Wie kann man Burnout vermeiden?

: Fr., 04.11.2011 - 15:57 By: reichmann

Was also kann man tun bzw. wie kann man die Entwicklung eines Burnout schon im Vorfeld verhindern? Denn Vorbeugung ist effektiver als Behandlung, nicht zuletzt beim Burnout-Syndrom.

Dazu gibt es eindrucksvolle Therapie-Schemata, aber auch wiederum ganz einfache bzw. realitätsgerechte Empfehlungen, die durch ihre Schlichtheit leider wenig beeindrucken und noch weniger zur Nachahmung anregen. Aber sie sind wirkungsvoll, wenngleich zuerst „nur hinter dem Komma“. Das Stichwort heißt: Eigen-Initiative, leidenschaftslos, aber beharrlich.

Das Wichtigste ist das rechtzeitige Erkennen und vor allem das Akzeptieren dieser erst einmal heimlichen Leidens-Entwicklung. Dann aber auch Vorsicht: Man darf nicht alles auf einmal wollen. Wie sagte schon Paracelsus, der berühmteste Arzt des Mittelalters: dosis facit venenum, also: die Dosis macht das Gift, nicht nur im Schlechten, auch im Gut-Gemeinten. Also nicht den Kampf gegen das Burnout zu einer neuen Front ausufern lassen.

Die erste Aufgabe ist häufig auch die schwerste: eine Situations-Analyse. Sie gehört zu jedem Projekt, auch zum persönlichen Burnout-Präventions-, und wenn nötig, Behandlungs-Programm. Was heißt das im Einzelnen:

  1. Strategische Ausrichtung: Wofür stehe ich? Was strebe ich an? Was ist mein Ziel? Will ich nur Geld verdienen oder Karriere machen? Oder will ich auch noch glücklich sein? Was steht für mich an erster Stelle? Wie definiere ich Glück oder wenigstens Zufriedenheit. Was nicht klar ist, kann nicht angestrebt und schon gar nicht umgesetzt werden. Was also muss bis zu welchem Grad verwirklicht sein, damit ich zufrieden bin?
    Und vor allem: Will ich das für mich allein oder will ich das in einer Partnerschaft oder gar in einer Familie – was die Situation natürlich noch komplizierter macht? Und vor allem: Lohnt sich die Anstrengung oder kämpfe ich mich ins Leere?
  2. Was ist meine Stärke? Das beginnt mit einer Grundfrage: Wie bin ich geworden, was ich bin? Was kann ich gut, wo habe ich Schwächen? Welche Stärken will ich entwickeln, mit welchen Schwächen muss ich mich arrangieren? Was tue ich gerne, was widerstrebt mir? Und immer tiefer lotend: Was macht mich unverwechselbar? Wer bin ich überhaupt? Was habe ich zu bieten? Was ist mein persönlicher Markt? Den gibt es nämlich nicht nur für Unternehmen, sondern auch für den Einzelnen, das wird gerne vergessen. Was bin ich dort wert? Wer sind meine Wettbewerber?
    Was sind meine Kern-Kompetenzen? Dienen sie der Sache oder will ich es den anderen nur zeigen? Vor allem: Dienen sie der Sache und lassen sie mich dabei „am Leben“?
  3. Die innere Haltung: Die jeweilige Wesensart ist nicht unwichtig, was Erfolg oder Misserfolg anbelangt. Das kann man täglich miterleben. Deshalb, auch wenn sie naiv klingt, die Frage: Bin ich freundlich oder unfreundlich? Stecke ich andere mit meiner Ruhe, Zuversicht oder Fröhlichkeit an – oder bin ich ein Pessimist, Nörgler, „Energie-Absauger“, vielleicht sogar Ironiker, Zyniker oder Sarkast? Die innere Haltung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, auch wenn das manche – aus nachvollziehbarem Grund – nicht einsehen wollen bzw. für sich selber als nicht zutreffend zurückweisen.
  4. Selbstorganisation: Entspricht das, was ich tue und wie ich es tue, auch dem, was ich anstrebe? Oder lasse ich mich durch typische, aber verdrängte Zeitfresser absorbieren, die mir nicht nur den Erfolg, sondern auch Energie und Arbeitsfreude rauben? Deshalb die Frage: Identifiziere ich mich mit mir selber, meinen Leistungs-Möglichkeiten, aber auch - Grenzen? Oder identifiziere ich mich nur mit dem Unternehmen, dem ich gerade angehöre – und gerate dadurch in die Gefahr einer „Fremd-Identifizierung“?
  5. Antreiber identifizieren: Natürlich habe ich alles im Griff, aber wenn ich genau nachdenke, bin ich bereits der Spinne ins Netz gegangen, habe den schlichten, aber zutreffenden Spruch übersehen: „Schaffe, strebe, aber lebe…!“ Bin ich also den bekannten Antreibern bereits erlegen, sprich: Mach’s den anderen recht, Deine eigenen Bedürfnisse sind zweitrangig. – Sei stark und zeige nicht, wie Dir zumute ist, auch wenn Dir längst die Knie zittern. – Streng Dich an, so wie im Wirtschaftsleben muss es auch individuell ein ständiges „Aufwärts“ geben; andere schaffen es doch auch. – Sei perfekt, Fehler sind Schwächen. Wenn das ruchbar wird, ist die Karriere beendet.
  6. Netzwerke und Allianzen: Bin ich ein Einzelgänger oder habe ich ein Netzwerk von Bekannten, Freunden, Berufskollegen, wohlwollenden Gönnern? Pflege ich dieses Netzwerk? Kluge Menschen geben mehr als sie nehmen – ohne sich ausnutzen zu lassen. Oder bin ich ein „Abstauber“ und „Sozialschnorrer“? Vor allem: Entspricht mein Netzwerk meinen aktuellen und künftigen Zielvorstellungen oder stammt es aus längst vergangener Zeit? Wenn ja, wann habe ich die letzte Reinigung durchgeführt?
  7. Marktstrategie: Welche Strategie verfolge ich? Welches Image pflege ich? Gute Firmen geben viel Geld aus für ihre Corporate Identity - und ich? Entspricht mein Erscheinungsbild dem Image, das ich mir wünsche?
  8. Lebenslanges Lernen: Was leiste ich für meine Entwicklung? Habe ich ein System, das mich zwingt, mich regelmäßig fortzubilden, zumindest aber zu checken, wie weit es mit meinem Informations- und Wissensstand steht? Getreu dem Merksatz: Stillstand ist Rückschritt. Wer allerdings gelebt wird, statt zu leben, d. h. keine „seelisch-geistig-psychosozialen Reserven“ zur Seite gelegt hat, der kann auch nicht mehr lernen, jedenfalls nicht mit bleibendem Effekt.
  9. Freizeit bleibt freie Zeit: Wir haben freie Zeit, mehr als unsere Vorfahren, jedenfalls im Arbeitsvertrag. Was wir daraus machen, ist eine andere Sache. Hier spielt auch die Freizeit eine Rolle, die längst nicht mehr unsere freie Zeit ist. Bei manchen ist die Freizeit-Gestaltung inzwischen ein heimlicher, ja heimtückischer Aderlass in jeder Hinsicht. Heimtückisch deshalb, weil man nicht gerne einsieht, dass man seine eigene Freiheit beschneidet. Gleichwohl: Eine nüchterne Analyse beweist, dass sich unsere Freizeit immer mehr von der freien Zeit entfernt. Wenn wir das so wollen, geht es in Ordnung. Wenn allerdings der erzwungene Stress am Arbeitsplatz durch den freiwilligen Stress in der Freizeit verstärkt wird, sollten wir uns wenigstens über die Konsequenzen klar sein. Zumindest in der Freizeit ist die Freiheit der Entscheidung noch durchsetzbar.
  10. Riskante Betriebsamkeit: Dies alles hat etwas mit unserem überaktiven Lebens-Rhythmus zu tun - teils beruflich aufgezwängt, teils selber zugelassen oder gar gebahnt. Das Gefühl, sich in beiden Bereichen aufs Äußerste zu engagieren, muss ja an die Grenze der Belastbarkeit gehen. Das berühmte „Hamster-Rad“ dreht sich immer schneller, ohne dass wir es abzubremsen vermögen. Die Folgen sind bekannt: überlastet und schließlich erschöpft. Das wird aber nicht immer als Warnsignal gesehen, bzw. lange nicht. Die Psychologen sprechen sogar von einem „Erschöpfungs-Stolz“. Man weiß zwar nicht mehr genau, was man alles erledigt hat und bisweilen nicht einmal mehr warum. Doch die sich ausbreitende bleierne Müdigkeit, eher als Dauer-Mattigkeit auslaugend, signalisiert wenigstens: Man hat sich rechtschaffen abgearbeitet, wenn auch schließlich im „Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit“. Dadurch ist natürlich auch der Zugang zur Regeneration, vor allem aber zum kreativen Müßiggang verbaut. Dabei weiß jeder: Die echte Muße, die dann auch zur Gelassenheit beiträgt, ist die eigentliche Voraussetzung für das, was wir als Regeneration im Allgemeinen und geistige Aktivität bis zur verlorenen Kreativität im Speziellen benötigen. Wem das zu lasch vorkommt, wer es etwas dynamischer formuliert wissen will, der erinnere sich an den Satz: Tritt einen Schritt zurück, um wieder besser Anlauf nehmen zu können.
  11. Interessanterweise gibt es Burnout-ähnliche Folgen auch bei sportlicher Überaktivität, durch „zu viel oder zu intensiv“. Dies wird gemeinhin als Übertraining bezeichnet. Die Folgen sind Schmerzen in Knochen und Sehnen, Beschwerden in Knien und Achillessehnen, aber auch Herz- und Kreislaufprobleme. Burnout-ähnliche Symptome sind dann Schlafstörungen, innere Unruhe, leichte Reizbarkeit, schlechte Erholungsfähigkeit, eine labile Grundstimmung und sogar eine Gewichtszunahme oder -abnahme, je nach den dann ungewöhnlichen Essgewohnheiten. Die Sport-Experten warnen: Je höher der Ehrgeiz, desto höher die Gefahr eines Übertrainings, was vor allem Läufer betreffen soll. Sie empfehlen dann alle vier Wochen eine so genannte Rekompensations-Woche, in der die Belastung deutlich reduziert werden soll. Wichtig sei es auch, das Training auf die Belastung im Beruf abzustimmen: Je härter der Job, desto lockerer sollte der Sport sein. Deshalb im Training lieber einmal einen Gang runter schalten und vor allem die Warnzeichen des Körpers - organisch, zwischenmenschlich und seelisch - erkennen lernen.
    Oder noch wichtiger: nicht "heldenhaft ignorieren", das kann üble Konsequenzen haben, so die erfahrenen Sport-Experten.

Auf diese Situations-Analyse mit Korrekturvorschlägen folgen dann schließlich konkrete Überlegungen zur Vermeidung einer Dauer-Erschöpfung: Welche Umweltbedingungen sind belastend? Welche eigenen Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt? Welche Fähigkeiten blieben unterentwickelt? Welche Vorstellungen sind unrealistisch? Welche Glaubenssätze und Denkmuster dysfunktional? Welche Informationen fehlen? Wo lässt sich mit dem besten Aufwand/Nutzen-Verhältnis etwas ändern, vor allem ein Stück Autonomie,  also Freiheit für sich selber wieder gewinnen. Denn wie sagt schon ein alter  Sinnspruch: Es gibt auch ein Leben vor dem Tode...

Mit gesunder Lebensführung gegen das Burnout

Jetzt komme ich zu einem Thema, das jeder akzeptiert und wichtig findet – aber nur wenige wirklich und konsequent umsetzen: die gesunde Lebensführung. Auch wenn es mit der Realisierung häufig schlecht aussieht, so sollten Betroffene versuchen, zumindest die folgenden Punkte zu beherzigen:

  1. 1. Genügend Schlaf. Viele gehen einem wachsenden Schlafdefizit entgegen, das sie abends immer später ins Bett bringt, obgleich sie morgens unverändert früh raus müssen. Nun gibt es bekanntlich Kurz-, Normal- und Lang-Schläfer. Doch das ist eine Frage der individuellen Konstitution und sollte unabhängig von den beruflichen und selbst-gewählten Bedingungen entschieden werden. Tatsache aber ist, dass wir heute 1 bis 2 Stunden weniger schlafen als unsere Vorfahren. Die hatten mehr Arbeit, wir mehr Stress. Die Frage ist: wer bräuchte den ausreichenden Schlaf dringender? Unser fortlaufendes Schlafdefizit ist natürlich in jungen Jahren noch kein ernsteres Problem, wohl aber spätestens im Rückbildungsalter. Ähnlich wie beim Hörsturz oder beim Tinnitus, bei dem ein so genanntes Lärm-Konto mit hereinspielt, wird auch das chronische Schlafdefizit schließlich seinen Preis fordern. Mit anderen Worten: Man muss sich gut überlegen, ob man sich jeden Abend bis spät in die Nacht durch das Fernseh-Angebot zappt, statt rechtzeitig das Bett aufzusuchen und sich durch Ermüdungs-Lesen in den Schlaf einzureihen. Leider sind viele inzwischen zu müde um zu Lesen, bemerken aber auch nicht, wie sie sich durch das spätabendliche Fernsehen „überdrehen“ und einen eher unerquicklichen Schlaf bahnen.
    Auch darf inzwischen über das früher so verschmähte Nickerchen gesprochen werden, das heute aus strategischen Gründen als „Power-Nap“ bezeichnet wird. Dabei käme uns nicht nur das Mittags-Schläfchen zugute, es gibt noch zwei weitere physiologische Schlaf-Dispositionen am Tag, nämlich am späten Vormittag und am frühen Abend. Aber ein Mittagsschläfchen würde die überlange Tages-Zeit wenigstens in zwei erträglichere Hälften teilen – und die notwendige Regeneration fördern. Andere Nationen, z. B. die Japaner und inzwischen auch die Amerikaner, fördern dies bereits mit schallgedämpften Schlafröhren am Arbeitsplatz.
  2. Ausreichend körperliche Aktivität, und zwar nicht stoßweise, sondern regelmäßig. Möglichkeiten hierfür wären: ein täglicher Gesundmarsch bei Tageslicht oder Fahrradfahren, Schwimmen, Gymnastik, Gartenarbeit bzw. jede körperaktive Sportart, ohne gesundheitsgefährdenden Ehrgeiz. Allerdings sollten wir uns nichts vormachen: Fahrrad-Fahren ist wieder Mode und sinnvoll, aber letztlich bewegt sich nur unsere untere Hälfte. 20 Bahnen schwimmen wäre günstig, aber wir schwimmen ja nicht, wir baden. Gymnastik ist wieder im Kommen, besonders beim weiblichen Geschlecht, aber bestenfalls einmal die Woche. Gartenarbeit im herkömmlichen Sinne wirkt emotional besonders ausgleichend, geht aber ins Kreuz. Der tägliche Gesundmarsch bei Tageslicht hat da unbestreitbare Vorteile: Licht, Luft und Bewegung. Und Letzteres mit rund 100 Schritten pro Minute. Wenn noch zwei Stöcke zum Einsatz kommen, dann haben wir 50% mehr Leistung und 30% Gelenk-Schonung. Kurz: Körperliche Aktivität bringt’s, aber so richtig genutzt wird sie praktisch nicht.
  3. Gesundes Nahrungsverhalten: viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und sich ansonsten an die jedermann bekannten Ernährungsregeln halten. Immer häufiger genutzt wird inzwischen auch das selbst-geschrotete 6-Korn, also die 6 wichtigsten Kornsorten. Sie werden abends geschrotet und gewässert und dann morgens mit Obst, Nüssen, Milch oder Joghurt genossen (wir erinnern uns an unsere Oma mit ihrem Ausspruch: „iss Nüsse, Bub, das ist Gehirn-Nahrung…“). Da wäre dann also alles drin, was der Organismus an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und vor allem Ballaststoffen braucht.
  4. Alkohol und Kaffee in Maßen, Nikotin meiden, keine Rauschdrogen. Beim Alkohol kennt inzwischen jeder die Grenz-Dosen, beim Kaffee soll der Coffeinismus ab 6 Tassen beginnen, Nikotin und die Pille haben sich als besonders Hirnschlag-gefährlich erwiesen, weshalb auch niemand begreift, warum inzwischen ausgerechnet das weibliche Geschlecht in den besten Jahren zur Zigarette greift. Rauschdrogen sind tabu, drohen aber durch die Hintertür wieder Terrain zu gewinnen, sprich in Form von Designer-Drogen und als Gehirn-Doping.
  5. Erlernen von Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, Progressive Muskelrelaxation u. a. – und zwar bevor man sie braucht. Und dann auch regelmäßig nutzen. Wer in schlechter Verfassung ist, kann auch schlecht lernen. Deshalb rechtzeitig einen entsprechenden Vorsprung einplanen.
  6. Stärkende Maßnahmen „entdecken“, die zwar in der Regel am wenigstens ernst genommen oder gar belächelt werden, in Wirklichkeit aber eine große Rolle spielen, und zwar nicht nur organisch, sondern auch seelisch und psychosozial. Beispiele hierfür sind Bürstenmassagen, Wechselduschen, Saunagänge u. a.

Psychosoziale Hilfen

Werfen wir schließlich einen Blick auf die so genannten psychosozialen Hilfen:
Was versteht man darunter? Im Prinzip alles, was sich so selbstverständlich anhört, dass man es eigentlich nicht besonders erwähnen müsste – scheinbar. In Wirklichkeit sind gerade Burnout-Gefährdete unschlagbare Meister im Verdrängen alt-bekannter und bewährter Strategien gegen chronische Erschöpfungszustände. Daher bringt es vielleicht mehr, wenn man eine moderne Ausdrucksweise bemüht, sprich: Fördern Sie Ihre Resilienz, also die alt-bewährte Widerstandkraft gegen die Widrigkeiten des heutigen Berufslebens. Dazu gehört unter anderem die Pflege von Hobbys und sonstigen Tätigkeiten außerhalb des Berufs. Denn wenn der Beruf zum Hobby wird – wie von Workalkoholics gerne behauptet –, plötzlich aber beides zum Problem wird, was bleibt dann? Im Burnout-Griff neue Hobbys zu erlernen ist allerdings schwer, wenn man nicht irgendein Zugpferd hat, das einen mitreißt. Aber alte Hobbys von früher gibt es genügend, und die warten auf ihre hilfsbereite Reaktivierung.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Pflege von Kontakten: Zwischenmenschliche Beziehungen schützen vor einer Dauer-Erschöpfung und vor allem vor dem „Ausbrennen“. Das gilt für alle Kontakte, also Hausgemeinschaft, Nachbarschaft, Verein, sonstige Bekannte. Das gerne belächelte „Schwätzchen“, das man besonders dem weiblichen Geschlecht anlastet, ist psychohygienisch viel nützlicher als allgemein zugestanden. Allerdings ist es manchmal schwer, den richtigen Gesprächs-Partner zu finden. Außerdem überfällt einen heutzutage ohnehin jeder mit seinem eigenen Sorgen-Paket und will gar keinen für beide Seiten ergiebigen Dialog führen. Auch findet man in der Tat niemanden, der einen in einer seelischen oder psychosozialen Not-Situation ein paar tröstende Worte vermittelt.

Hier hilft weiter, was schon in der Antike empfohlen wurde, nämlich: die Soliloqui: Das kommt aus dem Lateinischen und heißt solus = allein und loqui = sprechen, also das Gespräch mit sich selber, das Selbst-Gespräch. Keine Angst, man wird deshalb heute nicht mehr als geisteskrank eingestuft, wenn man mit sich selber spricht, denn immer mehr Handy-Besitzer haben einen unsichtbaren Knopf im Ohr und reden laut und ungeniert mit ihrem telefonischen Gesprächspartner über die intimsten Sachen. Außerdem sollte man seine Selbst-Gespräche tatsächlich allein führen, gleichgültig wo, also auch im Pkw, im Wald, im Büro oder zu Hause.

Doch viele Menschen finden heute kaum noch eine Möglichkeit, sich offen über ihre Nöte zu unterhalten. Sie verstummen, schlucken alles runter, werden krank. Selbstgespräche sind da ein uraltes Hilfs-, ja Heilmittel, um nicht innerlich langsam „vom seelischem Müll erdrückt zu werden“. Möglich sind Einzelgespräche mit sich selber, aber auch Dialoge mit klagendem und tröstendem Part, ja sogar eine virtuelle Gerichtsverhandlung: Als Staatsanwalt klagt man zunächst halblaut, aber durchaus vehement seinen Kummer. Das kann bereits eine spürbare Erleichterung bringen. Dann schlüpft man in die Rolle des Verteidigers, der die Situation aus der Sicht des scheinbaren Urhebers, beispielsweise eines boshaften Kollegen, rücksichtslosen Vorgesetzten, streitsüchtigen Partners u. a. darstellt. Ein übrigens schwieriges und unter Umständen schmerzliches Unterfangen, wenn man wirklich versucht, gerecht zu sein.

Schließlich aber kommt der Richter zu Wort: Er fasst Anklage und Verteidigung zusammen und fällt – nach tiefem Luftholen – ein möglichst objektives und faires Urteil, meist einen Kompromiss, vielleicht verbunden mit Empfehlungen für weitere nerven-schonende Vorgehensweisen.

Solche Selbstgespräche sind also Jahrhunderte alt und werden jetzt langsam wiederentdeckt. Sie sind auf jeden Fall erstaunlich heilsam, wenn sie lange genug trainiert, objektiv durchgezogen und konsequent praktiziert werden.  Allerdings sollte man sich nicht zu viel vornehmen und möglichst  überschaubare Situationen verhandeln. Auch empfehlen sich eher mehrere kleine Klärungen pro Tag als ein großer „Prozess“.

Eine weitere psychosoziale Hilfe bietet der Grundsatz: „Geben ist seliger denn Nehmen“: Wer kennt ihn nicht, diesen alten Bibelspruch, inzwischen von den Psychologen geprüft und als in der Tat wirkungsvolle Strategie im Alltag erkannt. Und zwar nicht nur materiell, auch ideell, zwischenmenschlich in jeder Form, zu jeder Zeit, gegenüber jedem Bedürftigen. Diejenigen, die sich hier einbringen, scheinen mit einer bis ins hohe Alter wirkungsvollen Stabilisierung ihrer seelischen, geistigen, körperlichen und psychosozialen Kräfte belohnt zu werden, obgleich sie schicksalhaft dasselbe auszuhalten haben wie andere auch.

Von vorangehenden Generationen lernen

Wir alle jagen hinter den Experten für ein langes Leben her. Das sind jedoch nicht die Gerontologen, Geriater, Geropsychologen und Psychiater, sondern es sind die Hochaltrigen selbst. Diese alten Menschen sagen oft: drei Dinge hätten sie stabilisiert, auch in schwerer Zeit:

  • Erstens Gläubigkeit, das war zu ihrer Zeit wichtig, später hieß es Religiosität, und heute heißt es Spiritualität. Das heißt, ein Mensch, der eine eher spirituelle Einstellung hat, tut sich offensichtlich leichter mit den Unbilden dieser Welt.
  • Der nächste Punkt ist genauso gewöhnungs-bedürftig, nämlich Dankbarkeit. Dankbarkeit ist nicht gerade das, was in unserer Zeit und Gesellschaft übermäßig gepflegt wird; und wenn wir mal so zurückdenken, bei uns ist es auch nicht weit her. Ein ständiges Dankbarsein für das, was man in schwieriger Zeit erleben durfte oder nicht erleben musste. Das muss man sich aber immer wieder vor Augen halten. Und dann wird man nach und nach auch zufriedener – und damit gelassener, unser Wunschtraum.
  • Der letzte Punkt schließlich ist noch irritierender, nämlich Demut. Und zwar nicht Demut im Sinne des Alten Testaments, ständig die andere Wange hinhalten, sondern eine strategische Demut. Altersforscher sagen, mit listigen Äuglein würden die Alten immer wieder äußern, wie wichtig es ist, dass man eben mal Fünfe gerade sein lässt, um in demütiger Haltung dann doch besser durch diese Welt zu kommen. Und das wäre ja auch das Problem beim alten Elias-Syndrom: Wenn ich ständig mit dem Kopf durch die Wand will, muss ich mich nicht wundern, wenn ich irgendwann einmal ausbrenne.

Auf diese Weise wird uns allen klar, was schon der alte Schopenhauer gesagt hat: Ja, „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Doch der geniale Spötter Karl Kraus wandte dann aber einschränkend ein: „Schon recht, aber gesund ist man erst wieder, wenn man alles tun kann, was einem schadet…“