Schwerer Verdacht gegen Gutachter Haller

Gutachter HallerVor nicht allzu langer Zeit flog der Skandal rund um den Gutachter Max Friedrich aus Wien auf. Nun könnte der renommierte Gerichtspsychiater Reinhard Haller bald vor dem Richter landen. Tausende Gutachten sollen falsch sein.

Reinhard Haller hat schon viele Gerichtssäle von innen gesehen. Als Gutachter hat er in zahlreichen Verfahren ausgesagt. Doch jetzt könnte Haller als Angeklagter vor dem Richter landen. Denn gegen den renommierten Vorarlberger Gerichtspsychiater ist ein Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck anhängig. Das bestätigte ein Behördensprecher am Freitagnachmittag. Es geht um den Vorwurf des Betrugs, der Verleumdung und der Falschaussage. Für Haller, der zu den Anschuldigungen bisher nicht vernommen wurde, gilt die Unschuldsvermutung.

"Es ist einerseits der Vorwurf erhoben worden, dass Doktor Haller seine Gutachten nicht richtig macht. Daneben wird behauptet, dass er Tests verrechnet hat, die er gar nicht durchgeführt hat. Das wird nun von uns überprüft", sagte Mayr. Wie der Sprecher darlegte, sei Haller vom Gerichtsgutachten-Geschädigten-Verband (GGGV) zur Anzeige gebracht worden. Haller habe seinerseits den Anwalt des GGGV angezeigt, "weil er behauptet, dieser habe in einem Zivilverfahren unrichtige Behauptungen aufgestellt".

Vorwürfe gegen Haller

Bereits am Donnerstag sind Vorwürfe gegen Haller aufgetaucht. Bedient sich der renommierte und von der Justiz vielbeschäftigte Gerichtspsychiater überholter Methoden? Diese Frage wirft ein 28 Seiten umfassendes Urteil des Landesgerichts Innsbruck auf. Haller hatte für einen Langzeithäftling, der seit 31 Jahren durchgehend im Gefängnis sitzt, eine Gefährlichkeitsprognose erstellt, auf deren Basis die bedingte Entlassung des mittlerweile 61-jährigen Juan Carlos Chmelir abgelehnt wurde. Einem nicht rechtskräftigen Urteil zufolge darf behauptet werden, bei diesem Gutachten handle es sich um einen "Kunstfehler"

Haller hatte Chmelir unter anderem mit dem Baumzeichen-Test und dem sogenannten Wartegg-Zeichen-Test (WZT) einer testpsychologischen Untersuchung unterzogen. Der deutsche Bundesgerichtshof hat bereits 1999 festgestellt, dass diese Tests "keine wissenschaftlich fundierten Verfahren" darstellen. Auch einige namhafte Wissenschafter halten sie für überholt.

Gegenüber den Vorarlberger Nachrichten erklärte Haller, er habe für sein Gutachten "psychiatrische, klinische Methoden angewandt - explorieren, psychopathologische Befunde und so weiter". Die von ihm eingesetzten projektiven Tests, die zumindest Teile der Wissenschaft für überholt halten, wären "nur Hilfsbefunde, auch deshalb, weil sie fälschungsanfällig sind. Diese Tests werden nur zusätzlich, quasi als Fleißaufgabe, gemacht."

"Das ist ein Skandal für jeden Häftling"

Für den Rechtsvertreter des betroffenen Häftlings hat die Causa eine weit über den Einzelfall hinausreichende Tragweite. "Professor Haller hat im Lauf des Verfahrens angegeben, insgesamt 10.000 Gutachten und mehrere hundert Prognosegutachten erstellt zu haben und dass alle seine Gutachten unrichtig wären, wenn der Wartegg-Zeichen-Test und der Baumtest mangelhafte Gütekriterien aufweisen würden", so der Salzburger Rechtsanwalt Helmut Schott. Folge man dem vorliegenden Urteil, "dann ermöglichen es diese überholten Tests bei Prognosegutachten dem Psychiater, willkürlich zu befinden, ob jemand gut oder böse ist. Das ist ein Skandal für jeden betroffenen Häftling." Schott will nun für Juan Carlos Chmelir einen neuerlichen Enthaftungsantrag einbringen. Zugleich kündigte er eine Schadenersatz-Klage gegen Haller an.

 

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