Psychische Störungen und Krankheiten

Psychische Störungen und Krankheiten reichmann Fr., 04.11.2011 - 11:40

Hier finden Sie einen Überblick über häufige psychische Störungen und Krankheiten.

ADHS

ADHS reichmann Mo., 13.05.2013 - 13:04

Die wohl umstrittendste "Krankheit" unserer Zeit ist ein Beispiel dafür, wie Pharmakonzerne "Krankheiten" einfach "bestellen" können.

Burnout

Burnout reichmann Fr., 04.11.2011 - 11:47

Prof. Dr. med. Volker Faust
Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit

Burnout – Thema Nummer 1, das im medialen und allgemeinen Interessen-
Spektrum sogar die konkreten psychiatrischen Störungen Depression und Demenz überholt hat. Nicht wenige halten es für einen Mode-Begriff und ein Mode-Leiden. Andere für einen „Schwelbrand der Gesellschaft, der inzwischen die besten aller Jahrgänge und beider Geschlechter zu ruinieren droht“. Noch immer die meisten halten sich aber zurück, teils skeptisch, teils betroffen, die Mehrzahl einfach verunsichert.

Was ist dran, an diesem Phänomen, das natürlich nicht neu ist, nur im neueren „Leidens-Outfit“. Und ganz offensichtlich zunehmend, und zwar  gnadenlos.
Dazu eine kurz gefasste Information zur ersten Übersicht, in Ergänzung einer flut-artig wachsenden fach- und populärmedizinischen Literatur, die Aufklärung, Vorbeugung, Abhilfe, Therapie und Rehabilitation verspricht. Doch wenn es sich hier um ein vor allem gesellschafts-typisches Belastungs-Phänomen handeln sollte, gibt es dafür eine Lösung?

Burnout ist in aller Munde, aber deshalb noch lange keine Diagnose - noch nicht. Es ist aber sehr wohl ein beklagenswerter Zustand, der immer häufiger wird. Und der verhängnisvolle Konsequenzen für den Betroffenen und sein Umfeld hat: Beruf, Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, nicht zuletzt für die Gesundheit. Was muss man wissen? Nachfolgend eine komprimierte Übersicht zum Erkennen und Verstehen.

Unter Burnout (engl.: to burn out = ausbrennen) verstand man ursprünglich die negativen Folgen der beruflichen (Über-)Beanspruchung mit gemütsmäßiger Erschöpfung, innerer Distanzierung und schließlich Leistungsabfall. Oder - wie es früher beschrieben wurde -, ein "Stress-Syndrom der helfenden Berufe" bzw. auf einen kurzen Nenner gebracht: "Die Folgen von schlechten Bedingungen, unter denen viele gute Leute tätig sind".

Inzwischen handelt es sich um ein reichlich komplexes Beschwerde- bzw. Leidensbild, das zwar immer mehr Betroffene belastet, aber nur zögerlich Eingang in Wissenschaft und Lehre und damit in Beratung, Klinik und Praxis findet.

Berufliche Einbußen

Berufliche Einbußen reichmann Fr., 04.11.2011 - 14:03

Einige der schwerwiegendsten Konsequenzen aber konzentrieren sich auf den Arbeitsplatz. Natürlich reagiert jeder anders, aber immer wieder zu hören sind folgende Charakteristika:

  • Desillusionierung, Gefühl von Widerwillen, Ärger, Versagen, ggf. Entmutigung;
  • Gleichgültigkeit;
  • Schuldgefühle;
  • negative Einstellung mit wachsendem Widerstand, täglich zur Arbeit zu gehen;
  • ständiges Auf-die-Uhr-Sehen im Dienst;
  • Fluchtphantasien und Tagträume;
  • Überziehen von Arbeitspausen, verspäteter Arbeitsbeginn, vorverlegter Arbeitsschluss und wachsende Fehlzeiten;
  • Verlust von positiven Gefühlen gegenüber Patienten, Klienten, Schülern, Kunden usw.;
  • deshalb vermehrte Verschiebung von entsprechenden Kontakten;
  • innerer Widerstand gegen Anrufe und Besuchstermine;
  • heimlich einschleichender Dienst nach Vorschrift;
  • Stereotypisierung von Klienten, Patienten u. a. ("ist doch immer das gleiche ...");
  • Unfähigkeit, sich auf die anderen zu konzentrieren, ihnen geduldig zuzuhören;
  • dafür vermehrt tadelnde, negative, reizbare oder gar aggressive Einstellung den anderen gegenüber;
  • Vermeidung von Diskussionen mit Mitarbeitern und Vorgesetzten;
  • immer öfter mit sich selber beschäftigt;
  • zunehmend unbewegliche, ja starre Denkkategorien;
  • misstrauischer Widerstand gegen jegliche Veränderungen im Betrieb, manchmal fast wahnhaft anmutende Reaktionen;
  • damit wachsende Rückzugsneigung und Isolationsgefahr u. a.

Nach außen äußert sich diese verhängnisvolle "Abwehrstrategie" gegenüber
der inzwischen ungeliebten Berufsaufgabe oft darin, dass der Kontakt zu Patienten, Kunden, Schülern usw. immer mehr vom menschlichen Aspekt weggerückt und zum "Fall" degradiert wird, zum "Vorgang", zur "Bearbeitungs-Nummer" usw. Das Subjekt sinkt zum Objekt herab. Damit erlischt die innere Beziehung. Die ursprünglich positiven Gefühle werden ins Negative verkehrt. Es kommt zu einer ungewohnten seelischen Verhärtung und schließlich sogar Verflachung des Gemütslebens (bei aber unveränderter oder wachsender Kränkbarkeit für eigene Belange).

Und schließlich der für jeden erkennbare Endzustand: Ironie, Sarkasmus und Zynismus.

Das Beschwerdebild des Burnout-Syndroms

Das Beschwerdebild des Burnout-Syndroms reichmann Fr., 04.11.2011 - 13:42

Wie so oft im seelischen Bereich sind auch diese Symptome vielsagend und im Einzelnen wenig aussagekräftig. Sie passen zu manchen seelischen Störungen. Und wenn es sich um so genannte Vorposten-Symptome im Vorfeld eines beginnenden Leidens handelt, sogar zur überwiegenden Mehrzahl psychischer Erkrankungen. Trotzdem muss man sie rechtzeitig erkennen lernen.

Inzwischen glaubt man sogar, das Burnout-Syndrom in verschiedene Phasen einteilen zu können:

Warnsymptome der Anfangsphase -> reduziertes Engagement -> depressive und aggressive Reaktionen -> Abbau von Leistungsfähigkeit, -> Motivation und Kreativität -> Verflachung im geistigen und Gemütsbereich sowie im sozialen Leben -> psychosomatische Reaktionen (Herz-Kreislauf, Magen-Darm, Muskulatur, Immunsystem usw.) -> Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Suizidneigung.

Auch wenn sich dies nicht schematisch nutzen lässt, vermittelt es doch einige praktische Hinweise.

Nachfolgend eine Kurzfassung der wichtigsten Krankheitszeichen, die auf ein Burnout-Syndrom hinweisen können, aber nicht zwangsläufig müssen. Die Entscheidung obliegt hierbei natürlich dem Arzt, der allerdings nur selten aufgesucht wird - und wenn, dann häufig spät (und unter anderen, meist vorgeschobenen Gründen).

Einige psychologische Aspekte des Burnout-Syndroms

Einige psychologische Aspekte des Burnout-Syndroms reichmann Fr., 04.11.2011 - 12:07

Diese Liste äußerer Belastungen ließe sich beliebig verlängern. Dabei ist aber folgendes zu beachten: Ihre Bedeutung bemisst sich nicht nach dem, was "man" für richtig hält, sondern orientiert sich an den Grenzen, die den Betroffenen seitens seiner seelischen, geistigen und körperlichen sowie psychosozialen Fähigkeiten her gesetzt werden. Und hier wäre man dann bei den psychologischen oder innerseelischen Aspekten eines Burnout-Syndroms.

Das ist nicht sehr populär. Hinsichtlich der äußeren Belastungen sind alle einer Meinung, während man sich innerseelische und psychosoziale Schwachstellen nur bei anderen vorstellen kann. Und doch spielen meist beide Aspekte eine Rolle. Dabei ist es im innerseelischen Bereich zuerst einmal ein Faktor, der im Grund nur Gutes verheißt: Einsatz, Initiative, Engagement, ja Überengagement. Das aber schließt auch die Gefahr von Überforderung und Erschöpfung mit ein.

Oft wirkt schon die Diskrepanz zwischen hohem persönlichen Einsatzwillen, großen Erwartungen und dem grauen Arbeitsalltag ernüchternd. Dazu kommt in manchen Fällen die mangelhafte gemütsmäßige Belastbarkeit im Umgang mit Patienten, Kunden, Schülern usw. Natürlich werden diese auch immer anspruchsvoller, fordernder, reizbarer oder aggressiver: Jeder scheint nur noch seine Rechte, kaum einer noch seine Pflichten zu kennen. So ist es sicher nicht falsch, wenn vor allem auf das engere Umfeld für das Entstehen von "Ausbrenn-Syndromen" hingewiesen wird. Doch sind wir auch gehalten, psychologische Einflüsse zu klären. Denn die Kombination beider Aspekte ist wahrscheinlich das Naheliegendste.

Häufig sind es auch Menschen mit Leistungswillen und Idealismus, die ihren beruflichen Aufgaben zwar gerecht werden wollen, dann aber bitter feststellen müssen, dass die erwarteten Erfolge und Anerkennungen ausblieben, ganz zu schweigen von einem Minimum an Lob, das heute tatsächlich kaum mehr zu haben ist. So werden Misserfolge im Arbeitsfeld dann nicht nur als Kränkungen, sondern sogar als persönliche Niederlagen erlebt. Das führt schließlich im Laufe der Zeit zu Beeinträchtigungen des Selbstwertgefühls, zu Kommunikationsstörungen, schließlich Leistungseinbruch, depressiv und ängstlich gefärbten Erschöpfungszuständen und zuletzt zu vegetativen Funktionsstörungen (Herz-Kreislauf, Magen-Darm, Wirbelsäulenbeschwerden usw.).

Nicht wenigen Burnout-Betroffenen macht im übrigen Leben auch eine zunehmende Sinnleere zu schaffen. Bei fehlendem Sinnbezug drohen aber noch rascher Erschöpfung, Entfremdung und Erholungsunfähigkeit - und im Gefolge davon neurotische und psychosomatische Störungen, bei denen sich seelische Probleme in körperlichen Krankheitszeichen niederschlagen.

Manche Menschen unterschätzen auch ihre berufliche Qualifikation und damit Leistungsfähigkeit und sind getrieben von blindem Ehrgeiz mit all seinen Folgen. Kommen noch entgleiste Selbstbehandlungsversuche mit Alkohol, Nikotin, Medikamenten oder gar Rauschdrogen hinzu, ist die Situation schließlich völlig verfahren. Der Wille zum Helfen und zur hervorragenden Leistung ermöglichen im Übrigen auch das Erlebnis, gut und gleichzeitig mächtig zu sein - eine ideale Kombination.

Kommt es jedoch - entgegen der unrealistischen Wünsche - nicht zu dieser Selbstbestätigung, droht eine Ernüchterung, im Extremfall das Burnout-Syndrom. Das in Einzelfällen überstarke Streben nach Selbstdarstellung, Belohnung, Erfolg, Ruhm, öffentlicher Aufmerksamkeit und Dankbarkeit, das sich immer mehr auszubreiten scheint, wird inzwischen nicht nur als Sonderform süchtigen Fehlverhaltens bezeichnet, sondern kann der direkte unheilvolle Weg zum Burnout-Syndrom werden.

Manche Menschen überschätzen auch ihre berufliche Qualifikation und damit Fähigkeiten und sind getrieben von einem bisweilen blinden Ehrgeiz, dessen Keim nicht selten schon in jungen Jahren von selber ehrgeizigen und falsch beratenen Eltern gelegt wurde, die ihre eigenen Grenzen durch den Erfolg ihres Kindes zu sprengen versuchen. So hat für manche "Ausgebrannte" ihr Beruf, ihre Position, das Projekt an dem sie arbeiten usw. eine besondere, ja - uneingestanden - einzigartige Bedeutung: Selbstverwirklichung, Selbstbestätigung, vielleicht sogar Selbsterhöhung als Selbstbehandlungsmaßnahme gegen miserable sonstige Bedingungen, als Therapie gegen Entmutigung, Nichtbeachtung, Überforderung, Kränkungen, Demütigungen usw. Oder auch das Gefühl, eigentlich nur durch Leistung und Anpassung geliebt, geschätzt oder zumindest akzeptiert zu werden.
Natürlich treffen die hier genannten Punkte auf die meisten Menschen in irgendeiner, wenngleich abgewandelten Form zu. Eine Direktverbindung zum Burnout-Syndrom lässt sich daraus noch nicht konstruieren. Ein wenig Burnout ist wohl in uns allen. Vermutlich hat es seinen Sinn. Doch der wird ins Gegenteil verkehrt, wenn sich die Mühsal des Alltags in ein Leidensbild verwandelt, das den Betroffenen lautlos, aber unerbittlich hinabzieht in eine selbstzerstörerische Krankheit, deren Gefährlichkeit noch lange Zeit nicht erkannt wird.

Auf was muss man also achten, um ein Burnout-Syndrom zu verhindern, zumindest aber rechtzeitig zu erkennen und dann gezielt zu behandeln?

Psychosoziale Konsequenzen

Psychosoziale Konsequenzen reichmann Fr., 04.11.2011 - 13:53

Das hat Folgen. Langsam, aber stetig wird das gesamte Leistungsvermögen regelrecht abgebaut: die Motivation, die Kreativität, die Gedächtnisleistung, d. h. es behindern immer häufiger Merk- und Konzentrationsstörungen, ja regelrechte Vergesslichkeit. In diese Zeit fallen auch die ersten ernsteren körperlichen Beschwerden ohne nachweisbaren Grund.

So kann es nicht ausbleiben, dass sich schließlich auch Partner- oder Eheprobleme, zuletzt auch allgemeine familiäre Schwierigkeiten dazu gesellen. Jetzt beginnt der Betroffene wie eine Kerze an beiden Seiten abzubrennen. Auch zu Hause gibt es nämlich keine Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten mehr.

In diese Zeit fällt deshalb nicht selten ein wachsender Alkohol-, Nikotin- und Kaffee-Konsum, möglicherweise sogar ungesteuerte, weil verzweifelte und vor allem nicht ärztlich kontrollierte Selbstbehandlungsversuche mit Beruhigungs-, Schmerz- und Schlafmitteln aus fremden und früheren Beständen. Denn der Arzt wird selbst in diesem Stadium nur selten hinzugezogen, und wenn, dann - wie erwähnt - unter vorgeschobenen, d. h. im Grunde irrelevanten und damit irreführenden Voraussetzungen bzw. Klagen.

Dies betrifft nicht zuletzt "starke Persönlichkeiten", die es als Schwäche empfinden, letztlich "ohne Grund" um Hilfe nachzusuchen bzw. die die möglichen, nur dunkel erahnten Hintergründe von vornherein ablehnen ("Burnout oder ähnliches haben nur Schwächlinge oder Erfolglose ....").

Therapie des Burnout-Syndroms

Therapie des Burnout-Syndroms reichmann Fr., 04.11.2011 - 15:06

Zur Therapie des Burnout-Syndroms gibt es trotz zahlreicher Einzelhinweise
bisher kaum gesichertes Wissen. Am effektivsten ist und bleibt eine individuell
angepasste Behandlung. Was bietet sich dabei an?

  • Als Erstes gilt es - wenn auch verspätet - die psychohygienischen Selbstbehandlungmöglichkeiten zu nutzen, die natürlich am besten als präventive Maßnahmen im Vorfeld eines beginnenden Beschwerdebildes greifen. Sie sind nie umsonst, nicht als Vorbeugung, nicht im Rahmen eines schließlich nötig werdenden Gesamtbehandlungsplanes.
  • Die Psychotherapie, also die Behandlung mit psychologischen Mitteln durch Psychiater, Nervenarzt oder Psychologen mit psychotherapeutischer Ausbildung dürfte allerdings nur selten zustande kommen. Etwas anderes sind verhaltenstherapeutisch orientierte Empfehlungen, die in jedem Falle weiterhelfen.
    Dazu gehören z. B. die Umverteilung der Energien vom Aufgaben- auf den Freizeitbereich (der bisher vernachlässigt wurde), vor allem aber Zeitplanung (Tages- und Wochenpläne) mit genauer Aufteilung von aktiven und passiven Freizeitphasen, die dann auch wirklich eingehalten werden. Und das bereits mehrfach erwähnte Erlernen und konsequente Anwenden eines Entspannungstrainings (z. B. Autogenes Training, Yoga). Dazu müssen die zugrunde liegenden Belastungsfaktoren bewusst gemacht werden, zumal sie verantwortlich sind für das ständig überhöhte Anspannungsniveau und die damit auf Dauer verringerte Stressresistenz.
    Das Gleiche gilt für den Umgang mit Frustrationen, Aggressionen oder gar selbstschädigenden Verhaltensweisen (vom Kaffee-, Nikotin- und Alkoholmissbrauch bis zur sportlichen Überforderung oder gar Risiko-Sportart als überkompensatorische Selbstbestätigung). Dabei müssen genaue Pläne mit Verhaltensweisen erarbeitet und konstruktive Selbstinstruktionen (z. B. auch "Notfall-Instruktionen") festgelegt werden. Wichtig ist auch das exakte Erfassen von Schlüsselreizen (was geschieht, wenn...). Sobald sich derlei abzeichnet, muss der Patient umgehend entsprechend reagieren, und zwar anhand eines genauen Interventionsplanes, z. B. mit Entspannungsübungen, Aus-Zeit nehmen usw.
    Gegen eine Rückfallgefahr, insbesondere was die konstruktive Freizeitgestaltung anbelangt, wird eine individuelle Checkliste mit den Warnsymptomen und entsprechenden Verhaltensstrategien erstellt. Das alles muss regelmäßig durchgegangen und ggf. wiederholt und damit verstärkt werden. Eine Burnout-Therapie ist nicht nur eine vorübergehende Intervention, sondern eine Langzeitanstrengung.
    Das Therapieziel ist die generelle Veränderung der Lebensgewohnheiten und eine Veränderung der Selbsteinschätzung.
  • Die soziotherapeutischen Unterstützungs- und Korrekturmaßnahmen gehen z. T. schon in obigen Empfehlungen auf, ergänzt durch die ebenfalls bereits erwähnten Vorschläge für eine gesunde und geordnete Lebensführung, was vor allem die Faktoren Schlaf, Genussgifte, Erholungsbedarf, Nahrungsverhalten, körperliche Aktivität u. a. betrifft. Auch die Arbeitsplatzsituationen, die häufigste Ursache eines Burnout-Syndroms, muss natürlich diskutiert werden, einschließlich der dahinter stehenden Aspekte: zu hohe Erwartungshaltung, Überforderung, mangelhafte Unterstützung durch Vorgesetzte, Auseinandersetzungen mit Kolleginnen und Kollegen, Unzufriedenheit, Resignation und Verbitterung usw. Wichtig ist hier eine rückhaltlose Aufklärung der meist komplexen Ursachen, eine intensive Motivationsarbeit und vor allem das Gefühl des Betroffenen, vom Therapeuten verstanden und angenommen zu werden.
  • Physikalische Behandlungsmaßnahmen werden zwar akzeptiert - aber meist nicht praktiziert, zumindest nicht konsequent. Auch kosten sie natürlich Zeit. Das alles widerspricht der Wesensart und Einstellung vieler Burnout-Betroffener, die ja bekanntlich eine Neigung zur "kurzen Geduld" haben, die sich vor allem in dem Wunsch niederschlägt, möglichst rasch "wiederhergestellt" zu werden, wie ein technisches Gerät nach Wartung oder Reparatur. Das bedarf der ausführlichen Aufklärung, verbunden mit der Mahnung zu Ausdauer, Geduld und Therapietreue sowie Eigeninitiative. Neben der dosierten körperlichen Aktivität werden es vor allem Schulter- und Nackenmassage, Gymnastik, Kneippsche Anwendung, medizinische Bäder mit entsprechenden Zusätzen etc. sein.
  • Die Pharmakotherapie ist umstritten, aber nicht in ihrer Wirkung, sondern im allgemeinen Meinungsbild. Geradezu grotesk deutlich wird dies, wenn die Betroffenen besorgt oder entrüstet Arzneimittel mit Wirkung auf das Seelenleben ablehnen, insgeheim aber bereits zu Alkoholgefährdeten, Nikotinsüchtigen, Coffeinisten oder gar Drogenkonsumenten (Psychostimulanzien, Designerdrogen, Haschisch/Marihuana, Kokain usw.) geworden sind. Psychotrope Pharmaka werden zwar als "Chemie" oder "Gift" zurückgewiesen, der morgendliche Koffein-, der ganztägige Nikotinmissbrauch und der abendliche Alkoholkonsum bis zur Rauschgrenze ("Schlummertrunk", "ein Gläschen Rotwein zur Entspannung") aber gehören bereits seit Jahren dazu.
    Wichtig bei den Psychopharmaka ist die ärztliche Begleitung. Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Nicht wenig Burnout-Betroffene neigen zu selbstherrlicher Medikation und meinen, selber am besten zu wissen, was ihnen gut tue. Das ist übrigens generell ein Teil ihres Problems, kann aber bei der medikamentösen Selbstbehandlung eine ernste Zusatzbelastung werden.
    Die Vorschläge des Arztes richten sich nach dem Beschwerdebild, mehr erschöpft-resigniert oder gar deprimiert, mehr unbestimmt-ängstlich oder konkret furchtsam, mehr angespannt oder apathisch, mehr rein seelisch oder überwiegend psychosomatisch (Seelisches äußert sich körperlich) usw. In zunehmendem Maße versucht man es erst einmal mit psychotropen Pflanzenheilmitteln wie dem stimmungsstabilisierenden Johanniskraut, den beruhigenden Baldrian-, Hopfen-, Melisse-, Passionsblume-Präparaten. Ansonsten bieten sich - zeitlich begrenzt - Beruhigungs- und Schlafmittel an, eventuell niederpotente Neuroleptika und Antidepressiva (letztere wohl nur, wenn es zu einer so genannten Ko-Morbidität gekommen ist, d. h. Burnout und zusätzlich eine Depression).

Warn- und Alarmsignale

Warn- und Alarmsignale reichmann Fr., 04.11.2011 - 13:48

Der Beginn einer Burnout-Krise erscheint also erst einmal positiv. Viele Burnout-Betroffene gelten in der Tat als aktiv, dynamisch, zupackend, ideenreich, engagiert bzw. überengagiert: vermehrter Einsatz, freiwillige Mehrarbeit, (subjektiver) Eindruck der eigenen Unentbehrlichkeit, das Gefühl, eigentlich nie mehr richtig Zeit zu haben, damit wachsende Verleugnung eigener Bedürfnisse. Und vielleicht sogar eine heimlich zunehmende Beschränkung zwischenmenschlicher Kontakte, und zwar meist von außen nach innen: Arbeitskollegen, Nachbarn, Bekannte, Freunde, Verwandte, enge Angehörige, Partner. Oft findet sich auch die zwiespältige Fähigkeit, zumindest aber der Versuch, Misserfolge und Enttäuschungen einfach nicht wahrnehmen zu wollen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Mit anderen Worten: Viele jener an sich guten Eigenschaften stellen sich bei näherer Betrachtung als Fußangeln, wenn nicht gar als Fallgruben heraus.

Nach und nach wird das (Über-)Engagement auch durch eine sich langsam, aber unerbittlich ausbreitende Erschöpfungsphase gleichsam ausgebremst: Jetzt drohen verminderte Belastbarkeit, wachsende Stimmungslabilität und vor allem eine bisher nicht gekannte Erholungsunfähigkeit ("komme nicht mehr auf die Füße"). Auch eine sonderbare und vor allem zunehmende Infektanfälligkeit gehört dazu, meist ständige banale Erkältungen und Grippeinfekte. Die Betroffenen werden müde, z. B. im Sinne einer eigenartigen, alles durchdringenden Mattigkeit (wie sie nebenbei das höhere Lebensalter generell kennzeichnet), in Fachkreisen auch als Tagesmüdigkeit oder chronische Müdigkeit bezeichnet. Am Ende drohen sogar rasche Erschöpfbarkeit und schließlich regelrechte Kraftlosigkeit. Dazu kommt ein sonderbares Phänomen, nämlich "müde, matt und abgeschlagen" nach außen, innerlich aber unruhig, nervös und gespannt, mitunter sogar reizbar und gelegentlich aggressiv. So etwas hat man früher sehr treffend als "reizbare Schwäche" bezeichnet.

Das Ganze mündet schließlich in einen Endzustand, der durch Resignation, Entmutigung, verringerte Frustrationstoleranz, leichte Kränkbarkeit, Niedergeschlagenheit, schließlich sogar durch Minderwertigkeits- und Versagensgefühle gekennzeichnet ist. Die Sichtweise der Betroffenen wird schwernehmend, pessimistisch, ja von Negativismus oder Fatalismus geprägt. Man erkennt diese Menschen angesichts ihres früheren Auftretens kaum wieder.

Was kann zum Burnout führen?

Was kann zum Burnout führen? reichmann Fr., 04.11.2011 - 11:55

Zur Frage "was kann zum Burnout führen?" besteht bisher kein einheitliches
Meinungsbild. Manche Wissenschaftler betonen Faktoren wie Mangel an Autonomie, Rollenkonflikte, zu hohe Erwartungen, Unklarheiten in den hierarchischen Strukturen, inadäquate Ziele und Konzepte, unzureichende Unterstützung durch Vorgesetzte usw. Andere weisen vor allem auf Beziehungskonflikte hin, was dann tatsächlich Berufe mit Patienten, Kunden, Schülern usw. besonders anfällig macht. Wieder andere betonen die Diskrepanz zwischen dem anfänglich hohen Engagement ("lodern"), verbunden mit ggf. irrealen persönlichen Erwartungen und der desillusionierenden Realität.

Was heißt das alles konkret? Nachfolgend in Stichworten die häufigsten Ursachen, wie sie beim Burnout-Syndrom immer wieder genannt werden (wobei dauernd neue Belastungsformen hinzukommen):

  • Hohe Arbeitsbelastung;
  • schlechte Arbeitsbedingungen;
  • Zeitdruck oder zu großes Pensum in einem zu eng gesteckten Zeitrahmen, vor allem stoßweise;
  • schlechtes Betriebsklima;
  • wenig tragfähige Beziehungen zu den Mitarbeitern;
  • wachsende Verantwortung;
  • Nacht- und Schichtarbeit, vor allem dort, wo man sich nicht arbeitsphysiologischen Erkenntnissen anpassen will oder kann;
  • unzulängliche materielle Ausstattung des Arbeitsplatzes;
  • schlechte Kommunikation unter allen Beteiligten (Arbeitgeber, aber auch Mitarbeiter untereinander);
  • zu geringe Unterstützung durch den Vorgesetzten;
  • wachsende Komplexität und Unüberschaubarkeit der Arbeitsabläufe und -zusammenhänge;
  • unzureichender Einfluss auf die Arbeitsorganisation; Hierarchieprobleme;
  • Verwaltungszwänge;
  • Verordnungsflut (gestern neu, heute zurückgenommen, morgen modifiziert usw.);
  • Termin- und Zeitnot;
  • unpersönliches, bedrückendes oder intrigenbelastetes Arbeitsklima, vom Mobbing ganz zu schweigen;
  • ferner ständige organisatorische Umstellungen, ohne die Betroffenen in Planung und  Entscheidung einzubeziehen, bei Misserfolgen aber verantwortlich zu machen;
  • zunehmende, immer neue und vor allem rasch wechselnde Anforderungen;
  • zuletzt die wachsende Angst vor Arbeitsplatzverlust u.a.m.

Wie kann man Burnout vermeiden?

Wie kann man Burnout vermeiden? reichmann Fr., 04.11.2011 - 15:57

Was also kann man tun bzw. wie kann man die Entwicklung eines Burnout schon im Vorfeld verhindern? Denn Vorbeugung ist effektiver als Behandlung, nicht zuletzt beim Burnout-Syndrom.

Dazu gibt es eindrucksvolle Therapie-Schemata, aber auch wiederum ganz einfache bzw. realitätsgerechte Empfehlungen, die durch ihre Schlichtheit leider wenig beeindrucken und noch weniger zur Nachahmung anregen. Aber sie sind wirkungsvoll, wenngleich zuerst „nur hinter dem Komma“. Das Stichwort heißt: Eigen-Initiative, leidenschaftslos, aber beharrlich.

Das Wichtigste ist das rechtzeitige Erkennen und vor allem das Akzeptieren dieser erst einmal heimlichen Leidens-Entwicklung. Dann aber auch Vorsicht: Man darf nicht alles auf einmal wollen. Wie sagte schon Paracelsus, der berühmteste Arzt des Mittelalters: dosis facit venenum, also: die Dosis macht das Gift, nicht nur im Schlechten, auch im Gut-Gemeinten. Also nicht den Kampf gegen das Burnout zu einer neuen Front ausufern lassen.

Die erste Aufgabe ist häufig auch die schwerste: eine Situations-Analyse. Sie gehört zu jedem Projekt, auch zum persönlichen Burnout-Präventions-, und wenn nötig, Behandlungs-Programm. Was heißt das im Einzelnen:

  1. Strategische Ausrichtung: Wofür stehe ich? Was strebe ich an? Was ist mein Ziel? Will ich nur Geld verdienen oder Karriere machen? Oder will ich auch noch glücklich sein? Was steht für mich an erster Stelle? Wie definiere ich Glück oder wenigstens Zufriedenheit. Was nicht klar ist, kann nicht angestrebt und schon gar nicht umgesetzt werden. Was also muss bis zu welchem Grad verwirklicht sein, damit ich zufrieden bin?
    Und vor allem: Will ich das für mich allein oder will ich das in einer Partnerschaft oder gar in einer Familie – was die Situation natürlich noch komplizierter macht? Und vor allem: Lohnt sich die Anstrengung oder kämpfe ich mich ins Leere?
  2. Was ist meine Stärke? Das beginnt mit einer Grundfrage: Wie bin ich geworden, was ich bin? Was kann ich gut, wo habe ich Schwächen? Welche Stärken will ich entwickeln, mit welchen Schwächen muss ich mich arrangieren? Was tue ich gerne, was widerstrebt mir? Und immer tiefer lotend: Was macht mich unverwechselbar? Wer bin ich überhaupt? Was habe ich zu bieten? Was ist mein persönlicher Markt? Den gibt es nämlich nicht nur für Unternehmen, sondern auch für den Einzelnen, das wird gerne vergessen. Was bin ich dort wert? Wer sind meine Wettbewerber?
    Was sind meine Kern-Kompetenzen? Dienen sie der Sache oder will ich es den anderen nur zeigen? Vor allem: Dienen sie der Sache und lassen sie mich dabei „am Leben“?
  3. Die innere Haltung: Die jeweilige Wesensart ist nicht unwichtig, was Erfolg oder Misserfolg anbelangt. Das kann man täglich miterleben. Deshalb, auch wenn sie naiv klingt, die Frage: Bin ich freundlich oder unfreundlich? Stecke ich andere mit meiner Ruhe, Zuversicht oder Fröhlichkeit an – oder bin ich ein Pessimist, Nörgler, „Energie-Absauger“, vielleicht sogar Ironiker, Zyniker oder Sarkast? Die innere Haltung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, auch wenn das manche – aus nachvollziehbarem Grund – nicht einsehen wollen bzw. für sich selber als nicht zutreffend zurückweisen.
  4. Selbstorganisation: Entspricht das, was ich tue und wie ich es tue, auch dem, was ich anstrebe? Oder lasse ich mich durch typische, aber verdrängte Zeitfresser absorbieren, die mir nicht nur den Erfolg, sondern auch Energie und Arbeitsfreude rauben? Deshalb die Frage: Identifiziere ich mich mit mir selber, meinen Leistungs-Möglichkeiten, aber auch - Grenzen? Oder identifiziere ich mich nur mit dem Unternehmen, dem ich gerade angehöre – und gerate dadurch in die Gefahr einer „Fremd-Identifizierung“?
  5. Antreiber identifizieren: Natürlich habe ich alles im Griff, aber wenn ich genau nachdenke, bin ich bereits der Spinne ins Netz gegangen, habe den schlichten, aber zutreffenden Spruch übersehen: „Schaffe, strebe, aber lebe…!“ Bin ich also den bekannten Antreibern bereits erlegen, sprich: Mach’s den anderen recht, Deine eigenen Bedürfnisse sind zweitrangig. – Sei stark und zeige nicht, wie Dir zumute ist, auch wenn Dir längst die Knie zittern. – Streng Dich an, so wie im Wirtschaftsleben muss es auch individuell ein ständiges „Aufwärts“ geben; andere schaffen es doch auch. – Sei perfekt, Fehler sind Schwächen. Wenn das ruchbar wird, ist die Karriere beendet.
  6. Netzwerke und Allianzen: Bin ich ein Einzelgänger oder habe ich ein Netzwerk von Bekannten, Freunden, Berufskollegen, wohlwollenden Gönnern? Pflege ich dieses Netzwerk? Kluge Menschen geben mehr als sie nehmen – ohne sich ausnutzen zu lassen. Oder bin ich ein „Abstauber“ und „Sozialschnorrer“? Vor allem: Entspricht mein Netzwerk meinen aktuellen und künftigen Zielvorstellungen oder stammt es aus längst vergangener Zeit? Wenn ja, wann habe ich die letzte Reinigung durchgeführt?
  7. Marktstrategie: Welche Strategie verfolge ich? Welches Image pflege ich? Gute Firmen geben viel Geld aus für ihre Corporate Identity - und ich? Entspricht mein Erscheinungsbild dem Image, das ich mir wünsche?
  8. Lebenslanges Lernen: Was leiste ich für meine Entwicklung? Habe ich ein System, das mich zwingt, mich regelmäßig fortzubilden, zumindest aber zu checken, wie weit es mit meinem Informations- und Wissensstand steht? Getreu dem Merksatz: Stillstand ist Rückschritt. Wer allerdings gelebt wird, statt zu leben, d. h. keine „seelisch-geistig-psychosozialen Reserven“ zur Seite gelegt hat, der kann auch nicht mehr lernen, jedenfalls nicht mit bleibendem Effekt.
  9. Freizeit bleibt freie Zeit: Wir haben freie Zeit, mehr als unsere Vorfahren, jedenfalls im Arbeitsvertrag. Was wir daraus machen, ist eine andere Sache. Hier spielt auch die Freizeit eine Rolle, die längst nicht mehr unsere freie Zeit ist. Bei manchen ist die Freizeit-Gestaltung inzwischen ein heimlicher, ja heimtückischer Aderlass in jeder Hinsicht. Heimtückisch deshalb, weil man nicht gerne einsieht, dass man seine eigene Freiheit beschneidet. Gleichwohl: Eine nüchterne Analyse beweist, dass sich unsere Freizeit immer mehr von der freien Zeit entfernt. Wenn wir das so wollen, geht es in Ordnung. Wenn allerdings der erzwungene Stress am Arbeitsplatz durch den freiwilligen Stress in der Freizeit verstärkt wird, sollten wir uns wenigstens über die Konsequenzen klar sein. Zumindest in der Freizeit ist die Freiheit der Entscheidung noch durchsetzbar.
  10. Riskante Betriebsamkeit: Dies alles hat etwas mit unserem überaktiven Lebens-Rhythmus zu tun - teils beruflich aufgezwängt, teils selber zugelassen oder gar gebahnt. Das Gefühl, sich in beiden Bereichen aufs Äußerste zu engagieren, muss ja an die Grenze der Belastbarkeit gehen. Das berühmte „Hamster-Rad“ dreht sich immer schneller, ohne dass wir es abzubremsen vermögen. Die Folgen sind bekannt: überlastet und schließlich erschöpft. Das wird aber nicht immer als Warnsignal gesehen, bzw. lange nicht. Die Psychologen sprechen sogar von einem „Erschöpfungs-Stolz“. Man weiß zwar nicht mehr genau, was man alles erledigt hat und bisweilen nicht einmal mehr warum. Doch die sich ausbreitende bleierne Müdigkeit, eher als Dauer-Mattigkeit auslaugend, signalisiert wenigstens: Man hat sich rechtschaffen abgearbeitet, wenn auch schließlich im „Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit“. Dadurch ist natürlich auch der Zugang zur Regeneration, vor allem aber zum kreativen Müßiggang verbaut. Dabei weiß jeder: Die echte Muße, die dann auch zur Gelassenheit beiträgt, ist die eigentliche Voraussetzung für das, was wir als Regeneration im Allgemeinen und geistige Aktivität bis zur verlorenen Kreativität im Speziellen benötigen. Wem das zu lasch vorkommt, wer es etwas dynamischer formuliert wissen will, der erinnere sich an den Satz: Tritt einen Schritt zurück, um wieder besser Anlauf nehmen zu können.
  11. Interessanterweise gibt es Burnout-ähnliche Folgen auch bei sportlicher Überaktivität, durch „zu viel oder zu intensiv“. Dies wird gemeinhin als Übertraining bezeichnet. Die Folgen sind Schmerzen in Knochen und Sehnen, Beschwerden in Knien und Achillessehnen, aber auch Herz- und Kreislaufprobleme. Burnout-ähnliche Symptome sind dann Schlafstörungen, innere Unruhe, leichte Reizbarkeit, schlechte Erholungsfähigkeit, eine labile Grundstimmung und sogar eine Gewichtszunahme oder -abnahme, je nach den dann ungewöhnlichen Essgewohnheiten. Die Sport-Experten warnen: Je höher der Ehrgeiz, desto höher die Gefahr eines Übertrainings, was vor allem Läufer betreffen soll. Sie empfehlen dann alle vier Wochen eine so genannte Rekompensations-Woche, in der die Belastung deutlich reduziert werden soll. Wichtig sei es auch, das Training auf die Belastung im Beruf abzustimmen: Je härter der Job, desto lockerer sollte der Sport sein. Deshalb im Training lieber einmal einen Gang runter schalten und vor allem die Warnzeichen des Körpers - organisch, zwischenmenschlich und seelisch - erkennen lernen.
    Oder noch wichtiger: nicht "heldenhaft ignorieren", das kann üble Konsequenzen haben, so die erfahrenen Sport-Experten.

Auf diese Situations-Analyse mit Korrekturvorschlägen folgen dann schließlich konkrete Überlegungen zur Vermeidung einer Dauer-Erschöpfung: Welche Umweltbedingungen sind belastend? Welche eigenen Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt? Welche Fähigkeiten blieben unterentwickelt? Welche Vorstellungen sind unrealistisch? Welche Glaubenssätze und Denkmuster dysfunktional? Welche Informationen fehlen? Wo lässt sich mit dem besten Aufwand/Nutzen-Verhältnis etwas ändern, vor allem ein Stück Autonomie,  also Freiheit für sich selber wieder gewinnen. Denn wie sagt schon ein alter  Sinnspruch: Es gibt auch ein Leben vor dem Tode...

Mit gesunder Lebensführung gegen das Burnout

Jetzt komme ich zu einem Thema, das jeder akzeptiert und wichtig findet – aber nur wenige wirklich und konsequent umsetzen: die gesunde Lebensführung. Auch wenn es mit der Realisierung häufig schlecht aussieht, so sollten Betroffene versuchen, zumindest die folgenden Punkte zu beherzigen:

  1. 1. Genügend Schlaf. Viele gehen einem wachsenden Schlafdefizit entgegen, das sie abends immer später ins Bett bringt, obgleich sie morgens unverändert früh raus müssen. Nun gibt es bekanntlich Kurz-, Normal- und Lang-Schläfer. Doch das ist eine Frage der individuellen Konstitution und sollte unabhängig von den beruflichen und selbst-gewählten Bedingungen entschieden werden. Tatsache aber ist, dass wir heute 1 bis 2 Stunden weniger schlafen als unsere Vorfahren. Die hatten mehr Arbeit, wir mehr Stress. Die Frage ist: wer bräuchte den ausreichenden Schlaf dringender? Unser fortlaufendes Schlafdefizit ist natürlich in jungen Jahren noch kein ernsteres Problem, wohl aber spätestens im Rückbildungsalter. Ähnlich wie beim Hörsturz oder beim Tinnitus, bei dem ein so genanntes Lärm-Konto mit hereinspielt, wird auch das chronische Schlafdefizit schließlich seinen Preis fordern. Mit anderen Worten: Man muss sich gut überlegen, ob man sich jeden Abend bis spät in die Nacht durch das Fernseh-Angebot zappt, statt rechtzeitig das Bett aufzusuchen und sich durch Ermüdungs-Lesen in den Schlaf einzureihen. Leider sind viele inzwischen zu müde um zu Lesen, bemerken aber auch nicht, wie sie sich durch das spätabendliche Fernsehen „überdrehen“ und einen eher unerquicklichen Schlaf bahnen.
    Auch darf inzwischen über das früher so verschmähte Nickerchen gesprochen werden, das heute aus strategischen Gründen als „Power-Nap“ bezeichnet wird. Dabei käme uns nicht nur das Mittags-Schläfchen zugute, es gibt noch zwei weitere physiologische Schlaf-Dispositionen am Tag, nämlich am späten Vormittag und am frühen Abend. Aber ein Mittagsschläfchen würde die überlange Tages-Zeit wenigstens in zwei erträglichere Hälften teilen – und die notwendige Regeneration fördern. Andere Nationen, z. B. die Japaner und inzwischen auch die Amerikaner, fördern dies bereits mit schallgedämpften Schlafröhren am Arbeitsplatz.
  2. Ausreichend körperliche Aktivität, und zwar nicht stoßweise, sondern regelmäßig. Möglichkeiten hierfür wären: ein täglicher Gesundmarsch bei Tageslicht oder Fahrradfahren, Schwimmen, Gymnastik, Gartenarbeit bzw. jede körperaktive Sportart, ohne gesundheitsgefährdenden Ehrgeiz. Allerdings sollten wir uns nichts vormachen: Fahrrad-Fahren ist wieder Mode und sinnvoll, aber letztlich bewegt sich nur unsere untere Hälfte. 20 Bahnen schwimmen wäre günstig, aber wir schwimmen ja nicht, wir baden. Gymnastik ist wieder im Kommen, besonders beim weiblichen Geschlecht, aber bestenfalls einmal die Woche. Gartenarbeit im herkömmlichen Sinne wirkt emotional besonders ausgleichend, geht aber ins Kreuz. Der tägliche Gesundmarsch bei Tageslicht hat da unbestreitbare Vorteile: Licht, Luft und Bewegung. Und Letzteres mit rund 100 Schritten pro Minute. Wenn noch zwei Stöcke zum Einsatz kommen, dann haben wir 50% mehr Leistung und 30% Gelenk-Schonung. Kurz: Körperliche Aktivität bringt’s, aber so richtig genutzt wird sie praktisch nicht.
  3. Gesundes Nahrungsverhalten: viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und sich ansonsten an die jedermann bekannten Ernährungsregeln halten. Immer häufiger genutzt wird inzwischen auch das selbst-geschrotete 6-Korn, also die 6 wichtigsten Kornsorten. Sie werden abends geschrotet und gewässert und dann morgens mit Obst, Nüssen, Milch oder Joghurt genossen (wir erinnern uns an unsere Oma mit ihrem Ausspruch: „iss Nüsse, Bub, das ist Gehirn-Nahrung…“). Da wäre dann also alles drin, was der Organismus an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und vor allem Ballaststoffen braucht.
  4. Alkohol und Kaffee in Maßen, Nikotin meiden, keine Rauschdrogen. Beim Alkohol kennt inzwischen jeder die Grenz-Dosen, beim Kaffee soll der Coffeinismus ab 6 Tassen beginnen, Nikotin und die Pille haben sich als besonders Hirnschlag-gefährlich erwiesen, weshalb auch niemand begreift, warum inzwischen ausgerechnet das weibliche Geschlecht in den besten Jahren zur Zigarette greift. Rauschdrogen sind tabu, drohen aber durch die Hintertür wieder Terrain zu gewinnen, sprich in Form von Designer-Drogen und als Gehirn-Doping.
  5. Erlernen von Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, Progressive Muskelrelaxation u. a. – und zwar bevor man sie braucht. Und dann auch regelmäßig nutzen. Wer in schlechter Verfassung ist, kann auch schlecht lernen. Deshalb rechtzeitig einen entsprechenden Vorsprung einplanen.
  6. Stärkende Maßnahmen „entdecken“, die zwar in der Regel am wenigstens ernst genommen oder gar belächelt werden, in Wirklichkeit aber eine große Rolle spielen, und zwar nicht nur organisch, sondern auch seelisch und psychosozial. Beispiele hierfür sind Bürstenmassagen, Wechselduschen, Saunagänge u. a.

Psychosoziale Hilfen

Werfen wir schließlich einen Blick auf die so genannten psychosozialen Hilfen:
Was versteht man darunter? Im Prinzip alles, was sich so selbstverständlich anhört, dass man es eigentlich nicht besonders erwähnen müsste – scheinbar. In Wirklichkeit sind gerade Burnout-Gefährdete unschlagbare Meister im Verdrängen alt-bekannter und bewährter Strategien gegen chronische Erschöpfungszustände. Daher bringt es vielleicht mehr, wenn man eine moderne Ausdrucksweise bemüht, sprich: Fördern Sie Ihre Resilienz, also die alt-bewährte Widerstandkraft gegen die Widrigkeiten des heutigen Berufslebens. Dazu gehört unter anderem die Pflege von Hobbys und sonstigen Tätigkeiten außerhalb des Berufs. Denn wenn der Beruf zum Hobby wird – wie von Workalkoholics gerne behauptet –, plötzlich aber beides zum Problem wird, was bleibt dann? Im Burnout-Griff neue Hobbys zu erlernen ist allerdings schwer, wenn man nicht irgendein Zugpferd hat, das einen mitreißt. Aber alte Hobbys von früher gibt es genügend, und die warten auf ihre hilfsbereite Reaktivierung.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Pflege von Kontakten: Zwischenmenschliche Beziehungen schützen vor einer Dauer-Erschöpfung und vor allem vor dem „Ausbrennen“. Das gilt für alle Kontakte, also Hausgemeinschaft, Nachbarschaft, Verein, sonstige Bekannte. Das gerne belächelte „Schwätzchen“, das man besonders dem weiblichen Geschlecht anlastet, ist psychohygienisch viel nützlicher als allgemein zugestanden. Allerdings ist es manchmal schwer, den richtigen Gesprächs-Partner zu finden. Außerdem überfällt einen heutzutage ohnehin jeder mit seinem eigenen Sorgen-Paket und will gar keinen für beide Seiten ergiebigen Dialog führen. Auch findet man in der Tat niemanden, der einen in einer seelischen oder psychosozialen Not-Situation ein paar tröstende Worte vermittelt.

Hier hilft weiter, was schon in der Antike empfohlen wurde, nämlich: die Soliloqui: Das kommt aus dem Lateinischen und heißt solus = allein und loqui = sprechen, also das Gespräch mit sich selber, das Selbst-Gespräch. Keine Angst, man wird deshalb heute nicht mehr als geisteskrank eingestuft, wenn man mit sich selber spricht, denn immer mehr Handy-Besitzer haben einen unsichtbaren Knopf im Ohr und reden laut und ungeniert mit ihrem telefonischen Gesprächspartner über die intimsten Sachen. Außerdem sollte man seine Selbst-Gespräche tatsächlich allein führen, gleichgültig wo, also auch im Pkw, im Wald, im Büro oder zu Hause.

Doch viele Menschen finden heute kaum noch eine Möglichkeit, sich offen über ihre Nöte zu unterhalten. Sie verstummen, schlucken alles runter, werden krank. Selbstgespräche sind da ein uraltes Hilfs-, ja Heilmittel, um nicht innerlich langsam „vom seelischem Müll erdrückt zu werden“. Möglich sind Einzelgespräche mit sich selber, aber auch Dialoge mit klagendem und tröstendem Part, ja sogar eine virtuelle Gerichtsverhandlung: Als Staatsanwalt klagt man zunächst halblaut, aber durchaus vehement seinen Kummer. Das kann bereits eine spürbare Erleichterung bringen. Dann schlüpft man in die Rolle des Verteidigers, der die Situation aus der Sicht des scheinbaren Urhebers, beispielsweise eines boshaften Kollegen, rücksichtslosen Vorgesetzten, streitsüchtigen Partners u. a. darstellt. Ein übrigens schwieriges und unter Umständen schmerzliches Unterfangen, wenn man wirklich versucht, gerecht zu sein.

Schließlich aber kommt der Richter zu Wort: Er fasst Anklage und Verteidigung zusammen und fällt – nach tiefem Luftholen – ein möglichst objektives und faires Urteil, meist einen Kompromiss, vielleicht verbunden mit Empfehlungen für weitere nerven-schonende Vorgehensweisen.

Solche Selbstgespräche sind also Jahrhunderte alt und werden jetzt langsam wiederentdeckt. Sie sind auf jeden Fall erstaunlich heilsam, wenn sie lange genug trainiert, objektiv durchgezogen und konsequent praktiziert werden.  Allerdings sollte man sich nicht zu viel vornehmen und möglichst  überschaubare Situationen verhandeln. Auch empfehlen sich eher mehrere kleine Klärungen pro Tag als ein großer „Prozess“.

Eine weitere psychosoziale Hilfe bietet der Grundsatz: „Geben ist seliger denn Nehmen“: Wer kennt ihn nicht, diesen alten Bibelspruch, inzwischen von den Psychologen geprüft und als in der Tat wirkungsvolle Strategie im Alltag erkannt. Und zwar nicht nur materiell, auch ideell, zwischenmenschlich in jeder Form, zu jeder Zeit, gegenüber jedem Bedürftigen. Diejenigen, die sich hier einbringen, scheinen mit einer bis ins hohe Alter wirkungsvollen Stabilisierung ihrer seelischen, geistigen, körperlichen und psychosozialen Kräfte belohnt zu werden, obgleich sie schicksalhaft dasselbe auszuhalten haben wie andere auch.

Von vorangehenden Generationen lernen

Wir alle jagen hinter den Experten für ein langes Leben her. Das sind jedoch nicht die Gerontologen, Geriater, Geropsychologen und Psychiater, sondern es sind die Hochaltrigen selbst. Diese alten Menschen sagen oft: drei Dinge hätten sie stabilisiert, auch in schwerer Zeit:

  • Erstens Gläubigkeit, das war zu ihrer Zeit wichtig, später hieß es Religiosität, und heute heißt es Spiritualität. Das heißt, ein Mensch, der eine eher spirituelle Einstellung hat, tut sich offensichtlich leichter mit den Unbilden dieser Welt.
  • Der nächste Punkt ist genauso gewöhnungs-bedürftig, nämlich Dankbarkeit. Dankbarkeit ist nicht gerade das, was in unserer Zeit und Gesellschaft übermäßig gepflegt wird; und wenn wir mal so zurückdenken, bei uns ist es auch nicht weit her. Ein ständiges Dankbarsein für das, was man in schwieriger Zeit erleben durfte oder nicht erleben musste. Das muss man sich aber immer wieder vor Augen halten. Und dann wird man nach und nach auch zufriedener – und damit gelassener, unser Wunschtraum.
  • Der letzte Punkt schließlich ist noch irritierender, nämlich Demut. Und zwar nicht Demut im Sinne des Alten Testaments, ständig die andere Wange hinhalten, sondern eine strategische Demut. Altersforscher sagen, mit listigen Äuglein würden die Alten immer wieder äußern, wie wichtig es ist, dass man eben mal Fünfe gerade sein lässt, um in demütiger Haltung dann doch besser durch diese Welt zu kommen. Und das wäre ja auch das Problem beim alten Elias-Syndrom: Wenn ich ständig mit dem Kopf durch die Wand will, muss ich mich nicht wundern, wenn ich irgendwann einmal ausbrenne.

Auf diese Weise wird uns allen klar, was schon der alte Schopenhauer gesagt hat: Ja, „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Doch der geniale Spötter Karl Kraus wandte dann aber einschränkend ein: „Schon recht, aber gesund ist man erst wieder, wenn man alles tun kann, was einem schadet…“

Therapeutische Möglichkeiten des Arbeitgebers

Therapeutische Möglichkeiten des Arbeitgebers reichmann Fr., 04.11.2011 - 15:14

Und schließlich seien zum Abschluss noch einige "therapeutische" Hinweise für Arbeitgeber und Vorgesetzte erwähnt. Diese werden zwar einwenden, dass sie nicht auch noch für den "Seelenfrieden", insbesondere für die psychische Stabilität und die körperliche Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zuständig seien, doch sollten sie die nachfolgenden Zeilen dennoch lesen. Sie stammen nämlich nicht aus der Feder von Ärzten und Psychologen, sondern sind Erkenntnisse ihresgleichen, vorgetragen auf einem Kongress und publiziert in einer technischen Fachzeitschrift (vdi). Denn es gibt einen betriebspsychologischen Grundsatz, der keiner Diskussion bedarf, so selbstverständlich hört er sich an:

Verantwortungsvoller Umgang mit dem Personal fördert den Erfolg eines Unternehmens.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Betriebsklima wird rauer. Dabei wird immer wieder auf folgendes hingewiesen: Explodierende Kosten und harte Wettbewerbsbedingungen fordern die Unternehmer immer mehr. Viele suchen dann Lösungsansätze in neuen Strategien, vergessen dabei aber oft den pfleglichen Umgang mit ihren Mitarbeitern. Dazu die nachfolgenden Kommentare, die schon nachdenklich werden lassen.

"Mit einer schlankeren Organisation wollen sich die meisten Unternehmen ihren Weg in die Zukunft ebenen. Dieser Kampf ums Überleben beeinflusst aber in zunehmendem Maße die innerbetriebliche Zusammenarbeit. So geht es zwischen den Mitarbeitern inzwischen mit immer härteren Bandagen zur Sache. Dabei muss man sich fragen: Merkt denn niemand, wie stark mit diesem Umgangsstil (und oft auch Umgangston) die Bemühungen um einen der vorderen Plätze im Markt konterkariert werden? Kommt es denn keinem in den Sinn, dass derart geistig und seelisch ausgelaugte, frustrierte Mitarbeiter und von diesen deshalb nur allzu oft düpierte Kunden alles andere als Türöffner zur Zukunft sind? Gefordert ist deshalb eine Rückkehr zu pfleglicheren innerbetrieblichen Umgangformen" (I. Nütten).

„Gewarnt werden muss vor einer wachsenden innerbetrieblichen Kälte. Denn der seelisch-mentale Stressballast in Folge rüden Führungsverhalten ist ein gefährlich unterschätzter Sprengsatz an den Fundamenten der Unternehmen: Die harte innerbetriebliche Gangart macht die Mehrzahl der Mitarbeiter bereits zu angeschlagenen Kämpfern, bevor sie überhaupt mit ihrer Arbeit begonnen haben" (Th. Weegen).

"Was der Sport schon lange zeigt, gilt ohne Abstriche auch für die Wirtschaft: Siege werden in den Köpfen errungen. Erfolge sind das sichtbar gewordene Ergebnis innerer Einstellung. Wo Führung ausschließlich als Powerplay mit Menschen und Mitteln betrieben und das innere Wohlbefinden der Belegschaft als Nebensache angesehen wird, heißt das Ergebnis nicht Erfolg, sondern Krise. Mit einem derartigen desolaten Innenleben findet kein Unternehmen die richtige Antwort auf die Fragen, die das hohe Innovations- und Wettbewerbstempo ständig aufwirft" (H. Volk).

Und zum Schluss das bedenkenswerte Ergebnis einer bereits älteren amerikanischen Untersuchung: Eigentlich wollte man nur wissen, welche fünf USFirmen zwischen 1972 und 1992 im Jahresdurchschnitt die höchsten Gewinne pro Aktie erzielt haben. Doch als man schließlich diese fünf Gewinner nach ihren Gemeinsamkeiten untersuchte, kam folgendes heraus: Alle verfügten weder über eine beherrschende Marktposition, noch über eine einzigartige Technologie, noch waren sie Massenproduzenten. Sie agierten auch nicht in ausgesprochenen Wachstumsmärkten oder konnten sich auf Zulieferer stützen, die dem Unternehmen besonders eng verbunden waren. Vielmehr zeigte sich nur eines:

Der entscheidende gemeinsame Erfolgsfaktor lag im pfleglichen Umgang mit dem Personal.

Vorbeugende Maßnahmen

Vorbeugende Maßnahmen reichmann Fr., 04.11.2011 - 14:48

Die wirkungsvollste Behandlung ist wie immer eine rechtzeitige und konsequente Vorbeugung. Dazu einige Hinweise:

Der erste Schritt ist eine gründliche Situationsanalyse. Es ist erstaunlich, wie lange sich viele Menschen ausgebrannt dahinschleppen, ohne über mögliche Ursachen realistisch und objektiv nachgedacht zu haben. Offenbar kann man sich selbst am besten täuschen. Zusammengefasst heißt das: Welche Umweltbedingungen sind belastend? Welche eigenen Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt, welche Fähigkeiten blieben unterentwickelt? Welche Vorstellungen sind unrealistisch, welche Glaubenssätze und Denkmuster dysfunktional, welche Informationen fehlen und wo lässt sich mit dem besten Aufwand/Nutzenverhältnis etwas ändern - vor allem ein Stück Autonomie, also
Freiheit für sich selber wiedergewinnen? Dazu einige konkrete Überlegungen:

  • Der Einsatz: Als erstes muss man sich der Möglichkeit bewusst sein, dass das "Ausbrennen" jeden treffen kann. Den Einsatz deshalb dosieren und damit die Kräfte langfristig schonen. Zu großes Überengagement am Anfang birgt immer eine Erschöpfungsgefahr in sich - früher oder später, je nach individuellem Kräfte-Reservoir und entsprechenden Arbeitsbedingungen.
  • Beruf: Im Weiteren muss man klären, ob der jetzige Beruf tatsächlich der "Jugendtraum" war. Oder ob man ihn eigentlich nie angestrebt hat, nur "hineingerutscht" ist oder gar hineingezwungen wurde. Sich darüber klar werden, heißt zwar schmerzliche Erkenntnisse hinzunehmen, bedeutet aber auch keinen Illusionen mehr aufzusitzen.
  • Dann der Versuch, die Selbsteinschätzung schonend zu modifizieren, d.H. Schluss mit den überhöhten Ansprüchen an sich selber ("was man nicht selber tut, ist nicht getan"). Vielleicht auch die überhöhte Selbsteinschätzung korrigieren, was die geistige Leistungsfähigkeit, seelische Stabilität, die körperliche Belastbarkeit, die psychosozialen Bedingungen, also Partnerschaft, Familie, berufliches Umfeld usw. anbelangt.
  • Die gesunde Lebensführung ist ein ungelöstes Problem. Zum einen ist die Gesundheit das kostbarste Gut und deshalb stets ein vorrangiger Wunsch. Doch die Realität sieht anders aus. Die einfachsten Gesundheitsregeln werden im Alltag nicht ernst- oder wahrgenommen, dafür haben immer häufiger Übertreibungen (Sport) und suspekte Gesundheitsangebote Hochkonjunktur. Besonders die kleinen Unterstützungsmaßnahmen haben keine Chance. Sie wirkten entweder zu banal oder werden gezielt lächerlich gemacht. Denn was man nicht ernst nehmen muss, braucht man auch nicht zu befolgen. Zumindest aber macht es keine Schuldgefühle, wenn man sich unvernünftig verhält. Was also soll man weder in den höchsten Tönen anpreisen, noch niedermachen, sondern einfach praktizieren?

Im Einzelnen:

  • Ausreichender Schlaf: Diese an sich selbstverständliche Forderung wird
  • häufig nicht vom individuellen Bedarf, sondern von den psychosozialen Bedingungen bestimmt. Damit droht ein schleichendes Schlaf- bzw. Regenerationsdefizit, insbesondere ab den mittleren Lebensjahren (in jungen Jahren wird der Raubbau lange nicht realisiert). Ein ausreichendes Schlafquantum, das vom Organismus und nicht von äußeren Zwängen diktiert wird, ist eine der wichtigsten Vorbeugemaßnahmen gegen psycho-physischen Verschleiß im Allgemeinen und das Burnout-Syndrom im speziellen. Dabei wird sich an den beruflichen Bedingungen nur selten etwas ändern lassen (was die Folgen aber auch nicht mildert), wohl aber in der Freizeit. Auch dort wird die Schlaf- und damit Erholungszeit unvernünftigerweise ständig verkürzt, was nicht zuletzt den "ungesunden Fernsehgewohnheiten" anzulasten ist. Man sitzt und sitzt, konsumiert aufregende Programme (auch wenn man meint, es berühre einen nicht) und beeinträchtigt damit Schlaf-Qualität und -Quantum. Und selbst der Urlaub dient nicht der Erholung, sondern kann eine durchaus stress-intensive Zeit werden, zumindest bezüglich Anreise und Rückfahrt im Stau.
  • Auch physikalische Behandlungsmaßnahmen sind zur körperlichen und sogar seelischen bzw. psychosomatischen Kräftigung durchaus erfolgreich, wenn man 1. keine Sofortwirkung erwartet und sich 2. wenigstens zu einer mittelfristigen Behandlungsstrategie durchringen kann. Dazu gehören - je nach Schwachpunkten - Schulter- und Nackenmassagen, Kneippsche Anwendungen, medizinische Bäder mit entsprechenden Zusätzen u. a.
    Ganz wichtig, nicht nur aus biologischer Sicht, sondern weil auch durch Eigeninitiative getragen, sind Bürstenmassagen und Wechselduschen. Sie sollten ohnehin zum Standard-Repertoire einer gesunden Lebensführung gehören. Meist handelt es sich um morgendliches Trockenbürsten des ganzen Körpers (in kreisförmiger Bewegung zum Herzen aufsteigend) sowie anschließendes Wechselduschen (d. h. mit kühl oder kalt abschließen).
  • Körperliche Aktivität: Sport, ggf. Leistungssport, ja sogar riskante oder verschleißträchtige Sportarten sind derzeit "in". Das aber ist nicht das, was der Organismus benötigt, um seine Reserven wieder aufzufüllen. Gefordert ist regelmäßige(!) körperliche Aktivität in vernünftigem Maße und nicht stoßweise Überaktivität. Dazu gehören z. B. täglicher "Gesundmarsch" bei Tageslicht (vor allem in der dunklen Jahreszeit, um der wachsenden Beeinträchtigung durch so genannte saisonale affektive Störungen zu begegnen, früher auch als "Winterdepression" bezeichnet). Ferner Gartenarbeit (was gemütsmäßig besonders ausgleichend wirkt) oder Fahrradfahren, Schwimmen, Gymnastik usw.
    Wichtig: Sich nicht an "moderne" oder gerade hochgejubelte Sportarten verlieren, sondern sorgfältig herauszufinden suchen, was einem am besten zusagt, wo man sie auf körperlicher und seelischer Ebene am ehesten wiederfindet, und die wenigsten Risiken eingeht.
    Im Übrigen bestätigt die Wissenschaft inzwischen, was ohnehin jeder weiß, wenngleich nicht nutzt: Wald, Feld und Flur bieten die günstigsten Regenerationsbedingungen.
    Insbesondere das so genannte Waldklima, in der Allgemeinheit einfach als "gute Waldluft" bezeichnet, in Wirklichkeit aber eine heilsame Mischung aus verschiedenen klimatischen Parametern: Temperatur, Windgeschwindigkeit, Strahlungsangebot (spezielle Lichtverhältnisse mit dem vorherrschenden langwelligen Rot, Luft- und Lärmfilterung usw.) wären ein unvergleichlicher Ort der Erholung - sofern man ihn nützen würde, und zwar regelmäßig.
  • Über ein gesundes Nahrungsverhalten gibt es eine ungeheuere Literatur und ständig neue Empfehlungen. Dabei weiß jeder selber, wie er sich ernähren sollte: Über-, aber auch Untergewicht vermeiden; Rückkehr zu Vollkornprodukten und faserreicher Ernährung (z. B. Müsli, auch selbstgeschrotet), großer Anteil von Obst und Gemüse, möglichst in roher Form; Einschränkung raffinierter Produkte und Konserven.
  • Das Problem der Genussmittel lässt sich in noch kürzer fassen: Alkohol und Kaffee in Maßen, Nikotin meiden.
  • Keine Rauschdrogen: Eigentlich selbstverständlich, aber die Realität sieht anders aus. Dies betrifft nicht die harten Drogen, sondern die so genannten soft drugs (z. B. Haschisch und Marihuana, ggf. auch Psychostimulanzien) oder Party-Drogen (z. B. Designerdrogen wie Ecstasy). Man glaubt nicht, wie vielen Menschen denen man das nie anmerken würde, der gelegentliche Drogenkonsum nicht fremd ist (modernes Stichwort: Gehirndoping oder Neuro-Enhancement).
  • Erlernen von Entspannungstechniken: Dazu gehören Autogenese Training, Yoga, Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson u. a., und zwar bevor man sie braucht - und dann auch regelmäßig einsetzen bzw. trainieren.
  • Hobbys: Ganz wichtig ist die Pflege von Hobbys und sonstigen Tätigkeiten außerhalb des Berufs. Das gilt als Selbstverständlichkeit, doch auch hier sieht die Wirklichkeit anders aus. Jeder spricht von seinen Hobbys, doch nur eine Minderheit praktiziert sie so, dass sie einen hilfreichen Stellenwert im Alltag einnehmen. Die häufigste Entschuldigung ist bekannt: keine Zeit, der Beruf und sonstige Verpflichtungen lassen es nicht zu.
    Wie real diese Ausrede auch immer sein mag, wenn man das Hobby als Regenerationshilfe nicht nutzt und auch sonst keinen Ausgleich hat, dann gerät man langsam, aber sicher in ein Defizit. Dessen Folgen sind meist aufwendiger, als die kontinuierliche Pflege eines Hobbys. Denn ein Hobby ist nicht nur ein Hobby, sondern ein wichtiger Teil der Gesundheitserhaltung, eine wirksame Selbstheilungsmaßnahme.
    Manche versteigen sich - ausdrücklich oder zumindest für sich selber als Trost.
  • zu dem "Grundsatz": Mein Beruf ist mein Hobby. Diese Brücke kann in der Tat recht lange halten, hat aber ihre Schwachstellen. Denn was ist, wenn der Beruf das Hobby darstellt und man verliert plötzlich die Freude an der Arbeit, aus welchem Grund auch immer? Dann hat man gar nichts mehr.
  • Oder noch schlimmer: Was ist nach Abschluss der Arbeit, denn nicht alle können bis ins hohe Alter weitermachen? Dann drohen "Renten-Bankrott" und "Pensionierungs-Schock". Wer dann alte Hobbys reanimieren will, muss Glück haben, wenn das gelingen soll. Vielfach schrumpft alles zu einem kümmerlichen Tagesplan, der eher an ein Dahinvegetieren als an ein erfülltes Altern erinnert. Vor allem aber schrumpfen damit geistige Regsamkeit, körperliche Reserven und zwischenmenschliche Aktivitäten.
    Deshalb: Hobbys sind mehr als Hobbys. Sie sind wie ein angespartes Vermögen für psychosoziale Notzeiten, die ja durch das Berufsende unabweislich kommen werden.
  • Kontakte pflegen: Auch das ist ein Punkt, der viel zu wenig beachtet bzw. nicht ernst genommen wird. Das betrifft nicht nur Nachbarn, Bekannte, Freunde, sondern sogar den engeren Familienkreis: Eltern, Partner, Kinder. Letzteres wird noch am ehesten eingesehen. Doch auch die anderen Kontakte sind wertvoll. Denn zwischenmenschliche Beziehungen auf jeder Ebene schützen vor dem "Ausbrennen". Das sieht zwar jeder ein, doch bei immer mehr Menschen kommt es durch die berüchtigte Stress-Spirale zum "leisen Einschlafen der Beziehungen", nicht zuletzt im Freundes- und Nachbarkreis.
    Man muss sich einmal selber beobachten: Nur wenn man "gut drauf", ausgeschlafen, zufrieden, voller Dynamik usw. ist, sucht und vor allem steht man den zwischenmenschlichen Kontakt auch befriedigend durch. Müde, matt, abgeschlagen, unzufrieden, missgestimmt, deprimiert usw. geht man ihm eher aus dem Weg. Kontakt braucht nicht nur Zeit, sondern auch Kraft. Also geht er verloren, wenn man dauern "gestresst" und überfordert ist.
    Doch das hat folgenschwere Konsequenzen, und zwar nachhaltiger, als man dem Faktor "Pflege der Beziehungen" zutrauen würde. Man beginnt nämlich still und leise zu vereinsamen. Und dann traut man sich im Falle der Not nicht mehr anzurufen und hätte etwas Zuspruch doch so bitter nötig.

Kurz: Kontakte müssen sorgfältig gepflegt werden, vor allem in Zeiten, in denen man sie nicht zu brauchen scheint. Sonst kann man bei Bedarf nicht "ernten".

Das Ende

Das Ende reichmann Fr., 04.11.2011 - 14:13

Das ist natürlich keine gute Strategie. Vor allem fällt sie auf den Betroffenen zurück. Jetzt schwindet nämlich auch das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, die erworbenen Kenntnisse, die langjährigen Erfahrungen. Minderwertigkeitsgefühle, Unsicherheit, Gleichgültigkeit und depressive Verstimmungen greifen um sich. Die Arbeit liefert ohnehin kein Erfolgsgefühl mehr. Die Verlagerung des Interesses auf die Freizeit ("Aufblühen am Wochenende") ist zweischneidig. Das Wochenende dient eigentlich der Erholung und Bereicherung, nicht der Kompensation von "5 Werktagen Frust".

Was übrig bleibt, ist eine sonderbare Mischung aus Widerwillen, Resignation, Selbstmitleid, Bitterkeit, Reizbarkeit, Aggressivität, Negativismus, Ressentiments, Misstrauen, Deprimiertheit, Angst, bisweilen sogar Panikbereitschaft. Die Entwertung der anderen schlägt um in die Entwertung der eigenen Person.

Spätestens jetzt erdrücken die schon lange belastenden körperlichen Beschwerden, die nach wie vor durch keinen organischen Befund gestützt werden können (obgleich man vielleicht von einem Facharzt zum anderen gewandert ist, ausgedrückt in dem modernen Begriff "doctor shopping"). Am häufigsten sind es Schlaf-, Appetit- und sexuelle Störungen, Kopfschmerzen (vor allem ein dumpf-diffuser, manchmal helm-, manchmal reifenartiger Kopfdruck, beim einen mehr im Bereich der Stirn, beim anderen im Hinterhauptsbereich lokalisiert), ferner Beschwerden von Wirbelsäule und Gelenken, Magen-Darm-Leiden, Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie die bereits erwähnte erhöhte Anfälligkeit für Infektions- (vor allem Erkältungs-) Krankheiten.

Der Betroffene fehlt immer häufiger am Arbeitsplatz. Aber jetzt nicht mehr aus rein seelischen oder psychosozialen, sondern auch aus organischen oder treffender: psychosomatischen Beschwerden (unverarbeitete seelische Probleme, die sich im körperlichen Bereich äußern und keinen krankhaften Befund ergeben, mit Ausnahme der üblichen "Grenzbefunde", die jeder hat).

Das läutet die letzte Runde dieses Teufelkreises ein, der dann lautet: abnehmende Arbeitsmoral und damit Qualitätsverlust der eigenen Leistung -> innere Kündigung -> seelischer Einbruch mit zahlreichen körperlichen Symptomen ohne nachweisbare Ursache -> entgleiste Selbstbehandlungsversuche mit Genussmitteln und Medikamenten -> zusätzliche Partner- und Familienprobleme -> längerfristige Krankschreibungen wegen unklarem Krankheitsbild -> Gefahr der Kündigung -> Verzweiflung mit gesamthaft negativer Einstellung, zumindest aber Unerfülltheit, Hoffnungslosigkeit, Gefühl der Sinnlosigkeit, ggf.
sogar Selbsttötungsgedanken -> existentielle Gefährdung.

Transsexualität: „Geschlechtsumwandelnde“ Operationen 
als Lösung für einen psychischen Konflikt?

Transsexualität: „Geschlechtsumwandelnde“ Operationen 
als Lösung für einen psychischen Konflikt? reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:27

transsexuelleTranssexuell empfindende Menschen, die sich „geschlechts­­­­umwandelnde“ Operationen wünschen, erleben einen Widerspruch zwischen ihrem tatsächlichen Geschlecht und ihrer empfundenen Geschlechtszugehörigkeit. Die Frage ist: Wie soll der Widerspruch aufgelöst werden? Durch chirurgische Eingriffe oder durch therapeutische Behandlung der Psyche?

Befürworter der operativen Eingriffe bestehen darauf, dass eine Person nach den Operationen nicht mehr das Geschlecht ihrer Geburt hat, sondern chirurgisch in das andere Geschlecht „umgewandelt“, an das andere Geschlecht „angeglichen“1 wurde.
In Wirklichkeit können chirurgische Eingriffe das Geschlecht nicht verändern. Es ist genetisch festgelegt (XX für Mädchen, XY für Junge). In jede einzelne Zelle des menschlichen Körpers ist die genetische Struktur eingeschrieben. Operationen können weder das genetische Skript ändern, noch die vorgeburtliche Wirkung der Hormone auf die Gehirnentwicklung rückgängig machen. Operationen können das äußere Erscheinungsbild verändern. Dadurch können bestimmte Organe des anderen Geschlechts, die beim sexuellen Akt eine Rolle spielen, nachgeahmt werden. Die biologische Fruchtbarkeit geht aber immer verloren. George Burou, ein Arzt, der über siebenhundert Männer operiert hat, erklärte einmal: „Ich wandle keine Männer in Frauen um. Ich wandle männliche Genitalien in weiblich aussehende Genitalien um. Alles andere spielt sich im Kopf der Patienten ab.“2


1 Neben dem Begriff „geschlechtsumwandelnde“ Operationen wird zunehmend der Begriff „geschlechtsangleichende“ Operationen verwandt. Bei Transsexualität ist damit das chirurgische „Angleichen“ der Geschlechtsorgane an das Wunschgeschlecht des Patienten gemeint. Dabei werden gesunde, funktionsfähige Organe zerstört und die Geschlechtsorgane des jeweils anderen Geschlechts nachgeahmt. Fußn. hinzugefügt
2 Siehe Raymond, Janice, The Transsexual Empire: The Making of the She-Male. New York 1994, S. 10.

1. John Hopkins Universität

1. John Hopkins Universität reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:31

In den USA war das Universitätskrankenhaus der John Hopkins Universität in Baltimore ein Zentrum für „geschlechtsumwandelnde“ Operationen. Als 1975 der Psychiatrieprofessor Paul McHugh Leiter der psychiatrischen Abteilung wurde, begann er, die Anwendung der operativen Eingriffe zu hinterfragen. Er bestand darauf, mehr Informationen von den Patienten vor und nach den chirurgischen Eingriffen einzuholen und beauftragte den Psychiater und Psychoanalytiker Jon Meyer mit einer Nachsorgestudie. Paul McHugh schreibt über die Studie:

„Die meisten Patienten, die [Jon Meyer] einige Jahre nach ihrer Operation ausfindig machte, waren zufrieden mit dem, was sie getan hatten... nur wenige bereuten es. Doch in jeder anderen Hinsicht hatte sich an ihrem psychischen Zustand kaum etwas verändert. Im Grunde hatten sie noch dieselben Probleme mit ihren Beziehungen, ihrer Arbeit und ihren Gefühlen wie zuvor. Die Hoffnung, dass sie nun ihre emotionalen Probleme hinter sich lassen und ein psychisch ausgeglichenes Leben führen könnten, hatte sich nicht erfüllt. Die Ergebnisse zeigten uns: So wie die Männer vor den Operationen Gefallen hatten am cross-dressing [Kleidung des anderen Geschlechts anziehen], so hatten sie jetzt Gefallen am cross-living [Leben als Person des anderen Geschlechts]. Aber die Integration ihrer Psyche hatte sich nicht verbessert und es war nicht einfacher geworden, mit ihnen auszukommen.“3


Es ist wichtig zu unterscheiden zwischen operativen Eingriffen bei deformierten, beschädigten Geschlechtsorganen (angeborene Defekte, Unfälle etc.) und operativen Eingriffen bei gesunden Organen. Bei der Transsexualität (nur dann darf diese Diagnose gestellt werden) handelt es sich um gesunde, funktionsfähige Geschlechtsorgane, die das Potential zur Lebensweitergabe in sich tragen. Die Operationen zerstören also voll funktionsfähige Organe.  

Einer der Chirurgen, der an der John Hopkins Universität an den Operationen beteiligt war, bemerkte einmal: „Stellen Sie sich vor, Sie stehen morgens auf und denken daran, dass Sie den Tag damit verbringen werden, mit dem Messer perfekt geformte Organe zu zerschlitzen, nur weil die Psychiater nicht verstehen, was das Problem ist, und hoffen, die Chirurgie wird’s schon richten.“


Schlussendlich kamen Paul McHugh und seine Kollegen zu der Überzeugung, dass die Operationen keine Behandlung, sondern ein Mitwirken an psychischen Störungen darstelle. An der John Hopkins Universität wurde das Operationsprogramm eingestellt.


3 McHugh, Paul R., Surgical Sex, First Things 147, November 2004, S. 35.

2. Die chirurgischen Eingriffe

2. Die chirurgischen Eingriffe reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:34

Die operativen Eingriffe an den Geschlechtsorganen sind nur einer von vielen Schritten bei dem Versuch, im anderen Geschlecht zu leben. Zunächst müssen die Männer sich in der Öffentlichkeit als Frau kleiden, die Frauen umgekehrt ebenso. Dann beginnt die Einnahme gegengeschlechtlicher Hormone. Sie fördern Bartwuchs und Wachstum der Körpermuskeln bei den Frauen, und führen zu einer Brustvergrößerung bei den Männern. Die Hormone müssen lebenslang eingenommen werden, was zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen kann. Insbesondere bei Frauen können diese Auswirkungen unwiderruflich sein.4

 

Bei Männern werden mit Hilfe von Elektrolyse Gesichts- und Genitalbehaarung entfernt. Neben Entfernung von Penis und Hoden werden Brustimplantate eingesetzt, eine Pseudo-Vagina geschaffen und eine neue Harnröhrenöffnung. Nicht selten kommen kosmetische Operationen hinzu, um den Adamsapfel zu verkleinern oder Silikonimplantate an Hüften und Gesäß einzusetzen.

Bei Frauen beinhalten die Operationen die Entfernung der Brüste, der Eierstöcke und der Gebärmutter. Durch die Entfernung der Gebärmutter hört die Menstruation auf – für viele betroffene Frauen ein Beleg für das Ende ihres Frauseins und das Ende ihrer Verwundbarkeit. Nur wenige Frauen entscheiden sich für den letzten Schritt: die Schaffung eines Pseudo-Hodens und Pseudo-Penis. Zwar kann der Penis so aufgebaut werden, dass eine mechanische Erektion möglich ist, eine Ejakulation ist aber nicht möglich. Die Chirurgen versuchen, sexuelle Empfindungen in den Pseudo-Organen zu erhalten, allerdings gelingt das nicht immer.


4 Lawrence, Anne, Transgender Health Concerns, in: The Health of Sexual Minorities: Public Health Perspectives on Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Populations, ed. Ilan H. Meyer und Mary E. Northridge, New York 2007, S. 473–505. Siehe auch Lawrence, Anne, Patient-Reported Complications and Functional Outcomes of Male-to-Female Sex Reassignment Surgery, Arch Sexual Behavior 35, 2006, S. 717–727.

3. Transsexualität: 
Drei Grundformen

3. Transsexualität: 
Drei Grundformen reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:38

Der Psychiatrieprofessor Ray Blanchard vom Clark Institute für Psychiatrie in Toronto hat über viele Jahre hin transsexuell empfindende Menschen untersucht und behandelt. Er unterscheidet bei den Männern zwei Grundformen: a) homosexuell-Transsexuelle und b) autogynophil-Transsexuelle.5

Bei den Frauen findet man nur eine Grundform, die weiter unten besprochen wird.

a) Homosexuell-transsexuell 
empfindende Männer


Homosexuell-transsexuelle Männer6 werden in ihrem Aussehen, ihren Gesten und Sprechweisen als „weiblich“ wahrgenommen. Sie fühlen sich zu sehr männlich aussehenden Männern hingezogen. Sie glauben, wenn sie als „echte Frauen“ auftreten, können sie für diese Männer attraktiv sein und sie anziehen.

Nahezu alle homosexuell-Transsexuellen hatten schon im Kindesalter eine Geschlechts­identitätsstörung (siehe unten). Sie konnten sich in ihrer Entwicklung nie mit ihrem Vater, ihren Brüdern oder mit gleichgeschlechtlichen Gleichaltrigen identifizieren. Entweder hielten sie sich für ein Mädchen, zumindest wünschten sie sich, eines zu sein. In der Regel verachteten sie in der Kindheit ihr männliches Geschlechtsorgan; sie versuchten, es zu verstecken; sie weigerten sich, im Stehen zu urinieren; sie bestanden darauf, Mädchen­kleidung zu tragen und spielten oft ausschließlich mit Mädchen. In der Folge wurden sie von den männlichen Gleichaltrigen gehänselt und abgelehnt. Obgleich einige homo­sexuell empfindende Erwachsene in der frühen Kindheit die gleichen Verhaltensmuster zeigen, verschwinden diese bei ihnen im Lauf ihrer Entwicklung. Bei homosexuell-transsexuellen Männern bleibt die Identifikation mit dem Weiblichen bestehen. Häufig sieht man bei ihnen eine übertriebene „Weiblichkeit“.

Viele homosexuell-Trans­sexuelle gehen sexuelle Kontakte zu homosexuellen Männern ein. Die Beziehungen sind für sie aber nicht befriedigend. (Männlichkeit hat unter homosexuell lebenden Männern einen hohen Stellenwert, weiblicher wirkende Männer sind meist weniger begehrt.) Homosexuell-Transsexuelle möchten eine sexuelle Beziehung zu einem heterosexuellen Mann und sind der Auffassung, dass sie sich diesen Wunsch erfüllen können, wenn sie selbst eine attraktive Frau werden.

Der Psychiater Paul McHugh ist der Auffassung, dass homosexuell-Transsexuelle „einen inneren Konflikt bezüglich ihrer Homosexualität haben und mit Schuldgefühlen kämpfen. In der Geschlechtsumwandlung sehen sie die Lösung für ihren Konflikt, denn die Operation ermöglicht es ihnen, als Frauen mit Männern einen sexuellen Kontakt aufzunehmen.“7

Viele homosexuell-Transsexuelle sagen, dass sie einfach nur die Frau werden wollen, als die sie sich schon immer gefühlt haben. Anne Lawrence, ein autogynophil-Transsexueller, der heute als Frau lebt, ist aber der Überzeugung, dass sexuelles Begehren auch bei homosexuell-Transsexuellen eine größere Rolle spielt, als viele es zugeben möchten:

„Homosexuell-Transsexuelle sind nicht frei von sexueller Motivation. Kollegen, die sehr viel Zeit mit der Befragung von homosexuell-Transsexuellen verbracht haben, sagen mir, man könne sie am ehesten als sehr effeminierte homosexuelle Männer bezeichnen, die ihre femininen Züge während der Pubertät nicht abgelegt haben. Fast alle haben eine Phase des ‚schwulen Jungen’ durch­gemacht. Ihre Entscheidung für oder wider eine Geschlechtsumwandlung hängt oft in hohem Maß davon ab, ob sie meinen, in der weiblichen Rolle ausreichend annehmbar zu sein, um heterosexuelle männliche Partner anziehen zu können. Diejenigen, die meinen, dass sie sowieso nicht als Frau durchgehen werden, unterziehen sich in der Regel keiner Geschlechtsumwandlung, unabhängig davon, wie ‚weiblich’ ihr Verhalten sein mag. Stattdessen nehmen sie, vielleicht widerwillig, eine schwule männliche Identität an und bleiben in der Homosexuellenszene, wo sie realistischerweise davon ausgehen können, interessierte Partner zu finden. (…) Die Quintessenz lautet, dass auch bei der homosexuellen Transsexualität sexuelles Kalkül oft eine Rolle spielt. Bei der Transsexualität geht es zu einem großen Teil um Sex – unabhängig davon, um welche Form von Transsexualität es sich handelt.“8

Geschlechtsidentitäts­störung im 
Kindesalter

Homosexuelle Transsexualität manifestiert sich fast immer zuerst als Geschlechts­identitätsstörung im Kindesalter (GIS).9 Geschlechtsidentitätsstörungen im Kindesalter zeigen sich schon früh in der Kindheit. Einige meinen deshalb, dass sie biologische, genetische oder hormonelle Ursachen haben müsse. Dafür gibt es aber bisher keinen Nachweis. Ebenso meinen einige, eine GIS sei unveränderbar. Dagegen sprechen die psychotherapeutischen Erfolge. GIS im Kindesalter gibt es bei Jungen und Mädchen, im Folgenden geht es vor allem um Jungen.

Schon sehr früh haben Kinder im Normalfall ein Gefühl dafür, dass es zwei Geschlechter gibt und zu welchem sie selbst gehören. Ein positives Selbstbild sollte sich entwickeln: „Ich bin ein Junge. Ich bin wie Papa und meine Brüder. Es ist gut, ein Junge zu sein. Meine Eltern freuen sich, dass ich ein Junge bin.“ Entsprechendes gilt für das Mädchen: „Ich bin wie Mama. Es ist gut, dass ich ein Mädchen bin. Ich bin geliebt und angenommen.“

Bei Kindern mit GIS verläuft die frühe Entwicklung anders.

Kenneth J. Zucker, Psychologe und Psychiater, sowie Susan J. Bradley sind die führenden Experten in der Diagnose und Be­handlung von Kindern mit GIS.10

Aufgrund ihrer langjährigen klinischen Erfahrung gehen sie davon aus, dass GIS bei Jungen in der frühen Kindheit mit einer unsicheren Mutter-Kind-Bindung beginnt und vor allem emotional sensible und daher leicht verwundbare Jungen trifft:

„Der Junge, der hochsensibel die mütterlichen Signale aufnimmt, spürt die Depressivität und die Wut seiner Mutter. Da er selbst ja auch noch unsicher ist, fühlt er sich durch diese Wut und Feinseligkeit bedroht; er empfindet diese Emotionen als gegen ihn selbst gerichtet. Seine Angst, die Mutter zu verlieren, intensiviert seinen Konflikt mit seiner eigenen Wut und führt zu einem hohen Niveau an Erregung oder Angst.“11

Wenn sich Ängste in dieser frühen, empfindlichen Entwicklungsphase einstellen, kann es sein, dass ein Kind Verhaltensweisen „wählt“, die typisch für das andere Geschlecht sind, weil es unbewusst meint, dadurch mehr Sicherheit zu haben oder mehr Wertschätzung von der Mutter zu bekommen.

Susan Bradley beschreibt die Zusammenhänge sowie die Unterschiede zwischen frühen Angststörungen und GIS: „Der Unterschied zwischen GIS und Angststörungen liegt darin, dass in der Familie mit GIS das Geschlecht und die Geschlechtsrolle eine spezielle Bedeutung haben. Insbesondere Jungen mit GIS glauben, dass sie als Mädchen von ihrer Familie in höherem Maß wertgeschätzt werden oder nicht so viele Schwierigkeiten haben werden wie als Junge. Das hat mit den Erfahrungen der Eltern in deren eigenen Herkunftsfamilien zu tun, insbesondere mit Tendenzen bei den Müttern, sich vor männlicher Aggressivität zu fürchten oder selbst fürsorgebedürftig zu sein, was als weibliche Eigenschaft geschätzt wird.“12

Die ersten Versuche des Kindes, sich mit dem anderen Geschlecht zu identifizieren, werden dann möglicherweise – subtil oder offen – mit einem Lächeln, besonders von der Mutter, belohnt. Sie und andere Frauen in der Familie rufen womöglich aus: „Ist er nicht niedlich, wenn er Mamas Schuhe trägt? Das gäbe ein hübsches Mädchen!“

Die positive Reaktion der Mutter auf das mädchen­hafte Verhalten des kleinen Sohnes beurteilen Zucker und Bradley so: „Das Bedürfnis der Mutter, selber fürsorglich umsorgt zu werden und ihre Angst vor [männlichen] Aggressionen führen dazu, dass sie das Verhalten des Kindes toleriert. Wenn die Mutter ihren Sohn damit „attraktiv“ findet, kann sich dieses Verhalten verfestigen. Die wohlwollende Toleranz der Mutter kann zu einer positiven Verstärkung des cross-dressing führen.“13

Die Mutter möchte ihren Sohn vielleicht nicht „unglücklich“ machen, indem sie ihn vom cross-dressing (Anziehen von Frauenkleidung) abhält, währenddessen der Vater möglicherweise überzeugt ist, dass sein Sohn eines Tages homosexuell wird. Erst später, wenn die Identifizierung des Jungen mit den Mädchen dazu führt, dass er gehänselt und abgelehnt wird, bekommt die Mutter Bedenken.

Zucker und Bradley fanden heraus: Viele Eltern „zeigen eine ausgesprochene Ambivalenz“, wenn sie bei ihrem Sohn deutliche Anzeichen von GIS sehen und ignorieren das Problem so lange, bis es nicht mehr geht.14 Ist die Ambivalenz noch stärker, suchen sie vermutlich gar keine Hilfe.

Wenn Eltern eigene Probleme haben, sind sie nicht immer in der Lage, die Bedürfnisse ihrer Kinder nach Sicherheit, Wertschätzung, Akzeptanz und Liebe zu erfüllen und ihnen zu einem positiven Selbstbild als Junge oder Mädchen zu verhelfen.

Häufig gehen Väter eine Beziehung mit den Söhnen ein, indem sie mit ihnen gemeinsam Sport treiben. Sie wissen aber nicht, wie sie die Männlichkeit ihres Sohnes stärken können, wenn dieser kreative, künstlerische oder andere nicht-sportliche Talente hat. Väter mit kreativ oder künstlerisch begabten Söhnen müssen lernen, diese Begabungen als etwas authentisch Männliches anzusehen und ihre Söhne darin zu unterstützen. Vielleicht wissen die Eltern auch nicht, wie wichtig es gerade für diese Jungen ist, schon früh in der Kindheit tragfähige Freundschaften zu anderen Jungen, die ähnliche Interessen haben, aufzubauen.

In einigen Fällen hatte sich ein Elternteil statt eines Jungen ein Mädchen (oder umgekehrt) gewünscht und zieht es an und behandelt es, als sei es ein Mädchen. Manche Eltern setzen die Schule unter Druck, damit diese das cross-dressing erlaubt, oder bringen es zu einer Selbsthilfegruppe für Transsexualität/Transgender, in der das pathologische Verhalten des Kindes zumeist verstärkt wird.15

Die in der Familie bestehenden dysfunktionalen Elemente haben das Kind in seiner Identität verunsichert und verletzlich gemacht: „Die anhaltenden Schwierigkeiten der Eltern, mit dem cross-gender Verhalten des Kindes angemessen umzugehen, können die Ängste und Unsicherheiten des Kindes noch intensivieren. Zugleich führt dieses Verhalten dazu, dass das Kind in eine Fantasiewelt abdriftet, in der es eine geschätzte, geliebte Person des anderen Geschlechts ist. Im Lauf seiner Entwicklung hat das Kind dann immer wieder das Bedürfnis, diese andere fantasierte Person zu sein, [denn dadurch kann es vorübergehend seine Ängste und das Gefühl, als reale Person nicht wertgeschätzt zu sein, abwehren]. Das führt dazu, dass das Kind oft einen großen Widerstand hat, diesen Schutzmechanismus der Fantasiewelt aufzugeben.“16

Insbesondere Jungen mit GIS erfahren häufig Ablehnung, Hänseleien, Mobbing. Jungen etwa mit schwacher Hand-Augen-Koordination werden ausgegrenzt oder gnadenlos gehänselt, weil sie einen Ball nicht richtig treffen können. Wenn ein solcher Junge schon eine unsichere Bindung an die Eltern, insbesondere an den Vater hat, kann diese Ablehnung dazu führen, dass er denkt, die anderen hassen ihn. Das wiederum kann zu Selbstablehnung führen, wobei die Ablehnung seines Geschlechts im Mittelpunkt stehen kann. („Ich hasse es, ein Junge zu sein.“) Die Selbstablehnung kann sich auch auf bestimmte Körperteile, etwa die Genitalien, konzentrieren. Jungen versuchen dann, ihre Genitalien unbedingt zu verbergen.

Bei Mädchen mit GIS ist vieles anders. Sie sind nicht weniger, sondern stärker sportlich talentiert und vom Temperament her eher wettbewerbsorientiert; Spiele, bei denen es rau zugeht, machen ihnen weniger aus als anderen Mädchen. Dabei erfahren sie aber meist nicht die offene Ablehnung, die Jungen durch Gleichaltrige erfahren. Doch gibt es bei ihnen andere Gründe, die dazu führen, dass Mädchen mit GIS eine sehr große Verletzlichkeit empfinden, eine „Geschlechtsdysphorie“ (tiefes Unbehagen über das eigene Geschlecht, den eigenen Körper) entwickelt haben und unglücklich über ihr Weiblichsein sind. Sie fürchten sich deshalb auch vor der Entwicklung ihrer biologischen Geschlechtsmerkmale wie dem Wachstum der Brüste oder dem Einsetzen der Menstruation.

Die Ablehnung des eigenen, natürlichen Körpers zusammen mit Selbsthass und masochistischen Tendenzen können zu dem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung führen. Würde in den Therapien der Schwerpunkt der Arbeit mit den Kindern (und den erwachsenen Patienten) darauf gelegt, die Wut der Kinder auf sich selbst und auf die, von denen sie sich abgelehnt fühlen, aufzulösen, könnten viele Kinder und Erwachsene sich mit ihrem Geburtsgeschlecht aussöhnen.

Nach Erkenntnissen anderer Therapeuten können sich bei Kindern mit GIS auch chronisches Selbstmitleid und das Übernehmen einer Opferrolle entwickeln, in der sie ihr persönliches Leid verabsolutieren und das zu ihrer Lebenseinstellung wird. Solche Gewohnheiten sind dann schwer aufzugeben.

Ohne eine konstruktive therapeutische Intervention im Kindesalter entwickeln sich bei vielen Jungen mit GIS in der Pubertät homosexuelle Neigungen, ein kleiner Prozentsatz wird transsexuell.17

Kinder mit GIS konnten sich nie mit dem Guten und Positiven ihres Geschlechts identifizieren. Das kann dazu führen, dass sie andere beneiden, die scheinbar haben, was sie bei sich vermissen. Diejenigen, die später homosexuell empfinden, beneiden oft Personen des eigenen Geschlechts um bestimmter Eigenschaften willen, die sie bei sich vermissen – und begehren sie. Diejenigen, die später transsexuell empfinden, beneiden Personen des anderen Geschlechts, ebenfalls um deren bestimmter Eigenschaften willen. Personen, die zum anderen Geschlecht gehören möchten, erhoffen sich oft: Wenn sie eine Frau werden, statt Mann zu bleiben (oder umgekehrt) können sie sich endlich psychisch sicher fühlen, weil sie dann angenommen und geliebt werden.

Über die Einordnung der Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter als psychische Störung gibt es Kontroversen. Da GIS häufig ein erster Schritt zur Entwicklung homosexueller Neigungen ist und diese nicht mehr als psychisches Problem gelten, fordern einige Therapeuten, auch GIS als „gesunde“ und „normale“ Entwicklung anzusehen. Zucker und Bradley lehnen das aber ab. Sie verweisen auf die seelischen Probleme und seelische Belastung von Kindern mit GIS und auf die Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei den Eltern, insbesondere der Jungen.18 Nach Zucker und Bradley sind diese Jungen nicht einfach glückliche, seelisch ausgeglichene Kinder, die nur meinen, sie seien in Wirklichkeit Mädchen. Sie sind problembelastete Kinder aus problembelasteten Familien.

Zucker und Bradley untersuchten die Familien von zehn Jungen mit GIS, die nacheinander in ihre Praxis kamen. In sämtlichen Familien gab es gravierende Probleme: Acht der zehn Mütter hatten mindestens eine diagnostizierte psychische Störung. Von den anderen beiden Müttern war eine wegen familiärer Probleme in psychotherapeutischer Langzeitbehandlung, die andere litt an schwerer, kräftezehrender Migräne.19

Konstruktive therapeutische Interventionen sind bei den vorpubertären Kindern mit GIS sehr wohl möglich. Zucker und Bradley berichten: „Unsere Erfahrung zeigt, dass zahlreiche Kinder und ihre Familien sich erheblich verändern können. In diesen Fällen ist die Geschlechtsidentitätsidentitätsstörung völlig verschwunden.“20

Da die Anzeichen einer GIS offenkundig sind, auch für Kinderärzte, Erzieherinnen und Lehrer, sollten die Eltern unbedingt ermutigt werden, sich möglichst früh Hilfe zu suchen.

Leider sind Eltern nicht immer gewillt, am therapeutischen Prozess mitzuwirken. Wird die psychische Störung in der Kindheit nicht behandelt, so Kenneth Zucker und Susan Bradley, ist es in der Pubertät sehr viel schwieriger, sie zu behandeln, insbesondere wenn der Jugendliche glaubt, die Geschlechtsumwandlung sei die Lösung:

„Jugendliche in der Adoleszenz mit Geschlechtsidentitätsstörung haben eine geringe Angsttoleranz. Ihr Wunsch nach Geschlechtsumwandlung ist ein seelischer Abwehrmechanismus, um ihre Ängste zu kontrollieren. Die Vorstellung, keine ‚Lösung‘ für ihr inneres Leid zu haben, vergrößert ihre Ängste; und das macht es sehr schwierig, eine therapeutische Allianz herzustellen. Selbst wenn die Jugendlichen (zumindest an der Oberfläche) verstehen, warum sie die Wünsche nach Geschlechtsumwandlung haben, sind sie oft doch nicht in der Lage, den Abwehrmechanismus aufzugeben. Ohne ihn fürchten sie, von ihren Ängsten überwältigt zu werden. Das führt zu einem fordernden Verhalten und zu Ungeduld mit dem Therapeuten, wenn er versucht, mit dem Jugendlichen tiefere Gefühle und Verhaltensweisen zu explorieren. Viele Jugendliche, die sich geschlechtsangleichende Operationen wünschen, ziehen sich aus der Therapie zurück, weil sie den Angstpegel nicht aushalten können, der sich zeigt, sobald tiefere Ursachen für ihre Operationswünsche erkundet werden sollen.“21

Angesichts dieser Schwierigkeiten, bei Adoleszenten mit GIS durch Psychotherapien noch positive Ergebnisse zu erzielen, befürworten Zucker und Bradley Hormongaben und Operationen, allerdings nur, wenn die Betroffenen volljährig sind.

Die Verfügbarkeit der „geschlechtsumwandelnden“ Operationen bestärkt aber die Adoleszenten in der Auffassung, dass ihr Widerstand gegen eine Psychotherapie belohnt wird, nämlich damit, dass man ihnen den Wunsch nach den Operationen erfüllt.

b) Autogynophil-transsexuelle 
Männer


Nach dem Psychiater und Sexualwissenschaftler Ray Blanchard, der den Begriff „autogynophil-transsexuell“ prägte, sind dies Männer, die in das Bild von sich selbst als Frau verliebt sind.

 

Blanchard ist der Auffassung:

1. Alle biologisch gesunden Männer mit Geschlechtsdysphorie sind entweder homosexuell (sexuell erregt durch andere Männer) oder autogynophil (sexuell erregt durch die Vorstellung von sich selbst als Frau).

2. Bei Frauen gibt es keine Autogynophilie, d.h. Frauen werden nicht sexuell erregt durch die Vorstellung, dass sie eine Brust und ein weibliches Genitale haben.

3. Der Wunsch einiger autogynophiler Männer nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen stellt eine Form der „Bindung“ an das Liebesobjekt dar (das fantasierte eigene weibliche Selbst) und ist analog zu dem Wunsch heterosexueller Männer, eine Frau zu heiraten, oder dem Wunsch homosexuell lebender Männer, dauerhafte Beziehungen zu männlichen Partnern einzugehen.

4. Autogynophilie ist ein fehlgeleiteter heterosexueller Impuls, der neben normalen heterosexuellen Wünschen bestehen kann oder mit diesen konkurriert.

5. Autogynophilie ist ein Beispiel aus einer größeren Gruppe sexueller Variationen, die sich aus einer Entwicklungsstörung bei der erotischen Objektwahl ergeben.22

Autogynophilie gehört zum Transvestitismus23 und damit zur Gruppe der Paraphilien. Paraphilien sind psychische Störungen, bei denen die sexuelle Erregung zwanghaft mit etwas anderem als mit einer realen, ganzen Person verknüpft ist.

Manche autogynophil-Transsexuellen wehren sich gegen die Einordnung ihres Problems als Paraphilie, da sie (zumindest anfangs) nicht darauf beschränkt sind, eine bestimmte Fantasie zu inszenieren, um zu einer sexuellen Erregung zu gelangen. Sie empfinden eher, dass die Fantasien mit ihren realen sexuellen Beziehungen konkurrieren.

Lawrence, selbst autogynophil-transsexuell, der nach den Operationen heute als Frau lebt, schreibt:

„Was die Sache kompliziert macht, ist der Umstand, dass Autogynophilie nicht unbedingt die Anziehung zu anderen Menschen ausschließt. Deshalb kann man sagen, dass einige Transsexuelle zwar autogynophil sind, sich aber zugleich als heterosexuell oder bisexuell oder ohne Anziehung zu anderen Menschen einordnen… Autogynophile Erregung scheint aber oft mit der Anziehung zu anderen Menschen zu konkurrieren. So berichten heterosexuell oder bisexuell empfindende Autogynophile oft, dass die autogynophilen Fantasien in den Hintergrund treten, wenn sie einen neuen Sexualpartner haben und sich ihre Aufmerksamkeit auf den Partner konzentriert. Doch mit der Zeit, wenn der Reiz des Neuen nachlässt, kehren sie häufig zu den autogynophilen Fantasien zurück. Für biologische Männer ist der Reiz des Neuen vielleicht sowieso ein wichtiger Faktor bei ihrer Entscheidung, wohin die sexuelle Erregung geht.“24

Die Macht der Fantasien kann so groß sein, dass der reale Partner zu einem Mitspieler in den Fantasien reduziert wird. Noch einmal Lawrence:

„Eine weitere Beobachtung, die autogynophile Personen häufig machen, ist folgende: Zwar mögen sie Sex mit einem Partner, aber so, dass der Partner fast überflüssig wird oder nur Requisite im Drehbuch autogynophiler Fantasien ist. Blanchard hat beobachtet, dass dies insbesondere für autogynophile Fantasien zutrifft, in denen männliche Partner eine Rolle spielen. Die männliche Figur ist oft gesichtslos oder abstrakt. Sie dient dazu, die Weiblichkeit der autogynophilen Person zu bestätigen, ist aber kein eigenständiger, begehrenswerter Partner. Das liegt auch daran, dass Autogynophilie die Anziehung zu anderen, realen Menschen nicht ausschließt, sondern eher damit zu konkurrieren scheint. Blanchard hat bisweilen Autogynophilie als eine ‚Orientierung’ und nicht als Paraphilie bezeichnet.“25

In ihren Fantasien stellen autogynophil-transsexuelle Männer sich vor, dass sie sexuell penetriert werden. Sie sehen sich also selbst als heterosexuelle Frau. Viele leben eine Zeitlang als Transvestiten [ziehen Frauenkleidung an], einige heiraten und haben vielleicht Kinder. Erst später im Leben entscheiden sie sich, dauerhaft als Frau leben zu wollen. Andere fühlen sich auch nach den Operationen weiterhin zu Frauen hingezogen und beharren dann darauf, lesbisch zu sein.

Die meisten heterosexuell empfindenden Transvestiten begnügen sich mit cross-dressing, nur einige haben den Wunsch nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen. Roy Blanchard stellt die Hypothese auf, dass ein Mann, der „seine Impulse durch gelegentliches cross-dressing im Privaten oder in der Gesellschaft anderer Transvestiten befriedigen kann“, in der Regel keine Geschlechtsumwandlung sucht. Ein Mann, „dessen Fantasie sich in erster Linie darum dreht, ein weibliches äußeres Genitale zu besitzen“, sucht die Geschlechtsumwandlung.26

Blanchard schreibt:

„Autogynophilie nimmt unterschiedliche Formen an. Manche Männer fühlen sich bei dem Gedanken, Frauenkleider zu tragen, sexuell erregt. Daran sind sie am meisten interessiert. Andere Männer haben die stärkste sexuelle Erregung bei der Vorstellung, den Körper einer Frau zu haben, und so ist ihr erstes Interesse, den Körper einer Frau zu erhalten.“27

Der Psychiater Paul McHugh beschreibt aus seiner Erfahrung, weshalb autogynophil-transsexuelle Männer sich zu den Operationen entschließen:

„Sie finden beim Tragen von Frauenkleidern intensive sexuelle Erregung. Mit zunehmendem Alter sind sie begierig, ihren Verkleidungen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Deshalb haben sie Operationen gesucht oder es wurde ihnen dazu geraten…, um dadurch einer Frau ähnlicher zu sehen. Studien in der psychiatrischen Abteilung des Clark Institute in Toronto fanden heraus, dass diese Männer sexuelle Erregung verspüren, wenn sie eine sexuell verführerische Frau nachahmen. Viele von ihnen stellen sich vor, ihre Darstellungen könnten für Zuschauer, insbesondere für Frauen, sexuell erregend sein.“28

Autogynophil-Transsexuelle hatten in der Regel in der Kindheit keine GIS. Meist beginnen sie in der Pubertät mit transvestitischem Fetischismus, bei dem sie weibliche Kleidung, häufig weibliche Unterwäsche, tragen, sei es in der Fantasie oder in der Realität.

Lawrence bestätigt zwar die erotischen Aspekte der Autogynophilie, ist aber der Ansicht, dass es auch andere wesentliche Punkte gibt: „Autogynophilie kann man besser als sexuelle Orientierung, als eine Spielart romantischer Liebe beschreiben. Es gehören erotische, emotionale und Bindungselemente dazu.“29 Nach Auffassung von Lawrence möchte der autogynophil-Transsexuelle zu dem werden, was er liebt: „Zu werden, was man liebt, hat gewöhnlich höchste Priorität. Andere Aspekte des Lebens – Familie, Freunde, Arbeit – sind meist von nachgeordneter Bedeutung, zumindest vorübergehend. Bei der Einteilung seiner Zeit, Energie und Ressourcen räumt der transsexuell Lebende dem geschlechtsumwandelnden Prozess die Vorrangstellung ein.“30 Die Art von romantischer Liebe, die Lawrence beschreibt, hat einen ungesunden, zwanghaften, obsessiven Aspekt, insbesondere wenn das „Liebesobjekt“ das fantasierte Bild von sich selbst als Frau ist.

Lawrence erkennt aber auch, dass autogynophil-Transsexuelle „wahrscheinlich­ ein­
größeres Risiko für die Entwicklung einer narzisstischen Störung“ haben, weil sie „besonders anfällig sind, Gefühle der Scham zu haben, und auf empfundene Beleidigungen mit narzisstischer Wut zu reagieren.“31 Lawrence schreibt dies der Tatsache zu, dass diese Menschen seelisch verwundet sind, weil man sie behandele als „Männer, die vorgeben, Frauen zu sein“. Lawrence zieht daraus aber nicht den Schluss, dass aufgrund des Narzissmus und der damit einhergehenden Wut eine Therapie sinnvoll sein könnte. Vielmehr legt Lawrence den Ärzten nahe, den Betroffenen keine narzisstischen Verletzungen mehr zuzufügen. Doch genau das ist schwierig, wie Lawrence zugibt, denn viele autogynophil-transsexuelle Männer seien als Frauen eben doch nicht überzeugend. Selbst wenn andere Menschen Akzeptanz ausdrückten, so würden ihre tatsächlichen Gefühle in Mimik und Körpersprache sichtbar – und Transsexuelle könnten das als Zurückweisung erleben.

c) Die Grundform bei Frauen

Der Wunsch nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen, der ursprünglich bei Frauen selten vorkam, wird immer häufiger. Fast alle Frauen empfinden zunächst lesbisch. Sie können eine starke maskuline Identifikation haben, das muss aber nicht sein. Die meisten Frauen mit starker männlicher Identifizierung litten schon als Kinder an einer Geschlechtsidentitätsstörung (GIS). Sie konnten sich in ihrer Kindheit nicht mit ihrem Körper und ihrem Mädchensein als etwas Gutem und Schönem identifizieren. Viele hatten von Anfang an eine unsichere Bindung an die Mutter, die sie als schwach und verletzt wahrnahmen. Häufig glaubten die Mädchen, wenn sie Jungen wären, würde ihr Vater sie anerkennen, zumindest aber könnten sie sich und ihre Mütter dann vor männlicher Aggressivität schützen. Wie auch Jungen mit GIS hatten sie zumeist keine engen gleichgeschlechtlichen Freundschaften.

GIS bei Mädchen ist etwas anderes als die viel häufiger vorkommende „Jungenhaftigkeit“ bei Mädchen („Wildfang“). Bei GIS weigern sich die Mädchen zwanghaft, Mädchenkleidung zu tragen oder sich an Mädchenspielen zu beteiligen. Jungenhafte Mädchen mögen für Mädchen untypische Interessen haben, sind aber insgesamt in ihrem Verhalten flexibler.

Zucker und Bradley beschreiben das Mädchen, das eine GIS entwickelt, als „ein von seinen Anlagen her leicht verletzbares Kind, das schnell ein hohes Maß an Ängsten entwickelt“. Hinzu kommt eine Mutter, die Schwierigkeiten mit ihrem Gefühlsleben hat und möglicherweise während des ersten Lebensjahres des Mädchens depressiv ist. Häufig liegen Familienkonflikte vor, das Mädchen erlebt den Vater als respektlos gegenüber der Mutter oder gegenüber Frauen allgemein. Das Mädchen „erlebt im Konflikt der Eltern eine Mutter, die nicht für sich selbst einstehen kann“. Wenn das Mädchen dann „mit cross-gender Verhalten beginnt, um seine Ängste zu verringern“, reagiert die Mutter meist positiv, da sie glaubt, das männliche Verhalten wird ein Schutz für die Tochter sein. Möglicherweise ermutigt auch der Vater zu cross-gender Verhalten. „Durch Identifikation mit dem Aggressor kann das Mädchen die Fantasie entwickeln, Mutters Beschützerin zu sein.“32 In manchen Fällen erinnern sich Frauen mit GIS, dass der Vater fortwährend Frauen abwertete, insbesondere die Mutter.


Blanchard, Ray, Clinical Observations and Systematic Studies of Autogynephilia. J. of Sex and Marital Therapy, 17/4, 1991, S. 235-251.

6 Mit den Begriffen Mann und Frau, er und sie, sind jeweils biologischer Mann und biologische Frau gemeint. Homosexuell-transsexueller Mann meint einen Mann, der eine Frau sein möchte. Fußn. hinzugefügt.

7 McHugh, Surgical Sex, S. 35.

8 Lawrence, Anne, Men Trapped in Men’s Bodies: An Introduction to the Concept of Autogynephilia, Transgender Tapestry 85, Winter 1998.

9 Geschlechtsidentitätsstörung im Kindesalter ist nach dem in Deutschland gültigen ICD-10 Code so definiert: „Diese Störung zeigt sich während der frühen Kindheit, immer lange vor der Pubertät. Sie ist durch ein anhaltendes und starkes Unbehagen über das zugefallene Geschlecht gekennzeichnet, zusammen mit dem Wunsch oder der ständigen Beteuerung, zum anderen Geschlecht zu gehören. Es besteht eine andauernde Beschäftigung mit der Kleidung oder den Aktivitäten des anderen Geschlechtes und eine Ablehnung des eigenen Geschlechtes. Die Diagnose erfordert eine tief greifende Störung der normalen Geschlechtsidentität; eine bloße Knabenhaftigkeit bei Mädchen und ein mädchenhaftes Verhalten bei Jungen sind nicht ausreichend.“

Prospektive Studien zeigen: Kinder mit diagnostizierter Geschlechtsidentitätsstörung (GIS) werden im Erwachsenenalter in etwa 60-80 Prozent homosexuell oder bisexuell empfinden, in 20-30 Prozent heterosexuell und in 6-8 Prozent transsexuell empfinden. Fußn. hinzugefügt.

10 Zucker, Kenneth J., Bradley, Susan J., Gender Identity Disorder and Psychosexual Problems in Children and Adolescents. New York 1995. Einen Überblick über Zuckers Arbeit zu Geschlechtsidentitätsstörungen gibt die National Association for Research and Therapy of Homosexuality (NARTH) Scientific Advisory Committee, Gender Identity Disorders in Children and Adolescence: A Critical Inquiry and Review of the Kenneth Zucker Research, März 2007.

11 Zucker et al., Gender Identity Disorder, New York, 1995, S. 262-263.

12 Bradley, Susan J., Affect Regulation and the Development of Psychopathology, New York 2003, S. 201.

13 Zucker et. al., Gender Identity Disorder, a.a.O., S. 263.

14 Ebd., S. 72-73.

15 “Brave New Schools 8-Year-Old Boy Returning to Class As Girl, Teachers Making Accomodations, Preparing to Counsel Other Students.” WorldNetDaily Feb. 8, 2008. Fitzgibbons, Richard P., Desire for a Sex Change: Clinical Observations and Advice. Ethics & Medics Okt. 2005, S. 1-2.

16 Zucker et al., Gender Identity, S. 263. Text in Klammern im Deutschen hinzugefügt.

17 Siehe Hinweis auf die Studien in Fußn. 9. Fußn. hinzugefügt.

18 Bradley, Susan, und Zucker, Kenneth J., Drs. Bradley and Zucker Reply, Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry, 37/3, 1998, S. 244-245.

19 Zucker, Kenneth J. et al., Psychopathology in the Parents of Boys with Gender Identity Disorder, Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 42/1, Januar 2003, S. 2-4.

20 Zucker et al., Gender Identity Disorder, S. 282.

21 Ebd, S. 315-316.

22 Blanchard, Ray, Origins of the Concept of Autogynephilia, Februar 2004.

23 Transvestitismus gibt es nach dem ICD-10 Diagnose-Code in verschiedenen Formen, alle unter der Rubrik „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“:

1. „Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung, um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu erleben. Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel ist nicht von sexueller Erregung begleitet.“ www.icd-code.de/icd/code/F64.-.html

2. Fetischistischer Transvestitismus: „Zur Erreichung sexueller Erregung wird Kleidung des anderen Geschlechts getragen; damit wird der Anschein erweckt, dass es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt. Fetischistischer Transvestismus unterscheidet sich vom transsexuellen Transvestitismus durch die deutliche Kopplung an sexuelle Erregung und das starke Verlangen, die Kleidung nach dem eingetretenen Orgasmus und dem Nachlassen der sexuellen Erregung abzulegen. Er kann als eine frühere Phase in der Entwicklung eines Transsexualismus auftreten.“ www.icd-code.de/icd/code/F65.1.html Fußn. hinzugefügt.

24 Lawrence, A., Men Trapped in Men’s Bodies, a.a.O.

25 Ebd.

26 Zitiert nach Bailey, Michael J., The Man Who Would Be Queen, Washington 2003, S. 165.

27 Blanchard, R., Clinical Observations, S. 245-246, zitiert in Lawrence, Men Trapped in Men’s Bodies, a.a.O.

28 McHugh, Surgical Sex, S. 35.

29 Lawrence, Anne, Becoming What We Love, Perspectives in Biology and Medicine 50/4, 2007, S. 506.

30 Ebd.

31 Lawrence, Anne, Shame and Narcissistic Rage in Autogynephilic Transexualism, Arch Sexual Behavior, 37/3, Juni 2008, S. 457-461.

32 Zucker et al., Gender Identity Disorder, S. 263-264.

 

4. Psychische Probleme bei Transsexuellen

4. Psychische Probleme bei Transsexuellen reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:41

Transsexuell empfindende Personen leiden an schweren innerpsychischen Konflikten, häufig verbunden mit der Ablehnung des eigenen geschlechtlichen Selbst (des Mädchenseins, des Jungeseins) und mit Depressionen. Viele Therapeuten haben keine entsprechende Ausbildung, um diese tiefen und schweren Konflikte aufdecken zu können. Stattdessen werden Operationen als beste, vielleicht sogar als einzige Lösung vorgestellt. Die Tatsache, dass Operationen zur Verfügung stehen, führt Patienten, die in den Operationen die Lösung sehen, dazu, einen hohen Widerstand gegen eine Therapie aufzubauen. Die Verfügbarkeit von Operationen kann Patienten und Therapeuten davon abhalten, gemeinsam in Ruhe an einer psychotherapeutischen Lösung zu arbeiten: am Narzissmus, an der Wut und an der Unfähigkeit des Patienten, die Realität des eigenen Geschlechts anzunehmen.

Nach den Operationen wird eine therapeutische Behandlung der seelischen Probleme noch schwieriger. Der Psychoanalytiker Charles Socarides äußerte: „Es gibt keinen Beleg dafür, dass eine Geschlechts­identitätsstörung – also eine Geschlechtsidentität im Widerspruch zur anatomischen Struktur – angeboren ist. Jeder Versuch, chirurgisch eine Veränderung zu erreichen, nimmt dem Betroffenen die Chance, seine psychischen und psychosexuellen Probleme zu überwinden.“33

Von Interessensgruppen, die sich für die chirurgischen Eingriffe einsetzen, wird „Geschlechts­identitätsstörung“ definiert als „ein Zustand, in dem eine Person aufgrund ihres Geburtsgeschlechts ein bestimmtes Geschlecht zugewiesen bekam; diese Person sich dann aber mit dem anderen Geschlecht identifiziert, erheblichen Stress darüber empfindet und auch nicht in der Lage ist, damit zurechtzukommen. In der Klassifikationsliste psychischer Störungen beschreibt dies die Probleme bei Transsexualität, Transgender-Identität und seltener bei Transvestitismus. Meist wird die Diagnose Transsexualität gestellt. Kernsymptom ist bei allen eine Geschlechtsdysphorie, ein Unbehagen mit dem zugeordneten Geschlecht.“34

Impliziert wird hier, dass die auf der Grundlage eines eindeutigen biologischen Geschlechts erfolgte Zuordnung als Junge oder Mädchen falsch war und korrigiert werden sollte.

Glauben Menschen, die die Operationen anstreben, wirklich, dass ihre Geschlechtszuordnung bei der Geburt falsch war, obwohl es dafür keine biologischen Hinweise gibt? Der Psychiatrieprofessor Sander Breiner hebt hervor, dass diese Fehlwahrnehmung des eigenen Selbst an sich schon eine psychische Störung ist:

„Wenn ein Erwachsener mit normalem Aussehen und normaler Funktionsfähigkeit im Alltag meint, an ihm sei etwas so Hässliches oder grundlegend Fehlerhaftes in seinem Aussehen, dass es verändert werden müsse, dann liegt hier ein nicht unbedeutendes psychisches Problem vor. Je allgegenwärtiger und umfassender diese Fehlvorstellung von sich selbst ist, desto bedeutender ist das psychische Problem. Je mehr der Patient gewillt ist, ausgedehnte chirurgische Eingriffe, die zerstören, über sich ergehen zu lassen, desto schwerwiegender ist das psychische Problem. Es muss keine Psychose sein. Eine stationäre psychiatrische Behandlung mag auch nicht erforderlich sein. Doch das Ausmaß des psychischen Problems wird nicht verringert durch die Tatsache, dass der Patient in anderen Bereichen scheinbar sozial und beruflich erfolgreich ist.“35

Wenn Betroffene glauben, sie seien im falschen Körper gefangen, dann meinen sie damit in Wirklichkeit oft: Würden sie zum anderen Geschlecht gehören, wären sie glücklicher, fühlten sich sicherer, mehr akzeptiert, mehr wertgeschätzt und mehr geliebt – was aber nicht dasselbe ist. Die Auffassung einer Person, ihre Probleme wären gelöst, wenn sie sich den Operationen unterzieht, ist eine fixe Idee, ein Zwang, der ihr Denken beherrscht, sich aber Beweisen entzieht. Aus verschiedenen Gründen, die mit ihrer Lebensgeschichte zu tun haben, glauben die Betroffenen, dass die Operationen sie glücklich machen werden. Sie sind deshalb gewillt, alles zu tun, um sich für die Operationen zu qualifizieren.

Die hohe Intensität des Wunsches nach Veränderung gilt als Beleg dafür, dass der Betroffene wirklich „im falschen Körper“ steckt. Einige Männer mit Operationswunsch äußern: „Ich bringe mich um, wenn mir die Operation verweigert wird.“ Oder „Ich kastriere mich selbst.“ Einige haben das tragischerweise in die Tat umgesetzt. Suizidwünsche und Selbstverletzung/Selbstverstümmelung sind aber Symptome psychischer Erkrankungen. Therapeutisch sollte untersucht werden, ob betroffene Menschen einen irrationalen Ekel gegen ihre eigenen Geschlechtsorgane oder gegen andere geschlechtsspezifische körperliche Merkmale haben und ob der Wunsch nach den Operationen mitbegründet ist durch fantasiegesteuertes sexuelles Begehren, die Geschlechtsorgane des anderen Geschlechts besitzen zu wollen.

Der Psychoanalytiker Charles Socarides behandelte einen jungen, transsexuell empfindenden Mann, der von seinem Vater zur Therapie gezwungen worden war. Der junge Mann gab an, im Alter von sieben bis vierzehn Jahren vom älteren Bruder sexuell missbraucht worden zu sein. Er äußerte den starken Wunsch nach einer Vagina und sagte: „Für eine Veränderung würde ich alles geben. Wer eine Vagina hat, kann andere kontrollieren. Er kann sie sexuell kontrollieren. Diese Vorstellung fasziniert mich, und es fasziniert mich, eine solche Vagina einzusetzen. Ich glaube, ich habe Angst vor analem Verkehr. Mit einer Vagina wäre das Problem gelöst, und es würde mir keinen körperlichen Schaden zufügen; aber durch analen Verkehr mit Männern habe ich schon Schaden erlitten.“36


33 Socarides, Charles W., The Desire for Sexual Transformation: A Psychiatric Evaluation of Transsexualism. Am. J. of Psychiatry 125/10, 1969, S. 1419-1425.

34 www.genderdysphoria.org/genderdysphoria_medical.html Diese Seite ist im Oktober 2013 nicht auffindbar. Ein fast identisches Zitat findet sich unter: transunity.com/gender-identity-disorder

35 Breiner, Sander, Transsexuality Explained. www.narth.org/docs/transexpl.html Siehe auch:

www.dijg.de/transsexualitaet-geschlechtsumwandlung/begriff-definition-transvestismus/

36 Socarides, Charles W., A Psychoanalytic Study of the Desire for Sexual Transformation (Transsexualism): The Plaster-of-Paris Man, International Journal of Psychoanalysis 51/3, 1970, S. 341-349, 344.

5. Sexueller Missbrauch in der Kindheit

5. Sexueller Missbrauch in der Kindheit reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:45

Verschiedene Studien haben herausgefunden: Mindestens 40 Prozent der Erwachsenen (Männer und Frauen) mit homosexuellen Neigungen haben in der Kindheit sexuellen Missbrauch erfahren, wobei gemeint ist: sexueller Missbrauch vor dem Alter von vierzehn Jahren mit einer Person, die mindestens fünf Jahre älter ist. Der Anteil homosexuell-transsexueller Männer, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, liegt möglicherweise noch höher. Dabei mag ein emotional belastetes Kind den Missbrauch als „einvernehmlich“ betrachten, wenn er mit irgendeiner Art „Zuneigung“ oder Aufmerksamkeit von Seiten des Täters einhergeht. 
Eine kleinere Studie ergab: 55 Prozent der Transsexuellen erlebte sexuellen Missbrauch vor dem Alter von achtzehn Jahren. In einem Artikel berichtet die transsexuell lebende kanadische Soziologieprofessorin Holly Devor (die heute als Mann lebt: Aaron H. Devor) über Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch in der Kindheit und späterer Transsexualität. Sie nennt eine Studie mit 45 Transsexuellen (alle Frau zu Mann), in der 60 Prozent der Personen von körperlichem, sexuellem oder emotionalem Missbrauch berichten: „Die Probanden berichteten häufig von den üblichen Spätkomplikationen nach sexuellem Kindesmissbrauch: Ängste, Depressionen, Essstörungen, Substanzenmissbrauch, stark erhöhte Aggressivität, suizidales Verhalten. Dennoch können die Wurzeln dieser Verhaltensweisen in der Kombination von Geschlechtsdysphorie und Missbrauch liegen. Transsexualität ist möglicherweise eine adaptive, extrem dissoziative Überlebensreaktion bei Personen, die in der Kindheit schweren Missbrauch erfahren haben.“37

[Dissoziation: Abspaltung bestimmter Gefühle oder Gedächtnisinhalte, oft eine Überlebensstrategie nach schweren Traumata].


37 Devor, Holly, Transsexualism, Dissociation, and Child Abuse: An Initial

6. Entscheidungskompetenz

6. Entscheidungskompetenz reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:50

Unabhängig von den jeweiligen Ursachen für die Wünsche nach den Operationen ist die Frage der Entwicklung von Entscheidungskompetenz und die Entscheidungsreife des Einzelnen zu bedenken. Forschungen zeigen, dass die Gehirnbereiche, die bei Entscheidungsfindungen, Problemlösungen und dem Umgang mit Gefühlen eine wesentliche Rolle spielen, erst mit etwa 25 Jahren ausgereift sind.

Adoleszente haben noch nicht die Fähigkeiten von Erwachsenen, komplexe Situationen nüchtern und klar zu beurteilen und die langfristigen Konsequenzen von Entscheidungen zu überblicken. Das gilt insbesondere für Entscheidungen von so weitreichendem Ausmaß wie „geschlechtsumwandelnde“ Operationen, die den Körper unwiderruflich verstümmeln und zu lebenslanger Unfruchtbarkeit verurteilen.

Eltern befürworten es meist nicht, wenn ihr Kind sich selbst schneidet oder anderes selbstverletzendes Verhalten zeigt, selbst wenn das Verhalten dazu dient, Gefühle zu regulieren und Stress abzubauen. Eltern, auch wenn sie es noch so gut meinen, sollten auch der Zerstörung gesunder Geschlechtsorgane bei Minderjährigen nicht zustimmen, selbst wenn auf diese Weise der psychische Stress der Geschlechtsdysphorie betäubt wird. Chirurgen und Therapeuten sollten Eltern dabei zugewandt unterstützen.

In der Fachzeitschrift Pediatric Annals wurde der Wunsch eines dreizehnjährigen Jungen besprochen, der eine Hormonbehandlung beginnen wollte, um sich dann mit 18 Jahren den Operationen zu unterziehen: „In der Vorgeschichte ist bedeutsam, dass er körperlich misshandelt wurde und deshalb außerhalb des Elternhauses untergebracht wurde. Ein Jahr zuvor war er auf einer psychiatrischen Station wegen Suizidgefahr. Die Suizidgedanken standen in Zusammenhang mit seiner Wut, die wiederum mit der als konflikthaft erlebten Geschlechtsidentität des Jungen zu tun hatte. Zusätzlich hatte er ADHS... Er ist ausschließlich mit männlichen Partnern sexuell aktiv und sieht sich selbst als heterosexuelle Frau. Bei Analverkehr benutzt er in der Hälfte der Fälle ein Kondom. Vor einem Jahr wurde ein HIV-Test durchgeführt, der negativ war. Nach eigenen Angaben hat er nur wenige Freunde, denn ‚keiner ist wie er’.“38

Die Ärzte, die den Antrag des Dreizehnjährigen beurteilten, gingen leider nicht auf das Offensichtliche ein: Wenn der Junge nicht bereits HIV-positiv ist, wird er es vermutlich bald sein. Stattdessen äußerte einer der Ärzte seine Besorgnis darüber, „dass unsere Gesellschaft geschlechtliche Uneindeutigkeit nicht akzeptiert“. Angemessener wäre es gewesen, darauf hinzuweisen, dass der Dreizehnjährige Opfer anhaltenden sexuellen Missbrauchs ist und geschützt und therapeutisch behandelt werden sollte – statt ihn auf den Weg für die „geschlechtsumwandelnden“ Operationen zu schicken.


38 Listernick, Robert, A 13-Year-Old Boy Who Desires Gender Reassignment, Pediatric Annals, 32/6, Juni 2003, S. 378–382.

7. Masochismus

7. Masochismus reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:53

Der Begriff Masochismus bedeutet, dass Betroffene durch das Erleiden von Schmerz oder Erniedrigung sexuell erregt werden. In einem Artikel über Geschlechtsdysphorie und Transsexualität erwägen der Psychoanalytiker Jon Meyer sowie der Chirurg John Hoopes (beide John Hopkins Universität) die Möglichkeit, dass Masochismus bei dem Wunsch nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen eine Rolle spielen kann: Bei Menschen, die an Masochismus leiden, wird die sexuelle Erregung besser erreicht, wenn vor der sexuellen Aktivität Schmerz zugefügt wurde. Betroffene Menschen können – allerdings unbewusst – die chirurgische Entfernung ihrer Genitalien als eine Form masochistischen Abenteuers mit dem Chirurgen erleben.

Die Medizinerin und lesbisch lebende Feministin Janice Raymond beurteilt das in ihrem Buch The Transsexual Empire: The Rise of the She Male ähnlich: Männer mit Wünschen nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen können möglicherweise an einer Form von sehr destruktivem Masochismus leiden. Raymond schreibt:

„Was in vielen Kommentaren zur Transsexualität kaum beachtet wird, ist das immense Ausmaß an körperlichen Schmerzen, die mit den Operationen einhergehen. Zumeist wird das komplett heruntergespielt. Die meisten postoperativen Transsexuellen nehmen in Interviews keine Stellung zum Ausmaß der Schmerzen, die mit den Eingriffen verbunden waren. Sollen wir annehmen, Schmerzen würden nicht auftreten? Jeder, der auch nur die geringsten medizinischen Kenntnisse hat, weiß, dass Entfernung des Penis, der Brüste, der Gebärmutter, chirurgischer Aufbau von Scheide, von Brüsten usw. für die Patienten nicht schmerzlos sein können... Das Verschweigen der körperlichen Schmerzen durch die Transsexuellen selbst ist wohl nur mit einer masochistischen Einstellung zu erklären. Eines der Kernelemente des transsexuellen Ablaufs ist tatsächlich die Leugnung, nicht nur des eigenen Selbst, sondern auch des körperlichen Schmerzes bis zu dem Punkt, an dem der Schmerz entweder als subjektiv lustvoll oder zumindest als subjektiv unbedeutend empfunden wird.“39

Möglicherweise benutzen also einige Männer mit Wunsch nach „geschlechtsumwandelnden“ Operationen diese Prozeduren auch dazu, ihr masochistisches Begehren zu erfüllen und möglicherweise darin einen Ausweg aus dem Selbsthass zu finden. Gleichzeitig beklagen sich transsexuell empfindende Männer nicht selten über negative kosmetische Auswirkungen der Operationen sowie über die Behandlung durch Menschen, von denen sie – ihrer Meinung nach – nicht ausreichend als Frau akzeptiert werden.


39 Raymond, The Transsexual Empire, a.a.O., S. 143.

8. Grundsätzliche Erwägungen

8. Grundsätzliche Erwägungen reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:55

Hinter jedem Wunsch nach Geschlechtsumwandlung liegen eine individuelle Lebensgeschichte und individuelle psychische und emotionale Probleme.

Das Leid der Betroffenen ist offensichtlich, meist beginnt es schon in der frühen Kindheit. Viele sind Opfer seelischen, körperlichen oder sexuellen Missbrauchs, seelischer Verwahrlosung oder Opfer von Ablehnung. Grundlegende emotionale Bedürfnisse nach sicherer Bindung an die primären Bezugspersonen, Mutter und Vater, und an die gleichgeschlechtliche peer-group konnten nicht gestillt werden.

Was die Betroffenen eint, ist die Vorstellung, dass die Operationen ihre Probleme lösen werden. Menschen mit transsexuellen Wünschen haben ein erotisches Lebens-Drehbuch entwickelt, wonach sie als Person des anderen Geschlechts alle Schwierigkeiten in ihrem Leben überwinden können. Sie gewinnen die Unterstützung von Chirurgen, damit ihre Fantasien Wirklichkeit werden, aber die Fantasien beruhen nicht auf der Wirklichkeit. Die Operationen mögen Fantasiewünsche erfüllen, sie können den Menschen aber nicht neu erschaffen, er wird nie zu einer voll funktionsfähigen Person des anderen Geschlechts. In gewisser Weise werden die Betroffenen immer in ihren Fantasien leben – und sich immer mehr anstrengen, alles zu perfektionieren. Fantasien können Ängste vorübergehend beruhigen, aber sie können die Wunden der Kindheits­traumata nicht heilen und unbeantwortete Bedürfnisse aus der frühen Kindheit nicht stillen. Nach Durchführung der Operationen sind die Betroffenen oft noch verschwiegener als vorher, wenn es um das Eingeständnis geht, dass sie nach wie vor mit ernsthaften emotionalen Problemen kämpfen.

Therapeuten ist es oft nicht möglich, die hohen psychischen Widerstände beim Patienten zu überwinden und die tiefer liegenden psychischen Probleme mit dem Patienten gemeinsam anzuschauen: die tiefliegende schmerzhafte Selbstunsicherheit, das geringe Selbstwertgefühl, Traurigkeit und Wut aufgrund der Tatsache, dass sie in der Kindheit in ihren Beziehungen keine ausreichend sichere Bindung herstellen konnten. Doch räumt man das möglicherweise nicht ein, sondern neigt dazu, den von ihren psychischen Konflikten bestimmten Forderungen der Patienten nachzugeben.

„Geschlechtsumwandelnde“ Operationen
zu genehmigen, gibt dem Ärzteteam das Gefühl, etwas zu tun – und die Patienten sind dankbar. Aber oft wird dabei übersehen, dass die Operationen gesunde menschliche Körper verstümmeln, zu erheblichem Schmerz und Leiden führen, den Patienten konkreten Risiken aussetzen und die tatsächlichen psychischen Probleme unangetastet lassen.

Das zutiefst menschliche Bedürfnis der Betroffenen nach Anerkennung, Wertschätzung und Liebe darf nicht geleugnet werden. Es ist aber eine Sache, das Bedürfnis jedes Menschen nach Anerkennung als Person von unverfügbarem Wert und unteilbarer Würde zu ehren. Und es ist eine andere Sache, die Forderungen eines Menschen auszuführen, der will, dass andere (einschließlich des medizinischen und psychologischen Fachpersonals) die Tatsachen ignorieren und Fantasien für Realität anerkennen sollen.

Transsexuelle Aktivisten fordern beständig Änderungen der Gesetze, die die Transsexualität betreffen. Sie wollen, dass Personen nach den chirurgischen Eingriffen ihr Geschlecht und ihren Namen nicht nur in den aktuellen amtlichen Dokumenten, sondern auch in der Geburtsurkunde ändern können. Zusätzlich möchten sie, dass Personen, die in der Öffentlichkeit als Angehörige des anderen Geschlechts auftreten, ihre Geschlechtsbezeichnung in amtlichen Dokumenten ändern können – auch ohne vorherige chirurgische Eingriffe. Dagegen wehren sich aber viele Behörden.

„Transphobie“

Wer der Auffassung ist, dass es nicht möglich ist, das Geschlecht eines Menschen zu ändern, möchte anderen gegenüber nicht unsensibel sein. Es sollte aber niemand gezwungen werden zu lügen – etwa indem man ihn zwingt, einen Mann eine Frau zu nennen oder umgekehrt. Transsexuelle Aktivisten wollen die Öffentlichkeit zwingen, Fürwörter (er, sie, sein, ihr etc.) und Bezeichnungen für Personen zu benutzen, die dem gewünschten Geschlecht, nicht dem tatsächlichen Geschlecht, einer Person entsprechen, sogar dann wenn diese sich gar keinen chirurgischen Engriffen unterzogen hat. Wer sich gegen „geschlechtsumwandelnde“
Operationen ausspricht oder sie nicht als etwas „Normales“ ansehen kann, gilt als „transphob“ und soll der Diskriminierung bezichtigt werden.

Die Broschüre einer Studentengruppe der University of Massachusetts in Amherst benennt die Auffassungen, die als transphob zu verurteilen seien. Dazu gehören:

  • Die Annahme, jeder ist entweder eine männliche oder eine weibliche Person.
  • Auch nach entsprechender Berichtigung immer noch das „falsche“ Personalfürwort gebrauchen oder „es“ zu einer Person sagen.
  • Die Auffassung, transsexuelle oder transgender Personen seien keine „richtigen Frauen“ oder „richtigen Männer“.
  • Transsexualität als psychische Störung sehen.
  • Erwarten, dass alle transgender Personen transsexuell in dem Sinne sind, dass sie eine komplette Geschlechtsumwandlung wünschen.
  • Die Auffassung, transgender Jugendliche könnten noch keine eigenen Entscheidungen treffen über ihre gewünschte Geschlechts­identität.40

Die Organisation Dignity in den USA, die sich für eine rechtliche und moralische Gleichstellung homosexueller, bisexueller, transsexueller und transgender Lebensformen einsetzt, hat Richtlinien für Medienberichte über transgender Personen herausgegeben. Darin heißt es: „die Bezugnahme auf transgender Personen mit den Personalfürwörtern und Adjektiven, die dem Geburtsgeschlecht der Person entsprechen“ ist „extrem beleidigend“.41

Colleges kommen zunehmend den Forderungen von Studenten und Studentinnen nach, die dem anderen Geschlecht angehören möchten und entsprechend behandelt werden wollen. Aktivisten setzen Kindergärten und Schulen unter Druck, damit Kindern schon ab dem Kindergarten-Alter erlaubt wird, cross-dressing zu praktizieren, ihren Vornamen (von männlich zu weiblich oder umgekehrt) zu ändern und die sanitären Einrichtungen des anderen Geschlechts zu benutzen. Die Eltern der anderen Kinder wehren sich oft vehement, wenn „Bildungsprogramme“ von allen Kindern verlangen – manchmal schon ab dem Alter von sechs oder sieben – ein Kind, das biologisch eindeutig ein Junge ist, als Mädchen anzusehen und anzusprechen.

Einige homosexuell Trans­sexuelle können ihr Umfeld bezüglich ihres angeborenen Geschlechts täuschen. Dennoch spüren die meisten Menschen eine Irritation, wenn sie eine Person treffen, die vorgibt, sie gehöre zum anderen Geschlecht. Viele sind zu höflich, um etwas zu sagen, vielleicht unterstützen sie auch die Auffassung, Menschen könnten ihr Geschlecht ändern. Aber unbewusst und ungewollt vermitteln sie dem anderen doch, dass sie das neue Geschlecht nicht ganz glauben. Das hat Auswirkungen auf die transsexuell lebende Person, die sich verunsichert und nicht ganz akzeptiert fühlt oder meint, sich in der neuen Rolle ständig beweisen zu müssen.


40 “What Does Transphobia Look Like?” Stonewall Center of the University of Massachusetts Amherst.

41 Transgender Nation: „Transgendered Persons: A Primer to Better Understanding“, Dignity USA, Juli 2008, Hervorhebung im Original.

9. Wir haben den Irrsinn mitgemacht

9. Wir haben den Irrsinn mitgemacht reichmann Mo., 12.05.2014 - 12:58

„Geschlechtsumwandelnde“ Operatio­nen zerstören gesunde Geschlechtsorgane, nehmen dem Menschen unwiderruflich seine biologische Fruchtbarkeit, sein Potential zur Weitergabe des Lebens, und bergen gesundheitliche Risiken. Die chirurgischen Eingriffe können das Geschlecht nicht ändern, nur die Illusion von Veränderung erzeugen. Lawrence, der selbst die Operationen hinter sich hat, schreibt: „Es wird allgemein anerkannt, dass Transsexualismus eine grundlegende Störung in der Selbstwahrnehmung des Betroffenen ist.“42 Die Operationen behandeln diese Störung aber nicht, sie kooperieren mit ihr, und sie kapitulieren vor ihr.

Der Wunsch nach einer „geschlechtsumwandelnden“ Operation ist ein Symptom für tiefliegende, schmerzhafte psychische Probleme. Da es schwer ist, sie in der Adoleszenz und beim Erwachsenen zu behandeln, sollte der Fokus auf der Prävention liegen: Aufklärung und frühe therapeutische Intervention in der Kindheit.

Damit Kinder in eine gesunde, sichere männliche oder weibliche Identität hineinwachsen können, brauchen sie:

  • eine frühe sichere Bindung an Mutter und Vater und an die Geschwister. Das ist von hoher Bedeutung;
  • eine zugewandte Bestätigung und Förderung ihrer jeweiligen natürlichen Identität als Junge oder als Mädchen;
  • wenn sie geschlechtsuntypische Begabungen und Interessen haben, besondere Zuwendung43;
  • über viele Jahre hinweg gleichgeschlechtliche Freundschaften, schon ab der frühen Kindheit.

Der Wunsch nach „geschlechts­­um­wandelnden“ Operationen wird in der Regel als Problem der Geschlechtsidentität (bin ich ein Junge oder ein Mädchen?) dargestellt. Doch gibt es umfangreiche Belege dafür, dass dies eine Rationalisierung ist, ein Abwehrmechanismus, mit dem tiefe, schmerzhafte Persönlichkeitskonflikte verdeckt werden sollen. Und auch der sexuell gefärbte Wunsch einiger, bestimmte sexuelle Fantasien ausleben zu können, soll damit verdeckt werden.

Folgende Themen sollten von Therapeuten immer evaluiert werden: starke Wut des Betroffenen gegen sich selbst, oft mit selbstzerstörerischen Impulsen, starke Wut auf andere, Depressionen, chronisches Selbstmitleid, Traumata in der Kindheit, suchthafte Masturbation und suchthafte Fantasien, Neid – dies alles spielt in der Entwicklung von homosexueller und autogynophiler Transsexualität eine Rolle. Zudem sollte auf Persönlichkeitsstörungen wie narzisstische und Borderline-Störungen geachtet werden.

Bemühungen zur Entwicklung wirksamer Therapien für Jugendliche und Erwachsene sollten erheblich verstärkt werden. Die Tatsache, dass solche Therapien in der wissenschaftlichen Literatur nicht ausführlich beschrieben sind und daher nicht ohne Weiteres zur Verfügung stehen und Patienten erhebliche Widerstände gegen Therapien aufgebaut haben, sollte nicht als Rechtfertigung dafür gelten, therapeutisch nicht weiter zu forschen.

Therapeuten, Psychiater und Chirurgen, die sich mit Fragen medizinischer Ethik auseinandersetzen, tun gut daran, den Rat des Psychiaters Paul McHugh zu hören: 
„Ich zog den Schluss, dass die John Hopkins-Universität grundlegend mit einer psychischen Störung kooperierte. Wir Psychiater sollten uns darauf konzentrieren zu helfen, die Psyche von betroffenen Menschen ins Lot zu bringen und nicht ihre Genitalien zu verändern.“44

McHugh fügte noch hinzu:

„Was die Erwachsenen angeht, die zu uns kamen mit der Behauptung, sie hätten jetzt ihre ‚wahre’ geschlechtliche Identität entdeckt und hätten von den geschlechtsumwandelnden Operationen gehört: Indem wir Psychiater diese Männer und Frauen auf die Operationen und ein Leben im anderen Geschlecht vorbereiteten, haben wir uns selbst davon abgehalten, die Ursachen und das Wesen ihrer psychischen Fehlleitung wirklich zu untersuchen. Wir haben wissenschaftliche und technische Ressourcen vergeudet und der Glaubwürdigkeit unseres Berufsstandes Schaden zugefügt, indem wir mit dem Irrsinn kooperierten, statt zu beobachten, zu untersuchen, zu heilen und letztendlich auch zu verhindern.“45

DIJG 2013 | INHR


42 Lawrence, Anne A., Shame and Narcissistic Rage in Autogynephilic Transsexualism, Arch Sexual Behavior, 37, April 2008, S. 458, unter Bezugnahme auf Beitel, Allan, The Spectrum of Gender Identity Disturbances: An Intrapsychic Model, in Steiner, Betty W., ed., Gender Dysphoric Development Research Management (Perspectives in Sexuality), New York, 1985, S. 189-206; und U. Hartmann und H. Becker, C. Rueffer-Hesse, Self and Gender: Narcissistic Pathology and Personality Factors in Gender Dysphoric Patients, Preliminary Results of a Prospective Study, International J. of Transgenderism, 1/1, Juli-September 1997.

43 Jungen brauchen insbesondere die Zuwendung des Vaters. Fußn. hinzugefügt.

44 McHugh, Surgical Sex, S. 35.

45 McHugh, Surgical Sex, S. 35.