IM INTERVIEW: Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Rolph Wegensheit

: Sa., 11.11.2006 - 14:05 By: LittleBuddha
  Im Interview stellt sich heute der Kinder- und Jugend-
psychologe Dr. Rolph Wegensheit den Themengebieten
Sexueller Missbrauch und Platzierung von Jugendlichen
im Ausland. Der gebürtige Zillertaler arbeitet in Tirol mit unterschiedlichem Klientel und steht als erfahrener Ressortleiter in der Fremdunterbringung zur Verfügung.

Mit seinem jüngsten Spross am Arm, betritt Herr Wegensheit als Vater von 4 Buben den Raum. Man merkt ihm an wie gut er mit Kindern kann und welche Freude als Vater in ihm strahlt.
INHR: Welchen Stellenwert hat das Thema Sexueller Missbrauch in unserer Gesellschaft an sich?

WEGENSHEIT: Sexueller Missbrauch ist eine Form von Gewalt die nicht erst seit gestern Bestand hat. Unsere Gesellschaft entweicht mehr und mehr dem Tabu dieses Themas, weshalb es an Bedeutsamkeit gewinnt.

INHR: Wieviele Kinder werden in Österreich jährlich in etwa missbraucht?

WEGENSHEIT: Man geht davon aus, dass etwa 15 % der Kinder im Volksschulalter Opfer Sexuellen Missbrauchs werden. Jährlich kommen ca. 700 Fälle zur Anzeige, wobei die Dunkelziffer wesentlich höher gelegen ist.

INHR: Weshalb haben Täter ein solch leichtes Spiel und warum ist diese Thematik derart Männer dominierend?

WEGENSHEIT: Nun, die Gesellschaft braucht immer einen Täter. So gesehen verstehen es zwischenzeitlich mehr und mehr Frauen im Konflikt mit ihrem Partner nicht nur die finanzielle Rolle in den Raum zustellen, sondern nicht zuletzt die Kinder als Waffe einzusetzen. Früher hat man dem Partner das Kind einfach vorenthalten und entrissen. Das Gewaltbild wurde von den Frauen klassisch gezeichnet und der Aufenthalt endete meist im Frauenhaus. Heute ist es keine Seltenheit, wenn Kinder zu Falschaussagen manipuliert werden. So kann man davon ausgehen, dass bei 10 Fällen von Sexuellen Missbrauch mindestens zwei Fälle mit Falschaussagen gegeben sind. Natürlich sind es im Allgemeinen vorwiegend Männer, die zum potentiellen Täterkreis gehören. Durch die Ausnutzung von Autoritätsverhältnissen und Vertrauenspositionen ist Sexueller Missbrauch somit als Missbrauch von Macht in Erziehungs-, Betreuungs- und Ausbildungsverhältnissen zu sehen.

INHR: Warum hüllen sich die Opfer oft über Jahre im Schweigen und zeigen ihre Täter nicht an?

WEGENSHEIT: Das ist eben der Kernunterschied zwischen tatsächlich gegebenen Sexuellen Missbrauch und jenen Fällen, in denen Verwandte oder gar die Mutter selbst das Kind in diese Opferrolle steckt. Wahre Opfer Sexuellen Missbrauchs gehen mit dem Täter über kurz oder lang eine Beziehung ein. Unterwerfen sich diesem Machtverhältnis, das nicht zuletzt in einem Stockholm Syndrom enden kann, wie es im Falle der Natascha Kampusch passiert ist. Die Opfer wirken meist wie gelähmt, sind nicht im Stande zu realisieren was tatsächlich mit ihnen geschieht und das es eben nicht richtig ist, was ihnen angetan wird. Nachdem Sexueller Missbrauch nicht erst über ein paar Tage, Wochen oder Monate auftritt, sondern erfahrungsgemäß über Jahre, entwickelt das Opfer stagnierende Ängste wie Angst vor Beziehungsabbrüchen, Verlust der eigenen Familie und nicht zuletzt die Angst niemand könnte mir als Kind glauben. Nicht zuletzt spielt aber der eigene Schuldgedanke eine wesentliche Rolle, warum viele Opfer schweigen und keine Anzeige erstatten. Gerade viele Mädchen geben sich selbst die Schuld daran, sie fühlen sich gegenüber dem Täter sogar nicht einmal vollkommen, seinen begehrenden Handlungen Folge zu leisten.

INHR: Wie kann solchen Kindern geholfen werden?

WEGENSHEIT: Wagt das Opfer den Schritt nach Außen braucht es besonderen Schutz, Zuwendung und Geborgenheit. Meist passiert Sexueller Missbrauch in der eigenen Familie. Durch den Vater, den Onkel oder den Stiefbruder. Nicht zuletzt sind rund 90 % des Täterkreises männlich. Aber auch Frauen können Sexuellen Missbrauch begehen. Die heutigen therapeutischen Möglichkeiten eröffnen eine Vielzahl an Möglichkeiten. Dennoch muss gemeinsam mit dem Opfer der richtige Pfad eingeschlagen werden. Gerade im Jugendalter erweist sich die EMDR Traumatherapie als besonderer Erfolgsgarant. Aber auch tiergestützte Therapien sind eine dankbare Möglichkeit solchen Opfern effizient zu helfen.

INHR: Werden solche Kinder auch im Ausland platziert?

WEGENSHEIT: Bedauerlicherweise lässt sich die Jugendwohlfahrt immer wieder dazu verleiten solche Kinder ins Ausland zu schicken. Dabei erweisen ominöse und dubiose Vereine in Deutschland dankbare Hillfestellungen. Sie adaptieren Pflegefamilien innerhalb der Europäischen Union, wobei Gebiete wie Teneriffa gerne bevorzugt werden. Dort gibt es rund 10.000 Deutsche und somit ein Netzwerk deutscher Reinkultur. Jedoch verfügen diese Pflegeeltern meist über keine fachlichen Qualifikationen. Die Organisatoren selbst können nur ein beschränktes Maß an Fachpersonal bereitstellen. Dennoch kosten solche Aufenthalte bis zu Euro 30.000,00. Die Gründe für solche Platzierungen sind meist unterschiedlich. Jedoch besteht in der Regel ein Kontext zwischen dem schwer verhaltensauffälligen Jugendlichen und einer Thematik Sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Anstatt diesen Jugendlichen therapeutisch effizient zu helfen, geht man vorzugsweise den Weg von 2 jährigen Auslandsplatzierungen. Dabei wird dem Jugendlichen aufgetragen seine bisherigen sozialen Bindungen hinter sich zu lassen. Gerade solche Klientel benötigen dringend eine stabile Bezugsbeziehung. Der häufige Wechsel von Bezugspersonen führt nur dazu, dass solche Kinder und Jugendlichen keine Kontinuität erfahren können und somit im sozialen Gefüge abgleiten. Ungeachtet dessen machen solche Kinder, die nicht zuletzt aus desolaten und mit Gewalt geprägten Herkunftssystemen stammen, die bittere Erfahrung sie sind ohnedies nur Außenseiter. Dieses Rollenbild macht es schier unmöglich solchen Kindern einen Platz in unserer Gesellschaft zugeben.

INHR: Wie kann man einer derartigen Entwicklung entgegenwirken?

WEGENSHEIT: Aufgrund der Tatsache, dass solche Kinder gerne abhauen, kriminell werden und schnell zu Drogen greifen, muss ein rasches Umdenken stattfinden. Solche Kinder müssen erfahren, dass sie nicht fallen gelassen werden. Durch klare gemeinsame Zielsetzungen muss mit diesen Kindern eine neuartige Beziehung eingegangen werden. Solange im herkömmlichen System stetige Wechsel von Bezugspersonen anstehen, Kinder keinen Baumstamm mehr haben um sich festzuhalten und Jugendkriminalität einfach als Zahn der Zeit angesehen wird, kann es zu keinen erfolgreichen Veränderungen kommen. Ich appelliere daher an die Verantwortlichen mehr in Ursachenforschung und -bekämpfung zu investieren, anstatt exekutiv tätig zu sein.

INHR: Danke für das Gespräch!


~ Das Interview hat Frau Maga. Sandra Tiefenbacher geführt ~