Kampusch: Schwere Geschütze gegen Justiz

: Mi., 18.05.2011 - 00:14 By: reichmann

Natascha KampuschDer Kampusch Fall wird immer grotesker. Ein Oberst des Bundesheeres steht unter dem Verdacht mit Kinderpornos zu tun zu haben. Doch das  Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft einen Monat vor der Befragung eingestellt.

Demnächst wird in Innsbruck ein Justizthriller um ein entscheidendes Kapitel erweitert. Sollten jene fünf Staatsanwälte, die sich wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch vor Gericht verantworten müssen, für schuldig befunden werden, dann wird der Entführungsfall Natascha Kampusch wohl völlig neu aufgerollt werden - das fordern übrigens auch alle Oppositionsparteien im Parlament. Johann Rzeszut und Ludwig Adamovich, ehemalige Höchstrichter der Republik, werden in Innsbruck als Zeugen aussagen.

Mit im Gepäck werden die Mitglieder der Evaluierungskommission Kampusch umfassende Unterlagen haben, die die Staatsanwälte belasten. Die Justiz, so der Vorwurf, soll wesentliche Erkenntnisse ignoriert haben, wodurch die Einzeltätertheorie manifestiert und das Verfahren trotz zahlreicher Ungereimtheiten eingestellt werden konnte.

Zwei Beispiele aus dem brisanten Material, das dem KURIER vorliegt: Im Zuge der Ermittlungen rund um den Fall Kampusch (die 10-Jährige war am 2. März 1998 entführt worden; am 23. August 2006 kam sie frei; Täter Priklopil wurde am selben Tag tot auf einem Bahngleis gefunden) gerieten mehrere Personen unter Verdacht (u. a. wegen Kinderpornografie). Darunter ein hochrangiger Beamter im Rang eines Oberst.
Die Staatsanwaltschaft erstellte mit den Kampusch-Ermittlern einen Terminplan - die Befragung des Beamten (dem Vernehmen nach war er mit Ex-Justizministerin Bandion-Ortner Mitglied eines Spruchsenats) war für 8. Oktober 2009 vorgesehen. Die Befragung wurde auch an diesem Tag durchgeführt, doch die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren schon am 10. September eingestellt. Also knapp einen Monat vor (!) der Befragung des Verdächtigen.

Am 3. August 2009 kritisierte die Staatsanwaltschaft via Medien die Kampusch-Kommission. "Wir hatten der SOKO schon im November 2008 den Auftrag gegeben, vier Personen einzuvernehmen - eine wurde dann tatsächlich befragt." Tatsächlich haben Chefermittler Franz Kröll und sein Team unter der Leitung von Adamovich mit Stand 3. August 2009 insgesamt 102 (!) Personen befragt. Kröll verfasste laufend Berichte an die Staatsanwälte - ohne Rückmeldung.

Potenzieller Mittäter

Zudem existieren belastende Unterlagen den unter Verdacht geratenen potenziellen Mittäter Ernst H. betreffend, die dem KURIER von Karl Kröll, dem Bruder des verstorbenen Chefermittlers, überlassen wurden. H. war mit dem Entführer knapp vor dessen angeblichem Selbstmord zusammen. H. verstrickte sich in Dutzende Widersprüche. Die Kommission plädierte dringend für eine Anklage wegen Mittäterschaft.

Ernst H. wurde von der Staatsanwaltschaft weder einvernommen noch angeklagt. In einem fragwürdigen Prozess wegen Begünstigung (in Zusammenhang mit dem Priklopil-Suizid) wurde er freigesprochen. In den vergangenen Tagen erzählte H. dem KURIER in stundenlangen Telefonaten Bemerkenswertes - Teile davon finden sich im nachfolgenden Interview.

Priklopil-Freund: "Jeder Zeuge kann irren"

Ernst H. wirkt nervös, er spricht viel, stottert zwischendurch. Er echauffiert sich über seine Rolle in den KURIER-Berichten der letzten Zeit. Ernst H. droht mit Klagen.

KURIER: Sie können uns gerne verklagen. Vor Gericht können dann alle Unterlagen vorgelegt werden ...
Ernst H.: Sie schreiben Halbwahrheiten. Woher haben Sie das? Es sind alle Widersprüche erklärbar, fast alle. Bis ins Letzte nicht.

Dann klären Sie uns auf?
Nehmen wir den Abschiedsbrief von Wolfgang Priklopil. Es gibt kein Gutachten zu dem Abschiedsbrief. Das haben nicht Experten gemacht, sondern Kriminalbeamte.

Laut diesem "Gutachten" konnte festgestellt werden, dass das Wort MAMA, das Sie als Priklopils Abschiedsbrief präsentierten, nicht der Handschrift des Verstorbenen zugeordnet werden konnte. Ihnen hingegen teilweise schon.
Es steht aber auch drin, dass nur ein Wort zur Verfügung stand. Es war ja auch kein Abschiedsbrief in dem Sinn ... Priklopil hat mir das gegeben und ich hab' mir gedacht, er wollte, dass ich das seiner Mutter gebe.

Es gibt Aussagen, wonach Sie von der Entführung gewusst hatten. In einem Polizeiprotokoll wurden Sie als "Komplize" bezeichnet.
Das sagt ja nichts aus. Kritisch wird es dann, wenn jemand behauptet ... Wenn einer sagt, ich könnte mir vorstellen ... dann ist das nichts. Wenn einer eine Beobachtung gemacht hat, ist es was anderes. Gegen angebliche Zeugen mache ich Anzeigen.

Was sagen Sie zu der Tatzeugin, die sechs Mal angegeben hat, zwei Täter bei der Entführung vom März 1998 gesehen zu haben?
Jeder Zeuge kann sich irren. Dass ich das gewusst habe, ist ein Schwachsinn. Hätte Priklopil Komplizen gehabt, hätte er ja nicht alle Schuld auf sich laden müssen. Er hätte gestehen können, er hätte sich nicht umbringen müssen ...

Es gibt die Theorie, dass sich Priklopil nicht freiwillig aus dem Leben verabschiedet hat, und dass gewisse Herrschaften froh waren, einen toten Einzeltäter präsentieren zu können ...
(Lacht verlegen) ... aber das ist ja Schwachsinn, da gibt es ja eindeutige Aussagen des Lokführers und so.

Aber komisch ist das schon: Sie gaben zunächst an, Priklopil sei vor der Polizei auf der Flucht, weil er betrunken gefahren sei. Später meinten Sie, Priklopil habe Ihnen die Kampusch-Entführung gebeichtet, bevor er sich angeblich umbrachte. Warum das?
Jeder halbwegs intelligente Mensch hätte das genauso gemacht. Aus Selbstschutz. Sonst wäre ich ja in Untersuchungshaft gekommen. . .

Wie auch immer. Es gibt politischen Druck, gegen Staatsanwälte wird ermittelt. Der Fall könnte neu aufgerollt werden.
Das kann man nicht verhindern. Aber es kann sich jeder Zeuge irren und es ist eh alles gemacht worden.

Offenbar wurden wesentliche Erkenntnisse der vom ehemaligen Höchstrichter Adamovich geleiteten Kommission ignoriert.
Diesen Leuten ist es nicht gestattet, als Papst oder so aufzutreten. Die haben Amtsmissbrauch gemacht, weil Sie an die Öffentlichkeit gegangen sind. Ich werde das anzeigen.

Laut dem verstorbenen Chefermittler Kröll könnte hinter dem Fall Kampusch ein Kinderpornoring gesteckt haben. Auch Sie wurden betreffend Kontakten zu einer bestimmten Person befragt. Was hat es damit auf sich?
Dieser "Be kind Slow", der auf meinem Handy abgespeichert gewesen sein soll, dieser Oberst. Ich habe mein Wertkartenhandy auch hergeborgt. Ich hab' den nicht abgespeichert. Mich hat es aber schon gewundert, warum bei dem Oberst nichts passiert ist. Ich kann es nicht beurteilen. Natürlich kann man sagen, wenn man den Oberst nicht belangt hat, dann will man nicht aufdecken, was der sonst noch getan hat und welche Verbindungen er hat.

Noch etwas irritiert: Sie sollen in etwa zur Zeit der Entführung der Natascha Kampusch im Jahr 1998 mit einem Bagger auf dem Priklopil-Grundstück gearbeitet haben. Stimmt das?
Das stimmt. Da haben wir aber nur ein bisschen herumprobiert. Wie stark der Bagger ist, oder was weiß ich. Später hat er runtergebaggert. Aber das Verlies war ja schon lange vorher, schon 1995, fertig. Priklopil hat das schon geplant gehabt. Ich habe davon aber nichts gewusst.

Sie wirken sehr nervös. Haben Sie etwas zu verbergen?
Nein! Ich habe es schriftlich vom Staatsanwalt, dass nichts dran ist an Vorwürfen gegen mich. Ich bin freigesprochen.

KURIER | Rainer Fleckl, Erich Vogl | INHR

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