Gespeichert von reichmann am So., 05.11.2006 - 22:23:01

Die Zahl der verurteilten Kinderschänder ist seit Jahren konstant, die Beschuldigungen wegen sexueller Übergriffe aber nehmen zu. Deshalb wagen Lehrer kaum noch, Schülern nahe zu kommen. Und selbst Väter schrecken davor zurück, die eigene Tochter zu trösten.

Der Reallehrer aus dem Sankt-Gallischen ist 48 und seit 27 Jahren im Schuldienst. Er sagt: «Beim Turnen lasse ich eher ein Mädchen vom Gerät fallen und hole den Notarzt, als dass ich sie auffangen würde.» Er ist kein Sadist, nur einfach vorsichtig. Wenn er die Mädchen oder Buben auffordern muss, endlich vorwärts zu machen beim Umziehen, klopft er an der Garderobe und stellt sich zwei Meter neben der Türe auf: damit er nicht hineinsieht respektive niemand sagen kann, er habe hineingeguckt, und ihm daraus einen Strick dreht.

Der Reallehrer hatte einmal eine Schülerin. Sie war erst 14 Tage an dieser Schule, als sie beim Schulamt vorsprach und behauptete, er fasse Buben und Mädchen an. Der Lehrer, der sich nichts dergleichen hatte zuschulden kommen lassen, ging in die Gegenoffensive. Er sagte, er zeige sie wegen Verleumdung an. Die Schulleitung stand hinter ihm, und die Sache wurde ohne Gerichtsverfahren geregelt. Die Schülerin, die auch gegen andere unberechtigte Vorwürfe erhoben hatte, zog – aus anderen Gründen – bald wieder weg. «Ich bin froh», sagt der Lehrer, «war ich nie allein mit ihr in einem geschlossenen Raum, sonst hätte sie noch weiss was für Geschichten verbreiten können.» Wie die meisten seiner Arbeitskollegen in der Schweiz führt er schon lange keine Einzelgespräche mit Schülern und Schülerinnen mehr. Entweder ist eine Drittperson dabei, oder die Tür wird offen gelassen.



Der Lehrer aus dem Sankt-Gallischen hatte Glück. Die Sache war rasch aufgeklärt, der Fall erledigt.



Die Ehefrau des Sekundarlehrers aus dem Luzernischen ist ein Opfer sexueller Ausbeutung. Deswegen, so sagt er, sei er sensibilisiert auf das Thema. Wenn er mit den Schülern und Schülerinnen an ihrem Pult etwas zu besprechen hat, postiert er sich nicht hinter ihnen, sondern auf der Stirnseite des Pultes. Das Heft wird so gedreht, dass beide im 90-Grad-Winkel hineinsehen können und es nicht zu unabsichtlichen Berührungen kommt. Trotz aller Umsicht ist es ihm passiert, dass zwei Schülerinnen ihrem Klassenlehrer meldeten, sie fühlten sich nicht wohl, der Geografielehrer schaue ihnen ständig auf die Brüste. Der Klassenlehrer der beiden Teenager teilte es ihm mit. «Ich war verunsichert und dachte, tami, was nun?» Er orientierte die Schulpflegepräsidentin, organisierte eine Besprechung mit den beiden Schülerinnen und ihren Eltern. Er sagte ihnen: «Ganz sicher habe ich nicht absichtlich gestarrt, aber ich respektiere eure Wahrnehmung, denn es kann sein, dass ein Blick einmal nicht beim Hals Halt machte.» Er schlug den Schülerinnen vor, ihm nach jeder Stunde ein Feedback zu geben. Sie sagten nie etwas, er musste sie immer darauf ansprechen, und dann meinten sie, es sei okay gewesen.



Auch beim Lehrer aus dem Luzernischen war die Angelegenheit damit aus der Welt. Die Bereitschaft zum Pragmatismus hatte sich gelohnt.





FKK – Freier Kinderkontakt: Anders erging es einem Sozialpädagogen. Der Mann, der ein Dutzend Pflegekinder grossgezogen hatte, wurde vor vier Jahren von einem Bezirksschulpfleger angezeigt, weil er einem 11-jährigen Schüler in den Schritt gegriffen habe. Nach neun Monate langen Ermittlungen, die die Anschuldigung nicht erhärteten, erliess die Bezirksanwaltschaft Zürich eine Einstellungsverfügung. Die Privatschule, an der der Verdächtige finanziell beteiligt war, entliess ihn fristlos. Er war monatelang arbeitsunfähig, erlitt sieben Nervenzusammenbrüche.



Für Leute, denen Ähnliches widerfahren ist wie ihm, gründete er eine Selbsthilfegruppe. Bedingung für die Aufnahme: ein Justizentscheid, der belegt, dass der Betreffende unschuldig ist. Eines der Mitglieder, ein Lehrer aus dem Bernbiet, engagierter Bürger in seiner Gemeinde, wurde von seiner Tochter, die in Sektenfänge geraten war, der Vergewaltigung bezichtigt. Der Vater, aus allen Ämtern gejagt, verbrachte mehrere Wochen in der psychiatrischen Klinik und habe eine Zeit lang, so der Initiant der Selbsthilfegruppe, «stets einen Plastiksack voller Medikamente vom Volumen eines Kopfsalats» mit sich getragen. Hilfe suchte auch eine Sozialarbeiterin, die von Schwiegersohn und Tochter beschuldigt wurde, die Enkel unsittlich berührt zu haben. Auch hier kam die Justiz zum Schluss: falscher Alarm.



Berührungen zwischen Erwachsenen und Kindern signalisieren heute als erste Reaktion «Gefahr im Anzug», auch wenn sie in freundlicher Absicht geschehen. Noch in den fünfziger Jahren bedeutete Körperkontakt zum Lehrer Kopfnüsse, Ohrfeigen oder Tatzen. Im Zuge von 1968 sollte das Kind von allen Zwängen befreit werden, auch das Recht auf eine eigene Sexualität wurde ihm zugestanden. In deutschen Kinderläden haben Eltern allen Ernstes und mit der gebotenen Theorielastigkeit darüber diskutiert, ob ihnen die Sprösslinge beim Sexualakt zusehen dürften, sollten oder gar müssten. A.S. Neill badete im Park seiner antiautoritären Schule in Summerhill nackt mit halbwüchsigen Schülern und Schülerinnen, wenn sie damit einverstanden waren, und riet den Eltern: «Das kleine Kind sollte seine Eltern von Anfang an nackt sehen» oder «Geben Sie dem Kind so viel Zärtlichkeit und Liebkosung, wie Sie nur können».



1975 schrieb der spätere Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit über seine Zeit als Kindergärtner: «Es ist mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Ich habe je nach den Umständen unterschiedlich reagiert, aber ihr Wunsch stellte mich vor Probleme. Ich habe sie gefragt: ‹Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?› Aber wenn sie darauf bestanden, habe ich sie dennoch gestreichelt» («Der grosse Basar»). Erst Anfang dieses Jahrtausends, mehr als 25 Jahre später, brach ein Sturm der Entrüstung aus. Cohn-Bendit wurde als Pädophiler bezeichnet. Er sprach von einer «Menschenjagd» auf ihn und rechtfertigte diese Passage kleinlaut mit dem «Delirium der Epoche», die ihn geprägt habe.



Niklaus Meienberg, 1972 ein paar Monate Aushilfslehrer an der Kantonsschule in Chur, schrieb in seinem Erfahrungsbericht noch freimütig von der Abschiedsparty: «Normalisierung, Tanzen und Streicheln, Näherkommen und Lachen, die Lehrerhaut ist abgestreift, ich darf mich entpuppen.» Was heute eine breite Empörungswelle auslösen würde, brachte ihm nur die Schelte eines pingeligen Rezensenten ein: «Selbst bei sehr extensiver Auslegung unserer Strafjustiz streift Meienberg, der Rücksicht auf Minderjährigkeit nicht kennt, mit diesen Ausführungen die Kriminalität.»





Berührungsangst isst Seele aufDie Wende kam allmählich und ging von der Frauenbewegung aus. Im Zuge der Auseinandersetzung mit männlicher Gewalt sollte das «Tabu» auf allen Ebenen gebrochen werden: Vergewaltigung in der Ehe, Übergriffe am Arbeitsplatz, beim Arzt, beim Therapeuten – und in der Kindheit durch Väter und nette Onkel. Anfang der neunziger Jahre wurde der sexuelle Missbrauch auch in der Schweiz immer mehr zum öffentlichen Anliegen: 1992 war die erste Wanderausstellung unterwegs, 1994 besagte die erste Schweizer Studie, dass jedes dritte Mädchen und jeder sechste Knabe Opfer von sexuellem Missbrauch sei. Ab Mitte der neunziger Jahre häuften sich schockierende Fälle: der belgische Kindermörder Dutroux, in der Schweiz waren es der mehrfache Mörder Werner Ferrari, der Babyquäler René Osterwalder, der Turnlehrer Köbi F., der über Jahre Mädchen zu sexuellen Handlungen gezwungen hatte, pädophile Lehrer in Schlieren und Heiden. Keine Berufsgruppe, die in Kontakt mit Kindern ist, sah sich nicht mit ihren schwarzen Schafen konfrontiert. Allein von Januar 1997 bis September 1998 waren zehn Schweizer Fälle von Übergriffen in den Schlagzeilen. Jedes Mal mit demselben Vorwurf: Hätte man besser hingeschaut, wäre es nicht dazu gekommen. Der Schweizerische Kinderschutzbund bezeichnete den Sportplatz gar als «Tummelplatz für Pädophilie». Parallel dazu erschienen im deutschsprachigen Raum Hunderte von Büchern – Einzelschicksale, Ratgeber, Untersuchungen –, bis heute kommen jedes Jahr Dutzende dazu. Auch auf politischer und Gesetzesebene hatte die Sensibilisierungswelle Folgen: 1992 trat das revidierte Sexualstrafrecht in Kraft, und das Opferhilfegesetz schaffte die juristische Grundlage für kantonale Beratungsstellen. 2001 ist die Verjährungsfrist bei sexueller Ausbeutung auf zehn Jahre angehoben worden.



In den vergangenen Jahren wurden in der Schweiz jährlich konstant etwas mehr als 300 Personen wegen sexueller Handlungen mit Kindern verurteilt. Die Bereitschaft, vor Gericht zu gehen, ist jedoch gestiegen. Von 1995 bis 2005, schrieb Facts Anfang Jahr, haben die Beschuldigungen gemäss Schätzungen der Zürcher Justiz um 40 Prozent zugenommen; meldeten sich bei der Opferhilfeberatung im Jahr 2000 knapp 3000 Personen wegen Verletzung der sexuellen Integrität von Kindern, waren es 2004 bereits 3758. Wie in kaum einem anderen Gebiet wird im Bereich der sexuellen Übergriffe mit Dunkelziffern operiert. Die Fachstelle Mira schätzt die Fälle von Übergriffen im Freizeitbereich auf 2500 bis 5000 pro Jahr.



Eltern und Kinder wie Institutionen sind wachsam geworden, und das ist gut so, denn Wachsamkeit schützt vor Angriff. Die Kehrseite: Die Realität verleitet zur Hysterisierung. Kinder zu berühren, ist verdächtig geworden, und zur grundsätzlich verdächtigen Personengruppe gehört, wer mit Kindern zu tun hat. «Oleanna», Schauspiel und Film von David Mamet, führte 1992 weit über die USA hinaus zu einer erregten Diskussion über die aufgeheizte Stimmung und ihre absurden Folgen: Ein Professor ist erledigt, weil er einer Schülerin zur Beruhigung die Hand auf die Schulter gelegt hatte.





Vorsicht, SamichlausBeispiele aus der Schweiz: Eine Lehrerin wurde gemassregelt, weil sie für ein Foto den Arm um die Schultern ihrer Schülerinnen gelegt hatte. Ein Pädagoge, der das herausragende Etikett in den Pullover einer Schülerin hineinstopfte, wurde mit Dispensationsforderungen konfrontiert. Ein Erzieher, der vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst einen Jugendlichen abholte, welcher sich ihm weinend um den Hals warf, wurde zur Rede gestellt. Achtung, Kinder: nicht berühren! Die pädagogisch Tätigen sind stark verunsichert, haben Angst vor Anschuldigungen. Sie fühlen sich im Umgang mit den Kindern eingeschränkt, wissen, dass es sie den Kopf kosten kann, wenn sie beispielsweise einem Mädchen anerkennend auf die Schultern klopfen. In seinem Beruf stehe man mit einem Bein im Gefängnis, sagt ein Sportlehrer.



Urs Hofmann, Leiter der Fachstelle Mira und Autor des Buches «Grenzfall Zärtlichkeit», sagt: «1968 brachte die Verwischung sämtlicher Grenzen. Bezüglich der Sexualität hiess es: anything goes. Die Kinderpornografie im Internet war etwa eine Folge davon. Erst durch die neue Strafnorm, wonach der Besitz von Kinderpornografie verboten wird, korrigierte sich das wieder.» Doch seiner Ansicht nach hat das Pendel als Folge der heutigen Präventionsbestrebungen zu weit ausgeschlagen: «Die Zeiten sind krank. Die Angst vor Beschuldigungen ist extrem hoch geworden. Die pädagogische Arbeit leidet darunter, es gibt eine Administrierung in Bezug zwischen Erwachsenen und Kindern. Es braucht wieder das Vertrauen, dass nichts Schlimmes passiert.» So gehöre etwa ein persönliches Gespräch zwischen Lehrer und Schüler eigentlich hinter geschlossene Türen. Nach Hoffmans Ansicht sollte sich ein Lehrer mit seinen Schülern nicht balgen; ein Pfadiführer dagegen könne das tun. Die Grenze sieht er dort, wo sexuelle Wünsche des Erwachsenen seine Handlungen bestimmen.



Bei den Zürcher Samichläusen war dies nicht der Fall, als die Niklausgesellschaft eine Empfehlung (keine Weisung, wie vielfach falsch kolportiert wurde) herausgab, Kinder nur noch auf den Schoss zu nehmen, wenn sie es wünschten. Für die Redlichkeit seiner 150 Samichläuse und Schmutzli hält Walter Furrer, der Präsident der Gesellschaft, die Hand ins Feuer. Es seien aber ein paar Anrufe von Eltern gekommen, die nicht wünschten, dass der Samichlaus das Kind auffordere, sich auf seine Knie zu setzen. «Hätte ich das ignoriert, und es wäre irgendwann einmal ein Verdacht aufgekommen, hätte es geheissen, wir seien ja darauf aufmerksam gemacht worden. Eine Absicherung also.» Man habe sich dann ein Worst-Case-Szenario durch den Kopf gehen lassen: Alleinerziehende Mutter in der Stube mit Bub. Verlassene Mutter ist sauer auf alle Männer. Samichlaus nimmt Bub auf die Knie. Schmutzli steht hinter Samichlaus, sieht nichts. Mutter behauptet, Samichlaus habe Bub unsittlich berührt. «Und jetzt?», sagt Furrer: «Wir wären absolut machtlos.»



Die Reaktionen auf die Empfehlung hauten Furrer «schier den Nuggi raus». Das Fernsehen und praktisch alle Schweizer Radiostationen meldeten sich, und es kamen viele Anrufe aus dem Ausland. Eine erstaunliche Empörung. Denn dem Samichlaus wurde nur empfohlen, was Erwachsene, die weit mehr mit Kindern zusammen sind, sich längst versagen. Sie würde, meint eine 60-Jährige, die Erst- bis Drittklässler unterrichtet, nie ein Kind auf den Schoss nehmen. Wenn eins sie spontan umarmt, löst sie sich von ihm. Höchstens: einem Kind, das einen Wutanfall hat, über den Rücken streichen, das sei oft das Einzige, was helfe, es zu beruhigen. Sie staunt manchmal auch, mit welchen Ängsten Eltern ihre Kinder ausstatten. «Renn davon, wenn dich ein Erwachsener anspricht» zum Beispiel. Eine Primarlehrerin erzählte Urs Hofmann, sie habe in ihrer Garage an einer Wurfwand für ein Schulfest gearbeitet. Als sie zwei vorbeispazierende Zweitklässlerinnen fragte, ob sie sich kurz hinstellen könnten, damit sie an ihrer Grösse Mass nehmen könne, packte das eine Kind das andere am Arm und sagte: «Wir müssen wegrennen!»





Und morgen zur «Kuschelparty»Nicht nur die Samichläuse sichern sich ab. Kaum eine Freizeitvereinigung, die nicht Präventionskampagnen führt. Der Verein Versa stellte für Sporttrainer Verhaltensregeln auf («2. Nicht zu oft nur mit einem Kind oder Jugendlichen zusammen sein»), die Pfadi gab eine Broschüre heraus. Beim Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer gibt es zwei Standesregeln, die sich vage mit dem Thema befassen. Anton Strittmatter, Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbandes, hält es für kontraproduktiv, jedes Detail zu regeln. «Das hätte, wie man in der Psychologie sagt, den Effekt der sich selbst erfüllenden Prophezeiung, indem die Botschaft ausgesendet würde: Wir erwarten Übergriffe.» In der inzwischen «phobisch gewordenen Grundatmosphäre» setzt er auf das «Gschpüri»: «Wie bei Erwachsenen, die merken, ob es für das Gegenüber in Ordnung ist, wenn sie es auf die Wangen küssen oder in die Arme nehmen, ist es auch bei Kindern. Sie signalisieren sofort, ob Berührungen willkommen sind. Distanzregeln sind weder für die Kinder noch für einen Grossteil der Lehrerschaft gut. Sie führen zu einer Verkrampfung in den Beziehungen.» Wird an einer Schule ein Verdacht geäussert, sollte er sofort abgeklärt werden. Die Stelle, die die Beschuldigung entgegennimmt, so Strittmatter, muss die Lehrperson ohne Quellenangabe informieren.



Als Zweites: alle Informationen einholen und den Fall professionell untersuchen lassen. Inzwischen gibt es in vielen Kantonen Polizeifachstellen, die Erfahrung damit haben, Aussagen gegeneinander abzuwägen. Sollte sich der Verdacht nicht erhärten, plädiert Strittmatter für eine angemessene Rehabilitation: «Um jemanden wirklich zu rehabilitieren, muss man diejenigen, die absichtlich schlechtes Wissen verbreitet haben, dazu bringen, sich zu entschuldigen, vor dem Kollegium oder in einer schriftlichen Erklärung in der Lokalzeitung.» Damit kann verhindert werden, was schon oft geschehen ist: Die Gerüchteküche brodelt weiter, und es bleibt so viel hängen, dass der Lehrer seine Stelle wechseln und in einen anderen Kanton ziehen muss.



Der Verunsicherungsfaktor ist auch bei den Vätern da, aber bei weitem nicht so manifest wie bei Pädagogen. In den verschiedenen Schweizer Vätervereinigungen kommt dieses Thema hin und wieder zur Sprache. Je besser und häufiger der Kontakt zu den Kindern, desto unbefangener ist das Verhältnis, ist hier die vorherrschende Meinung. «Darf ich beim Wickeln die Scheide meiner Tochter berühren oder im Tram mit meinem Sohn kuscheln?», wird die Frage eines Vaters in einem Zeitungsbericht zitiert. Ein anderer, Vater zweier Töchter im Alter von acht und elf Jahren, erzählt: Nie würde er eins der Kinder bei einer Verletzung im Geschlechtsbereich salben, ohne sich vorher mit der Mutter abgesprochen zu haben. Einfach zur Sicherheit, sollte das Kind einmal irgendetwas erzählen, was zu Verdächtigungen führen könnte. Ein Dritter ist Mitglied einer Vätergruppierung und arbeitet Teilzeit, um sich mehr an der Erziehung der beiden Töchter beteiligen zu können. Sobald beim Spielen mit dem Kind körperliches Lustempfinden aufkommt, bricht er das Spiel ab. Das Baden mit der Tochter stellte er sofort ein, als sich bei ihm einmal durch eine Berührung «etwas regte». Im Alltag achtet er sorgfältig auf Zeichen der Kinder, die Distanz signalisieren. Alles andere empfände er als Übergriff und Respektlosigkeit dem Kind gegenüber. Er verhält sich korrekt: Diese Empfehlungen geben auch die Fachleute ab.



Allmählich scheint die grosse allgemeine Aufgeregtheit wieder abzuklingen, das Pendel schlägt sporadisch in Richtung Vernunft aus. «Etwas mehr Mut zur Zärtlichkeit», lautete die Überschrift eines Artikels in einer Lokalzeitung. Solche zaghaften Aufrufe sind in letzter Zeit vereinzelt zu lesen. Als Gegenmittel, damit die Überreaktionen nicht so weit gedeihen wie in den USA, wo Betreuern in Sommer-Camps geraten wird, zu den Kindern einen Meter Abstand zu halten. Wenn die amerikanischen Kinder gross sind, können sie dann auf den derzeit in New York beliebten «Kuschelpartys» für Erwachsene lernen, wie Sichanfassen geht.

 

Gespeichert von reichmann am Do., 08.09.2016 - 02:24:50

Permalink

Wir haben diesen Artikel in einer deutschen Newsgroup gefunden und erfahren jetzt, dass dieser Artikel in der Weltwoche in der Schweiz, geschrieben von Marianne Fehr, erschienen sein soll. Wenn uns dazu jemand was genaues sagen kann, dann ersuchen wir um Mitteilung, damit wir die Quellenangaben anführen können.