Alma Zadić Doktorarbeit: Systematisch falsches Zitieren

Der nächste Skandal in unserer Bundesregierung bahnt sich an. Scharfe Kritik an Doktorarbeit von Justizministerin Alma Zadić: "Systematisch falsches Zitieren"
Bei ähnlichen Fällen hat es schon Rücktritte gegeben: Der deutsche Plagiatsexperte Manuel Theisen sieht “Textplagiate” in der Dissertation von Justizministerin Zadić. Auch Plagiatsjäger Stefan Weber kritisiert “systematisch falsches Zitieren”. Konkret geht es um 85 Textpassagen.

Eigentlich war das Thema der späteren Justizministerin wie auf den Leib zugeschnitten: Mit der “Übergangsjustiz im ehemaligen Jugoslawien” hatte sich ihre Doktorarbeit aus dem Jahr 2017 befasst. Die Themenstellung dürfte Alma Zadić ein persönliches Anliegen gewesen sein, immerhin war sie 1994 während des Bosnienkriegs mit ihrer Familie nach Österreich geflohen. Frei zugänglich im Internet ist ihre Promotionsschrift nun. Wer sie jedoch mit hohen Erwartungen liest, wird enttäuscht – oder besser gesagt: getäuscht. Sämtliche Ausführungen von Zadić über die Entstehung von Rechtsstaatlichkeit in Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien stammen nämlich nicht von ihr, sondern von anderen Personen, ohne jedoch als Zitate gekennzeichnet zu werden. Kopfschütteln löst das beim heimischen Plagiatsjäger Stefan Weber aus. In wissenschaftlicher Hinsicht ist sein Urteil vernichtend. Ein deutscher Kollege pflichtet ihm bei.

"Die Arbeit ist wissenschaftlich nicht korrekt und für den Leser systematisch irreführend"

Weber unterstreicht: “Bei der Dissertation von Frau Dr. Zadić handelt es sich werkprägend um ein Satzteile- bzw. Wortkettensampling aus fremder Literatur, wobei fast immer wörtlich übernommene Satzteile nicht unter Anführungszeichen gesetzt wurden.” Untersucht wurde die Promotionsschrift diesmal nicht von Stefan Weber, sondern von der Plagiatsprüferin Katharina Renner, die ihre Studie aber Weber vorgelegt hat. Renner kam auf 85 nicht gekennzeichnete Zitate in der Doktorarbeit der jetzigen Justizministerin.

"Geschätzt und gefürchtet: Plagiatsforscher Stefan Weber.Joachim Bergauer"
Geschätzt und gefürchtet: Plagiatsforscher Stefan Weber.Joachim Bergauer

Für den Medienwissenschaftler Stefan Weber steht fest: “Die Arbeit ist sicher wissenschaftlich nicht korrekt. Sie ist für den Leser systematisch irreführend, weil man bei keinem Satz weiß: Was stammt von Frau Zadić, was von jemand anderem?” Es werde damit klar gegen die Grundregel verstoßen, eigenes von fremdem geistigen Eigentum zu unterscheiden – “und zwar systematisch. Mit dieser Methode macht es sich die Verfasserin viel zu leicht. Es ist kein wissenschaftliches Arbeiten, wenn ich Sätze von anderen Autoren nur umschreibe.”

Plagiatsexperte Theisen: "Ich würde die Stellen bei strenger formaler Betrachtung als Textplagiate bezeichnen."

Bei korrekter Zitierweise werden wörtliche Zitate unter Anführungszeichen gesetzt und die Quellen genannt. Fehlt beides, spricht man von einem Plagiat, fehlen nur die Anführungszeichen, wie bei Zadić, ist das zumindest falsch. Ob auch ein Plagiat im strengen Wortsinn vorliegt – da gehen die Meinungen auseinander. Weber ist nachsichtig: “Ich erhebe keinen Plagiatsvorwurf gegenüber Alma Zadić. Im strengen Sinn würde ich nicht von Plagiaten bei Frau Dr. Zadić sprechen, sehr wohl aber von systematisch falschem Zitieren. Die wörtliche Übernahme von Satzteilen ist irreführend und falsch.”

Zadić gibt vor, Ausführungen anderer Autoren mit eigenen Worten zu erläutern. Das tut sie nicht: Sie übernimmt Satzteile mit minimalen Wortumstellungen. In 23 Fällen stimmen nicht einmal die von ihr genannten Quellen.

Streng ins Gericht mit der Arbeit der österreichischen Justizministerin geht der renommierte Plagiatsexperte und langjährige Dekan an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Manuel Theisen (68): “Ich halte die Arbeiten von Herrn Kollegen Weber generell für sehr verdienstvoll, sehr gründlich, und mit Blick auf das, was ich kenne, immer für sehr überzeugend”, unterstreicht er zunächst. Zwar hat er die gesamte Dissertation von Frau Zadić noch nicht durchgesehen, mit Blick auf die Stellen, die ihm Weber vorgelegt hat, kommt er aber zu einem noch härteren Urteil: “Ich würde bei strenger formaler Betrachtung dazu neigen, sie als Textplagiate zu bezeichnen.”

Theisen ist Promotionsexperte für Betrug, Plagiat und Fälschung, sein Besteller “Wissenschaftliches Arbeiten” ist im vergangenen Jahr in 18 . Auflage erschienen. Seit 35 Jahren ist Theisen einer der Fachmänner Deutschlands in Sachen “Wissenschaftliches Arbeiten”.

"Das ist genau die Methode der (bewussten) Plagiateure, denke ich."

Zur Arbeitsweise von Zadić urteilt Theisen: “Das ist genau die Methode der (bewussten) Plagiateure, denke ich.” Die Originalzitate werden fast wortident übernommen, die “wenigen ‘eigenen’ Ausdrücke bzw. Worte sind ohnehin nur Paraphrasen”. Quellenverweise ohne Anführungszeichen müssten den Inhalt der jeweiligen Quelle sinngemäß wiedergeben, in eigenen Worten eben. Man spricht von “indirekten Zitaten”. Bei Zadić ist das nicht der Fall: “Für indirekte Zitate sind die Zitate zu wort- und sinnnah.”

Eine Anfrage an Zadić durch den eXXpress blieb bisher unbeantwortet.

Wegen unseriöser akademischer Arbeiten mussten schon mehrere Politiker ihren Hut nehmen, 2011 etwa der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CDU), dem sein Doktorgrad nach zwei Wochen entzogen wurde. Im Jahr 2016 musste der steirische Landesrat Christian Buchmann (ÖVP) abtreten, nachdem Stefan Weber auf 30 Prozent abgeschriebene Textpassagen in seiner Dissertation gestoßen war. Seinen Doktorgrad hat Buchmann danach ebenfalls verloren. Vor einem Jahr, im Jänner 2021, ist Arbeitsministerin Christine Aschbacher (ebenfalls ÖVP) zurückgetreten, aufgrund von Plagiaten in ihrer Diplom- wie in ihrer Doktorarbeit. Auch hier war Weber der Aufdecker.

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