Wenn Kinder zum Spielball werden

: Mo., 07.02.2011 - 01:38 By: reichmann

Sorgerecht Jugendamt Sorgerechtsdramen häufen sich. Justiz und Jugendämter sind zunehmend überfordert. Kinder sollen ihren gewalttätigen Vätern ausgeliefert oder von der Urgroßmutter versorgt werden.

Eines Tages sagte die damals sechsjährige Tochter zu ihrer Mutter: "Mama, du wirst bald sterben, dann bekomme ich eine neue Mama." Der Vater hatte ihr das eingeredet. Da wusste Anita B.: "Ich muss sofort aus dieser Hölle weg."

Im Jahr 2000 hatte sich die 41-jährige Niederösterreicherin auf das Abenteuer eingelassen, einen Spanier geheiratet, ein Kind - Ana - bekommen und war mit ihm in ein kleines Bergdorf in Nordspanien gezogen. Dort begann der 53-Jährige Tochter und Ehefrau zu kontrollieren. Der Kontakt mit anderen Menschen war untersagt, es gab kein Telefon, kein Radio. Sie durften nicht allein aus dem Haus gehen. Nur der Gang zur Messe wurde Anita B. gestattet, weil der Mann die Kirche von der Wohnung aus im Auge behalten konnte. Anita B. ist nicht besonders religiös, aber in der Messe konnte sie sich selbst ein paar Brocken Spanisch beibringen.

"Er duldete ja nicht, dass ich Spanisch lerne. Nur die Schimpfwörter kenne ich alle", sagt Anita B. Die hat er ihr ständig an den Kopf geworfen.

Das Bergdorf ist ein Pilgerort, an dem angeblich die Mutter Gottes erschienen ist. Der Mann ließ Frau und Tochter betteln, für den Lebensunterhalt. Der Tochter verbot er, mit anderen Kindern zu spielen, die Frau schlug er bis zur Bewusstlosigkeit. Sechs Jahre lang ließ die Lehrerin Anita B. das mit sich geschehen. "Ich hatte keine eigene Meinung mehr, am Schluss wusste ich nicht einmal mehr, was meine Lieblingsfarbe ist."

Dann ging sie beichten, vertraute sich dem Pfarrer an, der alarmierte die Polizei, Anita B. zog mit Ana in ein Frauenhaus, ließ sich scheiden, erhielt das Sorgerecht.

Der Ex-Mann bekam Besuchsrecht, durfte Ana auch über Nacht mitnehmen, das Kind verschloss sich mehr und mehr, bekam Albträume. Im August 2008 übersiedelten Mutter und Tochter nach Österreich. Der Vater erstattete Entführungsanzeige. Ein österreichisches Gericht gab ihm Recht. "Da steht man vor einem Richter und der sagt: ,In 24 Stunden können Sie sich entscheiden nach Spanien zurückzugehen, sonst wird Ihnen das Kind abgenommen'", erzählt Anita B.

Mitsprache

Der Vater reiste ihnen nach, durfte Ana sehen. Da sagte ihm die inzwischen Zehnjährige alles ins Gesicht, was in ihrer Kindheit passiert ist, und dass sie ihn nicht mehr sehen will.

"Da hast du nichts mitzureden, das entscheidet der Richter", sagte er. "Nein, ICH sage, was ich will", antwortete Ana. Das Gericht akzeptiert das. Vorerst. Der Vater hat Rekurs eingelegt und sich in Spanien das Sorgerecht verschafft. Nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ) kann es passieren, dass Anita B. ihre Tochter dem Ex-Mann ausliefern muss.

Für Andrea Brem, Geschäftsführerin der Wiener Frauenhäuser, passt das HKÜ nicht auf diese Fälle: "Laufend suchen Frauen wie Anita B. bei uns Schutz und Hilfe. Das sind keine böswilligen Sorgerechtsstreitigkeiten, wo der eine dem anderen was auswischen will, sondern das ist Flucht vor Gewalt. Aber die Gewalt geht bei diesen Verfahren unterwegs verloren."

Das HKÜ wurde für Fälle geschaffen, in denen ein Elternteil, der nicht das Sorgerecht hat, das Besuchsrecht missbraucht und mit dem Kind außer Landes verschwindet. Diese Kinder sollen so rasch wie möglich wieder ins "Ursprungsland" zurückgeholt werden können.

"Das Problem ist", sagt die Sprecherin der Familienrichter, Doris Täubel-Weinreich, "dass es ein wechselseitiges Abkommen ist. Wir können nicht sagen, wir lassen alle Kinder bei uns. Weil wir wollen ja auch, dass die Kinder, die bei uns entführt wurden, wieder zurückkommen." Die Richterin rät den Frauen, die sich auf binationale Verbindungen einlassen, dazu, schon im Ursprungsland für alle Fälle einstweilige Verfügungen einzuholen. Man könne dort nicht vom österreichischen Recht ausgehen.

Und wenn es zu Gewalt gegen die Frau oder das Kind komme, "muss man ja nicht in der Wohnung des Vaters bleiben. Man muss nur im Staat bleiben".

Was dem gewalttätigen Partner oder Vater freilich den Zugriff sehr erleichtert.

Auch Täubel-Weinreich macht die Erfahrung, dass sich die Fälle von Flucht vor der Gewalt häufen, für die das HKÜ nicht gemacht ist. "Und für die Gewalt ist kein Platz in diesen Verfahren", kritisiert Andrea Brem.

Obduktion

Eine Wienerin lebte mit einem Italiener zusammen, bekam eine Tochter, Sofia. Der Vater schüttelte das Baby und drohte, es umzubringen. Die Frau flüchtete mit Sofia nach Wien. Inzwischen ist das Mädchen vier Jahre alt, die Frau hat einen neuen Lebensgefährten, ist wieder schwanger - und soll nach einem HKÜ-Urteil Sofia ihrem Vater aushändigen.

Der hat seiner Ex-Lebensgefährtin ein Video von der Obduktion einer Frauenleiche aufs Handy geschickt.

Kurier | Ricardo Peyerl, Nihad Amara

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