Die Abschaffung der Kindheit

Babies liegen auf der faulen Haut

Unsere ersten Jahre sind die unproduktivste Phase unseres Lebens: Zeit genug, etwas dagegen zu tun. Ein fiktives Gespräch über eine reale Bedrohung mit Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Johannes Haarer, Leiter des Maturitas Instituts in Berlin-Dahlem.

Herr Professor Haarer, Ihre Arbeiten haben das Gesicht der Welt verändert – mehr als jede andere Entdeckung der Wissenschaftsgeschichte. Können Sie uns den Moment schildern, an dem Sie feststellten, dass Sie eine weichenstellende Entdeckung gemacht hatten?

Nun, am 28. Dezember 2077 fielen die Ereignisse zusammen, sozusagen zwei Blitze, die in dasselbe Haus einschlugen. Im Institut hatten wir enorme Fortschritte bei der Weiterentwicklung des Mutabor-Effekts gemacht, die Anwendung an Mäusen, Spitzhörnchen und Rotgesichtmakaken war erfolgreich verlaufen, und er funktionierte auch – die Feuerprobe – bei Schimpansen. (Anm. der Red.: 2077 entdeckte Haarer den Mutabor-Effekt und erhielt dafür den Nobelpreis für Medizin in den Jahren 2079, 2080 und 2082.) Nach nur 125 Tagen, der Hälfte der natürlichen Tragzeit, entstieg ein körperlich und kognitiv voll entwickeltes Schimpansenmännchen dem Nährlösungsbad und interagierte sofort höchst befriedigend mit den anderen Mitgliedern unserer Dahlemer Horde. Zunächst knackte er ein paar Walnüsse. Als Werkzeug benutzte er dabei eine kleine Platobüste aus der Kaiserzeit; wir haben ein ganz bemerkenswertes Lapidarium in den Außenanlagen des Instituts. Dann kopulierte er mit einem Weibchen der unteren Rangstufe und legte sich später, als hätte er nie etwas anderes getan, mit unserem alten Remo, dem Hordenchef, an. Alles im Alter von drei Stunden.

Ja, und in der Charité erwartete mich mein neugeborener Sohn. Nur geringfügig älter als der Affe. Ein rötlich angelaufenes Bündel mit qualligen, kaum menschlichen Zügen. Defäkierte und trank mit Mühe. Umklammerte meinen Zeigefinger. Schrie durchgehend. Nach dem Erlebnis im Institut schoss es mir durch den Kopf: Ist das ein Mensch? Muss ich das hier wickeln und herumtragen, meine Nächte und meine knappe Lebenszeit dafür opfern? Ist das des Schweißes der Edlen wert? An der Bettstatt dieser rülpsenden und sabbernden Made entwarf ich – unter Berücksichtigung des Mutabor-Effekts – ein Programm für die weltweite Abschaffung der unproduktivsten Phase unserer Vita: der Kindheit. Man darf nie vergessen: Die ersten Lebensjahre, dann die Pubertät – das alles sind Zeiten des absoluten Leerlaufs, hier wird nichts geleistet, nichts erwirtschaftet. Zudem betreffen diese Phasen nicht allein das Baby, das Kleinkind und den Teenager, sondern auch einen beträchtlichen Anteil seines gesellschaftlichen Umfelds, der ebenfalls an der Produktivität gehindert wird. Unbestritten sind darüber hinaus die enormen psychischen und physischen Beschädigungen, die Kinder ihrer Umwelt zufügen. Das fängt beim Hörverlust der Erzieherinnen in der Krippe an und hört bei der Bindegewebsschwäche der Mutter auf.

Das Unbehagen an der Spezies Kind war ja schon lange vorhanden, es schwelte sozusagen im Verborgenen.

a, ganz richtig, das ist eine zutiefst menschliche Reaktion. Es war nur tabuisiert, darüber zu sprechen, geschweige denn zu forschen. In früheren Jahrhunderten hat man versucht, die Kindheit zu ignorieren, man ließ sie einfach nicht stattfinden. Das Mittelalter behandelte Kinder wie kleine Erwachsene. Wir wissen heute, spätestens seit den Arbeiten von Murdstone und Spalanzani, dass das sogenannte Kindchenschema ebenso ein Konstrukt darstellt wie die Elternliebe oder das Märchen von der Intelligenz des Säuglings. Niemand findet ein Neugeborenes niedlich, kein erwachsener Mensch kann Kindergeschrei, Kinderspielen, kindlichem Verhalten im Allgemeinen wirklich etwas abgewinnen. Dank der Entdeckung des Mutabor-Effekts haben wir nun die Möglichkeit, das Phänomen Kind ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Dabei retten wir gleichzeitig unzählige Leben: In der westlichen Welt werden die nutzlosen Würmchen nicht mehr in Mülltonnen und Tiefkühltruhen versenkt, und in den Schwellenländern verhindern wir die abstoßende Ausbeutung ohnehin nicht sehr rentabler Arbeitskräfte in Sweatshops und ähnlichen Einrichtungen.

Wie erklären Sie sich, dass Ihre zugegebenermaßen radikalen Thesen international auf so große Zustimmung stoßen?

Schauen wir ein paar Jahrzehnte zurück. Am Anfang des dritten Jahrtausends setzte ein schwerwiegender Bewusstseinswandel ein. Die Menschheit stand vor existenzbedrohenden Fragen: der Klimawandel, eine Spirale von Wirtschaftskrisen, verschiedene Pandemien. Da war eine Bündelung aller Kräfte unabdingbar. Niemand konnte sich leisten, seine Zeit mit Kindereien – im wahrsten Sinne des Wortes – zu vergeuden. In Zeiten höchster wirtschaftlicher Produktivität ist kein Platz für Kinder. Sie zehren Kräfte auf, die anderweitig gebraucht werden. Hungergurt hat schon 2030 nachgewiesen, dass ein Kind in seinem Umfeld die Arbeitskraft von mehr als zehn Personen bindet. Überlegen Sie einmal, wie viel Wirtschaftsleistung und Expertenwissen Ende der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mit der Sphäre der Kindheit und Jugend verklammert waren: die Heerscharen von Pädagogen, Lehrern, Sozialarbeitern, Psychologen und Medizinern, Therapeuten und Dienstleistern – lauter verkümmerte Talente! Perlen im Sautrog!

Und es hat sich im Laufe der ersten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts sehr deutlich gezeigt, dass Kinder in der Tat nicht mehr erwünscht waren. Die Geburtenrate sank trotz eminenter staatlicher Förderung, vorhandene Kinder wurden weitgehend aus dem Elternhaus ausgelagert. Kinderaufzucht wurde von der Gesellschaft gänzlich negativ bewertet: Nicht nur die völlig aus dem Ruder gelaufene Unterschicht produzierte sozialen Abfall, der für den Arbeitsmarkt in keiner Weise tauglich war. Auch die Mittel- und Oberschichten waren nicht mehr in der Lage, einen für die Bedürfnisse des Marktes geeigneten Nachwuchs hervorzubringen. Ritalinverseuchte Tyrannen überall, es war kein Wunder, dass die Menschen begannen, sich zu wehren. Man kann schlicht feststellen: Um 2010 war die Zeit des Kindes abgelaufen. Seit es dank der Impfstoffe gegen Alzheimer und Osteoporose keine gebrechlichen Senioren mehr gibt, können auch unsere älteren Mitbürger noch lange Zeit produktiv sein. Hochbetagte stellen immerhin mehr als die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung, und das bei Wachstumsraten von mehr als zehn Prozent!

Was sind für Sie persönlich die größten Vorteile einer kinderfreien Welt?

Neben dem zweifellos beruhigenden Effekt der Wachstumssicherheit spielt für mich persönlich die ästhetische Seite eine große Rolle: Es ist sehr angenehm, wenn Parkanlagen, Museen, Schwimmbäder und öffentliche Verkehrsmittel frei von randalierenden Schulklassen und kreischenden Säuglingen sind. Das Verschwinden der Kinder und ihrer Insignien aus dem Alltag unserer Städte hat diese aufblühen lassen: Sie sind frei von grinsenden Bären, Softeisständen und den monströsen Ikonen des Kinderfernsehens.

Nichtsdestotrotz haben frühere Generationen ihre Kinder aufrichtig geliebt.

Und dabei einen bunten Strauß von Neurosen produziert! Der prozentuale Anteil an geistig Gesunden bei den nach dem Mutabor-Effekt gezeugten Menschen beträgt mehr als fünfundneunzig Prozent. Das Durchlaufen einer „normalen“ Kindheit und Jugend Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts bringt es nur auf fünfundsechzig Prozent! Im Reagenzglas werden keine Neurosen genährt! Sehen Sie sich die hervorragende Studie von Busner, Harley, Hurst und Sikorski an. Was meinen Sie, wie sich das auf die Wirtschaftsleistung eines Landes auswirkt!

Es gibt immer noch eine Protestbewegung gegen das inzwischen weltweit akzeptierte Verfahren der Mutabor-Methode und das dadurch ausgelöste Verschwinden der Spezies Kind. In Quickborn-Heide in Schleswig-Holstein und in Kattenhorn am Bodensee existieren noch Menschen, die auf alte Art Kinder zeugen, gebären und erziehen.

Nun, das sind Fanatiker. Mein Großvater nannte solche Leute Modernisierungsverlierer. Er meinte damit Menschen, die sich weigerten, Handys zu benutzen, und die papierne Bücher und Tageszeitungen lasen. Und Sie müssen bedenken, dass diese Abtrünnigen sich gesellschaftlichen Sanktionen aller Art aussetzen – sie erhalten keinerlei staatliche Unterstützung und sind vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Die Bundesrepublik Deutschland ist nach China das erste Land, das die Kindheit offiziell abgeschafft hat.

Ja, die Chinesen, wie immer zwei Schritte voraus! Doch insbesondere afrikanische Länder, der arabische Raum und auch Teile Skandinaviens tun sich noch schwer mit dem deutschen Weg. Es gibt dort tiefverwurzelte Vorstellungen vom Kind als etwas Heiligem. Aber aufgrund der drängenden ökologischen und ökonomischen Probleme wird sich auch in diesen Teilen der Erde unsere Lösung durchsetzen. Denn die Menschheit will überleben.

Die in Stuttgart lebende Schriftstellerin Anna Katharina Hahn, geboren 1970, veröffentlichte in diesem Frühjahr ihr vielbeachtetes Romandebüt „Kürzere Tage“.

FAZ | Anna Katharina Hahn

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