Österreich: Millionenklagen gegen die Republik

Schadenersatz in MillionenhöheJetzt ist offenbar Schluss mit Lustig. Ehemalige Heimkinder lassen sich nicht mehr mit Almosen von ein paar Tausendern für unvorstellbares Leid abspeisen. Jetzt haben zwei Geschädigte Klagen von jeweils mehr als einer Million Euro eingebracht.

Ein ehemaliger Zögling des Kinderheims Leonstein, der schwere Missbrauchsvorwürfe erhebt, will das Land Oberösterreich auf 1,1 Millionen Euro klagen. Das bestätigt seine Wiener Anwältin.

Der heute 44-Jährige kam mit zwölf Jahren ins Heim, weil seine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern überfordert war. Vier Jahre verbrachte er dort. Er berichtet von Prügel durch den Heimleiter, sexuellem Missbrauch durch Erzieherinnen, Demütigungen und dass er zu wenig zu essen bekommen habe. Zudem sei er ganze Wochenenden eingesperrt worden.

Der gebürtige Bad Ischler (Bezirk Gmunden) hat sich bei der Opferschutzkommission des Landes gemeldet und auch bereits 20.000 Euro zugesprochen erhalten. Für ihn steht das aber nicht im Verhältnis zu seinem Leid. Er sei seit dem 31. Lebensjahr als Invalide eingestuft und bekomme eine Pension von 800 Euro. Nun will der Mann Pensionsschaden und Schmerzensgeld einklagen. Am 1. Juni startet der Prozess im Landesgericht Linz.

Land geht von Verjährung aus

Laut der Anwältin will sich das Land Oberösterreich hinter der Tatverjährung verstecken und geht auch in der Klagsbeantwortung von einer Verjährung aus und weist zudem die Vorwürfe allesamt zurück. Warum man zuvor dem Opfer 20.000 Euro auszahlt, wenn man von falschen Anschuldigungen ausgeht bleibt offen.

Die Landesjuristen glänzen auch durch grobe Rechtsunsicherheit, beträgt die Verjährung bei Straftaten generell 30 Jahre. Zudem kann die psychische Belastung des Opfers sehr wohl eine Verlängerung der Verjährungsdauer  begründen. So hat auch die Anwältin des Opfers bereits ein entsprechendes Gutachten angekündigt. Hier wird das Land wohl zum Fälligen Schadenersatz auch für das fragwürdige Verfahren weitere Steuergelder in exorbitanter Höhe verprassen.

Zweites Verfahren bereits seit März anhängig

DIe Wiener Anwältin weiß auch von einem zweiten Verfahren zu berichten. Sie vertritt auch jenen „falschen Vollwaisen“, der das Land auf 1,6 Mio. Euro geklagt hat. Der heute 65-jährige ehemalige Kinderheimbewohner war nach dem Zweiten Weltkrieg fälschlicherweise als elternlos geführt worden. Er berichtete ebenfalls von Misshandlungen und Missbrauch. Dieses Verfahren läuft seit März.

Auch hier geht es um die Frage der Verjährung, und ein Gutachten soll klären, ob der Mann wegen seiner Traumatisierung nicht früher in der Lage war, vor Gericht zu ziehen. Die Anwältin rechnet damit, dass die Expertise bis zum Sommer vorliegt und dieser Prozess im Herbst weitergeführt wird.