottenschlechte Gutachter fachlich derartig schlechte Gutachten vorlegt, die Fragen aufwerfen, wie man mit einem derartigen Wissensstand überhaupt eine Ausbildung schaffen kann.

Rechtsanwalt Johann Schwenn, Hamburg
Erfahrungen in und aus Wiederaufnahmeverfahren

I.

Deutsche Richter, Staatsanwälte und auch Verteidiger begegnen dem angelsächsischen Modell des Strafverfahrens und namentlich dem der USA gern mit einem Schuss Herablassung.

Gewiss - der Kampf von Staatsanwalt und Verteidiger vor einem richtigen Schwurgericht hat an Dramatik dem kontinentalen und namentlich dem deutschen Strafprozess heutiger Prägung einiges voraus. Aber im Strafverfahren geht es ja nicht darum, wer das bessere Theater macht. Es soll den Täter überführen und - wichtiger noch - den Unschuldigen vor Strafe schützen.

Und darin sind wir doch gerade den USA haushoch überlegen. Denn bei uns hängt das Schicksal des Angeklagten nicht von der Qualität seines Verteidigers und damit von seinem Einkommen ab: Nicht erst der Verteidiger, sondern schon das Gericht hat dafür zu sorgen, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Bei uns ist ja nicht einmal der Staatsanwalt ein richtiger Feind des Angeklagten. Er spielt eine sonderbare Rolle – der des Richters näher als der des Rechtsanwalts, dem er in der Hauptverhandlung gegenübertritt. Er soll, wie der Berliner Staatsanwalt Isenbühl um die Wende zum vorigen Jahrhundert ganz ernsthaft gesagt hat, der Vertreter der "objektivsten Behörde der Welt" sein.

So anmaßend es klingt: Das große Wort trifft schon den damaligen Rechtszustand weit besser als ein anderes Bild aus jener Zeit, dass mit dem Aussterben der Verteidigergeneration, die damit noch etwas anfangen kann, verblasst: Danach ist die Staatsanwaltschaft die "Kavallerie der Justiz - schneidig, aber dumm".

II.

Wer sich mit der Wiederaufnahme des schuldlos Verurteilten befasst, kann Beobachtungen machen, die ihn an der Überlegenheit unseres Strafprozesses zweifeln und - um gleich bei der Staatsanwaltschaft zu bleiben - zu ähnlich deutlichen Worten greifen lassen könnten, gäbe es das nur uns Verteidigern gegenüber sanktionsbewehrte Sachlichkeitsgebot nicht.

Wäre der Staatsanwalt die ideale Figur, die der Gesetzgeber schaffen wollte - der Vertreter der objektivsten Behörde der Welt -, so wäre zu erwarten, dass bei jeder größeren Staatsanwaltschaft mindestens ein Dezernent mit der Prüfung befasst wäre, ob der Anfall neuer Erkenntnisse, die nicht nur laufende, sondern auch rechtskräftig abgeschlossene Verfahren betreffen, Anlass bietet, eine Wiederaufnahme zugunsten des Verurteilten durchzuführen.

Auf diesen betrieblichen Vorschlag bin ich bei der Arbeit an meinem jüngsten Wiederaufnahmegesuch gekommen. Aus einer Mehrzahl von Gründen eignet sich die Geschichte des Verfahrens, von dem ich Ihnen berichten will, als Exempel für viele andere. Einer dieser Gründe ist die Rolle, die die Staatsanwaltschaft dabei spielt. Aber eines nach dem anderen:

1. Im Mai 2004 hat der Erstrichter, eine Jugendkammer des Landgerichts Hannover, gegen den Verurteilten, Herrn W., einen bis dahin unbestraften Familienvater, wegen Vergewaltigung in fünf Fällen, davon in einem Fall in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie wegen Körperverletzung auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von 12 Jahren und acht Monaten erkannt. Der Bundesgerichtshof hat die Revision im August 2005 durch Beschluss als offensichtlich unbegründet verworfen. Seit Ende Januar 2004 befindet sich Herr W. ununterbrochen in Untersuchungs- und Strafhaft. Vollzogen wird die Strafe im geschlossenen Vollzug.

Lockerungen sieht der zuletzt am 19. Januar fortgeschriebene Vollzugsplan für diesen Verurteilten nicht vor. Die Vollzugsplankonferenz meint, dass die "konsequente Tatleugnung eine Aufarbeitung und Einsicht in die Tat"
verhindere und die Abwägung ergebe, "dass trotz der für Herrn W. sprechenden Umstände die gegen ihn zu wertenden Tatsachen schwerer wiegen und eine Flucht- und Missbrauchsgefahr begründen".

Solche Begründungen sind die Regel. Der Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Sexualdelinquenten wird von dem Missverständnis beherrscht, es sei Aufgabe des Strafvollzuges, den Verurteilten unter Verletzung des nemo-tenetur-Grundsatzes und unter konsequenter Missachtung des grundrechtlichen Schutzes von Ehe und Familie zu einem Geständnis zu bringen, weil nur unter dieser Voraussetzung eine günstige Kriminalprognose möglich sei. Das Dürftige dieses Ansatzes, dessen Vertretern es oft nur um das Verschärfen des Strafübels geht, zeigt sich bei jedem einschlägigen Wiederaufnahmeverfahren. Der bloß vermeintliche Sexualstraftäter erlebt den Strafvollzug stets als mehr oder minder subtile Form dauernder Aussageerpressung.

Herr W. hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe stets mit Nachdruck bestritten und als böswillige Verleumdung durch die Nebenklägerin bezeichnet. Auch der zugleich mit ihm abgeurteilte Vater der Nebenklägerin, den sie anderer Vergewaltigungstaten beschuldigt hatte, hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe frei erfunden genannt.

2. Das Urteil des Landgerichts Hannover beruht auf den Angaben der Nebenklägerin. Bestätigt gefunden hat der Erstrichter deren Aussage in

  • ihren früheren Vernehmungen,
  • ihren gleichgerichteten Äußerungen per e-mail und SMS gegenüber Dritten
  • und schließlich ihrem selbstverletzenden Verhalten.

Von der Nebenklägerin als von dem Verurteilten verursacht erklärte Verletzungsspuren auf ihrem Rücken hat die von einem rechtsmedizinischen Sachverständigen beratene Jugendkammer mit ihrer jeweiligen Darstellung bloß für vereinbar gehalten. Besonders beeindruckt hat den Erstrichter neben der in rekonstruierten Zeitangaben gefundenen Aussagekonstanz ihr durch vermeintlich "aus tiefster Seele" kommende Ausbrüche und häufiges Weinen gekennzeichnetes Aussageverhalten.

Alle angeblichen Taten hatte die Nebenklägerin im Januar 2001 zuerst ihrer jungen Englischlehrerin offenbart. Die allererste dieser vermeintlichen Offenbarungen war die Mitteilung der Nebenklägerin, sie sei 1999 auf dem Weg zur Schule von einem unbekannten Mann ergriffen worden. Er habe ihr die Hose geöffnet, mit der Hand an sein Geschlechtsteil gefasst und vermutlich auch einen Finger in ihre Scheide gesteckt. Das habe sich dann innerhalb von drei Tagen noch einmal wiederholt. Dieser Bericht hatte die Lehrerin so beunruhigt, dass sie auf die Empfehlung eines Frauenhauses mit der Nebenklägerin eine Beratungsstelle namens Violetta aufsuchte.

Welchen Einflüssen sie dort ausgesetzt war, hat die Jugendkammer nicht beschäftigt. Jedenfalls erstattete die Nebenklägerin einige Monate danach in Anwesenheit ihrer Lehrerin die Strafanzeige gegen ihren Vater und Herrn W. Auch bei späteren Vernehmungen musste die Lehrerin immer dabei sein.

Zur Frage der Zeugentüchtigkeit der Nebenklägerin hat der Erstrichter einen ortsansässigen Arzt für Neurologie und Psychiatrie als Sachverständigen gehört. Auf dessen Gutachten beruht die Überzeugung, die Nebenklägerin leide an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ausweislich der Urteilsgründe hatte dieser Facharzt im selbstverletzenden Verhalten der Nebenklägerin zwar eines der Symptome für eine Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ erkannt, aber gemeint, eine derartige Störung beeinflusse die Zeugentüchtigkeit nicht. Auch darin ist der Erstrichter diesem Sachverständigen gefolgt.

Eine als aussagepsychologische Sachverständige vernommene Diplom-
Psychologin hielt die Aussage der Nebenklägerin zwar in vielen Bereichen für dürftig und fand auch gewisse Mängel. Die seien aber vor dem Hintergrund der posttraumatischen Belastungsstörung psychologisch erklärbar - jedenfalls sei die Aussage erlebnisbezogen und glaubhaft. Auch diesem Gutachten hat sich der Erstrichter angeschlossen.
Der Verwerfungsbeschluss des 3. Strafsenats des Bundesgerichtshof ist ausnahmsweise mit Gründen versehen, die der Verfahrensrüge gelten. Beanstandet worden war - übrigens von dem Kollegen Widmaier -, dass der Tatrichter den als aussagepsychologischen Sachverständigen präsent gestellten Prof. Köhnken aus Kiel regelrecht ausgehungert hatte: In der über viele Tage ausgedehnten Hauptverhandlung kam der sonst allseits geachtete Sachverständige solange nicht zu Wort, bis dem Angeklagten das Geld ausgegangen war.

Dergleichen rächt sich manchmal früher, manchmal später. Für mich war diese Behandlung des Herrn W. durch den Erstrichter und den 3. Strafsenat, der sie gebilligt hatte, einer der Gründe, seine Verteidigung im Wiederaufnahmeverfahren zu übernehmen. Doch zunächst zu den Gründen des 3. Strafsenats:

"Die als intelligente Realschülerin geschilderte Geschädigte war im Zeitpunkt ihrer Vernehmung in der Hauptverhandlung über 17 Jahre alt. Nach dem vom Landgericht eingeholten Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Dr. D. haben sich keine Anhaltspunkte für eine schizophrene Psychose oder sonstige Bedenken gegen ihre Zeugentüchtigkeit ergeben. Die von dem Mädchen berichteten - vorübergehenden - Selbstverletzungshandlungen sprächen eher für die Folge eines Missbrauchsgeschehens im Sinne einer posttraumatischen Störung und nicht gegen ihre Zeugentüchtigkeit. Es ist schon fraglich, ob bei dieser Sachlage die Jugendkammer überhaupt verpflichtet gewesen wäre, zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit der Geschädigten auf die Hilfe eines aussagepsychologischen Sachverständigen zurückzugreifen. Die von ihr vorgenommene, ausführliche Beweiswürdigung weist jedenfalls keinen Rechtsfehler auf. Das Landgericht hat dargelegt, dass das von dem Mädchen geschilderte Geschehen zahlreiche Realitätskennzeichen und zudem Besonderheiten aufweist, die eine falsche Aussage ausgeschlossen erscheinen lassen. Ihre Angaben stimmen mit tatzeitnah verfassten E-mail und SMS-Nachrichten überein und werden zum Randgeschehen, aber auch zu erlittenen Verletzungen von anderen Beweismitteln bestätigt.
Bei den genannten Besonderheiten der Beweissituation schließt der Senat auch aus, dass die Sachverständige U. zu unzutreffenden Ergebnissen gelangt ist, selbst wenn ihre methodische Vorgehensweise nicht immer den vom 1. Strafsenat in BGHSt 45, 164 genannten Maßstäben entsprochen haben sollte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bei der Überprüfung der auf Realkennzeichen und einen Erlebnishintergrund untersuchten Aussage an Hand von Alternativhypothesen nicht alle denkbaren, sondern nur die im konkreten Fall nach dem Stand der Ermittlungen realistischen Erklärungsmöglichkeiten berücksichtigt werden müssen (BGHSt 45, 164, 168). Den Einwänden gegen den von der Sachverständigen gewählten Aufbau des Gutachtens kommt ohnehin allenfalls geringes Gewicht zu (vgl. BGH NStZ 2001, 45)."

Zu den Besonderheiten der Beweissituation gehörte auch, dass die Nebenklägerin die Vorwürfe gegen ihren Vater schon in der Hauptverhandlung erweitert hatte: Als sie "9 oder 10" gewesen sei, habe sie ihr Vater, ein Lkw-Fahrer, an andere Männer zum Zwecke des durch diese verübten sexuellen Missbrauchs weitergereicht und sie zu anderen Lkw-Fahrern oder in irgendwelche Häuser gebracht. Weitere Einzelheiten wollte sie in der Hauptverhandlung nicht schildern. Nach dem Ende des Sitzungstages machte sie nähere Angaben bei der Staatsanwaltschaft, die deshalb ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen den Vater der Nebenklägerin einleitete und nach dessen Abschluss eine zweite Anklage gegen ihn erhob. Aufgrund der Vorgeschichte musste ihr Vater jetzt mit der Sicherungsverwahrung rechnen.

3. In der auf die neue Anklage durchgeführten Hauptverhandlung wurde der Vater Mitte Januar 2008 freigesprochen. Zuvor hatte die Nebenklägerin zum ersten Mal von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als Tochter des Angeklagten Gebrauch gemacht. Die überraschende Wende in ihrem Aussageverhalten hat leicht erkennbare Gründe:
Nachdem die Hauptverhandlung gegen den Vater der Nebenklägerin am 10. Januar 2008 begonnen hatte, gab die Staatsanwaltschaft die Niederschrift einer Verne200hmung zu den Akten, die am 15. September 2004 zu einem dritten gegen ihren Vater und zwei weitere Verdächtige eingeleiteten Ermittlungsverfahren, also mehr als drei Jahre zuvor, durchgeführt worden war.

Ihren Angaben im September 2004 zufolge will die Nebenklägerin bis in jenes Jahr, also noch zur Zeit der am 12. Juni 2003 begonnenen Hauptverhandlung gegen den Verurteilten und ihren Vater, eines der vielen Opfer eines - von ihr so genannten - von dem "Guido Meyersdorf" und dem "Helmut Gräwe" geleiteten "Mädchenringes" in Hannover gewesen sein.
"Meyersdorf", "Gräwe" und andere Erwachsene hätten in zwei Häusern in der Geibelstraße, der Straße Am Graswege und anderenorts in Hannover auch ständig andere "kleine Mädchen von 8 oder 9 Jahren" vergewaltigt oder durch den Einsatz von Drogen mit dem Ziel des Geschlechtsverkehrs gefügig gemacht. Auch sie selbst habe zu diesen Kindern gehört:

"Mit mir wurden auch die Sachen gemacht, die mit den anderen Kindern gemacht wurden. Ich wurde auch zum Geschlechtsverkehr gezwungen und dabei gefilmt. Der Guido war immer dabei. Er war der brutalste von allen. Der Guido ist größer als Sie (größer als 1,78 m). Wenn ich nach der Frisur des Guido gefragt werde, kann ich sagen, dass sie unterschiedlich war. Ich kannte ihn schließlich ein paar Jahre. Als es begann, war ich 8 oder 9 Jahre alt."

"Um 2000 herum" will die Nebenklägerin sogar eine Geburt und ein anschließend mit besonderer Rohheit begangenes Tötungsdelikt beobachtet haben:

"Das Baby wurde nach der Geburt öfter an die Wand geworfen, das Ganze wurde gefilmt und das Baby hat dies nicht überlebt."

Bei gravierenden Verletzungen sei sonst zur Versorgung der Opfer jeweils ein Mann erschienen, "der war sicherlich Arzt".

Über eigene Verletzungen wollte die Nebenklägerin zunächst nichts sagen, äußerte im weiteren Verlauf dieser Vernehmung jedoch, sie hätte als Folge der erlittenen Prügel "noch heute eine riesige Narbe auf dem Bauch".
Auch bei dieser Vernehmung bot die Nebenklägerin einem Vermerk des Dezernenten der Staatsanwaltschaft zufolge das gleiche Bild wie in der Hauptverhandlung des Erstrichters. Bei der Vernehmung zugegen war wiederum die - inzwischen frühere - Englischlehrerin der Nebenklägerin.
Nachdem die Kriminalpolizei noch im Oktober 2004 die von der Nebenklägerin bezeichneten Straßenzüge Am Graswege und Geibelstraße "durch Beamte des hiesigen MEK VII (unter Legende) fototechnisch aufgenommen", die Aufnahmen auf VHS- und MiniDV-Kassetten übertragen und diese dem Dezernenten persönlich übergeben hatte, unterblieb jede weitere Förderung der Sache.

Obwohl die Kriminalpolizei auch schon im Oktober 2004 erkannt hatte, dass "Guido Meyersdorf" und "Helmut Gräwe" auch jeweils in anderen Schreibweisen weder durch Abfragen bei Einwohnermeldeämtern der Stadt und der Region Hannover, noch durch Internetrecherche, das Heranziehen von Telefonbüchern noch durch die Nutzung polizeilicher Fahndungsbestände und Auskunftssysteme als tatsächlich existierende Personen zu ermitteln waren, sah der Dezernent der Staatsanwaltschaft ohne aktenkundig gewordene Begründung von der Verfügung ab, auch nur die Vernehmungsniederschrift vom 15. September 2004 zu den Akten des damals noch nicht rechtskräftig abgeschlossenen Verfahrens gegen den Verurteilten zu nehmen oder nachzusenden.

Erst am 9. Januar 2008 zeichnete dieser Staatsanwalt einen Vermerk mit dem folgenden Wortlaut ab:

"3754 Js 200001/04
1. Vermerk:
Das vorliegende Ermittlungsverfahren konnte bisher nicht abgeschlossen werden, weil zur Aufklärung des Sachverhalts weitere Angaben der Jennifer unbedingt erforderlich sind.
Jennifer stand bisher für eine Aussage nicht zur Verfügung. RA'in G. ist mehrfach gefragt worden, ob ihre Mandantin aussagebereit ist. RA'in G. teilte mit, dass ihre Mandantin psychisch dazu nicht in der Lage sei. Teilweise war wohl auch der Aufenthaltsort der Geschädigten nicht bekannt. RA'in G. konnte mir bei dem letzten Gespräch Ende 2007 nicht sagen, ob Jennifer bereit sei, weitere Angaben zu machen."
"Psychisch nicht in der Lage" war "Jennifer" in dieser Zeit nur zu Angaben bei der Staatsanwaltschaft. Einem mit "Birgitt von BRAVO" geführten, in der genannten Jugendzeitschrift1 abgedruckten Gespräch war die inzwischen neunzehn Jahre alte Nebenklägerin durchaus gewachsen und trotz der angeblichen Sorge um ihre Sicherheit sogar bereit, für verschiedene Fotos zu posieren. In Verbindung mit dem Text gestatten diese Bilder ihre mühelose Identifizierung und entlarven den im Beitrag verwendeten Falschnamen "Maja" als Scheintarnung.

In der Hauptverhandlung gegen den Vater der Nebenklägerin im Januar 2008 gab die Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft die folgende Erklärung zu Protokoll:

"Da der Inhalt der Vernehmung der Zeugin Jennifer W.(der Nebenklägerin) vom 15.09.2004 auch das vorliegende Verfahren berührt, gebietet es der Grundsatz des fairen Verfahrens, das neue Verfahren nunmehr offenzulegen." Ob das "neue" Verfahren inzwischen in irgendeiner Weise, etwa durch Einstellung mangels hinreichenden Tatverdachts, gefördert worden ist, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Irgendwelche auch nur mittelbar für das Schicksal des Verurteilten bedeutsame Folgerungen hat die Staatsanwaltschaft aus ihren im Herbst des Jahres 2004 gewonnenen Erkenntnissen jedenfalls von sich aus nicht gezogen.

Auf zwei an den Abteilungsleiter und das niedersächsische Justizministerium gerichtete Briefe der Ehefrau des Verurteilten, in denen sie auf die in der jüngsten Hauptverhandlung gegen den Vater der Nebenklägerin von der Staatsanwaltschaft offenbarten Tatsachen hingewiesen hatte, teilte die Sitzungsvertreterin der Hauptverhandlung des Erstrichters, Staatsanwältin K., der Ehefrau mit, es lägen "keine Anhaltspunkte dafür vor, von der weiteren Vollstreckung dieser Freiheitsstrafe abzusehen oder etwa ein Wiederaufnahmeverfahren zu betreiben". Erst auf ein als Strafanzeige gedeutetes, verzweifeltes Schreiben der Ehefrau des Verurteilten vom 29. Juli 2008 nahm die Staatsanwaltschaft angesichts der drohenden Verfolgungsverjährung Ermittlungen gegen die Nebenklägerin wegen des Verdachts der zum Nachteil des Verurteilten begangenen falschen uneidlichen Aussage auf. In jenem Verfahren beharrt die Verteidigerin dem bisherigen Akteninhalt zuwider unter Berufung auch auf die ehemalige Lehrerin der Beschuldigten darauf, der Dezernent der Staatsanwaltschaft habe ihrer Mandantin am 15. September 2004 die Geheimhaltung ihrer an diesem Tag gemachten Angaben zugesichert.
Abhängig vom Ausgang der Ermittlungen gegen die Nebenklägerin ist dem Verurteilten im November 2008 durch ein Schreiben der Staatsanwaltschaft Hannover an dessen Ehefrau die Einleitung eines Wiederaufnahmeverfahrens von Amts wegen in Aussicht gestellt worden.

Der inzwischen von mir verteidigte Herr W. musste sich solche um Jahre verspäteteten Anstrengungen verbitten. Eine Straftat gibt nach § 364 StPO ja nur dann einen Wiederaufnahmegrund her, wenn sie rechtskräftig feststeht. Als neue Tatsache beigebracht bestand die Gefahr des Verbrauchs durch ungeeignetes Vorbringen. Schon die entmutigende Beobachtung, dass man in Hannover auf die Möglichkeit der Wiederaufnahme nach § 359 Nr. 5 StPO nicht gekommen war, ließ befürchten, dass man weder dort noch bei der örtlich zuständigen Staatsanwaltschaft den wirklichen Tücken des Rechts der Wiederaufnahme gewachsen sein würde.

2004. Es wird Sie nicht überraschen, dass der von mir auf der Grundlage der Mitteilungen des Urteils, der bisherigen Gutachten und nicht zuletzt der auch vom 3. Strafsenat als bedeutsam betrachteten, von der Nebenklägerin geschaffenen vermeintlichen Beweise in Form von E-mail- und SMSNachrichten und Selbstverletzungen mit der Erstattung eines forensischpsychiatrischen Gutachtens beauftragte Sachverständige Prof. Kröber der Nebenklägerin eine Pubertätskrise bescheinigen musste, die mit den Symptomen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung einhergeht und deren Zeugentüchtigkeit, gelinde gesagt, in Frage stellt. Das diagnostische Vorgehen des Facharztes für Psychiatrie, den die Jugendkammer für sachverständig gehalten hat, nennt der Sachverständige insuffizient, dessen Ansicht, eine Borderline-Störung berühre die Aussagetüchtigkeit nicht, erkennt er als längst widerlegt und nicht dem Stand der Wissenschaft entsprechend.

All das hätte auch die Jugendkammer sehen müssen. In deren Versagen treten auch revisible Rechtsfehler zutage. Nach meinen Beobachtungen angesichts gleichartiger, leicht vermeidbarer Irrtümer des Erstrichters - hierher gehören auch meine beiden von Sabine Rückert entdeckten und in ihrem Buch "Unrecht im Namen des Volkes" behandelten Fälle - handelt es sich hier inzwischen um die vierte, zuvor mit der Revision dem 3. Strafsenat unterbreitete Sache, bei der das Urteil des Erstrichters dem Revisionsgericht auch unter Beachtung seines eingeschränkten Prüfprogramms offensichtlichen Anlass zum Eingreifen bot.

Auch in den anderen Sachen hatten inkompetente Sachverständige schwerwiegende Aussagemängel der jeweiligen Nebenklägerin stets mit der Behauptung erklärt, sie leide an einer "posttraumatischen Belastungsstörung" - einer Erscheinung, die Dörner2 zu seiner Empfehlung 2 in Trauma und Berufskrankheit 2004, 327 f. (327) an entsprechend geneigte Fachkollegen veranlasst hat:

"Die 'posttraumatische Belastungsstörung' ... ist ein interessengesteuertes Modekonstrukt, an dem Sie Ihre Patienten nach Möglichkeit vorbeisteuern sollten."

Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass sogar professionelle Helfer nach oder schon während ihres Einsatzes nach Unfällen oder, wie unlängst wieder, so genannten Amokläufen mit vielen Todesopfern und Schwerstverletzten auf psychotherapeutische Hilfe angewiesen sein sollen. Dieselbe Welle hat die "posttraumatische Belastungsstörung" in die Gerichtssäle gespült.

5. Der neuerdings auch vom Bundesgerichtshof postulierte faktische Vorrang des Opferschutzes vor der Wahrheitsfindung3 führt anscheinend zu unangebrachter Nachsicht gegenüber überforderten Tatrichtern, die nicht erkennen, wenn sie von Scheinopfern und deren überempathischen Umfeld für die vermeintlich gute Sache instrumentalisiert werden. Ohne jedes Zutun des Revisionsverteidigers hätten die kritischen Worte Kröbers in seinem Gutachten zum Fall W. früher in einem Aufhebungsbeschluss nach § 349 Abs. 4 StPO gestanden: "Die Strafkammer des Landgerichts Hannover war von der Aussage und der Weise, wie Jennifer W. ihre Aussage vortrug, offenbar so beeindruckt, dass der Urteilstext recht ungewöhnlich geraten ist und seinerseits erheblich emotionalisiert wirkt; er fügt, sozusagen als 'O-Ton', in Klammern
immer wieder Äußerungen von Jennifer W. ein, die dann jeweils in Weinen endeten. Man hat den Eindruck, dass insbesondere das häufige Weinen der Nebenklägerin von der Kammer (irrig) als weiteres Realkennzeichen gewertet wurde, das die Wahrhaftigkeit der Aussage untermauert."

3 vgl. BGHSt 51, 298, Großer Senat; BGH StraFo 2006, 497 - 3. Strafsenat; BGHR
StPO § 241 Abs. 2, Zurückweisung 12 = BGHR StPO § 244 Abs. 2, Zeugenvernehmung
17 - 1. Strafsenat

Das Attraktive des Aufmerksamkeit und Zuwendung verheißenden Opferstatus, den Gesetzgeber und Rechtsprechung mit einer die Schutzrechte des Beschuldigten aushöhlenden Bedeutung aufgeladen haben, trägt sein Teil dazu bei, dass derart Gestörte inzwischen im Gerichtssaal die Bühne für ihre Inszenierungen gefunden haben und dort auf Richter, Staatsanwälte und leider auch Verteidiger treffen, die dem von ihnen aufgeführten Theater oft nicht gewachsen sind. Die Zeiten, zu denen Tatrichter einen "antherapierten" Missbrauchsvorwurf nach der Fehldiagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung mit der Billigung des Bundesgerichtshofs für wahrscheinlich hielten4, sind offenbar vorbei.

6. Doch zurück zur Staatsanwaltschaft. In seiner in der Festschrift für Kleinknecht abgedruckten vergleichenden Betrachtung der Rollen von Staatsanwalt und Verteidiger schreibt Dreher: "Der StA hat von Anfang an und bis zuletzt, insoweit ähnlich dem entscheidenden Gericht, ein gewissenhafter und leidenschaftsloser Prüfer der ihm anvertrauten Sachen zu sein."

Mit anderen Worten: Die Gewissenhaftigkeit und das Leidenschaftslose unterscheiden den Staatsanwalt vom Verteidiger. Ob gerade Dreher dergleichen sagen durfte und in welcher Phase seiner Biographie er zu dieser Erkenntnis gelangt sein will, kann mich heute nicht beschäftigen. Heute geht es nur um eine Frage: Hätte Dreher der Staatsanwaltschaft Hannover bescheinigt, dass sie diesen Anforderungen gerecht geworden ist?

Bis zuletzt und damit auch nach dem Urteil und noch während seiner Vollstreckung soll der Staatsanwalt der gewissenhafte Prüfer sein. Hier hat die Staatsanwaltschaft Hannover gleich zwei Gelegenheiten verpasst, sich als "objektivste Behörde der Welt" zu bewähren:
a) In seinem auf die Revision des Oetker-Entführers Zlof ergangenen Urteil hat der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofs zu der Vorschrift des § 199 Abs. 2 Satz 2 StPO klargestellt, dass die Staatsanwaltschaft mit ihrer Anklage alle Vorgänge vorzulegen hat, die für den Schuld- oder den Rechtsfolgenausspruch von Bedeutung sein können. Auf die Verfassungsbeschwerde Zlofs hat das Bundesverfassungsgericht die Vorlegungspflicht noch weiter konkretisiert - vorlegen muss die Staatsanwaltschaft alles, was in dem bezeichneten Rahmen von irgendeiner Bedeutung sein kann. Die Vorlegungspflicht endet auch nicht etwa mit der Anklageerhebung. Sie begleitet das Verfahren bis zur Rechtskraft des Urteils.

4 BGH, Urt. v. 16.5.2002 - 1 StR 40/02 5 in Kleinknecht-FS, 91 ff. (103) - Hervorhebung hier.

Die beiden im 30. und im 63. Band der jeweiligen amtlichen Sammlung abgedruckten Entscheidungen gehören zum Kernbestand des paraten Wissens eines jeden Staatsanwalts. Von einem, zumal im Sonderdezernat Jugendschutzsachen eingesetzten, Staatsanwalt darf man erwarten, dass er den pseudologischen Charakter einer Zeugenaussage jedenfalls dann erkennt, wenn die von ihm angeordneten Ermittlungen ergeben haben, dass es sich bei den von der Nebenklägerin beherzt mit vollem Namen bezeichneten Haupttätern - Meyersdorf und Gräwe - um nicht existierende Personen handelt.

Zu entscheiden, ob das Revisionsgericht mit dem Vernehmungsprotokoll etwas hätte anfangen können, war nicht die Sorge der Instanzstaatsanwaltschaft. Hier war zur Behandlung des präsent gestellten aussagepsychologischen Sachverständigen eine Verfahrensrüge erhoben worden, deren Gegenstand dem Bundesgerichtshof die mit dem Rügethema zusammenhängenden Teile der Akten für den Freibeweis öffnete.

Hätte der 3. Strafsenat das Vernehmungsprotokoll gesehen, so hätten der damalige Vorsitzende und der Berichterstatter gewiss nicht den aus dem Gutachten jenes Facharztes für Neurologie und Psychiatrie in die Urteilsgründe übernommenen, haarsträubenden Unfug überlesen, die Borderline-Störung einer Zeugin berühre deren Aussagetüchtigkeit nicht - eine Einschätzung übrigens, die schon der 1. Strafsenat in einem Urteil vom 6.2.20026 nicht geteilt hatte. Dem 3. Strafsenat wäre jedenfalls sein Beitrag zur Rechtskraft eines Fehlurteils erspart geblieben.

b) Nachdem das Urteil gegen Herrn W. rechtskräftig geworden war, hätte die Staatsanwaltschaft ein Wiederaufnahmeverfahren zu dessen Gunsten in Gang setzen müssen. Traute sie der dafür zuständigen Staatsanwaltschaft
Lüneburg diese zugegeben etwas anspruchsvollere handwerkliche Leistung nicht zu, so hatte sie mindestens den damaligen Verteidiger auf die Vernehmungsniederschrift vom 15. September 2004 aufmerksam zu machen.

Das geschah indessen nicht einmal, als sie sich - im zweiten Verfahren gegen den Vater der Nebenklägerin - unter ausdrücklicher Berufung auf den Grundsatz des fairen Verfahrens dazu durchgerungen hatte, das - vermeintlich -"neue Verfahren nunmehr offenzulegen", und sich die bis dahin stets auskunftsfreudige Nebenklägerin in die Zeugnisverweigerung geflüchtet hatte. Stellen sie sich nur für einen Moment die Fassungslosigkeit der Frau W. vor, als ihr klar wurde, dass die Staatsanwaltschaft Hannover danach zur Tagesordnung überging. Wenn es Rechtsgründe waren, die die Staatsanwaltschaft Hannover am Ingangsetzen eines Wiederaufnahmeverfahrens hinderten, so waren es die falschen:

Wegen der früheren Verbindung des Verfahrens gegen Herrn W. mit dem gegen ihren Vater geführten steht der Nebenklägerin auch im einstweilen nur 6 NStZ 2002, 431 = StV 2002, 350 Herrn W. betreffenden Wiederaufnahmeverfahren ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Übt sie, wie im zweiten Verfahren gegen ihren Vater geschehen, dies Recht aus, so dürfen grundsätzlich nur solche früheren Angaben verwertet werden, die sie nach Belehrung über ihr Zeugnisverweigerungsrecht vor einem Richter gemacht hat. Die Angaben in der Vernehmung am 15.9.2004 gehören nicht dazu.

So ist es aber nur grundsätzlich. Auch hier hätte ein Blick in die amtliche Sammlung des Bundesgerichtshofs geholfen. Inzwischen soll das Zeugnisverweigerungsrecht des Angehörigen die Rechtskraft des Verfahrens gegen den Beteiligten, der zeitweilig die Verfahrensrolle des Angeklagten geteilt hat, nicht mehr überdauern.7 Das gilt allerdings nur so lange, bis auch der Vater der Nebenklägerin sich auf dieselben nova beruft und die Wiederaufnahme erreicht. Auch dann könnte die Nebenklägerin die Verwertung der Vernehmungsniederschrift nicht verhindern, weil sie sich damit pflichtwidrig zur Herrin des Verfahrens machen würde, "um gebotene Wahrheitsermittlungen durch dieses Verhalten zu vereiteln
(BGHSt 25, 176; BGHSt 27, 139). In Fällen solcher unlauterer Manipulationen des Verfahrens gebührt dem Grundsatz der Wahrheitserforschung, der zum Schutze der Allgemeinheit die Aufklärung, Verfolgung und gerechte Ahndung von Straftaten unter Verwendung aller verfügbaren Beweismittel fordert, Vorrang".

Vielleicht verstehen Sie, warum ich es angesichts eines Verfahrens wie des gegen Herrn W. für einen Euphemismus halte, nur von einem "Justizirrtum" zu sprechen. Die Richter der Jugendkammer werden Herrn W. für schuldig gehalten haben. Aber sie haben sich eine unprofessionelle Sicht auf die Nebenklägerin und deren Angaben gestattet, deren Folge das vermeidbare, bis heute besserer Erkenntnisse zuwider vollstreckte Fehlurteil war.

III.

Das Schicksal des Herrn W. ist kein bedauerlicher Einzelfall. Wir haben es mit der dunklen Seite des Opferschutzes zu tun - gekennzeichnet nicht nur durch die Beteiligung so genannter Opferanwälte, in deren Wirken uns eine zu Zeiten von Karl Peters noch unbekannte Fehlerquelle im Strafprozess begegnet.

Soweit, wie in dem vorgestellten Fall, das vermeintliche Opfer zum Anschluss als Nebenkläger berechtigt ist, wird das Akteneinsichtsrecht des "Opferanwalts" zur Sicherung der Aussagekontinuität genutzt, aus der das erkennende Gericht später ein Glaubwürdigkeitsmerkmal ableitet.
"Opferanwälte", nach meiner Beobachtung nahezu ausnahmslos Kolleginnen, verdanken ihre Mandate in aller Regel einer Beratungsstelle und sind im Interesse der Existenzsicherung auf deren Wohlwollen angewiesen. Von der Opferhilfeorganisation "Weißer Ring" unterscheiden sich solche Beratungsstellen durch das Bekenntnis zum Glauben an den durch das Dunkelfeld verhüllten, massenhaft verübten Missbrauch und die Strategie, zu dessen vermeintlicher Aufdeckung durch eine Allianz von Beratungsstelle, Opferanwältin, Therapeutin und gelegentlich auch den Jugendschutzdezernentinnen der Staatsanwaltschaft beizutragen.

Wer sich einen Eindruck von dieser Ideenwelt verschaffen will, dem sei das Periodikum "STREIT - Feministische Rechtszeitschrift" zur Lektüre empfohlen - eine im juristischen Fachbuchhandel nicht ohne weiteres verfügbaren Publikation. In dem wegen des Osnabrücker Fehlurteils gegen Bernhard M. angestrengten Wiederaufnahmeverfahren hatte die Dezernentin der Staatsanwaltschaft  Oldenburg sich auch auf eine Veröffentlichung in dieser Publikation bezogen und fahrlässigerweise vergessen, ihr Exemplar aus der Tasche eines der Aktenbände zu entfernen. In ihrer Zuschrift an das Wiederaufnahmegericht hatte sie als
möglicherweise für die Begründung eines Nichtszulassungsbeschlusses hilfreich auf den Beitrag einer Ursula G.T. Müller über das "Sexuelle in der sexuellen Gewalt" über "Männlichkeit und Gewalt - eine psychoanalytisch und historisch soziologische Reise in die Abgründe der Männlichkeit" hingewiesen. Diese Autorin ist der redaktionellen Mitteilung zufolge "Soziologin, hat praktische Frauenarbeit geleistet und verschiedene Texte zur neuen Frauenbewegung und zur Männlichkeit veröffentlicht".

In Schleswig-Holstein etwa gibt es auf die Initiative der früheren Justizministerin,
einer Kölner Opferanwältin, die Praxis, dass der Vorsitzende der "Opferzeugin", wie es neuerdings heißt, einige Tage vor der Hauptverhandlung den Verhandlungssaal zeigt und ihr den Ablauf der Hauptverhandlung erklärt. Solche Bemühungen sind vielleicht gut gemeint, aber sie erschweren dem Vorsitzenden die professionelle Distanz auch gegenüber dem vermeintlichen Tatopfer, das damit einen weit einflussreicheren Beistand gewinnt als es die Opferanwältin je sein könnte.

Es ist auch in Vergessenheit geraten, was Mauz und Friedrichsen über das
verhängnisvolle Wirken von Organisationen vom Schlage Wildwasser, Zartbitter,
Allerleirauh, Wagemut usf. geschrieben haben - teilweise durch Gelder aus § 153 a - Töpfen am Leben erhaltene Vereine, deren in aller Regel bestenfalls durch ihren guten Willen qualifizierte, obsessiv auf das Sexuelle fixierte Mitarbeiterinnen ihren gestörten Schützlingen die Rolle des Missbrauchsopfers als identitätsstiftende Lösung ihrer Probleme nahebringen.

Schließlich scheint es mit der Professionalität der heutzutage an derart
gefahrengeneigten Verfahren beteiligten Juristen nicht mehr allzu weit her zu sein. Spezifische Fortbildungsangebote werden nicht mehr wahrgenommen - übrigens auch kaum noch von Verteidigern, denen inzwischen das ereignisarme, keinerlei prozessuale Schlagfertigkeit fordernde Wirtschaftsstrafverfahren als die
Königsdisziplin unserer Zunft gilt.

Die Attraktivität solcher Mandate hat vielleicht nicht einmal in erster Linie mit deren Einträglichkeit zu tun: Man fühlt sich wohler angesichts von Vorwürfen, deren Überprüfung vielfach im Selbstleseverfahren möglich ist und bei denen es kaum einmal auf Fragen der Zeugentüchtigkeit oder der Aussagepsychologie ankommt.
Wer etwa in großem Stil andere betrügt, Amtsträger besticht oder Steuern hinterzieht, für den realisiert sich das Lebensrisiko, das er mit der bewussten Entscheidung für solche Straftaten eingegangen ist. Trägt der Verteidiger nicht durch eigene Kunstfehler dazu bei, dass der Mandant überhaupt oder zu hart bestraft wird, so wird ihn dessen Verurteilung kaum um den Schlaf bringen. Bei existenzvernichtenden Strafen, die allein aufgrund der Aussage der einzigen Belastungszeugin verhängt werden, sieht das anders aus. Solche Mandate sind nicht jedermanns Sache, und zwar auch dann nicht, wenn der Mandant einmal sogar das angemessene Honorar zahlen kann.

An Wiederaufnahmeverfahren wie dem des Herrn W. zeigt sich eine offenbar
zunehmende Scheu vor dem Menschen, eine Art Ekel, der manchen Juristen davon abhält, näher hinzusehen.9 Was würde man von einem Rechtsmediziner halten, der bei der Untersuchung einer Wasserleiche lieber an deren Oberfläche bleibt?
Genauso sind die Jugendkammer des Landgerichts Hannover und die dortige
Staatsanwaltschaft verfahren.

IV.

Es gibt auch Fehlurteile - in meiner inzwischen mehr als dreißigjährigen
Verteidigerpraxis waren es zwei -, die aus der Sicht des Erstrichters nicht zu
vermeiden waren. Die anderen fordern einen Verteidiger, der sich auch als
Opferanwalt begreift.
Wenn die Welt eines unschuldig Verurteilten wieder in Ordnung gebracht werden soll, ist es nicht mit einem Wiederaufnahmegesuch getan, das die Anforderungen an die Zulässigkeit nur eben erfüllt. Wer jahrelang unschuldig gesessen hat, hat ein Recht darauf, dass die Umstände, die dazu geführt haben, benannt, untersucht und, soweit möglich, auch mit gerichtlicher Hilfe anderweitig verarbeitet werden.
Dass die damaligen Mitglieder der Jugendkammer des Landgerichts Hannover und die mit dem Verfahren befassten Staatsanwälte in der ersten Reihe der Irrtumsopfer nichts verloren haben, wird jeder einsehen. Die professionelle Ehre solcher Richter und Staatsanwälte bleibt dauerhaft beschädigt. Es wird nichts helfen, auf die vermeintliche Raffinesse der Nebenklägerin zu verweisen, wie es der Niedersächsische Richterbund nach der Aufhebung des Fehlurteils des Landgerichts Osnabrück durch das Landgericht Oldenburg getan hat.

Vorausgegangen war allerdings ein massiver Angriff auf die für das Fehlurteil des
Landgerichts Osnabrück gegen Bernhard M. verantwortlichen Berufsrichter.
Bernhard M. war wegen angeblich mehrfacher Vergewaltigung seiner Nichte zu einer mehrjährigen Gesamtfreiheitsstrafe verurteilt worden, die er unter elenden
Bedingungen vollständig "verbüßt" hatte. Auch in seinem Fall war der - durch eine
Borderline-Persönlichkeitsstörung belasteten - Nebenklägerin mit sachverständiger Hilfe jeder noch so abenteuerliche Unsinn als von ihr erlebt abgenommen worden.

Eine als Berichtigung ihrer Angaben missdeutete Aussageänderung war dem
Revisionsgericht - übrigens demselben Berichterstatter, der später mit der Sache W. befasst war - so präsentiert worden:
"Es ist nicht so, dass die Zeugin aufgrund eines erdrückenden, gegenteiligen
Beweisergebnisses veranlasst wurde, ihre Aussage zu verändern. Sie ist am
27.04.1995 von sich aus zur Kriminalpolizei gegangen und hat die Fehler offenbart. Der äußere Anlass für dieses Ereignis war, wie sie selber eingeräumt hat, dass sie auf ihre Wahrheitspflicht mehrfach hingewiesen worden ist. Es ist also nicht so, dass die Zeugin aufgrund der durch die Polizei getätigten Ermittlungen zur Korrektur der Angaben 'gezwungen' worden wäre."

So war es nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme des Erstrichters gerade nicht.
Weder war die Nebenklägerin von sich aus zur Kriminalpolizei gegangen noch hatte sie ihre Aussage auf den bloßen, wiederholten Hinweis auf die Wahrheitspflicht geändert. Nötig geworden war die Kurskorrektur, weil die Polizei ihr die Aussagen zweier unverdächtiger Zeugen vorgehalten hatte - Onkel und Tante, die aufgrund ihrer Anwesenheit die behauptete Tat hätten mitbekommen müssen.

Hätte das, was diese beiden auch in der Hauptverhandlung vernommenen Zeugen bekundet hatten, im Urteil gestanden, so wäre jedem Leser klar geworden, dass die Nebenklägerin ihre frühere Falschaussage entweder infolge eines höchst unwahrscheinlichen Zufalls oder deshalb "berichtigt" haben musste, weil sie von ihrer mit der Polizei kooperierenden Psychotherapeutin darüber ins Bild gesetzt worden war, was Onkel und Tante der Polizei berichtet hatten. Das Nebeneinander von angeblich anlassloser Aussageberichtigung und der Darstellung des möglichen Anlasses in den Urteilsausführungen hätte zum Eingreifen des Revisionsgerichts geführt.

Verdeckt wurde aber nicht nur ein schwerwiegender, auf die allgemeine Sachrüge
der Revision ohne weitere Ausführungen des Verteidigers beachtlicher Erörterungsmangel. Zugleich wurde dem Angeklagten die Chance genommen, den Mangel mit der Aufklärungsrüge anzugreifen. Denn die Beweismittel, auf die er sich hätte berufen können - Onkel, Tante und die Kriminalbeamtin -, hatte der Tatrichter ja alle genutzt.

Nun ist es zwar nicht die Aufgabe schriftlicher Urteile, den Hauptverhandlungsinhalt nach Art eines Protokolls wiederzugeben. Mit Beweismitteln, die den Schuldspruch in Frage stellen, muss sich das Gericht aber auseinandersetzen, wenn die Prüfung durch das Revisionsgericht nicht jeden vernünftigen Sinn verlieren soll.
Die Sachverhaltsfälschung wiegt besonders schwer, weil sich nicht einmal von selbst versteht, dass die verschwiegenen Bekundungen der Entlastungszeugen und der Kriminalbeamtin, die der Nebenklägerin deren Aussagen vorgehalten hatte, in der Wiederaufnahme als neue Tatsachen vorgestellt werden konnten. Wäre es nach der Staatsanwaltschaft Oldenburg gegangen, hätte Herr M. sein Wiederaufnahmegesuch nicht auch auf diese Umstände stützen dürfen.

In der Hauptverhandlung des Wiederaufnahmegerichts habe ich im Schlussvortrag dargelegt, dass sich Richter, die ihr Mitteilungsmonopol dazu missbrauchen, das Revisionsgericht über den wesentlichen Inhalt ihrer Hauptverhandlung zu belügen und auf diesem Wege die Urteilsausführungen von unauflösbaren, die Sachrüge begründenden Widersprüchen freihalten, in schwerwiegender Weise vom Recht entfernen und sich deshalb der Rechtsbeugung schuldig machen.
Die Rechtsbeugung war verjährt, nicht aber die tateinheitlich verübte erfolgsqualifizierte Freiheitsberaubung, weil der später Freigesprochene nach Vollverbüßung noch seine Freiheit einschränkende Führungsaufsicht erlitten hatte.
Meine Erwartung, dass jedenfalls der Anfangsverdacht dieser Tat erkannt und versucht würde, der Sache auf den Grund zu gehen, hat sich nicht erfüllt: Kein noch so entlegenes Argument war zu abwegig, um dem Verletzten vorzuführen, wie fürsorglich die Justiz mit einem Beschuldigten verfährt, der einer der ihren ist. Im Klageerzwingungsverfahren meinte das Oberlandesgericht schließlich, aus der zitierten Urteilspassage ergebe sich doch die vermisste Mitteilung. Mit Bedacht habe ich deshalb den Vorwurf in einer Podiumsdiskussion in Oldenburg wiederholt. Die Betroffenen haben sich gehütet, einen Strafantrag zu stellen.

Was bleibt, ist eine Schande für die Justiz und eine Enttäuschung für jeden, der glaubt, dass das Strafrecht für alle gilt und Rechtsbeugung nicht nur dann verfolgt wird, wenn der Tatort in der ehemaligen DDR liegt.

Patchwork Familie begünstigt Mißbrauch

Patchwork Familie begünstigt Mißbrauch reichmann Sa., 16.10.2010 - 16:20

KindesmissbrauchLeibliche Eltern sind viel seltener Täter als „soziale“ Eltern Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen über das „Täterprofil“ in puncto sexueller Mißbrauch. Hier wird aufgezeigt, wie wichtig ein geregelter Zugang der leiblichen Eltern und auch Großeltern ist und eine wichtige  Schutzfunktion im Sinne des Kindeswohls darstellt.

Dazu zählen vor allem die Studien von Dr. Dirk Bange aus Hamburg, Mitherausgeber des „Handwörterbuchs Sexueller Mißbrauch“.

In seiner Studie „Die dunkle Seite der Kindheit“ belegt der Autor, daß Religionszugehörigkeit keinen Einfluß auf die Mißbrauchs-Häufigkeit hat: sexueller Mißbrauch kommt in katholischen, evangelischen oder konfessionslosen Familien im wesentlichen im gleichen Ausmaß vor. Dasselbe schreibt Clara Wildschütte in ihrer Studie „Psychodynamik einer Mißbrauchsfamilie“.

Von großer Bedeutung für die Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs ist jedoch die Frage, ob die Täter biologische oder „soziale“ Eltern (neuer Liebhaber, Stiefeltern, Pflegeeltern) sind.

So schreibt Sabine Neumann in ihrem E-Book „Sexueller Mißbrauch“ unter dem Abschnitt „Tätergruppen“, daß hierzu „vor allem Vaterfiguren gehören“ (neue Lebenspartner der Mutter, Stiefväter etc), hingegen der Anteil der leiblichen Väter erstaunlich gering ist: „Bei den Familienmitgliedern sind Väter am wenigsten an sexuellem Mißbrauch beteiligt: etwa zu 2%.“

Dr. Bange zitiert in seinem Buch „Die dunkle Seite der Kindheit“ eine Studie von Russel, die zu folgendem Ergebnis gelangt: Demnach wurde jedes sechste Mädchen, das einen Stiefvater hatte, von diesem vor ihrem 14. Lebensjahr sexuell mißbraucht, hingegen erfuhr „nur“ jedes fünfzigste Mädchen sexuelle Übergriffe vom leiblichen Vater (vgl. Bange 1992, S.126).

Auch die linksliberale „Süddeutsche Zeitung“ räumte am 27.10.2008 ein, daß es mit den – vor allem im linken Lager vielgepriesenen – Patchwork-Familien in puncto Mißbrauch zappenduster aussieht. Der Artikel mit dem Titel „Wie böse ist die Stiefmutter?“ machte Schluß mit einigen modernen „Mythen“, wozu auch die besondere Wertschätzung des „sozialen“ Vaters gegenüber dem „biologischen“ gehört.

Die SZ schreibt hierzu nüchtern bzw. ernüchternd:

„Einige der wichtigsten Studien zum Thema Stiefeltern stammen von dem Forscher-Ehepaar Martin Daly und Margo Wilson von der McMaster-University in Hamilton, Kanada. Die Wissenschaftler hatten in den achtziger Jahren anhand von nordamerikanischen Kriminalstatistiken untersucht, ob Kinder in Familien mit Stiefmutter oder Stiefvater ein höheres Sterberisiko haben als in Familien mit nur leiblichen Eltern.

Wie das Ehepaar berichtete, wurden Hinweise und Daten auf Unterschiede für Stief- und leibliche Kinder auch andernorts beobachtet. So wurden 32 Prozent der Kinder in England und Wales, die bei mindestens einem Stiefelternteil aufwuchsen, Opfer einer Misshandlung – und drei Prozent jener Kinder, die nur bei leiblichen Eltern lebten.

Und in Finnland gaben 1996 fast vier Prozent der befragten fünfzehnjährigen Mädchen an, vom Stiefvater missbraucht worden zu sein, während 0,2 Prozent ihren leiblichen Vater beschuldigten.“

Diese Studie entlastet also biologische Väter mit „nur“ 0,2% Täterschaft noch stärker als die anderen erwähnten Untersuchungen.

Ein mehr als peinliches Ergebnis für alle jene, die sich einbilden, auf der Höhe der Zeit zu sein, wenn sie „alternative Familienformen“ verherrlichen, heutzutage gern als „Patchwork“ bezeichnet: klingt es doch so locker und kreativ wie ein bunter Flickenteppich – im Unterschied zur normalen bzw „traditionellen“ Familie mit ihrem angeblich „festgefahrenen Rollenbild“ und fehlenden „Flexibilität“ etc.

Diese Patchwork-Familien sind vor allem eine Folge der zahlreichen Ehescheidungen mit darauf folgenden neuen „Partnerschaften“ , Zweit- oder Dritt-Ehen. Hierzu schreibt der Neurologe und Psychiater Dr. Bertrand Flöttmann in seinem Buch „Steuerrecht des Lebens“:

Scheidungskinder – Sorgenkinder!

„Scheidung macht Kinder zu Opfern und Spielbällen der Eltern….Die Augenwischer verharmlosen das Unglück von Beziehungsabbrüchen. Sie wollen nicht wahrhaben, daß eine zerbrochene Familie keine Familie mehr ist. Scheiden tut weh….Eine verwöhnende Erziehung, Vernachlässigung und die schmerzhafte Trennung der Eltern führen zu psychischen Störungen beim Kind. Hierzu gehören erhöhte Aggressivität, neurotische Fehlhaltungen und verringerte soziale Kompetenz.“(S.139)

Zum Thema Mißbrauch bei „sozialen Vätern“ schreibt der Psychiater:

„Scheidung führt oft dazu, daß ein fremder Mann in die zerbrochene Familie tritt. Das Risiko des Kindes, einen sexuellen Mißbrauch durch den Stiefvater zu erleiden, steigt um das Sechs- bis Siebenfache im Vergleich zum leiblichen Vater.“ (S. 128)

Wäre es nicht gerade jetzt – angesichts der aktuellen Mißbrauchsdebatte – hoch an der Zeit, über diese eindeutig belegten Zusammenhänge nachzudenken und die Patchwork-Familie endlich kritisch zu „hinterfragen“?

Stattdessen wird die katholische Kirche einseitig attackiert, als sei sie eine „Hochburg des Mißbrauchs“. Dabei ist es gerade die kath. Kirche, die – ganz im Widerspruch zum Zeitgeist – an der Unauflöslichkeit der Ehe festhält und die Wiederverheiratung von Geschiedenen ablehnt.

Als weitaus ehrlicher im Vergleich zur üblichen linken Szene erweist sich auch hier Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer – und das bereits vor 8 Jahren:

In ihrer Zeitschrift „Emma“ Nr.10/1992 schrieb sie in ihrem Editorial erstaunlichen Klartext und räumte offen ein, daß Fakten und Hintergründe in Sachen Patchwork sie zum „Umdenken gezwungen“ haben, auch hinsichtlich des vielgerühmten „neuen Vaters“ und der „freien Beziehungen“:

„Was haben wir dafür gekämpft, daß Gefühle nicht nur zählen, wenn sie staatlich besiegelt sind – und als Familie nicht nur gilt, was durch Blutsbande verknüpft ist.“

Was früher auch für Alice Schwarzer kein Problem schien, wird nun kritischer gesehen:

„Heute heiraten immer weniger Paare – und die Mehrheit aller Kinder muss damit rechnen, über weite Teile ihrer Kindheit mit mindestens einem nicht-biologischen, also einem sozialen Elternteil aufzuwachsen; seltener nach Adoption und meist nach Scheidung oder Trennung.“

Vom Traum zum Alptraum!

Aus ist es mit dem Traum von den Vorzügen „alternativer Familienformen“, denn der Traum wurde zum Alptraum. Eines der „Lehrstücke“, die umdenken lassen, war die allzu wahre „Parabel vom großen Regisseur mit dem kleinen Mädchen“, genauer: die Story vom „sozialen“ Vater Woody Allen, der eine sexuelle Beziehung zu seiner Adoptivtochter Soon Yi einging, was erst nach vielen Jahren bekannt wurde.

„Allen sieht “überhaupt kein moralisches Problem” – und Soon Yi zeigt sich an seiner Seite triumphierend der Presse. Da ist kein Zögern, kein Wort des Bedauerns, kein Mitleid und auch keine Scham. Wie skrupellos ist der 56-jährige Allen? Und wie kaputt ist die 20-jährige Soon Yi?“

Seelisch „kaputt“ ist auch die Mutter von Soon Yi, die mit Woody Allen ohne Trauschein zusammenlebte.

„Allen und Farrow konnten es sich moralisch wie materiell leisten, unverheiratet zu sein und in zwei Wohnungen zu leben, diesseits und jenseits des Central Parks. Ihr Lebensmodell war zum Vorbild für das fortschrittliche Amerika geworden. Ihr Scheitern muss eine Warnung für alle sein.“

„Müssen Mütter aus dem Fall Allen den Schluss ziehen, dass soziale Väter gefährlich sind? In der Tat zeigen neue Statistiken: der sexuelle Missbrauch kommt in Pflegefamilien noch häufiger vor als in “Bluts”-Familien. Sicher, auch biologische und verheiratete Väter vergreifen sich an ihren Kindern, aber sie tun es wenigstens nicht triumphierend und im Licht der Öffentlichkeit.“

Wenn jemand etwas dazulernt, ist das immer gut – wenn er dies sogar öffentlich zugibt, noch besser. Alice Schwarzer hat auch in dieser Sachfrage bereits vor 8 Jahren weitaus klarer gesehen als viele andere, ganz zu schweigen von den vernagelten Patchwork-Schwärmern aus dem roten und grünen Spektrum.

Felizitas Küble | INHR